Interview mit Thomas Lindner von WETO

Wer Schandmaul sagt, muss auch WETO sagen. Lange Zeit bevor der Bekanntheitsgrad der Mittelalterrocker immer weiter zunahm, sammelten Leadsänger Thomas Lindner und Gitarrist Martin Duckstein bereits erste Erfahrungen auf den kleineren Bühnen im Münchner Umkreis. Im Gespräch mit Metal1.info spricht Thomas über das Projekt, dessen Wurzeln und die Zukunftsplanungen. Außerdem gibt es exklusive Details zu „Das 2weite Ich“ und dem darin verarbeiteten Songmaterial. Wer nun mit „Schandmaul 2“ rechnet, wird sich blitzschnell umschauen, denn hier geht es nicht um Geschichten, Mythen und Sagen, sondern um die knallharte Realität, wie sie ist – aus einer sehr persönlichen Sicht mit Themen, die uns alle angehen.

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Man kennt euch als Schandmaul bzw. von Regicide. Ich weiß, dass du keine Schubladen magst, aber wo lässt sich die Musik von WETO am ehesten einordnen?
(überlegt) Natürlich ist deutsche Rockmusik das Dach des Ganzen. Das mit den Unterschubladen ist immer schwierig, da seid ihr als Journalisten eigentlich immer besser drin. Ich weiß es nicht: Wo kann man uns einordnen? Ich denke, dass wir mit unseren Kollegen von Megaherz, Oomph!, usw. im gleichen Teich schwimmen. Aber wie nennt man das wieder? Früher gab es den Begriff der „Neuen Deutschen Härte“. Aber neu ist das nicht mehr. Also, denkt euch was aus!

WETO gab es vor Schandmaul. Danach war erst einmal (zumindest vordergründig) eine Zeit lang Ruhe. Wie kam es, dass ihr das Projekt nun wieder mit veränderter Besetzung ausgegraben habt?
Die Zeit ließ es damals nicht zu, neben Schandmaul noch etwas Anderes zu machen bzw. nicht so, wie es das Projekt WETO verdient hätte. Allerdings sind die Lieder geschrieben gewesen, denn nicht jedes Mal, wenn ich mich hinsetze, kommt eine Märchennummer im „Herr der Ringe“-Stil dabei heraus. Ich habe durchaus noch andere Sachen im Kopf – und das hat sich angesammelt. Dann stellten wir uns die Frage, ob es diese Nummern nicht auch wert sind, veröffentlicht zu werden. So kam die Idee, WETO wieder aufleben zu lassen. Nachdem allerdings einige Musiker inzwischen bei anderen Projekten eingebunden waren bzw. im ihrem Job unabkömmlich sind, haben wir umstrukturiert. Das Ergebnis klappt wunderbar.

Hat sich mit der Besetzung auch der Stil verändert?
Grundsätzlich nein. Der Stil von WETO hat sich über die Jahre hin verändert. Man kann sich vorstellen, dass seit der Bandgründung 1993 einiges passiert ist. Der grundsätzliche Stil, wie wir ihn vereinzelt in den letzten Jahren noch präsentiert haben, hat sich dann allerdings nicht mehr geändert. Vielmehr haben sich die Musiker verändert. Natürlich ergibt sich ein anderer Sound, wenn man den Bassisten und/oder den Schlagzeuger austauscht, da jeder seinen eigenen Style hat, ein Instrument zu spielen. Desweiteren sind wir jetzt hoffentlich durch unsere gesammelten Erfahrungen live und im Studio weiter als noch vor ein paar Jahren, als der letzte WETO-Tonträger veröffentlich wurde. Von daher kann man sagen, dass der Stil unseren Fähigkeiten angepasst und hoffentlich etwas besser als früher ist *lacht*

Eure erste Platte hieß „Tatort Bühne“ und ist restlos vergriffen, gleiches gilt für euer 2. Werk „Scherben im Kopf“. 3 Stücke aus eurer ersten Schaffensphase habt ihr nun in einer neuen Version auf „Das 2weite Ich“ gepackt. Wie kam es dazu, dass es ausgerechnet diese 3 Stücke waren und was habt ihr daran verändert?
Bei „Flucht“ und „Wolfsherz“, welches 2 Stücke von der „Scherben im Kopf“ aus dem Jahr 1999 sind, war es einfach so, dass es damals einerseits unsere stärksten Stücke live und andererseits unsere persönlichen Lieblingssongs waren. Sie gehörten einfach rein, nachdem wir uns gesagt hatten, dass wir das gesamte Schaffen der Band aus nun 13 Jahren auf ein Album bringen wollen. Dabei haben wir versucht und es hoffentlich geschafft, die Stücke ins neue Jahrtausend zu bringen, da wir nicht einfach 1:1 die Versionen aus den 90er Jahren draufpacken konnten. Sie würden aus dem Contest fallen. Deswegen haben wir sie stilistisch den anderen Liedern angepasst.
„In unserer Mitte“, das von der „Tatort Bühne“ stammt, ist besonders und wird deswegen auch als Bonustrack angegeben. Es ist ein sehr persönlicher Song, da darin die Beerdigung von einem Freund beschrieben wird, der wirklich existierte. Aus diesem Grund haben wir noch eine Nummer aus der ganz alten Zeit mit drauf.

Wie zufrieden ward ihr mit euren Auftritten beim Funkenflug 2005 in München, beim Wave-Gothik-Treffen und als Support von Regicide?
Das Funkenflug war das erste Mal wieder nach sehr langer Zeit – und dann auch noch vor so vielen Menschen, bei denen wir genau wussten, dass sie nicht wegen uns gekommen sind. Leider gab es diverse technische Probleme und zusammengefasst waren wir einfach wieder da. Mehr will ich dazu gar nicht sagen. Regicide in Oldenburg hat Spaß gemacht. Da haben wir auch den ein oder anderen für uns entfacht. Das war etwas Besonderes, zumal es uns eine Ehre war vor ihnen und ihrer CD-Präsentation zu spielen. Wir haben die Oldenburger nicht vergessen und werden da sicherlich wieder hinfahren.
WGT war lustig, sage ich jetzt einfach so schmerzfrei. Leider ging der technische Aufwand, der dort betrieben wurde, gen Null. Die Boxen hier im Studio haben mehr Leistung als die, die dort auf der Bühne standen. Es war eine reine Improvisation. Lustig war es insofern, dass wir da angereist sind mit unseren Cases, wo natürlich Schandmaul drauf steht, da wir uns nicht extra für WETO neue Cases für die Instrumente usw. machen lassen. Da ging dann das wilde Telefonieren los, vonwegen: Hey, kommt her, hier spielen Schandmaul unter falschem Namen – war dann nicht so. Es waren ca. 300 bis 400 Leute da und die hatten auch ihren Spaß. Ich glaube, wenn die die Platte hören, werden sie nicht völlig enttäuscht sein.

Und wie war das Feedback der Fans?
Viele haben uns da erst kennen gelernt. Die letzten Jahre und grundsätzlich haben wir nur im Münchner Umkreis agiert, d.h. wir sind eigentlich total neu und keiner kennt uns. Den einzigen Bonus, den wir haben, kommt von Schandmaul. Doch für alle, die Schandmaul kennen, wird WETO eine völlig neue Erfahrung. Die kommen da hin und dann fällt ihnen wohl erst einmal das Gesicht ins Essen, weil es keine Märchen sind, die wir da erzählen und keine Flöten, Dudelsäcke und Geigen zu hören sind. Wenn sich dann der ein oder andere frei macht, gefällt’s ihm und er akzeptiert es oder eben nicht. Wir werden es sehen. Es ist ja kein Nebenprojekt an sich: WETO gab es vor Schandmaul und ohne WETO gäbe es wohl Schandmaul nicht in der heutigen Form. Als Zuhörer muss man offen und willig sein, etwas Anderes zuzulassen und in mir nicht nur den Märchenonkel schlechthin zu sehen.

Apropos Fans: Wie viel hatten sie mit dem WETO-Comeback zu tun? Oder war das alleine eine Entscheidung der Band?
Nachdem der Großteil der Schandmaulfans von WETO nichts wusste, hatten sie an sich gar nichts damit zu tun. Das war eine Entscheidung der Band von innen heraus.

Ist WETO so etwas wie ein Ausgleich zu Schandmaul oder mehr eine Ergänzung, sozusagen das zweite Ich?
(überlegt) Ausgleich klingt blöd. Das würde bedeuten, dass wir mit Schandmaul irgendwelche Defizite haben, die wir ausgleichen müssten. Wie gesagt, ich kann nicht den ganzen Tag Märchenonkel spielen. Wenn ich die Zeitung aufschlage und da ist ein Thema, das mich total nervt, dann kann ich das vielleicht noch in ein Märchen verpacken bzw. abstrahieren, damit es der Schandmaulfan als Geschichte von einer Königin oder Prinzessin hört. Aber manchmal muss es knallhart raus. Von daher ist der Titel Programm: Das zweite Ich.

Wie sehr beeinflussen sich die Projekte untereinander? Mit Schandmaul seid ihr auf dem neuen Album ja auch auf härteren Pfaden unterwegs. Liegt dies an vermehrten WETO-Einflüssen?
Naja, das WETO-Album haben wir natürlich nach „Mit Leib und Seele“ aufgenommen. Ich glaube nicht, dass sich die Projekte so sehr vermischen. Bei Schandmaul haben wir über die Jahre gelernt, dass wir eine gewisse Härte in der Musik brauchen, wenn wir etwas Aggressives ausdrücken wollen. Da haben wir uns Album um Album immer mehr getraut.
WETO hat mit diesem Umstand schon viel länger oder besser gesagt schon viel mehr gespielt, da dort die softeren Klänge die Ausnahme sind. Dies liegt natürlich an den Thematiken. Wenn wir etwas Ernstes behandeln wollen, brauchen wir nicht mit der Oberballade ankommen.

Im Gegensatz zu Schandmaul textest du bei WETO allein. Ist das Absicht oder Zufall?
Es ist seit 1993 so, da es die anderen Bandmitglieder nicht interessiert. Ich habe erst bei Schandmaul angefangen, andere Texte als meine eigenen zu singen, da die Mädels texten wollten und konnten, woraus eine gewisse Vielfalt entstand. Bei den Jungs von Schandmaul bzw. WETO ist keiner dabei, der texten will und kann (grinst)
So einfach ist das. Stefan will sein Schlagzeug spielen und Matthias seinen Bass. Das Texten fällt dann wieder dem Sänger zu.

Wenn man sich das düstere Artwork eures Albums anschaut, dann erinnert es etwas an Horrorfilme wie z.B. „Das Schweigen der Lämmer“ oder auch „Sieben“. Woher stammen die Ideen dafür und soll es eure Musik widerspiegeln?
Die Ideen stammen alleine von unserem Grafiker Kai Hoffmann aus Köln. Er hat sich tatsächlich durch die Musik inspirieren lassen. Nachdem wir im Studio fertig waren, hat er das Album durchgehört und hatte dann diese Bilder im Kopf. Als er sie uns schließlich vorgeführt hat, haben wir gesagt: Wow, geile Scheiße. Das geht Hand in Hand, da wir keine Clownparade aufführen wollen, sondern unseren salzigen Finger in offene Wunden legen, damit man wieder weiß, dass sie doch da ist. Von daher brauchen wir auch kein lustiges Cover, sondern eines, dass ins Auge sticht und vielleicht abschreckend wirkt.

Produzent war wieder einmal Thomas Heimann-Trosien (Schandmaul, In Extremo, Saltatio Mortis). Setzt ihr da wieder auf Altbewährtes oder gab es dieses Mal neue Herausforderungen?
Für ihn ist es wohl auch Neuland gewesen, dass er keine Melodieinstrumente wie Flöten und Geigen unterbringen, sondern pure Rockmusik machen musste, d.h. es ging vorwiegend um Druck, Power und Härte. Das war für ihn ein neues Schaffen. Natürlich war es auch altbewährt, weil wir bei Thomas wussten, was wir kriegen. Und da wir dieses Mal etwas Neues machen – sozusagen aus der Hüfte schießen – gab es keine riesigen Vorschüsse von einer Plattenfirma oder Ähnliches. Wir wollten keine Experimente eingehen und nicht zu irgendeinem unbekannten Produzenten gehen, der eine billige Produktion anpreist. Nebenbei verbindet uns eine Freundschaft. Man weiß, woran man ist und woran man arbeiten kann. Er weiß, wie er mit uns umgehen muss und kann, d.h. es ist ein offenes Sprechen. Das Menschliche ist bei etwas so Intimem wie bei einer Musikproduktion natürlich sehr wichtig.

Mit „Wieder allein“ und „Tief“ greift ihr mit Pädophilie bzw. Vergewaltigung ein sehr heikles Thema auf sehr direkte Weise auf, was wieder ein wunderbarer Aufhänger wäre, um eure Musik im Radio und TV totzuschweigen. Wie ist deine Meinung dazu?
Diese Medien sind es doch, die einen zu solchen Liedern inspiriert haben – bzw. nicht die Medien, sondern die kranken Typen, die es tun. Die Medien berichten lediglich auffällig häufig darüber und das inspirierte mich zu diesen Stücken. Ich denke nicht, dass wir irgendetwas verherrlichen, sondern eher knallhart darauf aufmerksam machen, dass es da ist und das nicht nur am Sonntag um 20:15 Uhr beim Tatort. Wie gesagt, kauf dir eine Wochenzeitung, da findest du in jedem Blatt ein schreckliches Ding. Und wenn diese Lieder durch ihre Direktheit und ihre Aggressivität auch nur eine Tat verhindern, wenn einer das Schreien nicht ignoriert, haben sie ihre Daseinsberechtigung. Wer diese Themen dann totschweigt, ist nicht konsequent, da man ansonsten gar nicht darüber berichten dürfte.

Ist „Koma“ eine (versteckte) Aufforderung zur aktiven Sterbehilfe?
Nein, eigentlich nicht. Es spiegelt lediglich meine Angst vor so einer Situation wieder, in der man nichts tun kann, aber vereinzelt noch bewusst wahrnimmt, was um einen herum passiert und nicht mehr selbst entscheiden kann. Aktive Sterbehilfe schwingt natürlich mit, wobei das eine endlose Diskussion ist, da niemand wissen kann, ob der Sterbende wirklich sterben will. Das ist der ethische Aspekt, auf den ich nicht eingehen will. Es geht mir nur eine schlimme Geschichte, vor der ich persönlich Angst habe – irgendwann aufzuwachen, aber nicht wach zu sein und trotzdem zu wissen: Oh, irgendwas stimmt hier nicht. Ich kann mich nicht bewegen, ich kann nichts sagen und ich kann nicht um Hilfe schreien. Das ist eine tiefe Angst von mir.

„Flucht“ erinnert vom Text her an eine unglückliche Liebesgeschichte. In diesem Song habt ihr auch mit dem Gesang experimentiert und so erweckt er in Kombination mit dem schnellen Tempo tatsächlich das Gefühl, als ob man sich auf der Flucht befinden würde. Welche Hintergründe hat dieses Lied?
Das ist schön, dass du das genau so interpretierst, wie ich will, dass ihr das zunächst interpretiert. Es geht nämlich nicht um eine Frau, sondern um Heroin. Es wird die Droge und ihre Wirkung beschrieben, genauer gesagt wie sich der Protagonist in sie verliebt, von ihr abhängig wird, nicht mehr von ihr loskommt und es dennoch versucht. Das muss man allerdings wissen bzw. man braucht länger, um darauf zu kommen. Der Song hat auch persönliche Hintergründe, also nicht bei mir selbst, sondern im Freundeskreis, wo ich den Kampf gegen die Droge miterlebt habe.

Denkst du, dass „Ein Lächeln lang“ am ehesten das Lied ist, das man theoretisch auch unter dem Schandmaul-Banner veröffentlichen hätte können?
Wenn man weiß, worum es bei „Ein Lächeln lang“ geht, dann nicht. Musikalisch auf jeden Fall. Da arrangiere ich dir jetzt eine Flöte und eine Geige rein und es unterscheidet sich kaum von Schandmaul, wenn man das Klavier streicht. Thematisch geht es hier um eine schlimme Beziehung, in der ich als Mann merke, dass ich mehr Kraft investiere als ich kann, da durch eine Krankheit wie Depressionen etc. eine echte Hilfe unmöglich ist. Irgendwann merke ich, dass ich innerlich selber draufgehe und aus dieser Beziehung raus muss, obwohl ich den anderen liebe oder geliebt habe, da ich ansonsten vor die Hunde gehe. Das beschreibt „Ein Lächeln lang“.

Außerdem ist es nach „Flucht“ das zweite Stück in Folge, das sich um die negativen Auswirkungen einer einseitigen Beziehung dreht, einmal sachlich in Bezug auf Drogen wie du gerade selbst erklärt hast und nun einmal menschlich. Allerdings gibt es dieses Mal zum Schluss eine Befreiung. Sind die Stücke auf dem Album bewusst so angeordnet, um eine bestimmte Botschaft zu vermitteln?
Nein. Bei der Anordnung der Lieder haben wir darauf geachtet, wie sie miteinander harmonieren in Bezug auf Tempo- und Harmoniewechsel. Man soll die Platte einlegen und an einem Stück durchhören können, ohne dass man beim Bügeln gestört wird *grinst*

Ist „Irrlicht“ die WETO-Version von „Die Tür in mir“?<br
(überlegt lange) Jain. „Die Tür in mir“ handelt vom langsamen Verfall im Wahnsinn, während es bei „Irrlicht“ um Depressionen geht. Man realisiert, dass man ein Problem hat, das nicht greifbar ist und bei dem Hilfe von außen schwer möglich ist, da man sich in sich selbst verirrt hat. In diesem Fall sind das manische Depressionen. Es sind auch Erfahrungen, wo man festgestellt hat, dass das nicht einfach so wieder weg geht wie eine Grippe, sondern man selbst daran arbeiten muss. Von Freunden und Partnern ist nicht unbedingt weniger Hilfe zu erwarten, sondern sie können vielmehr nichts tun und man muss selbst die nötigen Schritte ergreifen, damit man aus dem Labyrinth in sich selbst wieder raus findet.

Steht ihr mit den Themen, die bei WETO besungen werden, mehr im Leben als mit denen bei Schandmaul?
Teilweise würde ich sagen. Persönliche Wahrnehmungen und Probleme spielen bei WETO eine große Rolle. Man fühlt sich ohnmächtig und versucht seine Gedanken direkt in Worte zu fassen. Natürlich werden bei Schandmaul auch persönliche Erfahrungen verarbeitet, doch das ist oftmals nicht so klar. Es ist möglich, dass man bei Schandmaul nur die Märchengeschichte hört und diese klasse findet, ohne zu wissen, dass da eine tragische Beziehung die Grundlage ist. Man kann es heraushören, muss aber nicht. Bei WETO gibt es weniger Spielraum für Interpretationen, außer bei „Flucht“, wo ich bewusst in die Irre führe.

Ist „Wolfsherz“ eine Art Bandhymne? In eurem Forum liest man von vielen Fans, dass sie genau dieses Lied wieder live hören wollen und es am ehesten mit WETO in Verbindung bringen.
Es war wohl vor allem hier im Münchner Umkreis unser Livehit. Deswegen haben wir es auch wieder drauf, um zu sehen, was der Rest von Deutschland dazu sagt. Von der Story her ist es tatsächlich der Versuch, das 600-Seiten-Buch von Wolfgang Hohlbein auf ein paar Vierzeiler zusammenzukürzen. Es ist eine schöne Story, im Grunde genommen eine Werwolfgeschichte, die im heutigen Düsseldorf spielt. Das Buch ist sehr lesenswert und natürlich kann ich es in diesem Text nicht wiedergeben. Wenn ich das könnte…(pausiert kurz)…wäre ich gut…(lacht)

Im Booklet steht über eurem Bonustrack „In unserer Mitte“ eine Widmung und du hast dich vorhin bereits kurz dazu geäußert. Der Text erzählt vom Tod eines Menschen und es ist das ruhigste Lied. War es euch ein Bedürfnis dieses Lied zu veröffentlichen?
Auf alle Fälle. Das Lied wurde 1995 oder 1996 geschrieben, direkt als es passiert ist. Dadurch dass wir es jetzt 10 Jahre später wieder veröffentlichen, geben wir der Botschaft des Textes recht: Es wird nicht vergessen, er ist immer noch da.

Apropos Vergangenheit: Wird es live auch alte Sachen zu hören geben?
Nein. Das Programm der CD wird natürlich komplett gespielt. Hinzu kommen 2 Nummern, die neu sind und bei einem etwaigen nächsten WETO-Album darauf zu finden sein werden. Ein Stück davon ist nicht wirklich neu, sondern ebenfalls ein altes Stück, das wir ins neue Jahrtausend geholt haben. Außerdem gibt es eine Covernummer von den Kollegen von Megaherz. Das ist erst einmal unser Liveset und wir versuchen es Stück für Stück aufzustocken.
Die ganz alten Geschichtchen hat man mir abgenommen, als ich 17 oder 18 war. Ich bin jetzt 32, ich muss keine Lieder mehr über’s Wichsen singen. Auch wenn es eine lustige Nummer ist., ich hab keine Lust mehr (lacht)

Habt ihr einen Support?
Es wird einen Support geben. Dabei handelt es sich um eine total witzige Kapelle aus Bonn namens „Alle im Schrank“. Die covern Musik auf ihre eigene Art und Weise, zum Beispiel „Take on me“ von A-ha in einer Garagenpunk-Version. Da allerdings kein Keyboard vorhanden ist, singt der Sänger diese Melodie bzw. schreit sie vielmehr, da er nicht so hoch kommt. Am ehesten vergleichbar ist es mit Weird Al Yankovic. Es ist Party pur und geht einfach nur ab. Da kann man lange rätseln, welcher Song als nächstes kommt und dann lacht man sich tot, bevor man dazu abtanzt. Perfekte Vorband.

Im Gegensatz zu „Mit Leib und Seele“ ist „Das 2weite Ich“ mit 47 Minuten sehr überschaubar. Habt ihr euch bewusst dieses Mal für weniger Material entschieden oder hat es sich einfach so ergeben?
WETO hat über 100 Songs geschrieben seit 1993. Einiges wurde live aufgeführt, anderes veröffentlicht und der Rest weder noch. Für uns stellt das Album den Verlauf von 1993 bis heute dar. Leute, die WETO nicht zufällig in der Hexe in Gröbenzell gesehen haben, sollen die Band erst einmal kennen lernen und deswegen gibt es eine Art „Best Of“. Die anderen Songs sind im Besitz von Liebhabern; die wollten wir allerdings nicht veröffentlichen, da wir alles weggestrichen haben, was unser Bild von WETO verzerren würde. Das „neue WETO“ gibt es dann beim nächsten Album, sprich neue Songs. Wir werden diesen Stil beibehalten, doch zunächst haben wir nun einmal sozusagen die Vergangenheit abgefrühstückt. Jetzt sind endlich die Songs in entsprechender Qualität auf Platte, die es verdient haben, veröffentlicht zu werden.

Sind eure Planungen derzeit eher national orientiert oder gibt es auch Überlegungen, WETO über die deutschen Grenzen hinaus bekannt zu machen?
In erster Linie natürlich Deutschland und dazu Österreich/Schweiz. Ansonsten gilt es abzuwarten: Wir sind dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde und hatten riesiges Glück, dass Leute diese Themen überhaupt anfassen. Mal sehen, was passiert. Wir werden dann entsprechend darauf reagieren.

Verbindet man deine Stimme und die Besetzung nicht zu sehr mit Schandmaul, um objektiv sein zu können bzw. WETO als eigenständiges Projekt zu präsentieren?
Das ist genau die Frage, die wir uns auch stellen. Keine Ahnung. Das einzige Argument, das wir haben, ist, dass es etwas Anderes ist und dass es schon vorher da war. Was die Projekte verbindet ist der Klang meiner Stimme, gut. Wir sind gespannt, was die Medien und die Fans daraus machen bzw. ob sie überhaupt etwas daraus machen. Rein musikalisch liegt der Schandmaulfan, der denkt, dass er Schandmaul ohne Flöte und Geige hört, einfach falsch. Es ist etwas Anderes und wir werden sehen, ob die Leute offen genug dafür sind, um es zu differenzieren.

Wenn Schandmaul „Märchenerzähler“ sind, was sind dann WETO?
Ich habe einmal einen lustigen Satz gehört: Wenn Schandmaul Geschichten im Stil von Herr der Ringe und Tolkien erzählt, dann macht es WETO a la Stephen King. Und wenn Schandmaul durch die Fantasie inspiriert ist, dann ist es WETO durch die Tageszeitung.

Zum Schluss: Du hast es vorhin selbst angesprochen. Seid ihr „die neue deutsche Härte“, also auch in Verbindung mit Bands wie Rammstein? Mit diesem Begriff versucht man für gewöhnlich, die Musik allgemeintauglich zu machen.
Der Begriff ist mehr als abgedroschen. Ich würde es niemals im Ansatz wagen, mich auf eine Stufe mit Rammstein zu stellen. Rammstein ist Rammstein – das ist etwas ganz Eigenes, eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands weltweit. Wir machen harte deutsche Rockmusik mit kritischen Texten. In den 80ern wäre es ein sozialpolitischer Text mit erhobenem Zeigefinger gewesen. Allerdings sind die Zeiten vorbei. Wir schlagen mit der nackten Hand auf die Stirn und versuchen einen Fleck zu hinterlassen, damit die Leute über das nachdenken, was sie gerade gehört haben. Ich tu mir schwer damit, ein Wort für diesen Stil zu finden, und selbst wenn ich eines hätte, finden 200 Journalisten einen anderen. Wir warten einfach ab und ich sage dir beim nächsten Interview, welche Schublade es letztendlich geworden ist (lacht)

Gibt es noch etwas, das du Leuten, denen der Begriff „WETO“ überhaupt nichts sagt, mitteilen willst?
Es ist auf jeden Fall Musik, mit der ihr bei Mama und Papa Ärger bekommt, wenn ihr sie zu Hause zu laut aufdreht. Die sagen dann: Mach den Krach leiser (grinst)
Von daher ist es etwas, das sich wieder angenehm vom Popeinheitsgedudel absetzt.


Geschrieben am 10. November 2006 von Sigi Maier

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