Interview mit Capella Antiqua Bambergensis

Wenig beachtet von einschlägigen Szenekennern und –magazinen existiert die CAPELLA ANTIQUA BAMBERGENSIS rund um die Familie Spindler länger als die meisten Mittelalterbands. Entsprechend dieser Tradition spielen die Männer und Frauen auch klassische hochqualitative Mittelaltermusik ohne moderne Elemente. Ihr letztes Projekt war die Vertonung des „Codex Manesse“, einem Hörbuch über eine der bekanntesten Mittelalterschriften neben der Carmina Burana. Doch abseits davon gibt es noch eine Menge mehr zu berichten für alle, die sich am klassischsten des klassischen Mittelalters erfreuen können.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Die Capella Antiqua gründete sich vor 25 Jahren. Aus der Familie Spindler stammen 4 der 6 Musiker. Die Wurzeln der Musiker kommen direkt aus der Mittelaltermusik, dem Jazz, der Klassik und Worldmusic.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Diese Art von Musik ist geprägt von verschiedensten kaum gewohnten Klängen, d.h. europäischen und arabischen Rhythmen. Mittelalterliche Musik klingt jeden Tag neu und exotisch, obwohl sie mehr als 800 Jahre alt ist. Es gibt eine direkte musikalische Verbindung von gestern nach heute.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Lebendig und möglichst authentisch spielen. Das Publikum mit einbeziehen, die Zuhörer informieren und die ganze Bandbreite der mehr als 120 verschiedenen Instrumente zum klingen bringen.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Wir spielen mit 6 Musikern mehr als 80 Instrumente pro Konzert. Wir spielen 100% unplugged und in der möglichst authentischen Aufführungspraxis der damaligen Zeit.
Unser Musikinstrumentenbaumeister Andreas Spindler baut alle die Instrumente
100% nach, die es eigentlich nicht mehr zu kaufen gibt.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Von Musikern wie Jodi Saval, arabisch-maurischer Musik, Musikgruppen wie Hesperion XX und Reisen in arabische Länder, in denen sich diese Art von Musik mehr als 1000 Jahre gehalten hat und direkt überliefert wurde.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Die deutsche Radiolandschaft ist eine Monokultur der Formatradios, Spartenmusik ist kaum zu finden. Wir haben eine immer größer werdende Besuchergruppe, die zu unseren Konzerten
kommt. Im Radio, außer bei BR4 Klassik oder Radio Aena, wird leider bisher noch kaum
Mittelaltermusik gespielt.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Das liegt leider an vielen Musikgruppen, die glauben Dudelsack und Trommel ist Mittelaltermusik. Die Musik des Mittelalters lebt von der Abwechslung und von der
Exotik der mehr als 120 verschiedenen Musikinstrumente.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Alle musik- und kulturinteressierten Menschen zwischen 6 und 85 Jahren.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Eintönigkeit, Dudelsackmusik = Mittelalter, zu monoton, zu wenig Quellenstudium.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Ist in jedem Fall eine der wichtigen Facetten die Welt der Mittelaltermusik lebendig werden zu lassen.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – Dudelsack-Trommel-Carmina Burana
Schandmaul – ??
In Extremo – ??
Subway to Sally – gute Crossovermusik
Spielmänner und Spielmannsleben – oft zu viel Klischee und zu wenig Fachwissen
Tradition oder Fortschritt – beides in der richtigen Mischung – das ist das Rezept
Plugged oder unplugged – natürlich unplugged – oder hatte Walter von der Vogelweide schon eine Kunden-Nummer bei EON?
Tokio Hotel – die sind aus der Stadt der bedeutendsten Mittelalterausstellung der nächsten 10 Jahre, siehe www.dasheiligereich.de


Geschrieben am 15. September 2006 von Sigi Maier


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