Interview mit Marcus Van Langen von Van Langen

Seit 1994 macht Marcus Van Langen mit seinen beiden Projekten „Van Langen“ und „Des Teufels Lockvögel“ auf denkbar unterschiedliche Art und Weise auf sich aufmerksam. Bekanntheit erreichte Marcus vor allen Dingen durch sein „Palästinalied“-Projekt, in dessen Rahmen 13 verschiedene Gruppen aus allen Stilrichtungen die 13 Strophen des Palästinaliedes vertonten. Liebhaber des deutschen Trash TVs könnten wiederum unbeabsichtigt in der Pro7 Serie „Die Burg“ das eine oder andere Mal über die Klänge des teuflischen Anti-Stimme und seines Gefolges gestolpert sein.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Wir kommen aus unterschiedlichen Stilrichtungen, die wir hier zu einem Ganzen vereinen.
Sabine z.B. kommt aus der östlichen Folklore, Bernd und Wolfi vom harten Metal und ich komme vom Rock und Blues – und damit hat ja auch alles angefangen: die Suche nach dem deutschen Blues. Damit bin ich zu den Minnesängern und Spielleuten des Mittelalters gekommen. Ein Blues weist z.B. auch das gleiche Schema wie ein Minnelied auf.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Erklären ist wie über Sex reden – lieber anhören, reinfühlen und die Kraft echter Instrumente spüren. Es ist eine „zeytlose“ Musik, eben echte Musik des Volkes, die sich über Jahrhunderte erhalten hat und die auch textlich oft sehr aktuell ist – da war doch was in Palästina?!

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Moderne Einflüsse sind wichtig, denn wir Hörer haben auch ein modernes Ohr und man kann diese alten Lieder nur unsterblich machen, indem man sie auf die aktuelle Zeyt zuschneidert.
Ansonsten natürlich die Texte – die mittelalterliche Lyrik liest sich auch gut ohne Musik.
Oder man gibt konkrete Beispiele, erzählt über die äußeren Umstände, in denen ein Lied geschrieben wurde, die politische und gesellschaftliche Situation und zeigt die Parallelen zur heutigen Zeyt.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Mal zart, mal hart. Die Mischung macht’s.
Im Gegensatz zu so vielen Mittelalterbands, die ja wie Pilze aus dem Boden schießen, liegen unsere Wurzeln in der Musik der 60’er und 70’er Jahre, der Folklore und dem New Wave der 80’er – und eben nicht bei Corvus Corax!

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Welche Vorbilder? Wir machen unser Ding und adaptieren natürlich auch Einflüsse fremder Kulturen und Religionen. Wir sind sozusagen eine kosmopolitische Band. Das gilt sowohl für „Van Langen“ wie auch für „Des Teufels Lockvögel“.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Nun, ich sehe Mittelaltermusik nicht als Trend, sondern als Lebenseinstellung, auch wenn immer mehr auf einen mittlerweile hoffnungslos überfüllten Zug aufspringen. Die Medien wollen Trends, oder besser: Sie wollen Trends setzen und kontrollieren. Das Mittelalter lässt sich aber nur schwer im Zaum halten.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Allgemein ist das schwierig, denn wenn einmal ein Lied ausgegraben wurde und bearbeitet, dann sind sofort 50 andere Bands da. die genau das Gleiche machen. Etwas mehr Innovation und eigene Suche wäre angesagt. Ich habe gerade ein Vogelweide-Lied aufgenommen, das bisher noch niemals bearbeitet wurde. Aber die Suche ist natürlich schwierig und langwierig.
Hör Dir z.B. die Van Langen „Zeychen der Zeyt“ oder die „Carmina Yystica“ von Des Teufels Lockvögel an, da wird’s sicher nicht langweilig.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Allen, denen an echten Instrumenten, die von echten Menschen gespielt werden gelegen ist und die die Nasevoll haben von der Konservenmusik. Erstaunlich ist auch, dass die Musik nicht an ein bestimmtes Alter oder an eine bestimmte Schicht gebunden ist. Es ist wie bei einem Rolling Stones Konzert. Alles da zwischen 0 und 100 Jahren.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Das leidige Thema Dudelsack! Es hat im Mittelalter tatsächlich auch noch andere Instrumente gegeben!

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Auch nach den vielen Jahren immer noch geil. Immer ein bisschen Woodstock-Feeling.
Jeder Auftritt ist anders und jetzt hält ja auch der Trend zu Verstärkern und Mikrophonen Einzug, was natürlich nicht immer passt, aber vergiss nicht, dass die Schupfnudeln (aus Kartoffeln) auch nicht über offenem Feuer gebraten werden und der Wein kommt ebenfalls nicht aus dem alten Eichenfaß. Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Wir spielen gerne unplugged, aber bei größeren Geschichten kommt man um die Technik nur sehr schwer herum. Es ist auch albern, das Publikum um Ruhe zu bitten. Sie sollen schließlich Spaß haben und verstehen, was wir zu sagen haben.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – Haben heftigen Ostwind in den „flötenzarten“ Westen gebracht!
Schandmaul – nix Mittelalter
In Extremo – Ebenso der Ostwind
Subway to Sally – auch nix Mittelalter
Spielmänner und Spielmannsleben – Übersetze das Wort Spielmann sinngemäß ins Englische – und schau mich an!
Tradition oder Fortschritt – Jute statt Plastik, Schafdarm statt Latex
Plugged oder unplugged – Kommt auf die Situation an. Ein Lied ist jedoch nur gut, wenn man es auch unplugged rüberbringen kann.
Tokio Hotel – Billiges Stundenhotel


Geschrieben am 8. November 2006 von Sigi Maier


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