Interview mit Lee Barrett von To-Mera

Seit dem 11. September 2006 steht das Debütalbum “Transcendental” von TO-MERA an, einer sehr vielversprechenden progressiven und symphonischen Gruppe. Als Gründungsmitglied findet sich neben Sängerin Julie Kiss noch Lee Barrett, der unter anderem von Extreme Noise Terror bekannt ist und hier komplett andere Gefilde betritt. Florian entlockte Lee Infos über das Album, Literaturumsetzungen, enttäuschende Vergleiche und einiges mehr.

English original…

Hi Lee, wie geht es dir? Zuerst einmal möchte ich mich bedanken, dass du dir die Zeit nimmst meine Fragen zu beantworten.
Hi! Mir geht es gut, danke der Nachfrage. Letzten Samstag spielten wir unsere erste Live-Show und mal abgesehen von ein paar technischen Problemen lief alles gut.

Das freut mich zu hören. Da “Transcendental” eure erste Veröffentlichung ist, werden euch noch nicht alle Metal1.info Leser kennen. Es wäre also sehr schön wenn du uns die Band kurz vorstellen könntest.
Okay, die Idee der Band stammt von Julie (Kiss – Vocals). Sie war nach ihrem Ausstieg bei „Without Face“ auf der Suche nach neuen Musikern um ihre Ideen fortzusetzen. Als erstes fand sie einige Jungs in Ungarn (einschließlich Akos Pirisi der die Drums auf “Transcendental” eingespielt hat), aber es klappte nicht so wirklich. Julie kam dann nach England und begann mit meiner Wenigkeit am Bass von neuem. So richtig los ging es dann, als Tom MacLean sich Julie an einem Londoner Bahnhof als großer “Without Face” Fan vorstellte. Es stellte sich heraus, dass Tom nicht nur ein großartiger Gitarrist ist, sondern auch in der Lage ist, Julies Ideen und Texte musikalisch umzusetzen. Danach ging alles sehr schnell und wir nahmen innerhalb von vier Monate die Demo-CD auf.

Du selbst hast auf zwei Alben der Grindcore-Band “Extreme Noise Terror“ Bass gespielt. Was ist deine Intention in einer so anderen Band wie To-Mera zu spielen?
Ich interessier mich schon immer für die unterschiedlichsten Arten der Musik, aus irgendwelchen Gründen spielte ich bisher jedoch immer bloß in Extremen Bands. To-Mera ist viel mehr als bloß eine Herausforderung für mich. Ich mache seit über 20 Jahren Musik und das ist jetzt das erstmal, dass ich in einer Band spiele bei der ich mehr als eine Saite meines Basses brauch, haha!

Sehr spaßig, dass erfüllt natürlich alle Klischees über Bassisten! Bevor wir jetzt auf “Transcendental” zu sprechen kommen, möchte ich euch für dieses überwältigende Album gratulieren.
Danke schön, das freut mich sehr!!

Kannst du eure Musik näher beschreiben? Welcher Szene fühlt ihr euch zugehörig?
To-Mera ist eine Mischung aus Julies Emotionen und der Übersetzung dieser Emotionen in Musik.
Weil wir aber so unterschiedliche Einflüsse und eine Freude an Experimenten haben, gibt es eigentlich keine wirklichen Einschränkungen für unsere Musik. Für uns ist es normal brutale Death-Metal Teile mit traditionellem Jazz zu verbinden, ohne das es – so hoffe ich zumindest – klingt als wäre es rein aus Spaß, wie bei Carnival in Coal oder Mr Bungle, etc.
Ich denke die Szenen zu der wir uns am ehesten zugehörig fühlen ist die Progressive-Metal Szene. Da lässt sich am ehesten unsere Musik einordnen.

Kannst du uns etwas über den Songwriting-Prozess erzählen? Die Lieder sind so anspruchsvoll, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie durch Jammen im Proberaum entstehen.
Nein, dass siehst du richtig; es gab wirklich kein Jammen. Da Akos in Ungern lebt, haben wir fast alles als Midi geschrieben und uns dann über das Internet zugeschickt um zu üben oder es um neue Ideen zu erweitern. In Wirklichkeit gab es bloß zwei Proben mit der ganzen Band bevor wir ins Studio gingen. Das machte den ganzen Prozess etwas seltsam, aber jetzt haben wir in Paul Westwood ja einen Drummer, der auch in London lebt und die neuen Sachen werden vielleicht etwas spontaner und undisziplinierter entstehen. Aber das werden wir sehen…

Habt ihr jemals darüber nachgedacht „hitkompatible“ Songs zu schreiben?
Das liegt einfach nicht in unserem Interesse. Sollte es dennoch passieren, wäre es ein Unfall!

Wie ich bemerkt habe, gibt es kein lyrisches Konzept hinter der CD. Jedes Lied für sich handelt jedoch von unterschiedlichen Dingen, um was geht es in den Liedern?
Die meisten Inspirationen nimmt Julie aus dem täglichen Leben und dem was in einem Vorgeht wenn man sich mit seinem inneren Aufruhr über das Leben an sich auseinandersetzt.
Es gibt viele philosophische und metaphysische Fragen die sich mit unserer Existenz auseinandersetzten und die dich ganz verrückt machen wenn du dich zu lange mit ihnen beschäftigst, um diese Dinge geht es hauptsächlich in Julies Texten.

Denkst du, dass die Verfilmung von Patrick Süßkinds Parfüm (ein Lied der CD handelt von dieser Geschichte) euch hilft ein breiteres Publikum zu erreichen weil die Thematik dadurch sehr aktuell ist?
Ich denke nicht, dass es jemals eine Intention von uns war diese Geschichte auszuwählen, weil sie populär ist. Es ist einfach ein wunderbares Buch. Wir haben kürzlich mitbekommen, dass der Film in Produktion ist. Wie sie das umsetzen wollen ist mir ein Rätsel, aber es wird sehr interessant werden sich das anzuschauen.

Der Film lohnt sich wirklich. Denkst du das euer Song die Leute animieren wird das Buch zu lesen?
Ich hoffe es, denn es ist ein wunderbares Buch. Ich habe zwar bloß die englische Übersetzung gelesen, denke jedoch, dass die Beschreibung der Personen und Ereignisse so lebendig ist, dass es in jeder Sprache fasziniert.

Ich selber habe “Schlafes Bruder” von Robert Schneider vertont und weiß wie schwer es manchmal ist, die Atmosphäre anspruchsvoller Literatur musikalisch nachzubilden. Werdet ihr es wieder tun und gibt es vielleicht sogar schon Pläne dafür?
Julie ist ein großer Fan von Lovecraft und Poe, deshalb denke ich, dass etwas in dieser Richtung schon möglich sein könnte. Wirkliche Pläne dafür gibt es jedoch noch nicht. Es würde mich freuen deine Interpretation zu hören, schick mir doch bitte mal was zu.

Mach ich gerne. Welches Publikum möchtet ihr mit so anspruchsvoller Musik eigentlich erreichen? Habt ihr nicht Angst, dass ihr die Leute vielleicht überfordern könntet?
Naja, in erster Linie schreiben wir die Musik für uns selbst. Ich denke das richtige Publikum wir uns schon finden. Natürlich wird es Anhänger bestimmter Bands geben, denen unsere Musik mehr gefallen wird als anderen. Aber ich denke nicht, dass unsere Musik so komplex ist, dass wir einen durchschnittlichen Musikfan damit nicht erreichen könnten. Vielleicht benötigt sie zu Anfang etwas mehr Aufmerksamkeit, aber wenn diese erste Hürde genommen ist, sollte die Musik eigentlich ganz „normal“ sein.

Als normal würde ich sie jetzt nicht unbedingt bezeichnen. Hugo Sheppard z.B. macht einen sehr eindrucksvollen Job auf der CD. Wie habt ihr ihn gefunden und denkst du ihr werdet ihn irgendwann mal zum Metal bekehren?
Tom nahm mit ihm auf Empfehlung von gemeinsamen Freunden Kontakt auf. Sie waren beide zur selben Zeit an der gleichen Universität, hatten sich aber nie getroffen. Hugo brachte etwas besonders in die Band. So etwas wie eine Außenperspektive, die seine Art zu spielen so einzigartig in dieser Musikrichtung macht. Viele Keyboarder in der Metalszene sind von den großen Namen beeinflusst und wollen einfach nur so schnell wie möglich die Klaviatur hoch und runter jagen oder die Lücken im Hintergrund füllen. Hugo hingegen nähert sich jedem Lied so, dass er versucht es zu ergänzen, ohne dabei der Gitarre oder dem Rhythmus zu folgen.
Ob er jemals ein Metalfan wird, ist noch nicht abzusehen. Ich weiß aber, dass er beginnt Bands wie “Pain of Salvation“ oder “Opeth” zu mögen. Ich wart trotzdem noch ein bisschen, bevor ich ihm „Hellhammer“ und „Master“ zeige, haha.

Ich möchte mir nicht vorstellen wie ihr euch anhört wenn er mal auf die abfährt.
Julie Kiss – so finde ich – benutzt gelegentlich orientalisch klingende Melodien z.B. gleich am Anfang. Hat sie irgendwelche Verbindungen zu dieser Kultur?

Die Melodie am Anfang von “Traces” stammt aus einem alten ungarischen Volkslied. Die ungarischen Tonarten sind manchmal sehr ähnlich wie die östlichen oder arabischen, was zu dieser Verwirrung führen könnte.

Okay, das wusste ich nicht. Was antwortest du Menschen, die euch mit Bands wie Nightwish oder Evanescence vergleichen? Denkst du deren Erfolg kann euch auch helfen erfolgreicher zu werden?
Ich persönlich bin enttäuscht wenn ich diese Vergleiche sehe. Ich habe so Sachen in Reviews gelesen und bin immer wieder erstaunt wie Menschen so faul sein können. Es lässt sich nur damit erklären, dass sie sich nicht die Mühe gemacht haben unsere CD aufmerksam anzuhören oder ihnen die Erfahrung und das Wissen fehlt unsere Musik wirklich zu verstehen. Es ist einfach ein Bandphoto anzuschauen und den Rest dann davon abzuleiten, aber wie die Erfahrung uns lehrt, sollte man ein Buch auch nicht nach seinem Einband beurteilen. Die Leute vergleichen doch auch nicht „HIM“ oder „69 Eyes“ mit „Dream Theater“ bloß weil dort ein Mann singt, warum soll es also in Ordnung sein jede Band mit einer Sängerin in die gleiche Schublade zu stecken?

Das frag ich mich auch. Bleiben wir aber noch mal bei Julie: In jeder Band bekommt der Sänger die meiste Aufmerksamkeit. Könnte das zu einem Problem für eine Band wie To-Mera werden, die fantastische Musiker in ihren Reihen hat, die in den Hintergrund treten müssen? Und denkst du, dass das gute Aussehen von Julie eurem Erfolg zuträglich ist?
Ich persönlich denke, dass Julie froh ist nur zu singen, ohne den ganzen Wirbel der mit so etwas verbunden ist. Wir wissen alle, dass sie die meiste Aufmerksamkeit bekommen wird und es gibt kein Ego in der Band für das dies ein Problem darstellt.
Es gab natürlich schon Situationen in denen die Leute nur auf uns aufmerksam geworden sind, weil sie Julies Bild im Internet oder einem Magazin gesehen haben, und wenn es auf diese Weise geschieht, ist das natürlich auch völlig okay für uns.

Viele Bands die ähnlich anspruchsvolle Musik machen, unterscheiden zwischen Live- und Studioversionen ihrer Lieder. Wie sieht das bei euch aus?
Wir spielen sie höchstens etwas schneller und härter, haha. Ansonsten versuchen wir die Stücke genau wie auf CD umzusetzen, ohne dabei wie so viele andere auf eingespielte Teile zurückzugreifen.

Wirklich sehr löblich, da kann man nur hoffen das ihr bald mal nach Deutschland kommt. Nun zu etwas ganz anderem: August war ein trauriger Monat für den Metal. Fünf Menschen ließen ihr Leben, durch Selbstmord oder Unfälle.
Jon Nödtveidt (Dissection), Otto Wiklund (Setherial/In Battel), Kvarforth (Shining), Jesse Pintado (Terrorizer) und Devilpig (Bestial Mockery). Was sind deine Gedanken zu diesen tragischen Verlusten?

I denke, ich kann nur Jon und Jesses Tods kommentieren, weil ich nur die beiden wirklich kannte. Die Bestial Mockery Sache war ja ein Witz bzw. eine Publicity Aktion, oder nicht?

Jesses Tod zeigt die Probleme auf, denen manche Menschen ausgesetzt sind die in einer Band wie „Napalm Death“ spielen, die viel unterwegs ist. Man verbringt die Hälfte des Lebens auf Tour und in jeder Stadt die man besucht warten alte und neue Freunde darauf, dass du mit ihnen feierst, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass du das an allen andern Abenden der Woche auch schon getan hast. Manchen Menschen fällt es leicht einfach „Nein“ zu sagen. Für andere ist es nicht so leicht und hier liegt vielleicht das Problem, leider ist das ja eine alt bekannte Geschichte. Ich hoffe er wird mehr dafür in Erinnerung bleiben, dass er mit „Terrorizer“ geholfen hat, eine ganze Szene zu formen und für sein Schaffen mit “Napalm Death” als für die tragischen Umstände seines Ablebens.

Bei Jons Tod können wir auf Julies Texte zurückgreifen und darauf wie schwierig der menschliche Geist sein kann und was für unterschiedliche Formen von Realität in den Köpfen der Menschen existieren.
Ich persönlich mache keinen Unterschied zwischen Jons Tod und dem von muslimischen Selbstmordattentätern oder anderen Menschen die sich selbst einer Sache opfern. Er konnte seinen Tod vor sich selbst rechtfertigen, egal wie verrückt es für Außenstehende erscheinen würde. Daran glaubte er fest.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast meine Fragen so ausführlich zu beantworten. Die berühmten letzten Worte gehören dir:
Danke fürs Verstehen!


Geschrieben am 26. September 2006 von Florian F.

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