Interview mit Peter Weiss von Le Scrawl

Es gibt wohl wirklich nichts was es nicht gibt – und wenn doch: Nicht mehr lange. Unlängst erst erhielt ich eine Promo mit einer Mischung aus Metal und volkstümlicher Musik, heute liegt eine Ska-Grind-Scheibe auf meinem Tisch beziehungsweise in meinem CD-Player. Weil letztgenannte sich dort jedoch mittlerweile zum Stammgast geworden ist, haben wir die Gelegenheit beim Schopf gepackt und Peter Weiss, Gründungsmitglied und Schlagzeuger von LE SCRAWL, zum Gespräch gebeten:

Sers! Schön, dass du dir die Zeit für dieses kleine Interview mit Metal1.info nehmen konntest. Wie geht es dir?
Danke, bestens.

Euer aktuelles Album, „Snow Blind“ ist zwar nicht mehr brandaktuell (Release Okt. 2010), leider bin aber erst kürzlich durch einen glücklichen Zufall auf eure Band gestoßen.
Da ich davon ausgehe, dass so ihr so manchem Leser auch noch kein Begriff seid, wäre es vielleicht ganz cool, wenn ihr euch zunächsteinmal vorstellen würdet:

LE SCRAWL kommt aus Potsdam und wurde Ende 1989 von Mario und mir gegründet. Später stießen dann Felix (Bass) und Micha (Keyboard) dazu. Wir begannen zunächst als “Scrawl”, bis wir 2004 bei einem Californischen Label veröffentlichen und in den USA tourten und dabei Gefahr liefen, in einen juristischen Namenskonflikt mit der gleichnamigen US-Frauenrockband zu geraten. Da haben wir dann kurzerhand einen Artikel vorangestellt.
Zu unserer bisherigen Entwicklung: Nachdem wir einige Lieder für die 1993 bei Ecocentric Records erschienene Compilation-CD “I kill what I eat” aufgenommen hatten, begannen wir auch live zu spielen. Es folgte eine 7” beim schottischen Label Psychomania Rec., dann 1995 mit der MCD “Q” unser bis dahin umfangreichstes Release mit 23 Lieder (Ecocentric Rec.). Drei Jahre später erschienen dann zusammen mit Agathocles und 7 Minutes Of Nausea eine Split-CD mit Coverversionen von De la Soul, The Exploited, Lalo Schifrin, Terrorizer and Chic. Nach einer CD/LP-Discographie mit zusätzlichem Live-Material, gingen wir nach einer Pause – es gab wiederholt längere arbeits- und auslandsbedingte Unterbrechungen – 2004 mit der CD/LP „Eager To Please“ (Live Is Abus – Rec.) wieder an den Start, es folgten 2006 die DVD „Full Frontal Nudity“ (Morbid Rec.) und 2008 schließlich die MCD/DVD „Whiskey A Gogo“ (Ecocentric Rec.). Nach länger als geplanten Aufnahmen waren wir froh, dann im letzten Oktober endlich “Snowblind” abschließen und bei Obscene Records rausbringen zu können. Unsere aktuelle Besetzung besteht aus Uta (seit 2008, Keyboard), Arne (seit 2008, Saxophon), Simon (seit 2002, Gitarre), Mario (Bass/Gesang) und mir (Schlagzeug).

Ich sehe, ihr seid alte Hasen im Geschäft. Nachdem das Album nun bereits ein paar Monate veröffentlicht ist, habt ihr sicherlich schon einiges an Feedback erhalten… wie fallen die Reaktionen so aus?
Also bislang sehr gut. Viele halten es musikalisch und soundtechnisch für die beste Scheibe, die wir gemacht haben. Das freut uns, denn wir haben viel Zeit und Arbeit in die Aufnahmen investiert.

Ich kenne eure anderen Alben leider (noch) nicht, aber auch ich bin von dem Album wirklich begeistert. Vor allem fasziniert mich die Selbstsicherheit, mit der die Songs Jazz und Grindcore in sich vereinen, ohne dabei in die eine oder andere Richtung unglaubwürdig zu klingen.
Deshalb zunächst die Frage: Seid ihr Grindcoreler, die sich vom klassischen Grindcrore wegbewegt haben, oder kommt ihr aus einer ganz anderen Ecke und habt Grindcore-Elemente adaptiert?

Nein, vom Punk herkommend waren wir mehr in der HC/Grind/Death-Szene zu Hause. Von dieser Ecke aus starteten wir auch unsere ersten Spielanläufe. Diese Musik war die Basis oder wenn man so will die Matrix, die wir dann je nach dem erweitert, verändert oder aufgebrochen haben. Der umgekehrte Weg wäre für uns nicht in Frage gekommen, auch spieltechnisch nicht. Mit knüppelnden Jazzern, die neue musikalische Erfahrungen sammeln wollten, konnten damals wir nicht viel anfangen.

Es gibt ja die verrücktesten Dinge, neulich erhielt ich eine Promo mit einer Mischung aus Metal und volkstümlicher Musik… trotzdem fragt man sich natürlich, wie eine Idee wie die hinter LE SCRAWL entsteht. Habt ihr das von Anfang an ernst gemeint, oder war das eine dieser typischen „dummen Ideen“, aus denen dann „Ernst“ geworden ist?
Ernst gemeint haben wir es von Anfang an, selbst wenn es nicht gleich so los ging. Aber es gab in dem Sinn keine feste Absprache, ab jetzt ziehen wir dieses Konzept oder diese Spielweise durch. Es ergab sich eher unbewusst beim Spielen. Als Mario und ich in irgendwelchen ollen Wohnungen oder Kellern anfingen, stand zunächst nur der Spaß am Spielen im Mittelpunkt. Wir planten nicht, möglichst schnell aufzutreten oder zügig zu veröffentlichen. Dadurch entstand kein Druck und die Ideen hatten Zeit, sich zu entwickeln und immer weiter zu verändern. In dieser Phase des ständigen Probierens wurden die Lieder dann fast automatisch immer dichter, ihr Aufbau immer komprimierter und kürzer. Das war sicherlich auch eine Folge des vielen Probens, denn die Musik durfte uns nicht langweilen, auch nach der x-ten Wiederholung eines Liedes nicht. Das war das eigene Gebot. Na ja, und die Zuhörer wollten wir auch nicht nerven.

Was für Musik hört denn privat, wer selbst Ska-Grind spielt, und gibt es Bands, die für euch eine Triebfeder oder Inspiration zu dem, was ihr jetzt macht, waren?
Also das Spektrum der Musik, die wir inzwischen hören, ist sehr breit, da gibt’s kaum noch Grenzen. Wir haben altersbedingt auch unterschiedliche musikalische Herkünfte, so dass es schwer ist, für alle zu sprechen. Nur soviel: Angefangen hat alles aus einer Vorliebe zu schneller, extremer Musik heraus.
Vom Punk in der Jugend kam dann Ende der 1980er / Beginn der 1990er Jahre der Wechsel zum Grindcore und Death Metal, und da waren es die “Klassiker” wie Terrorizer, Napalm Death, Carcass, Extrem Noise Terror oder Morbid Angel, für die wir uns begeisterten. Nicht zu vergessen auch Disharmonic Orchestra mit ihrem ausgefallenen Drumstil. Der Spaß an Extremen übertrug sich auch auf andere Musiksparten wie Ska, wo uns z.B. die frühen Mighty Mighty Bosstones mit ihrem radikalen Tempo viel Vergnügen bereiteten. Ansonsten reicht das halt von Krimi-Filmmusik aus den 1960ern bis zu den psychedelisch-elektronischen Sounds der 1980er Jahre. Bands wie The Smith / Morrissey oder die frühen The Cure gehörten auf ihre Weise zweifellos auch zu den inspirierenden Quellen.

Ich kann mir die ganze Herangehensweise noch nicht so ganz vorstellen: Schreibt ihr erst Grindcore-Riffs und jazzige Cleanparts und schraubt die dann ineinander, oder komponiert ihr sowas einfach am Stück durch?
Also es gibt da kein Schema, wobei nur Weniges tatsächlich am Stück durchkomponiert wurde. Das ist mehr ein langer Prozess. Zuerst ist da meist eine Melodie, sei es für einen schnellen Metal- oder Blastpart, sei es für einen getragenen Refrain. Die geht oft von einem Basslauf, also von Mario aus. Dann gibt’s dazu stilistische oder atmosphärische Vorstellungen, wie dieser Part oder schon das ganze Lied klingen soll, und das wird dann so lange ausprobiert, bis daraus eine Grundeinheit oder -struktur entsteht. Aus dieser heraus werden die fehlenden Teile bzw. weitere Instrumentenparts entsprechend des Liedcharakters hinzukomponiert. Es ist aber nicht so, dass da im Probenkeller lauter mehr oder weniger fertige Versatzstücke rumliegen, die so lange zusammengeschraubt werden, bis es irgendwie passt.

In typischer Grindcore-Manier sind die Stücke ja auch alle zwischen einer und zwei Minuten lang. Warum eigentlich… hätten doch die verarbeiteten Ideen durchaus das Potential, den Song noch ein Stück weiter zu tragen?
Vor einigen Jahren waren unsere Stücke in der Regel deutlich unter einer Minute, insofern haben wir uns jetzt für unsere Verhältnisse schon ziemlich ausgebreitet. Wir versuchen, die Essenz aus bestimmten Ideen herauszufinden und uns dann auf diesen Kern zu konzentrieren. Dabei geht es weniger darum, bestimmte Ideen bis zu ihrem Ende auszureizen, und noch weniger, sich auf ein paar guten Parts auszuruhen.

So schafft es das Album trotz 13 Liedern auch gerade so über die 20-Minuten-Hürde… warum habt ihr euch dazu entschieden, das Album so kurz zu halten? Gegen ein paar Songs mehr hätte ich durchaus auch nichts einzuwenden gehabt…
In der Reihe unserer anderen Veröffentlichungen ragt “Snowblind” durch seine Länge ja eher heraus. Für uns ist das Album, so wie es ist, rund. Wenn man so will, entspricht es inhaltlich und musikalisch einem LP-Format. Die Bezüge und Referenzen zum Winter-Thema bzw. zu den achtziger Jahren hätten wir nicht mehr weiter fassen können bzw. mehr gab’s von unserer Seite einfach nicht dazu zu sagen, ohne dass wir das unangenehme Gefühl gehabt hätten, nur eine weitere Variante des bereits Vorhandenen zu reproduzieren.

Da die Texte leider weder im Booklet abgedruckt, noch – wenig überraschend – verständlich eingesungen sind: Worüber textet man zu Ska-Grind? „Snowblind“ und „K2“ legen nahe, dass Bergsteigen ein Thema sein könnte, das Thema „Winter“ hast du grade schon angedeutet…?
„Vorlage“ für das Album waren atmosphärische Bilder oder Vorstellungen von Winterlandschaften mit extremen Witterungsbedingungen. Da liefen im Kopf historische Fotographien und Filmsequenzen ab, Bilder von eingepelzten Männern inmitten von enormer Kälte, Stürmen und Eis. Sie ringen mit den äußeren und inneren Naturgewalten, die sie in ihrer Suche und Sucht nach Elementar- und Extremerfahrungen herausfordern, sei es durch Arktisexpeditionen oder Bergsteigen. Es geht dabei um Zuversicht und Euphorie, um Überwindung und Willensstärke, aber auch um Einsamkeit, Verzweiflung und Agonie. Dieses Hin und Her spiegelt sich in gewisser Weise auch in den Texten wider, die letztlich sehr persönlich und emotional gehalten sind. Fürs eigentliche Songwriting allerdings spielten sie nur eine untergeordnete Rolle.

Dein größter in Erfüllung gegangener Traum (bezogen auf die Band):
Das erste Release.
…und dein größter, bis dato unerfüllter Wunsch (bezogen auf die Band):
Weiß nicht, vielleicht mal irgendwann mit den Vätern des Grindcore zusammen spielen.

Was man so sieht, spielt ihr relativ selten live, dafür aber auch schon international wie 2007 auf dem Brutal Assault. Bestehen Chancen, euch auch mal wieder auf deutschen Bühnen anzutreffen?
Für 2011 sind einige Gigs geplant, aber bislang nur einer in Deutschland, und zwar im Mai in Bremervörde. Mal abwarten.

Das wäre es dann auch schon wieder von meiner Seite. Danke für deine Zeit und alles Gute dir und der Band!
Zum Schluss würde ich gern das traditionelle Metal1.info-Brainstorming mit dir machen: Was fällt dir spontan ein zu…
Guttenberg:
Nichts
Handball-WM: Hm, vielleicht Abdelmalek Slahdji.
Winter: Nile
Kachelmann: Nichts
Metal1.info: coole Site, was sonst.
Avantgarde: Tempo 30

Ok, vielen Dank nochmal, wenn du noch etwas loswerden willst, hast du dazu jetzt eine letzte Gelegenheit:
Cheers an alle LE SCRAWL-Hörer und Metal1-info-Leser!