Interview mit Reiner und Michel von Spectaculatius

Wer den Namen SPECTACULATIUS zu schnell (oder zu betrunken) liest, könnte mehr an ein weihnachtsliches Gebäck als an eine Mittelalterband denken. Allerdings sind die Lebkuchen weit weniger “spectaculär” als diese vier Musiker, die immer für einen Spaß (und etwas Alkoholisches) zu haben sind und zugleich doch als ernstzunehmende Musiker durch die Lande ziehen. Für kurz angebundene Freunde von kurzweiliger Unterhaltung empfiehlt sich besonders das Wortspiel – für alle anderen noch dazu das Interview.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Reiner: Wir kennen uns bereits seit etwa 20 Jahren. Alles begann mit Heavy Metal. Das war unser gemeinsames Steckenpferd. Dann driftete jeder in die unterschiedlichsten Musikrichtungen wie Blues, Punk oder Trash-Metal ab. Nachdem wir uns zeitweise aus den Augen verloren hatten, trafen wir uns im historischen Monat August 1998 auf meiner Geburtstagsparty. Micha, Oli und Marco hatten sich bereits eine ganze Weile mit Irish-Folk beschäftigt und den einen oder anderen Mittelaltermarkt besucht. Sie brachten Instrumente mit, und wir spielten einfach ein paar Liedchen von diversen CDs nach. Das Ganze kam so gut an, dass wir uns entschlossen, es mal auf einem Mittelaltermarkt zu versuchen. So besorgten wir uns kurzerhand die richtige Gewandung und zogen los. Unser erster Markt war „Bad Münster am Stein“, und es hat uns solchen Spaß gemacht, dass wir die Band SPECTACULATIUS gründeten.
Nach einiger Zeit gerieten wir durch Zufall an unseren Produzenten Roland Kempen („Die Streuner“), der dann mit uns unsere ersten beiden CDs aufnahm. Durch die CDs und unsere zahlreichen Auftritte auf Mittelaltermärkten hatten wir uns dann irgendwann soweit etabliert, dass zumindest Micha und ich uns 2001 als Musiker selbstständig machen konnten.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Reiner: Tja, erklären wird schwer. Man sollte es einfach hören. Zu sagen wäre wohl vor allem, dass das wenigste, was man heute als „mittelalterliche Musik“ kennt tatsächlich welche ist. Meistens wird sie durch den Einfluss der heutigen Zeit doch extrem verändert.
Aber dass E-Gitarren und Schlagzeuge nichts mit Mittelalter zu tun haben, muss man ja wohl keinem erklären. Unsere Musik ist ja auch nicht „rein mittelalterlich“, sondern eben für das heutige Ohr entsprechend angepasst. Gruppen wie Wünnespiel oder Freiburger Spielleut, die mittelalterlicher Musik wohl noch am nächsten kommen, kennen leider nicht so viele.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Reiner: Der Zauber, durch den heutzutage viele dem Mittelalter „verfallen“, liegt wohl auch in der Darbietung auf den Märkten. Das Ganze wird meistens mit viel Witz etc. dargeboten.
Dazu kommen natürlich die exotischen Instrumente wie Dudelsack und Drehleier. Das ist was Neues und es hört sich „meistens“ auch noch gut an. Hinzu kommt dann natürlich noch die schöne Atmosphäre auf den Märkten. „Locker bleiben“ heißt die Devise – und Spaß haben!

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Wiedererkennungswert bei eurer Musik?
Reiner: Schwer zu sagen. Wir versuchen größtenteils alte deutsche Folklore von der Zeit der hohen Minne bis zur Zeit des Bänkelsangs mit mittelalterlichen Instrumenten und verständlichen Texten an das heutige Ohr anzupassen. Das Ganze mit viel Humor! Dazu kommt noch die Vielfalt unserer Instrumente. Es kommt so ziemlich alles zum Einsatz, was es damals so gab. Letzten Endes sind es unser reger Austausch mit dem Publikum und die gut verständlichen Liedtexte, welche bei vielen Leuten gut ankommen. Dazu kommt natürlich noch, dass man merkt, wie gut befreundet wir eigentlich sind. Nach bald 20 Jahren kann man schon von „eheähnlichen“ Verhältnissen reden *g* Wir sind einfach wir, man kann uns einfach nicht kopieren.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Michel: Bei uns dominieren doch eher die Folkelemente und im Allgemeinen kann man sagen, dass wir uns kulturell an dem deutschsprachigen Raum orientieren.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Michel: Da heutzutage die meiste Musik, wenn sie nicht gerade aus dem „Underground“ kommt, eine industrielle Abfertigung ist, stößt diese den meisten Menschen mittlerweile auf, weil sie nicht wirklich „lebendig“ ist. Gefragt ist wieder ehrliche handgemachte Musik. Was die Radiosender angeht, sind diese natürlich von der Industrie abhängig.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Michel: Aus der heutzutage poliphonen „Sicht“ der Ohren, wirkt die meiste Musik mit historischen Instrumenten auf Dauer schnell eintönig, weil die „alten Geräte“ oftmals keinen besonders großen Tonumfang haben. Dennoch kann man mit etwas Geschick durch Rhythmuswechsel, Tonartwechsel und Dynamik verschiedene Stimmungen erzeugen, was dann aber manchen Leuten schon wieder zu kompliziert ist.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Michel: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Eigentlich lässt sich fast jeder von diesen Klängen ansprechen – je nachdem, wie man das Instrumentarium einsetzt, bzw. „traktiert“.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Reiner: Dass der Dudelsack aus Schottland kommt!

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Reiner: Eigentlich ist jeder Auftritt einer Musikgruppe in gewisser Hinsicht ein Konzert.
Die großen Konzerte am Abend sind natürlich nochmals ein Highlight eines Marktes und machen uns z. B. immer eine Menge Spaß.

„Narrenschiff“ lautet der Titel eures nunmehr 3. Studioalbums. Im 15. Jahrhundert war dies das erfolgreichste Buch vor der Reformation, in dem alles und jeder zum Narren gemacht wurde. Seht ihr darin auch eine versteckte Kritik an der Mittelalterszene, die sich teilweise zu ernst nimmt?
Aber nein…………..!?

Immer mehr Elemente erhalten Einzug in das, was heutzutage als mittelalterliche Musik gilt, u.a. Elektro, Rock, Metal und auch Comedy, so wie bei euch. Seht ihr irgendwo noch ungenutzte bzw. ungeahnte Möglichkeiten? Und welche Elemente gefallen euch persönlich am besten?
Reiner: Man könnte vielleicht noch Sex auf der Bühne machen, oder so? Oder einen Schlangenspangenkannenzangenstangentanz mit Spongo-Bongo aus dem Kongo an der Bongo begleitet von Kelemekele an der Ukulele, oder so? (Fänd\’ ich jetzt persönlich am besten)

Eine Standardfrage zum Schluss: Wie entstand der Name Spectaculatius? Mit weihnachtlichem Gebäck wird es ja wohl eher wenig zu tun haben.
Reiner: Natürlich während eines Saufgelages! Wir haben uns den Namen dann auch sicherheitshalber gleich schützen lassen. Dann kam aber ein paar hundert Jahre später so eine Gebäckfirma und die wollten ihr Produkt auch so nennen. Das durften sie aber nicht und mussten es so einfach Spekulatius nennen (Doofer Name, nä?). Dem Patentamt sei dank!

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – Laut
Schandmaul – PUR des Mittelalters
In Extremo – Kreisch
Subway to Sally – Who the fuck is Sally?
Feuerschwanz – Selber schuld (Blasen soll helfen)
Potentia Animi – Viagra kann auch den Geist beflügeln
Spielmänner und Spielmannsleben – PROST!
Tradition oder Fortschritt – Das eine kann nicht ohne das andere
Plugged oder unplugged – Zähneputzen soll helfen
Tokio Hotel – Sie sind jung und brauchen das Geld!


Geschrieben am 3. November 2006 von Sigi Maier


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