Interview mit André, Andreas und Henne von Nachtwindheim

„Schöne Musik für schöne Menschen“ ist nicht nur der Titel der ersten CD von NACHTWINDHEIM, sondern spiegelt auch sehr gut den Hintergrund bzw. die allgemeine Einstellung der Band wider. Mittelalterpuristen werden den „Non-Authentic Content“ des Albums wahrscheinlich meiden, doch alle anderen könnten sowohl in diesem Interview als auch live oder auf Platte viel Spaß an den Chemnitzern haben, denn ihre Konzerte gleichen mehr einer Art Theater als einem bloßen Hörerlebnis.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
André: Meine Wurzeln liegen im Death bzw. Doom Metal. Ich bin mit At The Gates, My Dying Bride und Carnivore groß geworden und mich verbindet auch heute noch sehr viel mit diesen Musikrichtungen. Ich hab ja auch von 1989 bis 1995 in diversen Death Metal Bands gespielt, ganz am Anfang bei Cancerous Core und später bei Rhetorical. Allerdings zählten schon damals Bands wie Pink Floyd, Tangerine Dream oder Mike Oldfield zu genau so großen Einflüssen und über die Jahre kamen noch sehr viele andere Inputs hinzu.
Andreas: Als ich ca. 15 war hab ich Hip Hop gehört, ich geb’s zu. Dann ging der Fernseher kaputt und im elterlichen Wohnzimmer stand die Gitarre meiner Mutter. Naja, bisschen rumgeklimpert, viel autodidaktisch gelernt. Ich hab viel so Oldie- und Countryzeugs gespielt, von Muttis Hörgewohnheiten beeinflusst. Dann kam die Punk-Zeit und die E-Gitarre und über so Hippie-Mugge wie Iron Butterfly und Jimmy Hendrix kam ich quasi „von hinten” zum Metal. Ach ja, mein Vater hatte eine Led Zeppelin-Single, die hab ich schon als Kind hoch und runter gehört. Heute höre ich viel Verschiedenes: Vintersorg, Element Of Crime, Iron Maiden, Toy Dolls. Von etwa 1995 bis 2000 hab ich in einer regionalen Rock-Jazz-Irgendwas-Band gespielt. 1998 hatte André dann die Mittelalter-Idee. Naja, und die war offensichtlich eine recht gute.
Henne: Ich kam später dazu als Ersatz für Martina, die nach dem ersten Jahr bei Nachtwindheim ausgestiegen ist. Ich kannte André und Andreas schon länger von diversen Zeltplatzgeschichten, wo auch meine musikalischer Werdegang als Lagerfeuer-Gitarrist begann. Tja, und dann musste ich mal ganz schnell Flöte und Schalmei lernen, weil die beiden einen dritten Mann brauchten. Meine musikalischen Vorlieben sind u.a. Marty Friedman (Megadeth), Necrophagist, aber auch Vivaldi und diverse Jazz-Sachen.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
André: Organisch, greifbar, fühlbar. Unsere Art der Interpretation ist natürlich sehr von unseren persönlichen und als Folge daraus auch heutigen Gefühlen und Hörgewohnheiten abhängig, also mit dem Lebensgefühl vor 500 Jahren nicht direkt vergleichbar. Allerdings ist das nicht so schlimm, da MA-Musik Volksgut ist und sich im Laufe der Jahre und Jahrhunderte verändert hat und sogar verändern muss. MA-Musik ist also in erster Linie Volksmusik (im trad. Sinn) oder aber, wer sich an diesem Begriff stößt, Folkmusik.
Andreas: Mittelalterliche Musik, bzw. das was auf MA-Märkten als solche dargeboten wird unterscheidet sich natürlich deutlich von unserer heutigen Populärmusik. Kurz gesagt, es sind andere Tonstrukturen und die Musik baut nicht auf Harmoniefolgen, wie man sie heute kennt, auf. Eine natürlich gestimmte Sackpfeife würde nicht zu einem Pop-Keyboard passen. Es ist „Bordun-Musik”, was bedeutet, dass die harmonische Untermalung aus stehenden Durchgangstönen besteht. Diese machen den schwebenden „sphärischen” Klang aus. Ist nicht ganz einfach, aber da gibt’s gute Fachliteratur drüber.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
André: Indem man lebendige Musik macht, welche die Spielfreude von heute mit den Melodien und Instrumenten von einst verbindet. Musik war schon immer Energie und so weit liegen Metal, Rock und Folk nicht auseinander wie Außenstehende oft denken.
Andreas: Stimmt. Wer dafür offen ist, merkt sehr schnell, was da geht. Man muss da nicht viel erklären.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
André: Wir geben uns ganz große Mühe unsere Instrumente bis zum Letzten auszureizen, alles aus ihnen herauszuholen. Vielseitig zu sein, ein breites Spektrum an Instrumenten und Lieder der unterschiedlichsten Epochen zu beherrschen ist dabei genau so wichtig. Eigene Kompositionen spielen dabei eine Rolle und natürlich eine jazzig, metalische Interpretation des Ganzen.
Andreas: Interessante Mehrstimmigkeit (ja, das ist nicht zwingend authentisch…), treibender Rhythmus, diverse Zitate aus neuzeitlichen Kompositionen, sehr gern aus dem härteren Rockbereich – nett geklaut und liebevoll eingebaut.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
André: Der Herausforderung, geile Musik zu machen.
Andreas: Schwer zu sagen…da kommt irgendwie alles mit rein.
Henne: Ich setze auf der Schalmei das um, was ich z.B. auch als Gitarrist machen würde. Das kann dann auch nach Metal oder nach Jazz klingen. Im Mittelalter würde es dafür sicher Pranger und Peitschenhiebe geben, aber es rockt!

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Andreas: Massenmedien müssen verkaufen und es wird das gehypt, was verkaufsträchtig ist. Auch die MA-Musik: Die Kollegen von In Ex sind ja auch im TV gelaufen. Sie bedienen diese sehr romantisierte Brachialschiene, die mit dem Mittelalter an sich recht wenig zu tun hat. Wir haben ein anderes Konzept, welches eben anders funktioniert, was natürlich nichts über die Qualität der verschiedenen Musikstile aussagen soll.
André: Dass unsere Musik von den Massenmedien ignoriert wird, finde ich sogar sehr gut. Sonst würde die Szene genau so ausbluten wie die „Neue Deutsche Welle“ oder andere Modeerscheinungen der letzten Jahre, wie z.B. „NU Metal“.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
André: Überhaupt nicht. Wer Interesse an dieser Art von Musik hat, findet das selbst heraus. Ich persönlich finde von meinem Standpunkt aus betrachtet einige Musikrichtungen genauso langweilig, eintönig und monoton. Ich bin mir aber sicher, dass der jeweils praktizierende Musiker und der verstehende Konsument dies anders betrachtet.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
André: Ich glaube, dass es da keine festgelegten Grenzen gibt. Bei unseren Auftritten stehen Großväter mit ihren Enkeln vor der Bühne und tanzen zu Musik, welche sie – wären sie auf E-Gitarren gespielt – als lautes Getöse bezeichnen würden. Generell würde ich unsere Musik als sehr „generationenverbindend“ bezeichnen. Ich glaube kaum, dass andere Stilrichtungen so viel unterschiedliches Publikum zu begeistern vermögen wie „mittelalterliche Spielmannsmusik”. Es ist toll, im Publikum „die Hardmetaller” neben „Gothics” und „normalen” Familienvätern und deren Frauen und Kindern stehen zu sehen.
Andreas: Stimmt, die Zielgruppen richten sich wohl weniger nach dem Instrumentarium, sondern eher danach, was man damit macht. Und da ist Flexibilität das Wichtigste.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
André: Es gab damals nur laute Dudelsäcke und große Trommeln. Dass Dudelsäcke schief klingen müssen, ist ebenso eine Legende. Man kann diese Instrumente auch stimmen. Übrigens: Hexenverbrennung ist eine Erfindung der Neuzeit und gehört epochenmäßig nicht mehr ins Mittelalter.
Andreas: Spielleute haben sich nie gewaschen und waren hinter allen Frauen her. OK, es gibt Ausnahmen…

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
André: Ein Gefühl, welches ich nicht vermissen möchte, das trifft wohl auf uns alle drei zu.

Ihr geht einen ähnlichen Weg wie Potentia Animi und Feuerschwanz und behandelt das Mittelalter nicht von einem authentisch-ernsten, sondern von einem humorvoll-schwungvollen Blickpunkt. Wie kam es dazu und was haltet Ihr von euren „Mitstreitern“?
André: Diese Entwicklung ist OK. Allerdings verwenden wir nur traditionelle Instrumente, um den klassischen Borduncharakter der Musik nicht zu zerstören. Wir haben von Anfang an unsere Musik nicht überbewertet und trotz unseres hohen Anspruchs an uns als Musiker, wollten wir Party machen. Das beides in Kombination ist Nachtwindheim und seit acht Jahren erfolgreich. Wir kennen und mögen beide Bands sehr, weil uns die gleiche Liebe zu alkoholhaltigen Mischgetränken verbindet.

Welche Möglichkeiten bzw. welche Vor- und Nachteile bringt eure Art von Comedy mit sich?
Vorteil: Man nimmt sich selbst nicht bierernst, hat alle musikalischen Freiheiten und spricht ein breites Publikum an, siehe unsere mittlerweile legendären Auftritte zum diesjährigen Wave-Gothic-Treffen in Leipzig.
Nachteil: Man passt in keine Schublade und lässt sich demzufolge nicht ganz so einfach werbewirksam vermarkten. Ich glaube, das liegt hauptsächlich an den Gürtelschnallen.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus CoraxAndré: auch schöne Musik
Schandmaul Andreas: netter Folk-Rock
In ExtremoAndré: Hab ich in Wacken gesehen, glaube ich, so genau weiß ich das nicht mehr.
Subway to SallyAndré: Hab ich leider verpaßt. Ich glaube, ich war da betrunken. Andreas: Ingo Hampf – Fingerkrampf. Gefällt mir recht gut.
Spielmänner und SpielmannslebenAndré: Alles nur Gerüchte. Wäre auch zu stressig. Andreas: Jawoll, Schottenrock, Springerstiefel und Rüschenhemd. Nicht zu vergessen das Trinkhorn, was ja im Mittelalter jeder am Gürtel hatte. Ein Bidenhänder-Schwert als modisches Accessoire? Klar! Fünf laute Säcke, acht Trommeln und alle Groupies der Welt, yesss!!!
Tradition oder FortschrittAndré: Beides und zwar viel davon
Plugged oder unpluggedAndré: Auf Märkten unplugged, in Clubs plugged
Tokio HotelAndré: Tolle Band. Haben die nicht mit Immortal getourt, oder war das im Vorprogramm von Enslaved!? Hab’s vergessen, ist auch egal. Ich mag ihr Warpaint. Ich glaube, die kämen in Wacken ganz gut.
Andreas: Wer? Ach ja, ich weiß, dass es in jeder Schulklasse ein bis zwei Fans gibt. Kinderarbeit ist eigentlich verboten, seit Tokio Hotel ist mir auch wieder klar warum.


Geschrieben am 21. November 2006 von Sigi Maier


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