Interview mit Michael Popp von Qntal

Zum Tourauftakt von Qntal konnte ich die Gelegenheit nutzen, um mit Gründungsmitglied Michael Popp über seine langjährigen Erfahrungen in der Szene und seine Meinung zum lauten „Dudelsackeinerlei“ von heute zu sprechen, das so rein gar nichts mit dem Mittelalter zu tun hat. Dabei geht er auch auf viele Vorurteile ein, die er selbst teilt, und die er durch seine Form von mittelalterlicher Musik sowohl mit Qntal als auch mit Estampie versucht zu widerlegen. Am Ende kam dabei eine wunderbare Ergänzung für unser Mittelalterspecial heraus. Aber hört selbst…

Zum Audiointerview mit Michael Popp (ca. 27 Minuten lang und 13 MB groß)

(Der Textteil unterscheidet sich vor allem in der Ausführlichkeit vom Audiofile stark, Michael Popp beantwortete es nach dem Face 2 Face-Interview nochmals per Mail.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Syrah und ich haben eine klassische Ausbildung. Die Mittelaltermusik war zu der Zeit auch ein exotischer Ableger der klassischen Musik. Entsprechend war das Publikum auch ein Häufchen Spezialisten und besonders Interessierter. Das breite Publikum hatte von Mittelaltermusik nicht die geringste Ahnung, Dudelsack und Drehleier waren weithin unbekannte Instrumente, geschweige denn Ud, Saz oder Tar. Fil haben wir kennen gelernt, als er im Produktionsteam für In Extremo gearbeitet hat. Unsere damalige gemeinsame Labelchefin von Vielklang hat uns schließlich zusammengebracht.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ eure Form von mittelalterlicher Musik erklären?
Musik, die sich intensiv vom Mittelalter inspirieren lässt, kompetent und virtuos. Etwas für Leute, die ein bisschen Anspruch an ihren eigenen Musikgeschmack haben. Auf jeden Fall keine Band, die die Dudelsäcke auspackt und los geht\’s.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Erstens durch intensives Studium mittelalterlicher Quellen, zweitens durch Studium fremder Musikkulturen, drittens durch unser Dasein im Hier und Jetzt als Künstler, die mit offenen Ohren durch die Welt laufen, und viertens und am wichtigsten durch unsere eigene Inspiration und Kreativität.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?

Ich denke, in der Vergangenheit wurde die Musik schon mehr als genug zugänglich gemacht, popularisiert und verflacht. Da gibt es in meinen Augen keinen Bedarf mehr. Das geht mir schon zu sehr in Richtung Anbiederung an den Massengeschmack.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Das muss letztlich das Publikum entscheiden. Aber ich denke, es ist schon klar, dass es bei unserer Musik nicht nur auf Spaß und “gute Stimmung” ankommt. In der Szene wird schon sehr, wie gesagt, auf den Massengeschmack geschielt, das ist letztlich nicht anders als in der gewöhnlichen Popmusik, die auch lediglich als Ware gehandelt wird, die möglichst oft verkauft werden soll. Bei uns gibt es da schon einen anderen Ansatz, der mehr mit künstlerischen Fragen zusammenhängt.

Ihr wollt eine Art Gegenpol zu den lauten grölenden Mittelalterbands bilden, was ihr allein schon dadurch tut, dass ihr eine weibliche Sängerin habt. Leidet darunter nicht die Authentizität? Dudelsäcke und andere Instrumente gab es früher bereits und sind bei den Durchschnittsbürgern eher präsent in Verbindung mit mittelalterlicher Musik als Elektro. Oder wollt ihr bewusst keine Klischeevorstellungen bedienen?
Lustig, dass jetzt die Frage nach der Authentizität kommt. Wir mussten uns früher noch viel mit diesen Argumenten (aus akademischen und musikwissenschaftlichen Kreisen) herumschlagen. Das ist eigentlich und Gottseidank vorbei. Es gibt in unserer Zeit per Definition nichts authentisch Mittelalterliches, weil wir eben nicht mehr im Mittelalter leben. Was heute als Mittelaltermusik verkauft wird, ist am allerwenigsten authentisch. Wir bedienen doch letztlich eine mehr oder weniger zutreffende Vorstellung des Publikums von dem, was es für Mittelalter hält. Glaubst du, im Mittelalter hätte jemand Geld für diesen ganzen kunstgewerblichen Krimskrams ausgegeben, der heutzutage auf den Märkten angeboten wird? Die meisten hatten ja überhaupt kein Geld. Wer aber eine ungefähre Vorstellung bekommen will, wie Mittelaltermusik vielleicht in etwa geklungen haben könnte, muss sich mindestens 20 Jahre alte CDs kaufen (Studio für frühe Musik, Sequentia, frühe Estampie, etc.), aber dabei handelt es sich auch um CDs – nicht gerade authentisch. Es würde ja schon genügen, sich vorzustellen, welche Bedeutung Musik hätte, wenn es keine Tonträger, keine Verstärkungsanlagen, keine Reisemöglichkeiten, keine Auftrittsorte usw. usf. gäbe. Musik würde überhaupt keine Rolle im öffentlichen Leben spielen! Wir alle spielen sozusagen auf der Klaviatur der Moderne und ihrer technischen Möglichkeiten alte Melodien. Das ist alles.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Radio und TV decken ja sowieso nur ein schmales Segment des so genannten Massengeschmacks ab, da ist nichts Interessantes zu erwarten. Die Massenmedien werden von den Geldgebern im Hintergrund kontrolliert und letztendlich zensiert. Nichts wird durchgelassen, was eventuell den Profit schmälern könnte. Das ist eigentlich ein Skandal, aber die Leute sind schon so in der Massenverblödung gefangen, dass sie das gar nicht mehr merken.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Hör die mal eine Qntal-CD an und anschließend hörst du 45 Minuten einen Radiosender – sagen wir mal Antenne irgendwas -, dann kannst du Qntal alles vorwerfen, aber nicht, dass es im Vergleich zum Radiogedudel langweilig klingt. Aber das ist alles eine Frage der Hörgewohnheit. Es ist nicht meine Absicht, die Leute von ihren Gewohnheiten abzubringen. Wenn einer meint, Qntal oder Mittelaltermusik überhaupt sei langweilig, so hat er ein gutes Recht dazu.

Bei eurem neuen Album „Silver Swan“ habt ihr bewusst auf die extreme Vielfältigkeit des Vorgängers verzichtet und liefert damit allen vorschnellen Kritikern Nahrung, dass sich ein jedes Lied gleich anhört. Was entgegnet ihr auf sowas? Und wie kann man diese Kritiker doch für eure Musik gewinnen?
Diesem Kritiker entgegne ich, er soll sich mal die Ohren ausputzen. Wenn ich in ein Klavierkonzert gehe, höre ich auch 2 Stunden lang nur Klavierklang, aber dafür bekomme ich unterschiedlichste Melodien und Harmonien, Stimmungen und Ausdrucksformen mit, aber nur wenn ich das entsprechende Interesse mitbringe. Ein Kritiker, der dieses einfach nicht hört oder nicht hören kann, ist für mich nicht ernst zu nehmen. Der soll eben etwas anderes anhören.

Habt ihr spezielle Zielgruppen, wenn ja welche?
Keine spezielle Zielgruppe.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Dass es bei Mittelaltermusik nur um Spaß und Unterhaltung geht.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Auch dort gibt es hin und wieder Qualität, aber eher selten. Insgesamt lässt sich folgendes sagen. Je härter die Zeiten für das Volk, desto aggressiver wird seine Musik und gleichzeitig nehmen die Fluchttendenzen zu (in die virtuelle Welt, in die Phantasie, ins Private, in die Ablenkung und den “Spaß”, in die Vergangenheit). All dieses bietet die Mittelalterszene mit ihren Märkten und Vorgegaukel. Das macht ihren Erfolg aus und viele Leute leben sehr gut davon.

Könnt ihr euch Qntal mit männlichem Gesang vorstellen?
Natürlich, auch wenn das Konzept nun mal auf Syrahs Stimme zugeschnitten ist. Aber denkbar ist alles.

Ihr singt nicht deutsch. Leidet darunter die Aussagekraft eurer Musik oder was sind die Hintergründe dafür, dass ihr Englisch, Französisch, etc. dem Deutschen vorzieht?
Wir singen schon Deutsch, aber eben Mittelhochdeutsch und nicht modernes Deutsch. Die Texte sind für mich der eigentliche Kern der Mittelaltermusik. Wenn da einer daran herumdoktert (meistens noch recht stümperhaft) oder gar seine eigenen Ergüsse zu Besten gibt…also, das finde ich eher peinlich.

Wie sehr beeinflusst die Arbeit mit Estampie die Werke von Qntal und umgekehrt?
Eigentlich nicht so stark, abgesehen davon, dass der Kern der Personen, die hinter den Projekten stehen, derselbe ist. Aber ansonsten ist die Herangehensweise schon sehr unterschiedlich. Noch dazu arbeiten wir bei Estampie immer mehr mit Gästen aus anderen Kulturkreisen, so dass das Ganze ein bisschen in Richtung Worldmusik geht.

Wie würdet ihr Einsteigern den Begriff „Electronic Avantgarde“ erklären?
Filter auf – Filter zu. Anders ausgedrückt, es handelt sich um ein Herumgeschraube mit dem Ziel, den gesamten der Welt zur Verfügung stehenden Klangvorrat zu erforschen, was natürlich nicht geht und deswegen die Herumschrauber zum Wahnsinn treibt, der sie nur noch mehr und heftiger herumschrauben lässt.

Inzwischen zählt ihr auch schon zu den „alten Hasen“. In den Anfangsjahren, als Michael Popp noch bei „Deine Lakaien“ aktiv war, wurden mittelalterliche Elemente wie z.B. Drehleiern und Fideln in Verbindung mit elektronischer Musik noch sehr skeptisch beäugt. Wie erklärt ihr euch den Wandel über all die Jahre bis heute, wo es sozusagen selbstverständlich ist, diese beiden Stilrichtungen zu kombinieren?
Das ist schon so lange her, dass ich mich gar nicht mehr richtig erinnern kann. Aber es stimmt schon, in den Anfängen von Deine Lakaien war schon die Gitarre ein ziemlich verpöntes Instrument, erst recht Laute, Drehleier usw. Aber irgendeiner musste damit anfangen und das waren halt mal wir. Dass dieser ganze Trend dann so Furore machen würde, war nicht abzusehen. Ansonsten gilt, was ich vorher schon über den Erfolg der Mittelalterbewegung gesagt habe.

Nehmen manche Bands sich selbst und das Mittelalter zu ernst? Wenn ja, was sind die Konsequenzen?
Darüber kann ich nichts sagen. Das weiß ich nicht.

In einer Zeit, in der jedermann zu Hause Musik machen kann und die Anzahl an Bands auch in eurem Genre täglich zu nimmt – wie schafft man es, dass man immer neue Pfade erkundet und nicht in den Spuren von anderen wandert?
Das ist eine Frage der Motivation, warum ich überhaupt Musik und warum ich gerade diese Musik mache. Natürlich gibt es in unserem Bereich viele, die sobald sie 7 oder 8 Töne auf dem Dudelsack einigermaßen unfallfrei spielen können, sofort die Welt mit ihrer Kunst erfreuen. Das ist auch ihr gutes Recht, es gibt ja schließlich auch ein Publikum für so etwas. Ich würde sterben vor Langeweile, wenn ich so etwas tun müsste. Also mache ich mich immer wieder auf zu neuen Ufern, lerne neue Instrumente und Stile, spiele mit neuen, guten Musikern usw. Das ist halt meine Welt. Dass dieses das durchschnittliche Publikum leicht überfordert, ist mir schon klar.

Mit wachsendem Erfolg steigt auch der (finanzielle) Druck. Wie geht man damit um, wenn man es lange Zeit gewohnt war, sich nicht um die Charts usw. zu kümmern?
Der Druck ist ohne Erfolg eigentlich größer. Du musst halt von irgendwas leben, aber im Vordergrund steht immer die Kunst. Wenn es mal keinen Weg mehr gibt, das zu spielen, was ich für wichtig halte und mir Spaß macht, höre ich auf und verdiene mein Geld irgendwo anders. Wäre auch keine Katastrophe.

Was darf man sich von eurer kommenden Tour mit Unto Ashes als eigenständiger Support einerseits und als Orchester für Qntal andererseits erwarten?
Ist ja schon vorbei. Es war rundum – menschlich und künstlerisch – ein voller Erfolg.

Und zum Schluss: Wodurch unterscheiden sich eure Fans von anderen?
Das weiß ich nicht. Ich denke mal, jeder Fan macht auch eine Entwicklung durch, vor allem wenn er jung ist. Kann schon sein, dass einer erst Tokio Hotel, dann Schandmaul und schließlich Qntal hört. Oder umgekehrt? Naja , das ist eher unwahrscheinlich.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – Pioniere der Popularisierung der Mittelaltermusik
Schandmaul – Olching! (wohnen die nicht da?)
In Extremo – die Mutigsten von allen, kompromisslos.
Subway to Sally – was für ein Name im Zusammenhang mit Mittelalter, aber die wollen doch gar nicht mehr Mittelalter sein. Oder hat sich das wieder geändert?
Spielmänner und Spielmannsleben – super”authentisch”
Tradition oder Fortschritt – klingt wie ein Wahlkampfmotto der CSU
Plugged oder unplugged – mal so, mal so
Tokio Hotel – da war ich noch nie

 

 


Geschrieben am 12. Oktober 2006 von Sigi Maier

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