Interview mit Niklas Kvarforth von Shining

SHINING – eine Band, die die letzten Wochen oftmals im Fokus der Öffentlichkeit stand. Sei es durch das Verschwinden von Niklas Kvarforth und die daraus resultierenden Ränke oder sei es der Skandal-Gig in Halmstad. Dieses extreme Verhalten ließ Bandkopf Kvarforth auch im Interview mit uns durchblicken, in dem er auch auf die beiden genannten Ereignisse einging.

English original…

Grüße Niklas, wie geht es dir?
Wirklich total desorientiert, es gab da eine ganze Reihe schlechter Ereignisse, welche in der letzten Woche nacheinander zuschlugen. Das letzte war, dass ich mein Apartment aus häuslichen Gründen verloren habe. Wenn ich nun also die Interviews beendet habe, sammle ich mich und suche nach einer neuen Wohnung.

Erst einmal: Du bist sicherlich zufrieden mit „V – Halmstad“, oder?
Ja.

Wie schätzt du das Album ein?
Das kompletteste Album bisher, außerdem die persönlichste Arbeit, welche ich bis dato ablieferte. Vielleicht ein bisschen zu persönlich. Zudem finde ich, dass das Album in Sachen kommerzieller Anreiz zufriedener stellt als das vorherige, was, wie ich meine, eine gute Sache ist. Allerdings sehe ich es ebenso als meine bisher dunkelste und finsterste Leistung an.

Euer neues Album schlägt wieder in dieselbe Kerbe, nur hatte ich den Eindruck, es wäre viel verfeinerter und quasi abgerundeter. Wie siehst du das?
Ich plane nichts, wenn ich Musik oder Texte schreibe, es geschieht alles natürlich und nichts ist geplant. So arbeite ich von Anfang an, seit elf Jahren, und niemals schlug diese Methode fehl. Ich bin einfach keine Person, welche dazu in der Lage ist, sich hinzusetzen und Musik zu schreiben nur um Musik zu schreiben. Durch diesen Weg kommt auch die Shining-Atmosphäre zustande, welche wir die ganzen Jahre über lieferten; ein Unikat an dunkler Atmosphäre und niemand sonst könnte eine solche Leistung aufrechterhalten, falls man nicht – wie ich – im Inneren von einem selbst lebt.

Halmstad ist ja eine Stadt in Schweden, wieso ziert sie denn den Titel eures neuen Werkes? Eure Heimat oder gibt es einen anderen Grund?
Dort wurde ich geboren und dahin kehrte ich zurück, nachdem ich die ersten 19 Jahre meines Lebens in Schwedens Hauptstadt, Stockholm, verbrachte. Ich zog dorthin, weil ich glaubte, es wäre meine Zufluchtsstätte, doch vier Jahre später erwies es sich dann als mein schlimmster Albtraum. Als ich den Gesang zum Album aufnahm, fühlte es sich auf einmal eher an, als würde ich eine Serie von Bekenntnissen geben, anstatt ein paar Stücke aufzunehmen. Dadurch wollte ich das Album nach meinem Geburtsort benennen, eben irgendwas, was ausstrahlt, dass das Album ein Stück zu persönlich für Außenstehende ist. Dann fügte ich den offensichtlichen Untertitel des Albums hinzu, das Thema weiter extrahierend.

Wen zeigt uns das Cover eures neuen Albums?
Die Lösung aller Dinge, unser Wunsch an alle, welche unser Album auflesen und an alle anderen.

Würdest du „V – Halmstad“ zugestehen, dazu in der Lage zu sein, imaginäre Szenarien hervorzurufen?
Mir wurde schon oft gesagt, dass meine Musik dazu in der Lage ist, Bilder in den Köpfen unserer Hörer hervorzurufen, was ich sehr erfreulich finde, da es mir zeigt, dass die Musik das Potential hat, die Leute wirklich abzufucken, was im Endeffekt das ist, wonach ich strebe. Ich würde wirklich gerne wissen, was sie sehen, da ich mir sicher bin, dass die Szenen ganz sicher sehr unerfreulich sind.

Welches Lied hälst du für das beste auf „V – Halmstad“ und weshalb?
Oftmals kann ich Lieder nicht nur „genießen“, aber wenn mich etwas anspricht ist es die Gesamtheit eines Albums. Aber wenn ich wirklich ein Stück des neuen Albums nennen müsste, wäre es „Längtar Bort Från Mitt Hjärta“, weil jedes Mal, wenn ich es höre, werde ich von der Erinnerung heruntergeschleppt und an das erinnert, was die letzten Jahre meines Lebens passierte und dass es einfach eine Reise ist. Wenn du ein paar Stunden in meinem Körper und Geist verbringen müsstest, würdest du in dieser Zeit Ziegel scheißen.

Was soll eigentlich die Nummerierung eurer Alben? Hat das einen bestimmten Sinn oder gar ein Konzept?
Ich bin ein Fan von Led Zeppelin und Danzig und ich denke, dass mein Ziel sowas ist wie, dass meine Platten eines Tages einen solchen Status wie Led Zeppelin I-IV und Danzig I-IV erreicht haben. Obwohl mir durchaus bewusst ist, dass das nie geschehen wird, muss man gen Himmel streben um dieses Vorhaben teilweise zu erreichen.

Nun seid ihr ja mittlerweile zu einer festen Größe im sogenannten Suicidal Black Metal geworden und werdet gerne als Referenz herangezogen. Welche Bands siehst du momentan ganz vorne, wenn es darum geht, euren Stil oder eure Spielart aufzugreifen?
Im Jahre 1996 nannte ich meinen Stil „Suicidal Black Metal“ um mich von den mittelmäßigen Würmern in der Szene abzugrenzen. Ich hörte dann aber 2001 damit auf, diesen Term zu nutzen und ich bemerkte, dass hunderte von bedeutungslosen Bands diesen Begriff von nun an nutzten; aus meiner Sicht der Dinge haben sie alle meine Initialvision komplett fehlinterpretiert. Ich wollte niemals ein Subgenre erschaffen, in welchem Idioten ihr Selbstmitleid ausdrücken und ihre Musik als scheiß Form der Therapie nutzen; es ist genau falsch herum! Meine Intention war, die Musik als Waffe gegen den Hörer zu nutzen, sie erzwungen füttern mit selbst-zerstörerischen und suizidalen Idealen, um damit hoffentlich eine Welle der Unsicherheit zu kreieren, traurige Kinder verletzen sich selbst und andere.

Mal etwas direkt gefragt: Ist die Sache mit Ghoul und deiner zwischenzeitlichen Absenz eine gelungene Promotion gewesen?
Damit anzufangen, war nie als Promotion oder ähnliches gedacht, die Leute machten es nur dazu. Es war bloß ein Missverständnis oder ein Fehler in der Kommunikation zwischen mir und der Band / dem Management. Was passierte, war, dass die Situation in Halmstad komplett aus der Hand glitt und die Situation sowohl physisch als auch mental nicht tragbar war. So entschied ich mich, alles und jeden zu verlassen und mich nicht darum zu kümmern, was aus der Band oder allem anderen wird, was eine ganz normale Reaktion in fürchterlichen Zeiten ist. Ich ging nach Oslo und dort bekam ich die Hilfe, die ich brauchte um wieder auf die Beine zu kommen. Ich arbeitete in einer Bar, ging verloren aufgrund des Drogen- und Alkoholkonsums, hatte wahllosen Sex für drei, vier oder fünf Monat; eine Periode, in der ich keinen Kontakt zum Label, zu den Bandleuten, zum Management oder wem auch immer hatte. Währenddessen machten sich offensichtlich „enge“ Freunde Gedanken, was mit mir passiert ist. Jene, welche mich wirklich kennen, würden sich nicht genau darauf festlegen, dass die Möglichkeit des selbstverursachten Todes besteht. Aber keiner sagte, dass ich tot sei, dass kam erst durch EUCH auf, ich meine die Medien und jedes mongoloide Black Metal-Kiddie mit Zugang zu einem Computer und zu einigen Forenadressen, welche das Statement unseres Managers auf der Homepage falsch deuteten. Wie auch immer, schau es dir noch mal an und du wirst vielleicht erkennen, dass mein „Tod“ niemals bekannt gegeben worden ist. Was ganz witzig ist, ist, dass dieser Vorfall oder die Größe unseres neuen Albums uns die doppelte Anzahl Fans bescherte, die wir sonst gehabt hätten. Also WENN das ein Publicitygag gewesen wäre, wäre er sehr, sehr erfolgreich gewesen.

Auch wenn es makaber ist: Kurz zuvor brachte sich Jon Nödtveidt um, kam da die Inspiration her?
Nein, ich verschwand ein paar Wochen vor Jons Tod und die Band wurde von einem Freund von mir ein paar Wochen vorher „informiert“. Der Manager veröffentlichte die Nachricht ein paar Tage danach (nach Jons Selbstmord), jedoch war er sich vermutlich nicht dem bewusst, was Jon passierte. Ich meine, unser Manager hat noch nicht einmal eine Ahnung, wer Darkthrone sind, vermutlich hat er also noch weniger Ahnung, wer Dissection waren.

Ich hörte davon, dass ihr letztens auf einem Konzert zusammen mit Nattefrost und Attila für einen Eklat oder aber zumindest eine kranke Show gesorgt habt. Weißt du, was ich meine und wie siehst du die Sache, schließlich werden Geschichten auch gerne hochstilisiert?
Viele dieser Gerüchte, welche vom Halmstad-Konzert handeln, sind bloß Übertreibungen der Medien. Es war eine normale Shining-Show, bei der es Gastauftritte gab: Attila, Nattefrost und natürlich auch mein guter Freund Maniac; sie alle steuerten zur Geburt von „Ghoul“ bei. Was die Medien daraufhin berichteten, war, dass ich der ersten Reihe Rasierklingen gab, ihnen sagte, sie sollen sich selbst verletzen, dass ich jemandem in die Brust trat, dass ich Urin trank, dass Maniac mich zusammenschlug und sich eine Swastika in die Stirn einritzte. Ich gebe den Massen oft Rasierklingen. Ich möchte, dass sie sich selber verletzen. Ich verletze Leute und habe zu korrekte Fans, welche zuviel über sich selbst nachdenken. Ich trinke oft Urin, weil es ein Part der Transzendenz ist, welche ich auf jedem Konzert und während normalen Tagen anstrebe. Maniac schlug mich inmitten des Ganzen, was kein Problem war, da es aufgrund der negativen Energien auf der Bühne verrückt gewesen wäre, es nicht zu tun. Und zu guter Letzt war Maniac sehr schlecht drauf und trank sehr viel und manchmal spielst du dann mit deinem Körper, in seinem Falle war das das Einritzen einer Swastika in die Stirn. Ich muss hervorheben, dass ich nicht politisch bin, es ist egal, ob du schwarz, weiß, braun, grün oder was auch immer bist. Ich kann die Aufregung darum nicht nachvollziehen; Ich meine, er performte einen Song und es passierte, dass er sich eine Swastika in die Stirn einritzte. Ich meine, inwiefern bezieht sich das auf die Band Shining? Glaub mir, dass nächste Mal, wenn man uns live sehen kann, wird es 10mal schlimmer enden.

Was ist deine generelle Auffassung einer gelungenen Bühnenperformance?
Die Show zu beenden. Wenn du wüsstest, was für Visionen ich in meinem Kopf habe, würdest du das Interview niemals veröffentlichen oder eher den Rest deines Lebens damit verbringen uns von jedem Schauplatz, jeder Parkfläche und was nicht alles auf der Welt verbannen.

Auf eurer MySpace-Seite sieht man eine Vielzahl, sagen wir mal, extremer Auftritte von dir. Gehst du darin völlig auf oder trifft es deinen Lebensstil?
Glaubst du wirklich, dass ich meine spirituelle Arbeit als einen manifestieren Witz ansehe? Um Feuer zu beschwören, musst du mit dem Feuer leben, obwohl du von Zeit zu Zeit verbrannt werden könntest. Ich tue das nun seit elf Jahren und es gibt nichts, was mich stoppen könnte; ich lebte viele Jahre lang in der Gosse und es wird immer schlimmer aber du siehst mich hier mit einem Lächeln auf den Lippen, welches ich dir entgegenspeie, stehen. Komm, mach bei der Orgie mit!

Was ist deine Meinung zur Swastika-Geschichte und Taake?
Könnte mich nicht weniger interessieren. Es gab ein großes Theater, als Maniac dasselbe auf dem Gig in Halmstad tat, aber Taake haben mich niemals musikalisch beeindruckt. Soll heißen, dass ich diese Art an Musik und Black Metal im Speziellen nicht mag. Es ist gut, falls Take damit ein paar Tränen in den Augenliedern ihrer Fans hervorgerufen haben, hurra!

Was hälst du von Nattefrosts Musik? Sie wird ja häufig als krank abgetan, zumal er auch Toilettensequenzen verarbeitet.
Ich mag seine Musik, welche er die Jahre erschuf, teilweise, jedoch muss ich zugeben, dass sein Zeug, welches er neben dem Metal macht, fürchterlich im Vergleich zur anderen Musik. Was ist extrem am Aufnehmen von pissen und kotzen? Es ist etwas, was wir alle tun, die meisten von uns an jedem Tag, der vergeht. Ich erkenne bislang sein konstantes Bemühen ums Absurde und Morbide an, einige seiner Methoden sind nach meinem Empfinden aber zu kindisch. Er sollte sich stattdessen auf seine Brillanz, die er in Sachen gutes Songwriting besitzt, konzentrieren.

Da du ja offensichtlich mit Mayhem bekannt bist, weißt du, was uns bei ihrem nächsten Werk erwarten wird?
Ich bin seit vielen Jahren mit Hellhammer befreundet, Attila und Maniac sind zwei meiner besten Freunde und ich erkenne Rune und Jørn ebenso an. Ich bekam ein paar Tage nach dem sie das neue Album das erste Mal gemixt hatten, eine Kopie und ich bin derzeit sehr beeindruckt. Ich liebe die Dunkelheit, von der sie es fertig gebracht haben, sie auf das Album zu bannen; etwas, was meiner Meinung nach in großen Teilen ihrer Karriere fehlte.

86.400 sind es jeden Tag, was machst du mit deinen Sekunden?
Dasselbe wie du, ich werfe sie alle weg.

Das war es auch schon, Niklas, ich bedanke mich!
Tata / K.


Geschrieben am 25. April 2007 von Gastredakteur

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