Interview mit Roland Kempen von Die Streuner

Roland Kempen ist nicht nur selbst Mitglied der äußerst erfolgreichen Marktband „Die Streuner“ und Gastmusiker bei vielen weiteren Projekten, sondern produziert nebenbei noch unter seinem eigenen Label „Emmuty Records“ einige weitere aufstrebende Bands wie z.B. Spectaculatius, A la via, Thetis, uvm. Welchen Bands er am meisten zutraut und wie er sein Leben als Musiker und Produzent in Personalunion gestaltet, verrät Roland in unserem Interview. Nebenbei greift er die leidige Diskussion zum Thema Mittelaltermusik/mittelalterliche Musik auf und erzählt dabei aus der Sicht eines Aktiven. Für den geneigten Leser ist dies hier ein kleiner Einblick hinter die Kulissen.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Miriam lernte Geige nach der Suzuki-Methode, dass den Schwerpunkt mehr auf das Gehör setzt als auf dem Spiel nach Noten. Der Instrumentalist profitiert später davon, indem er schneller improvisieren sowie neue Stücke schneller erlernen kann, sofern man ihm diese vorsingt oder vorspielt. Martin lernte das Gitarrenspiel selbst. Da er ein gutes Gehör hat und sehr kreativ ist, ergab sich sein Stil von selbst. Matti, unser Angelsachse, war zuvor Gitarrist und Bassist, dann stieg er nach einer Punk- und Rockkarriere auf Geige um. Er ist Improvisationskünstler und lernte auch Wissenswertes im Bereich Harmonielehre. Carsten schwenkte vom Klavier und Akkordeon um, griff zur Gitarre und Laute. Meines Wissens genoss er jahrelang einen klassischen Unterricht. Roland wurde anscheinend am Klavier geboren. Mit zwei Jahren lief er bereits dorthin, um an die Tasten zu kommen und trat seiner Mutter mit vier Jahren protestierend gegen das Schienenbein, wann er denn endlich Unterricht bekäme. Diesen bekam er auch und genoss 20 Jahre Unterricht, wurde Perfektionist und sollte Pianist werden. Doch die lästigen Etüden und klassischen Stücke jeden Tag zu üben wurden über die Jahre vom Schreiben von Eigenkompositionen zunehmend verdrängt. Um die Theorie bestens ausnutzen zu können studierte er Musikwissenschaften. Neben orchestralen Stücken für Filme wie z.B. „Kriegerherzen“ schreibt er in allen möglichen Bereichen, arrangiert und produziert das, was die Band an gutem Material beisteuert.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
In erster Linie ist das Musik ohne Computer und ohne Strom. Da stehen echte Musiker, die die Weisen alter Zeiten aufgegriffen haben und sie heute zum Besten geben. Es sind alte Lieder, die traditionell über Jahrhunderte lang immer wieder in veränderter Form überliefert wurden und heute noch gespielt werden.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Der beste Weg ist es, sich diese Musik einmal live anzuhören, denn es ist nicht nur die Musik, um die es geht, sondern auch die Lebenseinstellung der Instrumentalisten, die etwas besonderes verkörpern und damit einen gewissen Flair von der Bühne ins Publikum transportieren. Diese Musik ist auf jeden Fall mehr als Töne, sondern eher ein Erlebnis.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Die Streuner haben ihren Stil von Anfang an gehabt und haben ihn auch nie geändert. Die Trinklieder sowie Pfaffen- und Rauflieder waren stets Hauptbestandteil des Repertoires und wären heute auch nicht mehr wegzudenken. Das Ganze in Kombination mit 5 markanten und gesangstarken Stimmen, verbunden mit dem Klang der Geigen und Lauten, haben uns ganz deutlich von den Trommel- und Trötenbands abgekapselt. Es gibt meines Erachtens nach nicht eine Gruppe, die so konsequent auf Trommeln verzichtet wie wir. Das lässt mehr Raum für die Stimmen.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
In erster Linie durch die traditionellen Lieder und derer Quellen, die durch unsere Hände gehen. Ab dann fängt das Umarrangieren oder das Komponieren an, wenn uns die Melodie zu öde erscheint. Finden wir einen Text, der noch zum Lied werden soll, so besprechen wir in der Band, wer sich des Themas annehmen möchte oder es schreiben gleich 2 Leute unabhängig voneinander los. Später wird entschieden, welche Version eher in Betracht genommen wird. Im Zweifelsfalle werden sogar beide auf CD gebannt (siehe „Gebet eines Spielmanns“). Jeder von uns hat natürlich vor der „Streuner“-Karriere andere Musik gehört. Sicher ist jeder von uns durch modernere Klänge beim Komponieren beeinflusst, aber das ist auch normal.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Die wachsende Akzeptanz ist sicher den vielen Auftritten zu verdanken, sowie den Veranstaltern, die die nötige Plattform bieten, um diese Musik zum Erlebnis werden lassen zu können. Die Ablehnung ist wohl eher auf die Plattenfirmen zurückzuführen als auf die Radiostationen, die soweit ich weiß keineswegs spielen, was sie wollen. Mit weitaus größeren Absatzzahlen könnte man über den Kauf von Sendeminuten sicher nachdenken…

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Indem man sich die heutigen Charts anguckt? Selbst die monotonste Weise aus dem 14 Jhd. ist abwechslungsreicher als die Gülle, für die wir Tag ein Tag aus GEZ zahlen.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Das Schöne an diesen alten Klängen ist, dass sie schon mal keine bestimmte Altersklasse ansprechen, sondern von Jung bis Alt begeistern können. Da man durch das Zuhören dieser Lieder differenzierteres Hören lernen kann, empfehle ich bereits kleine Kinder damit zu konfrontieren. Diese können später im Leben besser unterscheiden, was musikalischer Unsinn ist und was nicht. Besser wäre allenfalls klassische Musik, aber ist man diese nicht gewöhnt, ermüdet das Gehör zu schnell. Da eignet sich alter Folk schon eher.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Minnigliche Lieder. Der Mann, der eine Leier hält und schwülstige Lieder singt, um bei einer Frau zu landen. Die Klischees aus Hollywoodfilmen tragen da auch zu bei. Man denkt eher an Mönchsgesänge und Kirchenlieder oder eben an Hofmusik. Viele wissen gar nicht, dass heute kaum einer Originale spielt, sondern viel mehr arrangierte Leider.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Deutschland ist ein Land der Ritter und Burgen. Sie sind Bestandteil unserer Kultur. Seit es die „Deutsche Burgenvereinigung e.V.“ gibt und Burgen in Privatbesitz sind, ist es unsere Pflicht, diese Mauerwerke zu schützen und zu restaurieren. Das kostet nun mal Geld. Die Burgen haben mit ihren Konzerten und Märkten die Chance, dem Publikum einen Eindruck gewähren zu lassen, wie das Leben damals in etwa stattgefunden hat. Zwar nur in kleinen Ansätzen, aber es geht ja um ein Erlebnis auf der Burg, nicht um authentisches Nachahmen der Lebensbedingungen um 1000 n. Chr..
Zum anderen bilden diese vielen Konzerte in diesem Ambiente unsere Lebensgrundlage sowie die Chance, mehr und mehr Fans für diese Art von Musik zu begeistern.

Roland, du bist als Produzent für viele Mittelalterbands tätig, u.a. A la via!, Spectaculatius, Thetis, die Streuner. Wie würdest du deine Arbeit als Produzent beschreiben, damit alle Bands ihre Eigenheiten bewahren?
Meine Aufgabe ist es, aus dem Material der jeweiligen Band herauszuhören, um welchen Stil es sich handelt, was sich die Arrangeure gedacht haben und die Lücken oder Fehler herauszufiltern. Die Arrangements, die ich dann anbiete, müssen dem gerecht werden, was sich die Gruppe gedacht, aber nicht erreicht hat. Es ist ein Tanz auf dem Seil und manchmal kann ich es mir nicht verkneifen auch zum Teil meinen persönlichen Stil mit einzubinden.
So verkehrt kann das nun auch nicht sein, die Verkaufszahlen sprechen für sich.
Desweiteren müssen mein Vorschläge auch von demjenigen spielbar sein – es nutzt nichts zu zaubern, wenn der Instrumentalist sich an den Passagen die Zähne ausbeißt. Ich muss also kontrapunktische Melodien schreiben, die zur Hauptmelodie passen, das Original nicht verfälschen, nicht zu schwer sind und dennoch dem Stück die nötige „Magic“ verpassen.

In welchem Projekt siehst du am meisten Potential?
Sicherlich gehören die Streuner mit soliden 12 Jahren Bestand zu den Favoriten. Aber auch die Irrlichter haben in den letzten Jahren große Sprünge nach vorne gemacht. Seit wir auch im deutschen Handel vertreten sind, ist der Bekanntheitsgrad dieser beiden Bands markant gestiegen.

Wo liegen die Vor- und Nachteile darin, wenn man gleichzeitig Produzent und aktiv in einer oder mehreren Band ist?
Als Musiker kennt man die Probleme des Zusammenspiels mit den anderen. Man muss dauernd an sich arbeiten und sich verbessern. Man kennt die „Macken“ des einen oder anderen und ist ständig unter verschiedenen Leuten unterwegs. Das schult ungemein das Gespür für Feinsinn und Diplomatie. Zudem sieht man in den Gesichtern der Leute vor der Bühne, was musikalisch zündet und was nicht. Hier heißt es aufmerksam zu speichern, was in einer späteren Produktion wertvoll sein könnte. Ein Architekt, der auf dem Bau agiert, wird immer besser abschneiden, als der, der sich nur mit Papier beschäftigt.
Der Nachteil ist der Zeitfaktor. Man hat keine Zeit, seine „Batterien“ aufzuladen. Die Belastung während der Studiozeit ist enorm, daher versuche ich in den Wintermonaten verstärkt das Studio aufzusuchen, wenn die Auftrittslage saisonbedingt etwas abklingt.

Gibt es andere Produzenten, deren Arbeit du besonders schätzt?
Einer der Top-Leute, deren Arbeit ich großartig finde, ist Paolo Conte. Er schert sich einen Dreck darum, ob seine Titel kommerziell sind oder nicht. Er hat einen unfassbar klasse Stil, der Modernes mit 20er-Jahre-Klänge mischt. Dann wären da noch Leute wie Stewart (Eurythmics) oder Beck, der auch unkonventionell an die Materie „Musik“ geht.

„Die Streuner“ sind seit über 10 Jahren auf den Märkten Deutschlands unterwegs. Welche Veränderungen hast du dort und allgemein in der Musikwelt beobachtet?
Frappierend ist, wie schnell über die Jahre neue Bands wie die Pilze aus dem Boden schossen.
Die Märkte selbst haben sich teils zum Guten und teils zum Schlechten entwickelt. Einige setzen verstärkt auf Kommerz, der kulturelle Aspekt bleibt zunehmend auf der Strecke, das Kulturangebot sinkt – und damit über die Jahre auch die Zuschauerzahl. Wer als Veranstalter Angst hat, Geld für gute Handwerkskunst und Musiker auszugeben und dann mit Amateuren Mittelmäßigkeit anbietet, darf sich nicht wundern, wenn er in Kritiken zerrissen wird.
Andere Veranstalter haben erkannt, dass man mit Qualität einen guten Standard und eine erlebnisreiche Veranstaltung anbieten kann. Als Beispiel möchte ich hier „Spectaculum“ nennen. Was da mal klein angefangen hat, ist groß gewachsen, ohne an Qualität zu leiden. Zudem sind die Besucher Irres aus dem Fernsehen gewöhnt. Sie sehen die Dinge teilweise aus einem völlig verdrehten Blickwinkel. Das macht es, nicht zuletzt durch die digitale Bearbeitung von Filmen nicht gerade leicht, mit Stunts, die live dargestellt werden, den Besuchern ein Raunen zu entlocken.
Was die Musik anbelangt, hat auch diese sich entwickelt. Als wir in Wuppertal vor vielen Jahren noch mit „In Extremo“ die Bühne teilten (damals spielten sie noch auf Säcken und Trommeln), hätte niemand gedacht, dass sie es im Bekanntheitsgrad soweit schaffen würden. Allerdings geht es heute bei der Gruppe um eine völlig andere Musik, obwohl immer noch Elemente aus frühen Tagen zu hören sind. Sie haben bewiesen, dass man sehr wohl Harfen mit verzerrten Gitarren mischen kann. Ein bemerkenswerter Werdegang.

Im Forum von Metal1 entstand eine Diskussion zum Unterschied zwischen „Mittelaltermusik“ und „mittelalterlicher Musik“. Siehst du zwischen den beiden Begriffen Unterschiede so wie z.B. Wikipedia sie definiert oder sind es Synonyme?
Wer Mittelaltermusik hören will, muss andere CDs im Regal suchen, sich wissenschaftlichen Aufnahmen widmen oder „Ensemble für alte Musik“, „Freiburger Spielleyt“ oder vielleicht „Saarband“ hören. Diese Gruppen sind sicherlich sehr viel genauer in der Recherche und in der Umsetzung der Musik dieser Zeit. Dagegen sind viele andere ein Haufen von Dilettanten und Stümpern, wenn sie behaupten „Mittelaltermusik“ zu machen.
Unter der Rubrik „Mittelalterliche Musik“ verstehe ich, dass gewisse Quellen, wenn denn vorhanden, herangezogen wurden, um etwas mittelalterlich klingen zu lassen. Wie weit sich dieses Arrangement vom Original entfernt, muss jede Gruppe selber wissen. Den Rest erledigen schon die Auswahl der Instrumente und die Kleidung der Musiker.
Ich befürworte in beiden Arten zu arbeiten, denn immerhin entstammen sie dem gleichen Ursprung und sind ein gutes „Transportmittel“, um den Menschen auf mittelalterlichen Veranstaltungen Musik näher zu bringen, mit der sie vermutlich sonst nicht in Berührung kämen.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – Komm rus, Voltax
Schandmaul – Schau mal
In Extremo – In Excremento
Subway to Sally – “Sally? Who the fuck is Sally?”
Spielmänner und Spielmannsleben – Männerspiel, man spielt’s Leben
Tradition oder Fortschritt – ohne Tradition kein Fortschritt
Plugged oder unplugged – Wenn der Strom ausfällt, spielen die Streuner weiter
Tokio Hotel – STOPPT KINDERARBEIT!!! Die psychische Behandlung nach dem Abschuss der Gruppe soll nicht zu Lasten des Steuerzahlers gehen, sondern zu Lasten der Plattenfirma!


Geschrieben am 4. Dezember 2006 von Sigi Maier

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