Interview mit Teufel von Tanzwut

Der Elektro/Rock-Ableger von Corvus Corax, TANZWUT, blickt genau wie die mittelalterliche Ursprungsformation ebenfalls auf eine illustre Vergangenheit zurück, die erst in diesem Jahr mit dem neuesten Album “Schattenreiter” ihre Fortsetzung fand, an dem u.a. Schandmaul-Leadsänger Thomas Lindner und Geigerin Anna Kränzlein mitwirkten. Wie es dazu kam, wo Corvus Corax aufhört und Tanzwut anfängt und welche Ansichten der markt- und konzerterfahrene Frontmann Teufel zu den bekannten Standardfragen vertritt, findet ihr hier.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Bands, die einen ähnlichen Stil fahren wie Tanzwut?
Es gibt glaube ich keine Bands, welche man so richtig vergleichen kann, da doch alle ihren eigenen Stil haben.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Unsere Musik wird hauptsächlich von dem, was uns umgibt, beeinflusst. Das, was wir sehen und erleben, fließt in unsere Lieder ein. Die Menschheit an sich ist auch eine gute Inspiration.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Wir haben noch nie wirklich im TV oder Radio stattgefunden. Unser Publikum erreichen wir über Bühnenauftritte. Und keiner von uns sieht ein, eine Menge Geld zu bezahlen, nur damit wir auf MTV laufen. Wir freuen uns über die Leute, die nicht nur das konsumieren, was von den Medien tagtäglich vorgekaut serviert wird.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für eure Musik?
Zum Glück haben wir keine bestimmte Zielgruppe. Durch die Mittelaltermärkte haben wir ein breites Publikum, welches sich über Corvus Corax auch für Tanzwut interessiert.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit „Mittelalterrock“ bringt?
Dass diese Bands selbst gewebte und selbst angebaute Unterwäsche tragen.

Tanzwut entstand aus Corvus Corax. Wäre der umgekehrte Weg ebenfalls denkbar gewesen oder konnte es nur so laufen?
Da wir auf der Strasse angefangen haben Musik zu machen – ohne Stromanschluss und Bühne – war nur eine Entwicklung in dieser Richtung für uns möglich. Ich glaube, es ist selten, dass jemand aus einer Rockband von der Bühne auf die Strasse geht.

Ihr singt deutsch. Sind aussagekräftige deutsche Liedtexte von deutschen Bands in Deutschland durch die „Veramerikanisierung“ unterbewertet?
Mittlerweile gibt es sehr viele Bands, die deutsch singen. Wir kommen ja aus dem Osten und sind mit deutschsprachiger Rockmusik aufgewachsen. Daher ist deutsch für uns nichts Unnormales. Es ist nun mal unsere Muttersprache, die wir am besten beherrschen.

Tanzwut wurde gegründet, um musikalisch für Abwechslung zu sorgen. Heißt das, dass euch selbst Dudelsack, Trommeln, usw. auf Dauer zu eintönig wurden oder gibt es noch andere Beweggründe?
Es wurde uns einfach zu langweilig und wir wollten was – für uns – Neues ausprobieren.

Wenn Corvus Corax die „Könige der Spielleute“ sind, was sind dann Tanzwut im Vergleich dazu?
Das kann ich so nicht sagen. Titel werden immer von anderen vergeben und Tanzwut hat meines Wissens noch keinen erhalten. Auch der Titel „die Könige der Spielleute“ wurde uns von anderen verliehen.

Trennt ihr Corvus Corax und Tanzwut strikt voneinander oder fließen hier und da Elemente mit ein?
Ab und zu vermengt sich was, aber wir versuchen beides wie zwei eigenständige Bands zu sehen.

Bei Corvus Corax ist der altfranzösische oder lateinische Gesang mehr Zugabe zu rein instrumentalen Stücken, so dass die Aussage der Stücke durch die Instrumente erfolgt. Bei Tanzwut singt Ihr auf Deutsch und dadurch ergeben sich völlig neue Prioritäten. Wie beeinflusst das die Musik und die Rolle des Leadsängers?
Bei Corvus Corax gibt es keinen Frontmann. Da sind wir alle Frontleute, da die Musik eher tanzbare Instrumentalmusik ist. Bei Tanzwut ist alles wie bei einer Rockband und die Dudelsäcke haben einen anderen Stellenwert. Da ist wohl der Teufel gar selbst Frontmann.

Wo liegen die Vor- und Nachteile, wenn man seit über 10 Jahren mit fast der gleichen Besetzung in unterschiedlichen Projekten zusammen Musik macht?
Man kennt sich aus dem „FF“. Das ist sowohl Vor- als auch Nachteil.

Wie verhindert ihr auf Dauer Eintönigkeit und Stagnation in dem, was ihr tut?
Indem wir uns nicht in grenzenloser Selbstherrlichkeit baden, sondern nach Neuem suchen.

Beim neuen Tanzwut-Album gibt es bei „Immer noch wach“ Gastauftritte von Thomas und Anna von Schandmaul, während Castus und Wim umgekehrt ein paar Monate beim Kunststück der Mäuler mitgewirkt haben. Wie wichtig sind solche Kooperationen? Welche Möglichkeiten bieten sie in Zukunft noch?
Grundsätzlich hat man mit solchen Kooperationen die Möglichkeit mit anderen Musikern zusammen zu arbeiten und erhält damit Einblicke in andere Arbeitsweisen. Mit Schandmaul hatten wir sehr viel Spass. Das Schöne war auch, dass die Zusammenarbeit spontan in der Kneipe beschlossen wurde.

Wollt ihr mit euren Texten eine politische und/oder gesellschaftliche Aussage machen oder legt ihr darauf keinen Wert und verarbeitet eher Persönliches?
Wir wollen Reaktionen provozieren und durchdrehen.

Und schließlich: Wie beurteilt ihr die Berichterstattung über eure Form von Musik in den einschlägig bekannten Magazinen und im Internet?
Zeitweise schreiben viele Journalisten nur den Pressetext ab oder orientieren sich an den Pressetexten anderer Journalisten. Hast du eine gute Kritik, bleibt sie meist gut – hast du eine schlechte, werden die meisten auch schlecht schreiben. Also kann ich keine Musik, egal was ich lese, nach Presseberichten beurteilen. Zum Glück kann man in den Läden in die CDs reinhören und sich eine eigene Meinung bilden.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Tanzwut – Spaß haben
Schandmaul – Bier
In Extremo – lange nicht gesehen
Subway to Sally – Blondierungsmittel
Spielmänner und Spielmannsleben – anstrengend
Tradition oder Fortschritt – Käse
Plugged oder unplugged – hü und hot
Tokio Hotel – nichtssagend


Geschrieben am 9. Dezember 2006 von Sigi Maier


Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder werden mit * markiert

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: