Interview mit Tambor, Sonja und Robert von Wolfenmond

Besonders in der sogenannten Schwarzen Szene gelten WOLFENMOND schon länger nicht mehr nur als Geheimtipp. Allein das macht die Band, die sich gerade in den Startlöchern für ein neues Album befindet, zu etwas Besonderem unter den mittelalterlichen Kapellen. Warum das Bandlogo manch vorschnellen falschen Rückschluss zulässt und was die Band als Einheit sonst noch allgemein und besonders zu ihrem Status in der Schwarzen Szene zu sagen hat, könnt ihr nun selbst nachlesen.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Tambor: Ich mache seit 20 Jahren Musik und mit einer Bontempi-Orgel und zwei Freunden mit Gitarre hat alles angefangen. Danach habe ich in verschiedenen Bands und Projekten als Keyboarder gespielt. War eine schöne Zeit mit vielen interessanten Sachen und vielen Stilrichtungen. Seit meiner Zeit in Marburg habe ich mich mit Weltmusik beschäftigt und Perkussion und Didgeridoo gelernt, in einigen Perkussions-Projekten und verschiedenen Bands gespielt und DJs mit Liveperkussion begleitet. Nun hat mich mein Weg zu den Wolfenmonden geführt.
Sonja: Ich mache ebenfalls schon viele Jahre Musik, davon jetzt über 8 Jahre bei Wolfenmond. Für verschiedene Flöten, Gitarre und Gesang habe ich Unterricht genommen.
Robert: Ich habe vor 12 Jahren mit Akustik- und E-Gitarre angefangen, weiter über Didgeridoo, Perkussion und Flöten und bin schließlich bei Schalmei und Sackpfeife angekommen. Meine musikalische Reise wird jedoch hoffentlich noch lange andauern. Ich habe z.B. erst vor einiger Zeit den PC wirklich als Instrument entdeckt.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Ein kurzzeitiges Abtauchen in eine andere Welt und in eine andere Musik auf anderen Instrumenten, als man es gewöhnt ist. Und dabei kann man auch noch feiern, wie man es vielleicht auch nicht gewöhnt ist. Es kommt drauf an, welcher Art diese „mittelalterliche Musik“ ist. „Mittelalter“ ist ja nun als Schublade wirklich recht vielseitig. Es gibt sehr hochwertige Emsemblesachen, aber unter anderem auch Fantasy-Märchen-Kitsch oder Punkrock-Gebumsfiedel (ob nun akustisch oder mit E-Gitarren). Ich würde mich als „Neuling“ einfach mal intensiv in verschiedene Sachen reinhören und mir „mein“ Mittelalter selbst im Kopfkino zusammenbasteln.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Mehr Konzerte und noch mehr Mittelalterpartys veranstalten, denn häufig ist die Musikrichtung für die Leute etwas Neues und wird noch viel zu selten angeboten. Gerade die Live-Party macht das Ganze ja erst interessant. Einfach mal ein paar Konzerte verschiedener Bands besuchen oder die Live-Atmosphäre auf einem Mittelaltermarkt auf sich wirken lassen.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Generell sollte sich das jeder selbst einmal anhören, und dann urteilen. Man kann diesen Vergleich aber auch lassen :-)
Ansonsten unterscheiden wir uns durch unseren recht eigenen Sound und dadurch, dass wir den Großteil unserer Stücke selbst schreiben. Das neue Album wird nur aus eigenen Stücken bestehen und spiegelt auch diesen „neuen“ Wolfenmond-Sound wieder. Dann haben wir natürlich Sonja, deren Stimme allein schon Individualität ausmacht. Das alles macht auch den Wiedererkennungswert aus.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
In erster Linie von uns selbst und der Kreativität, die gerade in uns wirkt. Davon abgesehen besteht ein nicht zu leugnender Einfluss aus den nördlichen Teilen der Erde. So werden textlich oft Geschichten und Mythen aus Island, Norwegen, Schweden usw. verarbeitet. In unserem neuen Album geht es um Sagen rund um diese Region.
Ansonsten: Mittelaltermärkte, Mythen, Eskapismus und Corvus Corax. Heidnische Bräuche oder Politik auf gar keinen Fall. Unser Band-Logo ist auch keine Swastika (bekomm ich leider ab und zu zu hören), sondern eher ans Ying-Yang angelehnt und stellt das „W“ und das „M“ aus „Wolfenmond“ dar. Den Mond und den Wolf haben Cultus Ferox ja als Emblem etabliert, was ich bis heute nicht ganz verstehe ;-)

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Es ist möglich, dass die Medien der Ansicht sind, dass diese Art von Musik nicht genug Leute anspricht. Aber wir glauben, bei dem ganzen Mainstream-Gedudel, das täglich aus dem Radio und auf den Musiksendern dröhnt, schreit es förmlich nach Abwechslung. Die Leute wollen etwas Neues und Interessanteres hören und sehen. Vielleicht ist es ja wirklich das Andere – das Abtauchen in eine andere Welt – was die Leute mögen und der Grund, warum die Szene immer neue Anhänger bekommt. Ist halt leider trotzdem extreme Spartenmusik…

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Mittelaltermusik IST recht eintönig, solange man keinen Genre-Mix betreibt. Man muss sich schon etwas mit der Materie auseinandersetzen. Natürlich gibt es viele Bands in dem Bereich, bei denen alles recht gleich und eintönig klingt – genau wie es zum Beispiel viele Rockbands gibt, die ein ähnliches Programm haben. Aber es gibt auch sehr viele Gruppen, die sehr ausgewogene, abwechslungsreiche und interessante Musik machen. Die Leute sind einfach aufgefordert, wie in jedem Musikstil ihre Schätzchen aus der breiten Masse herauszusuchen. Auch hier zeigt sich, dass die Wahl oft auf die nicht so bekannten Bands bzw. die nicht so verbreitete Stilrichtung fällt.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Hauptsächlich Folker, Individualisten, Gothics, Rollenspieler und sonstige Randgruppen (unsere „Lieblings-Randgruppen“ sozusagen). Ansonsten: Alle, die es mögen! Diese Musik ist wie jede Musikrichtung Geschmacksache. Entweder du magst es oder eben nicht. Jeder, der sich auf diese Musik einlassen und sie wirken lassen kann, wird auch seinen Spaß an ihr finden. Auf den Mittelaltermärkten oder Tanznächten finden sich alle möglichen Gesellschaftsschichten, die einfach das Ambiente mögen und diese Events mit Vorliebe besuchen.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
„…ach so Minegesang?“ „Neee“
„… so was ruhiges, so in Kirchen bestimmt!“
„Nein, eher so Duddelsackbrett mit Trommelgekloppe.“

Viele müssen erst mal eine Show gesehen oder eine CD gehört haben, um sich ein Bild machen zu können. Es ist ja auch gar nicht leicht, sich da zurechtzufinden. Zwischen Minnegesang und Mittelalter-Heavy-Metal ist mittlerweile so vieles Mittelaltermusik.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Auf dem MA-Markt hat halt alles angefangen. Immer wieder gern.
Es gibt sehr schöne Märkte und meistens haben wir dort auch gehörig Spaß. Aber ich kann schon sagen, dass wir Konzerte vor Menschen, die wegen unserer Musik gekommen sind, und nicht. weil sie nebenbei noch ein wenig musikalische Untermalung zu ihrem Hühnchen haben wollen, verständlicherweise bevorzugen. Allerdings hatten wir auf manchen Märkten auch sehr gute Konzerte mit vielen tollen Leuten, die mit uns gefeiert haben. Wir finden, dass ein guter Mittelaltermarkt auch ein gutes Musikprogramm braucht, um eine gute Atmosphäre für den Besucher zu verbreiten. Weiterhin hat es eben einen besonderen Anreiz abends nach dem Marktbesuch noch das große Abendkonzert zu besuchen und noch mal so richtig zu feiern.

Wie erklärt ihr euch euren großen Bekanntheitsgrad besonders in der Schwarzen Szene? Inwiefern hat das nur mit eurem Label zu tun und wie viel trägt dazu eure Musik bei? Ihr verwendet an sich nur traditionelle Instrumente wie einige andere Bands auch, die nicht so sehr akzeptiert sind.
Wir denken die Mischung aus allem macht’s. Label, Musik, die Mystik, die eigenen Stücke, der eigene Stil usw.
Auf jeden Fall ist es sehr geil, wenn du auf einem Markt stehst und vor unserem Auftritt mischt sich nach und nach immer mehr schwarzes Volk unter das normale Volk. Die sammeln sich schließlich vor der Bühne und dann weißt du, dass die nur wegen dir hier sind und dementsprechend schön sind die Konzerte dann auch.
Dieser Effekt tritt bei vielen Mittelalterbands auf und hat neben der Vermarktung auch viel mit Realitätsflucht und Träumerei bei den Hörern zu tun. Das Mittelalter, das man sich heutzutage selbst macht, ist halt idealisiert, romantisch und stinkt nicht.

Kann die Wahl des Labels bzw. der Vermarktung allgemein entscheidenden Einfluss darauf nehmen, ob eine Band auf Dauer Erfolg hat oder nicht (besonders im Hinblick auf speziellen Gruppen wie z.B. die Schwarze Szene)?
Mit dem richtigen Marketing kannst du alles verkaufen, was halbwegs sauber intoniert und auf Klick oder gar mit Autotuner eingespielt ist (oder auch nicht)- in jeder Musikszene, on- und offline. Für die Livesachen musst du halt üben und man sollte sich idealerweise mit seinen Mitmusikern gut verstehen.
Was man allerdings (außer sein Instrument zu beherrschen) nichts selber kann, kann man ja auch delegieren (z.B. Remixe, Artwork, Vertrieb, Marketing, etc.). Das setzt natürlich erst einmal Cashflow, Beziehungen oder ein Label voraus. Sobald es jedoch einmal läuft, baust du jedoch nur noch an und bedienst nach und nach alle Zielgruppen. So was sollte natürlich NICHT der Grund sein, weshalb man Musik macht. Da ist dann der Zweck das Mittel.
Ob man dann auf Dauer Erfolg hat hängt immer von vielen Faktoren ab, aber explizit ist es sicher wichtig, wie die Band zusammenarbeitet, wieviel Verbissenheit man bereit ist hineinzugeben und wie gut sich
alles zusammenfügt.

Wie ist euer Verhältnis zu den Fans und besonders zu denen aus der Schwarzen Szene? Gibt es wichtige Unterschiede und/oder Gemeinsamkeiten?
Fans sind enorm wichtig, ohne sie funktioniert das Ganze ja nicht und würde auch keinen Spaß machen. Es ist total schön, manche Leute auf unseren Konzerten immer mal wieder zu treffen, mit den Leuten gemeinsam zu feiern und einen besonderen Abend zu verbringen. Bei den Leuten aus der Schwarzen Szene gefällt mir besonders die Andersartigkeit. Wie ihre Musik präsentiert sich alles in einem ungewohnten eigenen Kleid. Genauso genial ist es, wenn die Zuschauer gewandet zu unseren Konzerten kommen und das alles zu einem eigenen Ambiente beiträgt.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – die Könige halt!
Schandmaul – sehr gute Ausgeglichenheit zwischen hartem Sound und weichen filigranen Melodien. Man könnte sagen zwischen männlich und weiblich, das Ying-Yang des Mittelalters? Nein, Spaß bei Seite. Respekt übrigens für das neue Album!
In Extremo – warum ist das immer die Band, die alle kennen? „Heavy Mittelalter“ – und auch die ersten, die MA-Rock richtig etabliert haben (mir ist nur eine CD von Feeling B bekannt, die bereits 1993 etwas annähernd „Ähnliches“ mit Mittelalter und E-Gitarren gemacht haben. „Die Maske des Roten Todes“ – kennt das noch jemand?)
Subway to Sally – immer wieder sehr geil!
Spielmänner und Spielmannsleben – …sind und ist schön!
Tradition oder Fortschritt – beides im Einklang miteinander
Plugged oder unplugged – hat beides seine Reize
Tokio Hotel – kreischenden pubertierenden Mädchen und Benjamin-Blümchen-Unterwäsche auf der Bühne.


Geschrieben am 4. Dezember 2006 von Sigi Maier

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