Interview mit Castus Rabensang von Corvus Corax

Wer kennt sie nicht? Die ernannten Könige der Spielleute, CORVUS CORAX. Kaum eine andere Band hat es mit traditioneller mittelalterlicher Musik in rund 20 Jahren Bandgeschichte weiter gebracht – und ist dabei mehr gereist – als Castus, Wim und Co.
Im Interview mit metal1.info sprach Castus sehr ausführlich über die Anfänge und viele andere Themen rund um das Projekt, inklusive der neuesten Erscheinung: Cantus Buranus. Wer den anderen kleineren Bands nicht glaubt, erfährt hier aus erster Hand und auf Basis langjähriger Erfahrung mit unzähligen Albenveröffentlichungen wie sich die mittelalterliche Welt aus der Sicht eines echten Spielmanns verändert hat und vieles weitere mehr.

Hallo Castus Rabensang, willkommen zum Interview mit Metal1 für das Mittelalterspezial, das wir im Moment durchführen. Beschreibst du bitte kurz euren musikalischen Werdegang. In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Wim und Ich, der Castus, haben 1989 Corvus Corax gegründet, wir haben vorher auch schon mittelalterliche Spielmannsmusik gemacht, aber eben nicht nur das, sondern auch alle möglichen anderen Musikrichtungen wie Punk, Blasmusik oder Klassik, an der mittelalterlichen Spielmannsmusik sind wir dann schließlich hängen geblieben. Wir sind damals aus der DDR geflohen, wir sollten zum Militär, aber als Spielmann hat man da natürlich ganz andere Sachen im Kopf. Mit der Zeit sind immer neue Leute dazugekommen, als erstes der Meister Selbfried 1990, der, der uns letztes Jahr verlassen hat, er arbeitet jetzt noch im Büro in unserer Plattenfirma, aber er ist eben aus dem aktiven Spielmannsleben entlassen worden, da er nicht mehr live auf der Bühne stehen wollte. Und sonst haben wir uns eben weiterentwickelt, ich hoffe, ich muss nicht zu jedem Einzelnen, der gekommen und wieder gegangen ist etwas sagen, das sind über die Jahre ja auch eine ganze Menge geworden, ich werde also mal nur von der jetzigen Besetzung reden. Vorne an den Dudelsäcken sind das Wim und ich, als der Castus dazu steht auch noch der Teufel vorne, der 1995 zu uns kam. Dann der Ardor, der inzwischen auch schon dreieinhalb Jahre ist. Außerdem die drei Trommler, der …?, der früher mal bei Depressive Age(?), einer Metalcombo, Trommler war, die sogar einigen noch bekannt sein dürfte, dann der Kalauer Patrick, der in der Mitte zwischen den anderen beiden Trommlern steht, und schließlich der Hatz, der auch schon in vielen vielen Bands gespielt hat, und jetzt spielen wir hier eben alle zusammen, als Corvus Corax, weltliche Musik des Mittelalters.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären? Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Wenn jemand noch nie mittelalterliche Spielmannsmusik oder mittelalterliche Musik gehört hat, würde ich sagen, das ist einfach eine Urgewalt, was ja quasi auch gerade das ist, was Corvus Corax spielt, es ist Musik, die in den Bauch prügelt. Es sind ganz andere Musiktheorien, wir spielen Kirchentonarten, deshalb klingt das alles sehr eigenartig(einfach?), aber es reißt trotzdem mit, geht in die Beine. Es ist oft schnelle Musik, und macht abhängig.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Bands?
Corvus Corax liebt es zu recherchieren, es ist selten so , dass wir über die CD von einem Kollegen an ein mittelalterliches Stück rankommen, das ist uns in all den Jahren glaube ich ein einziges Mal passiert, dass wir von Samantha (?!) ein Stückchen gehört, von dem wir gedacht haben, wenn man das im Corvus Corax-Stil bearbeitet, dann passt das zu uns, wir haben dann damals gefragt und haben das dann auch bearbeitet. Ansonsten ist es so, viele Bands machen sich das einfach, die kaufen sich ein Corvus Corax-Album und spielen es dann nach, das liegt uns garnicht. Wir sitzen lieber in der Bibliothek und bearbeiten auch die Originale, also alte Liederhandschrift, und versuchen dann da auch unseren Stil reinzubringen, und ich glaube, das hört man dann auch. Wir sind mit unserer Musik sehr nahe am Original, trotzdem ist es keine mittelalterliche Musik, sondern eine Bearbeitung von Corvus Corax, denn die Aufnahmen von damals sind alle verschwunden, deswegen musste Corvus Corax das Mittelalter noch einmal neu erfinden.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Ich glaube, direkte Vorbilder haben wir garnicht, wobei ich da jetzt mal nur von mir rede. Bei uns ist es der gesamte Osteuropäische Raum, der in der Folklore sehr mit der mittelalterlichen Spielmannsmusik verwandt ist. Der Wim und ich sind ja auch damals schon sehr viel rumgezogen und wir tun das teilweise immernoch, wir treffen uns nächste Woche wieder in Ungarn, bei ungarischen Freunden und musizieren dann dort. Wir mögen diese Einflüsse und die Straßenmusik, die wir jahrelang gemacht haben, hat uns einfach erzogen und hat uns eben auch gezeigt, wie die Spielleute im Mittelalter damals schon herumgezogen sind.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite (euer letztes Album „Venus Vina Musica“ schaffte es sogar bis auf Platz 64) und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Ich denke mal , dass es in dieser technischen Welt heutzutage viele Menschen gibt, die es zur den Ursprüngen der Menschheit, also wie alles angefangen hat, hinzieht. Wenn man nach hause kommt und hat die Maschinen rattern hören und musste vielleicht auch noch am Lap-Top arbeiten, da muss es dann nicht technisch weitergehen, obwohl ich selber auch Techno höre, aber ich glaube durchaus, viele zieht es dann a zu handgemachter Musik, und Corvus Corax ist ja echte handgemachte Musik. Ich denke, die Radiosender spielen uns nicht, weil die Leute die dort arbeiten (sie müssen uns noch nicht einmal nicht mögen) einfach nicht glauben, dass die Zuhörer das akzeptieren würden. Es ist einfach eine Angst, dass wir Mainstream und Popmusik sind, Popmusik heißt also “populär”, das sieht man daran, dass sehr viele Leute zu unseren Konzerten kommen und wir sehr viele CDs verkaufen. Dass wir im Mainstream-Radio aber nicht existieren können, liegt einfach an der Angst der dortigen Redakteure. Beim TV ist es an sich nichts anders. Wir sind natürlich auch nicht so das, was die Eltern sich als Schwiegersöhne vorstellen würden (lacht), wir sind schon ganz verrückte Typen. Obwohl das eigentlich genau das richtige fürs TV wäre, man muss nur ein bisschen Asche in der Hose haben.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung widerlegen?
Das ist Geschmackssache, wenn jemand Corvus Corax eintönig und nicht abwechslungsreich genug findet, liegt das daran, dass er sich mit der Musik nicht beschäftigt hat. Ein Dudelsack hat nunmal nur neun Töne und dieser klingende Ton, also der …?-Ton, schläfert einige eben einfach ein. Leute, die Dudelsack nicht mögen, sollten sich Corvus Corax auf jeden Fall auch nicht anhören, weil es ist eben Dudelsackmusik. Leute dagegen, die Dudelsack mögen, werden auch Corvus Corax mögen, einfach weil wir sehr weit von Eintönigkeit weg sind, wir brauchen uns da eigentlich auch garnicht verteidigen, es gibt einfach eine Menge Leute die gerne zu unseren Konzerten kommen und sich mitreißen lassen, die schlafen dann auch nicht bei unserem Konzert ein.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Corvus Corax hat garkeine Zielgruppe, unsere Zielgruppe ist die Menschheit, weil wir bemerkt haben, dass unser Publikum, wenn sie anfangen zu Laufen, unsere Musik mögen, und wenn sie irgendwann nicht mehr laufen können, dann kommen sie mit dem Rollstuhl, das hatten wir auch schon oft genug. Wir begleiten die Leute von der Taufe bis zur Beerdigung sozusagen. Und wie gesagt waren auch schon ältere Leute da, die sagen , sie vergessen ihre Schmerzen bei unserem Konzert, und wenn wir das für zwei Stunden schaffen, dann haben wir schon was ganz Gutes getan. Natürlich sieht man auch immer junge Leute, und, was uns auch sehr gut gefällt, sehr viele schöne Frauen bei uns an der Bühnenkante, und da wir ja eine reine Männercombo sind, mögen wir natürlich auch ein bisschen wie ein Gockel da auf- und ablaufen , das liegt uns sehr. Aber eine Zielgruppe in dem Sinne haben wir nicht. Ich könnte jetzt natürlich sagen, dass sehr viele Leute aus der Gothicszene uns hören, aber es sind eben auch viele andere. Wir machen uns da garnicht fest, wer uns hören will, der soll uns hören, wir spielen für jeden.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit eurer Musik bringt?
Hm, schwere Frage. Ein Irrtum ist zum Beispiel, was viele noch nicht wissen, wenn über die Carmina Burana geredet wird, dann denke viele, das hat etwas mit Carl Orff zu tun. Die Carmina Burana ist aber eine mittelalterliche Liedersammlung, die im Kloster Benedikt-Beuren gefunden wurde und die Carl Orff sich vorgenommen hat, der hat sich da einige Texte rausgenommen und dazu dann komponiert. Corvus Corax hat aus dieser Liederhandschrift Texte und Originalmelodien aus parallelen Handschriften genommen, wir haben sozusagen originale Mittelalterliche Musik gespielt. Dann, bei Cantus Buranus, haben wir genau wie Carl Orff auch Texte genommen, und mit einem Symphonieorchester, Chören und einem mittelalterlichen Ensemble, sprich Corvus Corax, etwas komponiert. Aber sonst ist die Carmina Burana einfach eine mittelalterliche Liedersammlung, da bringen viele Leute einfach etwas durcheinander, die denken, das hat etwas mit Carl Orff zu tun, der sie aber auch bloß genutzt hat.
Und es gibt noch einen Irrtum, der Dudelsack kommt nicht aus Schottland, sondern er kommt eigentlich aus dem indischen Raum, dort vor dreitausend Jahren schon gespielt, in ähnlicher Weise, wie er heutzutage immernoch zum Beispiel in Bulgarien gespielt wird. Nach einer Weiterentwicklung über die türkische Schalmei mit diesem Sack ist dann irgendwann der schottische Dudelsack entstanden, aber das erst viel viel später, im sechzehten oder im siebzehnten Jahrhundert. In Deutschland wurde der Dudelsack auch schon seit dem zwölften Jahrhundert gespielt. Vor 120 Jahren ist der letzte Straßenmusiker der den deutschen Dudelsack gespielt hat gestorben, dann war kurz Pause, bevor wir nachgerückt sind.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Wir spielen sehr gerne auf Mittelaltermärkten, wenn diese Märkte professionnel organisiert sind. Sie dürfen auch gerne kommerziell sein, wir sind ja auch kommerziell, wir wollen ja von unserer Musik leben. Aber, es gibt auch viele Abzockermärkte, ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber wenn die Leute das lesen wissen sie schon ganz genau, wer gemeint ist. Das sind Leute, die auch nicht näher als 10 Meter an mich rankommen dürfen, sonst gibt es eine Faust zwischen die Augen. Wir mögen solche Leute nicht, insbesonderem ich nicht, die gehen an das Ganze einfach falsch heran, die betreiben auf ihren Märkten Ausverkauf des Mittelalters, auf solchen Märkten werden wir nicht, oder zumindest nicht mehr spielen. Dann machen wir lieber wirklich Konzerte, die Leute kommen zu uns, ich kann sehr gut nachvollziehen, dass der Drang vom Publikum da ist, dort einen gemütlichen Abend zu haben, deswegen finde ich es dann da ein bisschen blöde, wenn man da dann eine mittelalterliche Bockwurst zum mittelalterlichen Bier bekommt, und dazu später noch irgendeinen mittelalterlichen Döner oder so etwas. Ich finde, ein mittelalterlicher Markt sollte ein bisschen Stil haben, ansonsten sollte er sich historischer Markt nennen.

Eure Wurzeln liegen weiter zurück als die von den meisten anderen Kapellen.
Ja, na klar, unsere Wurzeln liegen noch vor den Mittelaltermärkten, der Wim und ich haben vor über 20 Jahren schon Straßenmusik gemacht, oder auch in anderen Bands gespielt, unsere Wurzeln liegen nicht auf dem Mittelaltermarkt, sondern wir sind durch ganz Europa gezogen und haben überall Musik gemacht. Wir sind auf Burgen rumgeklettert und haben uns da mit irgendwelchen Leuten verbrüdert und zusammen musiziert. So entstand auch der neue Stil, vor Corvus Corax gab es diese Musik, die es heutzutage von hunderten von Gruppen gibt, ja noch garnicht. Wir haben das Mittelalter sozusagen neu erfunden, es gab da Gruppen wie ?(S)tampit/di? die andere Musik gemacht haben, also höfisch-mittelalterliche Musik, aber diese derbe Tanzmusik des Mittelalters, die haben wir sozusagen neu kreiert.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen eurer Generation und den Nachfolgern?
Na man spielt die gleiche Musik und man hat teilweise gleiche Interessen und es gibt da auch sehr viele angenehme Menschen. Wir mögen es immer, wenn Gruppen uns fragen, wenn sie unsere Musik spielen wollen. Denn diese Gruppen denken teils, dass es vor 800 Jahren so geklungen hat, da ist natürlich sehr viel Seele von uns mit dabei, teilweise haben diese Gruppen dann auch Zweitstimmen komponiert und da kann es manchmal sehr gefährlich werden, wenn man uns einfach nachspielt, weil wir könnten das theoretisch auch einfach verbieten (,was wir natürlich nie machen werden,) aber es gibt eben auch Urheberrechte und Corvus Corax ist ein Original.

Englisch oder Deutsch. Mit welcher Sprache vermittelt man den Menschen heutzutage am meisten?
Ja das kommt drauf an, welchen Menschen man meint. Ich glaube, einem Engländer (lacht) sollte man in Englisch besser was vermitteln, und wenn es um ältere Menschen in Deutschland geht, sollte man es lieber auf Deutsch versuchen. Latein spricht man heutzutage nurnoch mit Pfarrern. In ein paar Jahren, oder spätestens in ein paar Jahrzehnten, wird das Englisch wahrscheinlich noch wichtiger sein, und vielleicht ist ja dann das Deutsch so etwas wie das nordische?, wo es jetzt zur Zeit ja Folklore-Vereine gibt, die wollen, dass das nordische nicht ausstirbt. Irgendwann gibt es dann vielleicht einen Folklore-Verein der sagt “Komm, lasst uns Deutsch sprechen.”, wenn auch nur zur Gaudi.

Denkst du, heutzutage erreicht man die Jugend eher mit Englisch oder eher mit Deutsch?
Ich würde es immer mit Deutsch versuchen, denn diese Verunglimfpungen der deutschen Sprache durch englische Worte ärgern mich sehr, da kann man nicht dran vorbei, aber man kann es stilvoller machen. Aber man hat eh keinen keinen Einfluß, ich denke fast, ich sollte da nicht zu viel sagen, sonst fühle ich mich auf einmal alt (lacht), weil es da ne Menge junge Leute gibt die sagen “Ja aber das ist nunmal so.” Früher habe ich das auch anders gesehen, es passt mir nur nicht, wenn da so gemischt wird. Wenn man aber Englisch redet, ist es ok.

Unterstreichen eure Worte die Melodien oder eure Melodien die Worte?
Es kommt drauf an, generell geht es bei Corvus Corax, da die meisten Leute ja kein Latein sprechen, um Musik. Da unterstreichen die Worte die Melodien. Bei einigen Sachen live dreht man das um durch eine Ansage, dadurch bekommt das Ganze dann einen ganz anderen Sinn, aber auf einer CD sollte man das nicht machen, weil mittelalterliche Musik wie Corvus Corax nicht sehr poetisch ist, aussagekräftig schon, es geht ums Leben, aber das spürt man allem voran in der Musik.

Aber es geht auch andersherum, wie zum Beispiel eben auf den Märkten?
Ja klar, aber bei uns ist die Musik sehr wichtig. Wem die Texte wichtig sind, der ist gern gesehener Gast bei uns.

Du hast es schon angesprochen und betont, trotzdem nochmal, habt ihr eine gewisse Vorbildsfunktion auf andere Bands? Abgesehen davon, dass sie teils nur abschauen?
Nein nein, da
machen ja nicht alle Bands, das machen halt viele, wir sind aber auch nicht einzigen, bei welchen die Leute sich bedienen. Das mit der Vorbildsfunktion ist ja okay, die haben wir auch sicherlich, weil es diesen Stil ,den jetzt alle Bands auf den Mittelaltermärkten und den Konzerten machen, vor Corvus Corax nicht gab, den haben wir ja sozusagen neu entwickelt, oder erfunden, deshalb haben wir natürlich eine Vorbildwirkung, weil es eben auch viele wie wir machen. Wenn wir eine neue CD haben ist es auch ganz klar, dass man da alles geben muss, es gibt eine Menge Scharlatane, aber wenn wir etwas herausbringen muss das Hand und Fuß haben, das ist schon so, da hat man dann ganz schön viel zu tun im Studio.

Ist eurer Meinung nach die Zeit nun reifer denn je dafür, dass man durch Musik echte „gelebte“ Botschaften und Erfahrungen vermittelt oder werden sich die meisten weiterhin mit den typischen Plattitüden begnügen?
Ich finde, das sollte jeder für sich selber entscheiden. Ob jemand etwas vermitteln will mit seiner Musik, und ob der auf der anderen Seite es nehmen will, ob er überhaupt dazu bereit ist, es SO zu hören, oder ob er sich lieber beplätschern lassen will, das entscheidet immer der, der Gegenüber ist. Dann kann man sich soviel Mühe geben wie man will, wenn der Gegenüber kein Interesse, dann wird man das irgendwann auch nicht mehr weiter machen. Missverstandene Künstler schneiden sich die Ohren ab, stürzen sich vom Turm, trinken zu viel oder nehmen zu viele Drogen. Das brauchen wir nicht.

Gibt es Unterschiede zwischen einem Corvus Corax Konzert von heute und vor 10 Jahren? Wenn ja, wo liegt er?
Es gibt ganz gewiss Unterschiede in der Qualität – und auch in der Quantität, vor 10 Jahren haben wir noch nicht soviel Material gehabt, obwohl wir da auch schon zwei Stunden gespielt haben, aber jetzt ist es so, dass das Publikum bestimme Lieder erwartet. Früher waren das immer ein oder zwei Songs, die sein mussten, das waren die Tänze, das war damals das ???-Spiel und der Saltarello und manchmal noch der Spielmannstanz, man konnte aber eben das eine oder andere weglassen. Jetzt inzwischen sind so viele Titel entstanden die das Publikum liebt, dass es für uns schwer wird, jetzt mit einer neuen CD, von der wir natürlich viele Sachen spielen wollen zu entscheiden “Das spielen wir – Das spielen wir nicht.” Aber das sind natürlich auch die Unterschiede, das Publikum geht vom Anfang bis zum Ende mit, kennt die Texte, weiß, wie man sich bewegt und kennt die Art und Weise wie man mitklatscht. Das war vor 10 Jahren noch nicht ganz so extrem.

Der „Saltarello“ war in der Gothicszene bereits durch Dead Can Dance bekannt. Ihr nahmt ihn ins Programm auf, schwarzes Volk kam zu euren Marktkonzerten und ihr wurdet teilweise nicht mehr gebucht, da für normale Bürger kein Platz mehr war. Heute sieht man auf euren Konzerten wieder mehr Familien und Durchschnittsbürger. Wie erklärt ihr euch das?
Das stimmt so nicht ganz, wir haben den Saltarello schon immer gespielt, auch schon vor Dead Can Dance. Damals, da hießen wir Timerklimper, haben wir den Saltarello schon gespielt, da gab es Dead Can Dance glaube ich noch garnicht, auf jeden Fall haben sie ihn da noch nicht gespielt. Aber dann wurde Dead Can Dance eben auf einmal bekannt und den Leuten fiel auf, dass Corvus Corax diesen Tanz auch spielt, wir haben ihn halt doppelt so schnell gespielt, natürlich muss man sich dann auch ganz anders dazu bewegen. Darauf kamen dann immer mehr Leute aus der Gothicszene zu uns, und darauf wurde das berühmte “Der Bürger hatte keinen Platz mehr.”, dann tatsächlich wahr und wir verschwanden von einigen Mittelaltermärkten weil unsere Fans den Bürgern den Platz wegnahmen. Aber seit damals hat sich das weiterentwickelt, inzwischen kommen Punks, Bürger, eigentlich aus jeder Szene jemand, das ist auch das wichtige für uns, wir wollen nicht nur aus einer Szene die Leute ziehen.

Euer Stil an sich hat sich ja nie groß geändert, daran kann es ja kaum gelegen haben.
Es ist so, dass wir unseren Stil ein bisschen verändert haben, seit der CD “Viator” von ’99 oder ’98 ist die Musik ein bisschen grooviger, das haben wir absichtlich so gemacht, und von diesem neuen Standpunkt aus hat sich musikalisch doch schon wieder einiges entwickelt, wir fingen ja auch mit einem Trommler an, beziehungsweise war es ursprünglich eigentlich ja so, dass Wim und ich abwechselnd Dudelsack und Trommeln gespielt haben, so hat sich das immer weiter entwickelt, also es gab schon immer eine Weiterentwickling, so wird das auch in Zukunft bleiben. Da sind wir auch froh drüber, wir machen ja auch andere Sachen, ich komme zum Beispiel gerade aus dem Studio von Kai, der die Musik für Gothic 3 geschrieben hat. Er nimmt mit uns für einen Soundtrack jetzt noch etwas auf, da gibt es dann irgendwann eine Fan-Edition. So haben wir ständig immer irgendwas zu tun, so entwickelt sich bei uns viel, Stillstand ist bei uns nie angesagt.

Wodurch unterscheiden sich eure Fans von anderen?
Garnicht, wir haben keine speziellen Fans. Unsere Fans kommen mit einem Subway to Sally- oder Schandmaul T-Shirt zu unseren Konzerten, und ich weiß, wenn ich mit denen rede, dass sie mit einem Corvus Corax T-Shirt auf das Schandmaul-Konzert gehe. Es gibt also diese Leute, die aus der bestimmten Szene kommen – oder eben nicht, Leute, die sich garkein T-Shirt kaufen, die dann eben einfach wegen der Musik zur Corvus Corax kommen, die sagen mir dann auch, richtige Fans sind sie nicht, wenn sie sich das zweimal im Jahr live ansehen. Unsere Hardcore-Fans, die in unserem Fanclub sind, unterscheiden sich von den anderen Fans eigentlich auch nicht großartig, es sind natürlich viel bessere Fans, das muss ich schon sagen, ihr seid die besten Fans ;-). Daran unterscheidet sich das.

Wieviel trägt Wim, durch das individuelle Bauen der verschiedenen Instrumente für jeden einzelnen von euch, zum Klang von Corvus Corax bei?
Jetzt könnte man natürlich vergleichen, was wäre, wenn Corvus Corax auf handelsüblichen Instrumenten spielen würden, die Wim nicht gebaut hat. Ich denke mal, das ist sehr wichtig für uns, aber ich glaube, das ist auch eines dieser Entwicklungsdinge, wir haben ganz anders angefangen, wir wollten das auch so. Dass wir auf den Instrumenten von Wim spielen, hat nicht nur mit dem Klang, sondern auch mit dem Handling zu tun, wir spielen einfach sehr gerne auf seinen Instrumenten. Ich finde, dass er die besten Dudelsäcke in der Szene baut, viele wollen sich auch von ihm einen Dudelsack bauen lassen, aber er hat natürlich keine Zeit, er ist ja Instrumentenbauer und Musiker, im Moment baut er gerade neue Dudelsäcke für uns. Wie gesagt, es ist sehr wichtig, aber ist auch eine Entwicklung, wir könnten auch ohne ihn existieren, es würde aber nicht so einen Spaß machen, es ist ja gerade dieser Sound, der uns dazu gebracht hat was wir jetzt heutzutage sind.

Im Jahre 2005 haben Corvus Corax auf dem Wacken Open Air ihre Weltpremiere zu ihrer Vertonung der Carmina Burana aufgeführt. Wie kannst du die Resonanz auf diesen Auftritt beschreiben?
Ich würde sagen, das war einmalig, eine Sache, die man wahrscheinlich nie vergessen wird, da vor 33000 Leuten zu stehen und die reißen ihre Arme hoch, bis zum Horizont ist alles beleuchtet. Ich habe mich jetzt vorher nicht so darüber informiert, ich war davor extrem abgelenkt, wir hatten ja sehr viel zu tun vor dem Auftritt, aber als wir da auf der Bühne standen war es großartig für uns. Da war Adrenalin ohne Ende im Blut, und die Party danach war auch orgastisch, wie sich das gehört, für eine Weltpremiere.

Warum wurde dieses Konzert gerade in Wacken aufgeführt? Im allgemeinen wird da ja doch eher andere Musik gespielt, ich kann mir vorstellen, dass eine Weltpremiere vor einem Metalpublikum für eine Mittelalterband sehr riskant ist.
Das lag einfach daran, dass der Veranstalter sich unsere CD angehört hat und dann mit unserem Projektmanager zusammengesessen ist und zu ihm gemeint hat, er möchte das als Highlight auf dem Wacken haben. Er hat auch gesagt, er weiß, da sind keine Gitarren dabei, aber sein Publikum liebt Klassik und auch diese düstere Schwere, nach Machine Head Cantus Buranus, das ist einfach das größte, was er sich vorstellen kann. Und das wars dann auch. Einfach großartig.

Eure Kleidung bei Konzerten ist meist sehr aufwändig, besonders im Vergleich zu anderen Bands. Was ist die Intention dahinter?
Das Auge isst mit.

Last but not least: Wer erdachte sich die Namen wie Castus Rabensang, Teufel, usw.? Was für Motive stecken dahinter?
Das ist unterschiedlich, aber im allgemeinen hatten Spielleute im Mittelalter Künstlernamen, meistens sind sie mit ihrem Bürgerlichen Namen nicht so gut angekommen oder mussten diesen sowieso ablegen, weil Spielleute ja meistens auch irgendwelche Verbrecher oder düstere Gestalten waren. Und so ist es auch bei uns, wenn wir mit unseren richtigen bürgerlichen Namen auf der Bühne stehen würden, würde uns wahrscheinlich die Polizei ergreifen und in den Kerker sperren, wir sind sozusagen auf der Flucht. Deswegen haben wir uns unsere Spielmannsnamen zugelegt, damit keiner weiß, wer wir wirklich sind.

Und zum Schluss das Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Schandmaul – Freunde
In Extremo – Ab und zu mal ein Bierchen
Subway to Sally – DDR-Folklore-Werkstatt
Qntal – Gute Musiker
Spielmänner und Spielmannsleben – Corvus Corax
Tradition oder Fortschritt – Beides
Plugged oder unplugged – Tanzwut plugged , Corvus Corax unplugged
Tokio Hotel – Wahrscheinlich auch gute Musiker :-)

Okay, das war es dann auch schon, die letzten Worte gehören dir.
Ich freue mich auf die Dezember-Tour, also wir sind mit Corvus Corax im Dezember wieder unterwegs, in Deutschland, Österreich und Holland. Ja, und jetzt muss ich wieder in den Keller das Zeug für den Soundtrack für Gothic 3 mit dem Kai aufnehmen. Aber wir haben Spaß und haben auch weiterhin Spaß an der mittelalterlichen Musik.

Vielen Dank für das Interview!


Geschrieben am 18. Dezember 2006 von Marius Mutz


Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder werden mit * markiert

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: