Interview mit Sigrid Hausen von Estampie

Metal1.info hatte im Rahmen des Mittelalterspezials das ganz besondere Vergnügen der ansonsten eher zurückhaltenden Sigrid Hausen, ihres Zeichens geschätzte Sängerin bei Estampie und Qntal, einige Fragen über ihre Musik, visuelle Effekte bei Konzerten und das Projekt „Estampie“ zu stellen.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Ich machte mein Studium an der Hochschule für Musik in Salzburg, unter anderem bei dem wunderbaren Lehrer und Musiker N. Harnoncourt. Desweiteren habe ich Meisterkurse für Gesang bei R. Jacobs, M. Figueras und anderen absolviert. Die Wurzeln unserer Musik und der Musiker sind eine Mischung aus Klassik, anspruchsvollem Rock & Pop und natürlich vielfältigster Folk-Ethno-Worldmusik.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ eure Form von mittelalterlicher Musik erklären?
Mit offenen Ohren ohne Vorurteile hören ist das Beste, was ich empfehlen kann. Ansonsten eine Kurzformel: zeitlose Musik, von schwebend bis kraftvoll, mit den eindrucksvollen Texten der alten Trouveres und Mystiker mit abwechslungsreichem Instrumentarium.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Musik zu beschreiben, noch dazu die eigene, ist ein fragliches Unterfangen. Wir selbst versuchen auch durch die Optik bei konterten und bei den CDs etwas vom Geist unserer Musik zu vermitteln.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Unsere Musik ist sehr vielfältig, einstimmig und mehrstimmig. Manche Stücke werden nur gesungen, manche sind nur instrumental. Außerdem finden Lieder und Texte aus allen Sprachräumen Verwendung. Uns selbst ist es äußerst wichtig, sowohl musikalisch als auch ideologisch, die Vielfalt mittelalterlicher Musik darzustellen und unsere Hörerschaft mitzunehmen auf diese interessante Reise zu fernen und doch so nahen Spiegelwelten.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Uns interessieren musikalisch sehr die Kulturen, die eine ungebrochene Tradition ihrer Musik pflegen, ob auf Sardinien, in Marokko, der Türkei oder auch im fernen Asien.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Das sehe ich nicht so. Wir sind bei letzteren nur mehr im klassischen Bereich vertreten.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Unsere Zielgruppe sind mündige, aufgeschlossene und neugierige Hörer. Die Anbindung an ein Instrument und damit verbundene Assoziationen spielen für uns keine rolle. Belohnt wird der Hörer/die Hörerin mit einer großen Vielfalt an Musik, Emotionen und natürlich auch ungewohnten Klangfarben.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Alles zu einseitige Eindimensionale wird dieser Musik nicht gerecht, es war nicht nur düster im Mittelalter. Es gab nicht nur schwitzende Trommler und nicht nur wandelnde Nonnen.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Wir spielen gerne auf den Märkten, wenn dem Publikum und uns die Gelegenheit gegeben wird, auch leisere feinere Musik zu spielen und zu hören.

Welche Elemente trägt Ernst Schwindl zu Estampie bei und wodurch unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit ihm z.B. im Vergleich zu der mit Fil Groth bei Qntal?
Ernst ist Gründungsmitglied von Estampie. Wir treffen uns häufig für musikalische Arbeit und das Tagesgeschäft. Dazu haben wir ja oft auch einzelne Konzerte.
Die Zusammenarbeit mit Fil in Berlin ist eher phasenweise, immer wenn eine CD oder eine Tour ansteht.

Ihr seid ähnlich lange dabei wie z.B. Corvus Corax, doch es scheint so, als ob ihr weit weniger präsent wärt. Wie erklärt ihr euch das?
Ähnlich wie bei der Medienfrage haben wir ein Standing in der klassischen Szene, die uns auch sehr wichtig ist. Für Estampie und unsere Hörer sind in diesem Bereich immer besondere Highlights zu finden, wie ein Konzert im Kreuzgang des Aachener Doms o.ä.

Passt du deinen Gesang an die jeweiligen Projekte an?
Natürlich, aber nicht nur den Projekten sondern auch dem jeweiligen Stück. Da wir ja so vielfältige Musik machen, ist der Gesangsstil auch unterschiedlich, von sehr folk-orientiert bis klassisch gibt es da viele Nuancen.

Könnt ihr euch Kooperationen mit anderen Bands aus eurem Genre vorstellen? Wenn ja, mit wem und wie könnte sie aussehen?
Im Moment haben wir gerade in Spanien mit L’Ham de Foc sehr erfolgreich kooperiert, daneben habe ich für andere Bands wie Corvus Corax auch gerne einzelne Lieder eingesungen.

Wie beurteilt ihr eure eigene Entwicklung und allgemein die Vorgänge in der Musikwelt von euren Anfängen mit „A Chantar“ bis heute?
Alles ist im Wandel, zum Glück. Wir suchen immer wieder nach neuen Auseinandersetzungen, Themen und Begegnungen. Die allgemeine Musikwelt sehe ich im Moment leider eher negativ, zu viele schwache Eintagsfliegen ohne tiefe sind unterwegs und man kann nur versuchen, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und weiterzumachen, getragen von einer mündigen Hörerschaft.

Jede Band hat heutzutage eine oder mehrere Live-DVDs. Eure trägt den Namen „Estampie und die Klänge der Seidenstraße“. Wie wichtig war für euch diese Produktion und was für Unterschiede gab es zu den CDs?
Dieses Projekt war ja ganz deutlich visuell ausgerichtet und deswegen war für uns klar, in diesem falle das Medium DVD zu verwenden, um die schönen Lichtstimmungen und das aufwändige Dia-Material einzufangen.

Euer Werk „Materia Mystica“ war nach deiner Aussage vielleicht zu anspruchsvoll für die Allgemeinheit. War das Absicht und schadet es nicht der Zugänglichkeit eurer Musik für neue Fans?
Es war für uns ein gelungenes Experiment und wir haben bis jetzt noch nichts Negatives dazu erfahren. Viele Freunde von uns wählen ganz bewusst auch einmal diese CD am Verkaufsstand und ich habe auch schon viele andere gehört, die sie weiterempfehlen.

Estampiekonzerte sind sowohl ein akustisches als auch optisches Spektakel. Zweiteres wird bei vielen Mittelalterbands vernachlässigt. Lohnt sich der Mehraufwand für Projektionen im Endeffekt oder ist dies mehr eine Zugabe?
Das ist projektabhängig, wir machen ja auch ganz schlichte klassische konterte. Bei Produktionen wie „Marco Polo“ oder jetzt „Al Andaluz“ sind Bühne, Licht und Fotos ein entscheidender Bestandteil, die die Musik verdichten.

Bei euren Konzerten kleidet ihr euch weltlich und bietet auch eine Show voller Lichteffekte, während andere Bands traditionelle Kostüme bzw. manchmal sogar Gewandungen tragen und eher spärlich mit Scheinwerfern und Lasern umgehen. Wie erklärt ihr euch den Unterschied?
Zum Thema Licht siehe eins weiter oben, ansonsten empfinde ich unsere Lichtshow auf jeden Fall eher ruhig und dezent, aber da kann man ja unterschiedlicher Meinung sein.
Wir treten nicht in historischen Kostümen auf, weil das zu unserer ganzen Auffassung von Mittelalter und unserer Musik nicht passt. Wir sind Menschen von heute und bieten keinen musikalischen Museumsbesuch, sondern eine Reise zu sich selbst.

Aktuell arbeitet ihr an 2 neuen Projekten: „Im Garten der Minne“ und „Al Andaluz“. Könnt ihr für unsere Leserschaft kurz zusammenfassen, um was es hierbei geht?
„Im Garten der Minne“ ist unser neues Konzertprogramm mit Themenschwerpunkt Liebe in all ihren Ausformungen im Mittelalter, u.a. mit Musik aus Spanien, Italien und Deutschland.
„Al Andaluz“ ist das opulente Nachfolgeprojekt von „Marco Polo“. Estampie trifft dabei auf andere musikalische Formen und auf der Bühne entsteht im Zusammenspiel mit den Musikern aus Spanien und Marokko ein ganz neue Musik. Inspiriert haben uns dazu die Aufzeichnungen aus dem alten Spanien, wo lange Zeit christliche, arabische und jüdische Musik und Kultur koexistieren konnten.

Habt ihr Bedenken davor eines Tages von den ganzen Newcomern, die mit ihrer zeitgemäßen Interpretationen mittelalterlicher Musik vielleicht eher den allgemeinen Geschmack treffen, überflügelt zu werden?
Bedenken und Fragen haben wir ständig in alle möglichen Richtungen, aber wir sind einfach nicht Mainstream, wollen das auch nicht und hoffen, daß unsere Hörer das weiterhin schätzen und mit uns weiter auf die Reise gehen.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Tradition oder Fortschritt – eine gelungene Verbindung von beidem scheint mir erstrebenswert
Plugged oder unplugged – beides möglich, je nach Ort und Programm

Zu anderen Gruppen (Corvus Corax, Schandmaul, In Extremo, Subway To Sally, Tokio Hotel; Anm. d. Red.) möchte ich mich nicht äußern, ansonsten wünsche ich dir und den Lesern und Hörern eine gute Zeit und schöne Sonnwend-Feste!
gez. Sigi Hausen von Estampie


Geschrieben am 18. Dezember 2006 von Sigi Maier


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