Interview mit Paul Alexander Jost von Galahad

Jethro Tull dürfte selbst der heutigen Jugend noch ein Begriff sein. Und wer Jethro Tull und „Locomotive Breath“ sagt, muss auch GALAHAD sagen, denn bereits bei den ersten Klängen werden eindeutige Parallelen offenbart. Zusammen mit den Rocklegenden standen Paul Alexander Jost und seine Mitstreiter bereits mehrfach auf der Bühne und überzeugten als Support der Ikonen. In Deutschland fristen Galahad neben vielen anderen Bands leider immer noch ein Nischendasein. Dies und vieles andere wie z.B. das kommende Album „Ladhivan – Tales Of Celtic Myths“ war Inhalt des Gespräches, welches ich mit dem einzig übrigen Gründungsmitglied der Band, Paul Jost, führen durfte.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Galahad wurde 1985 als Akustik-Quartett mit der Stilrichtung Steeleye Span / engl. Folkrock gegründet. In den 80ern gab es häufig wechselnde Besetzungen, von der Originalbesetzung ist außer mir keiner mehr dabei. Seit 1991 ist Ralf Veith am Keyboard, der einerseits seinen Background im Deutschrock bzw. der Liedermacherszene (Stoppok) hat, andererseits aber auch elektronische Musik unter dem Namen „Motionmania“ produziert. Mit Dieter Horlitz, der auch seit dieser Zeit dabei ist, hatte ich schon in den 70ern gespielt, er kommt vom Rock. Für die anderen drei Bandmitglieder (Tina Schreiber: Gesang, Oliver Horlitz: Schlagzeug, Peter Huntenburg: Bass) ist Galahad jeweils die erste Band gewesen, in der sie spielen.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Die mittelalterliche Musik, d.h. die Musik, die auf den Märkten und auf Volksfesten damals gespielt wurde, ist sozusagen der Rock des Mittelalters, d.h. das Ventil für die einfache Bevölkerung, mal Dampf abzulassen. Der Dudelsack übernimmt dabei die Rolle der E-Gitarre und die Drehleier die des Keyboards. Die Power, die damit erzeugt werden kann, steht der Power im Rock in nichts nach. Und die Musiker hatten damals beim Establishment ein gleich schlechtes Image wie die heutigen Rocker.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Man muss sich dann schon in diese Zeit hineinversetzen, sich für diese ganze Zeit und das ganze Drumherum interessieren. Das geht ja hinein bis in die Fantasy- und Rollenspielerszene.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Wiedererkennungswert bei eurer Musik?
Der Unterschied liegt darin, dass wir uns nicht als Mittelalterband verstehen. Wir haben lediglich und bestenfalls mittelalterliche Einflüsse wie wir auch Einflüsse aus dem Keltischen, des Barock und der Klassik auf der Basis des Rock verarbeiten.
Der Wiedererkennungswert unserer Musik liegt in der Polarität Rock und akustische Instrumente, speziell E-Gitarre und Querflöte sowie in der Individualität der Kompositionen.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Wenn ich für mich sprechen darf, dann war das am Anfang ganz klar Jethro Tull. Daraus entwickelte sich dann auch bei den anderen Bandmitgliedern der Anspruch, etwas sehr Individuelles kreieren zu wollen, wo natürlich auch jeder seine diversen Einflüsse einbringen kann.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Es gibt eben eine Menge Individualisten, die unsere Musik mögen, aber eben noch nicht genug! Ist eben (noch) nicht Mainstream.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Man sieht an der Existenz so vieler aktueller Mittelaltergruppen, die alle ihre Eigenheiten und Nuancen haben, wie abwechslungsreich die ganze Thematik ist. Der Einsatz der Instrumente alleine reicht ja von traditionellen, authentischen Instrumenten bis hin zum Einsatz von PC und Sequenzer. Bei Galahad wird instrumentale Vielseitigkeit noch durch die Vielseitigkeit der Kompositionen ergänzt.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Früher waren es ja in erster Linie die Leute, die man als „Ökos“ – also Alternative, der Umwelt gegenüber bewusst lebende Menschen bezeichnete. Mittlerweile sind es aber genauso Leute aus der Wirtschaft und der Managerszene, die einfach dem Alltagsstress entfliehen wollen. Selbst der Vorzeige-Punker Campino hat bekanntlich ja auch mal eine Zeit in einem Kloster mit gregorianischen Gesängen verbracht.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Dass sich in 800 Jahren die Gagen nicht geändert haben! Die Leute meinen immer noch, wir spielen für einen Appel und ein Ei.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Da haben wir so gut wie keine Erfahrung

Demnächst erscheint euer neues Album „Ladhivan – Tales Of Celtic Myths“. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten wird es zum Vorgänger „Storyteller’s Dance“ geben?
Wie der Untertitel schon andeutet, tauchen sowohl textlich wie auch musikalisch sicherlich mehr mythische Elemente auf, wobei durchweg der musikalische und tanzbare Spannungsbogen wieder sehr weit von ruhig zu tanzbar und klassisch bis Rock gespannt ist. Durch unseren Gastmusiker Henning (Dudelsäcke, Whistles, Bombarde) wird diese „Celtic“-Atmosphäre noch intensiviert. Außerdem ist dieses die erste CD mit unserer neuen Sängerin Tina.

Es scheint inzwischen vermehrt Bands zu geben, die die ruhigen heidnischen oder auch keltischen Klänge für sich entdeckt haben, wie z.B. Faun, Omnia und Dunkelschön. Wie sticht man da aus der Masse heraus?
Es gibt viele gute Gruppen, die ein und dieselbe Stilrichtung bevorzugen. Das Wichtige ist, dass man ehrlich zu seinen musikalischen Wurzeln steht und dem gegenüber, was einen musikalisch wirklich bewegt. Es bringt nichts, auf einen vielleicht gerade „angesagten Zug aufzuspringen“. Wenn man die Musik spielt und darbietet, die man wirklich fühlt, wird dies immer ein Publikum finden. Authentizität in der Darbietung kommt immer an. Bei Galahad kommt durch die Bandbreite der Kompositionen zudem eine echte musikalische Vielschichtigkeit heraus.

Wie waren eure Erfahrungen im Support von Jethro Tull?
Wirklich beeindruckend war der Blick hinter die Kulissen einer absolut professionell organisierten Crew, bei der jeder Handschlag sitzt und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – eine absolut freundliche und zugewandte Atmosphäre herrscht. Da hat der „Main-Act“ keine Ambitionen die „Vorgruppe“ in Grund- und Boden zu mischen, sondern leistet sich ein echtes kameradschaftliches musikalisches und persönliches Miteinander (sieht man, glaube ich auch, auf den Fotos auf unserer Web-Seite). Das reichte von den Technikern, die uns mit Gerät aushelfen wollten, die unsere jeweils vor Ort gemietete Technik nicht dabei hatte über das Merchandising, wo die Tull-Crew bei unserem CD-Verkauf aushalf bis hin zu Ian Anderson, der, wie er uns hinterher sagte, seine Garderobe verließ und von der Seitenbühne unser Set verfolgte und mit „very nice“ kommentierte! Nach der Tour schrieb uns Ian: „We enjoyed your music and appreciate your professionalism ..“.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – live absolut beeindruckend!
Schandmaul – weiter so
In Extremo – schwarz
Subway to Sally – auch schwarz
Fiddler’s Green – beneidenswerter Tourplan
Spielmänner und Spielmannsleben – hat sich in 800 Jahren kaum geändert
Tradition oder Fortschritt – Fortschritt (auch) durch Tradition
Plugged oder unplugged – am Besten ein Mix
Tokio Hotel – Singing Manga


Geschrieben am 6. Oktober 2006 von Sigi Maier

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