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vom 2004-09-24 @ Frankfurt, Festhalle
Damit wäre mein Soll von exakt zwei Konzertbesuchen pro Jahr auch für 2004 erfüllt. Rush, die heilige Dreifaltigkeit des Prog, waren es, die sich erhaben genug schätzen dürfen, dass ich für sie meine raren Studentenkohlen auf den Kopf haue. Einer glücklichen Fügung des Schicksals habe ich es jedoch zu verdanken, mich auf dem Treck gen Frankfurt nicht auf die Gunst der Bahn-Götter verlassen zu müssen, sondern gemütlich in einem Renault Kangoo zur Festhalle chauffiert zu werden (von der ersten Person, die ich zum Rush-tum bekehrte... everyone´s a winner!).
Keine Gleisbrände, kein kurzfristiges Umsteigen auf die S-Bahn, keine Verspätung, und leichten Zwisten mit der innerstädtischer Verkehrsführung sowie einem noch rechtzeitig vereitelten Abzockversuch eines Hotels, das sich mit seiner Tiefgarage an den ungeduldigen Konzertgängern die Nase zu vergülden suchte – 22 €, aber sonst alles sauber, Mr. Mariott? - , zum Trotz konnten wir uns guter Dinge gegen sechs Uhr ans Ende einer massiven Menge, die in demografischer Hinsicht sehr gemischt war, stellen.
Zwar mag Rush nicht die Band sein, deren Lieder jeder Zwölfjährige unter der Dusche nachpfeifen kann, doch strömten an diesem Abend und mit Sicherheit an jedem anderen Abend ihrer dreißigjährigen Jubiläumstour eine beeindruckende Menge von Menschen aus aller Herren Länder (u.a. viele Amerikaner) in die Halle, um die drei Kanadier zu sehen...später im, übrigens sehr schönen und mit einer guten Akustik gesegneten Saal schätzte ich die Anzahl der Zuschauer auf etwa 10000! Einen kleinen Tipp hätte ich übrigens noch: lasst Eure Fotohandys im Auto, wenn das Konzert, das ihr besuchen wollt, professionell gefilmt wird (sehe ich da etwa eine Jubiläums-DVD kommen?) und Ihr Euch nicht unbedingt zwei Mal anstellen wollt...
Kommen wir nun zum interessanten Teil des Berichts. Erstmals in meiner zu kurzen Konzertkarriere könnte ich die beschaulich kleine Bühne von meiner Position aus wunderbar einsehen, so dass mir auch die wunderliche Bühnendeko nicht verborgen blieb: zu den bereits aus Rio bekannten Waschmaschinen, deren Inhalt die Leute in den erste Reihen am Schluss erbeuteten, gesellte sich noch ein funktionierender Süßigkeitenautomat und allerlei Nippes. Und dass der alte Satz „Je oller, je doller“ tatsächlich nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, bewies auch das Intro-Filmchen. Nach einer Menge Verweise auf die genialen Albencover und dazugehörige Songschnipsel tauchte Jerry Stiller (Arthur aus „King of Queens“) als altgedienter Rush-Fan auf der Leinwand auf, beschwerte sich über das Fehlen von „A Passage to Bangkok“ und rief Lerxst, Dirk (in alten Chucks) und den Professor auf die Bühne.
Hatten die Gigs 2002 noch mit einem Oldie-Medley geendet, ging es heuer gleich damit los. Knappe 10 Minuten wurde kreuz und quer durch die schwergewichtigen Altlasten „Anthem“, „Bastille Day“, „Cygnus X-1“ und „Hemispheres“ gepflügt, dass die Wände wackelten... jeder Schlag auf die Base traf mitten in die Brust, den Bass konnte man im Zwerchfell spüren, und dieser Gitarrensound! Einfach unglaublich, mit welcher Sicherheit Geddy, Alex und Neil auf der Bühne instrumentale Kabinettstückchen ablassen, zu denen Hobbymusiker noch in hundert Jahren aufschauen werden und dabei alberne Grimassen für die Kamera schneiden und sich gegenseitig in Grund und Boden posen.
„The Spirit of Radio“ (an zweiter Stelle!!) machte deutlich, dass Rush das Lehrbuch “Wie gewinne ich ein Publikum für mich?” in- und auswendig beherrschen. Bereits hier wurde das Konzert für mich zu einem einzigen freudigen Taumel, was auch meine etwas vage Rekonstruktion der gigantischen Setlist, in der tatsächlich 16 der 17 Alben, die die Diskografie der Band umspannt, erhalten waren (lediglich „Presto“ fehlte), erklärt... möglicherweise hatte aber auch der Duft würziger Kräuter, den so manche benachbarte Person verströmte, damit zu tun. Selbst mein „Hold Your Fire“-Fave „Force Ten“ wurde reaktiviert, womit ich nie im Leben gerechnet hätte, ebenfalls nicht damit, dass „Roll the Bones“ zu einem derart großen Höhepunkt des Gigs werden könnte. Bei diesem Stück war einfach eine gewisse Magie spürbar, was es in meiner Gunst viele viele Ränge nach vorne springen ließ und mir noch lange im Gedächtnis bleiben lassen wird. Überhaupt ziehe ich gerade live viele der Nummern aus den Achtzigern und frühen Neunzigern den meisten alten Gassenhauern vor... Stücke wie „The Trees“ oder „Red Barchetta“ rocken zwar mächtig, können an das Gänsehautfeeling eines „Bravado“ aber nicht tippen. Ausgenommen von dieser Regel ist aber natürlich „YYZ“... unfassbar, wie zu einem derart versponnenen Instrumental tausende von Leuten abgehen.
Selbstredend hatten Rush in Sachen positive Überraschungen gerade erst angefangen, denn mit dem obermelodischen Alternative-Rocker „Animate“ war für meine Begriffe ebensowenig zu rechnen wie mit dem gemütlichen The Who-Cover „The Seeker“. Mit dem Rifffest „One Little Victory“ ging´s dann erstmal in die „brain surgery“-Pause, sowohl mit der Gewissheit, die größere Hälfte des Auftritts noch vor sich zu haben, als auch mit dem Bedürfnis, den eigenen Flüssigkeitshaushalt wieder auf Vordermann zu bringen. Zwei Bier gleichzeitig in der Konzertpause ist wie Sex mit Carmen Electra an Weihnachten... da allerdings nur Becks ausgeschenkt wurde, musste ich im übertragenden Sinne mit Paris Hilton vorlieb nehmen...
Zur zweiten Hälfte der Show begrüßt wurden wir mit einem weiteren albernen Video, das Geddy, Alex und Neil in Seventies-Look (yep... wallende Haare und Zappa-Schnauzbart) als Celebrity Deathmatch-Figuren im epischen Kampf gegen ihr Maskottchen, das sie dann in ihrem Kampfschiff Cygnus X-1 in die Flucht schlagen konnten, zeigte. Und da auch das zweite Set mit einem Kracher begonnen werden wollte und ein gewisses Stück im ersten noch nicht vertreten war, war es nun an der Zeit für den kultigen „Tom Sawyer“! Gott sei Dank standen anstelle der beiden tranfunzeligen Handlampen aus Set 1 nun ein paar mitsingfreudige, sympathisch alkoholisierte Leutchen, so dass das Herumgröhlen gleich doppelt so viel Spaß bereitete. Hätte mir auch nicht träumen lassen, dass man „Red Sector A“, im Grunde ein ernstes, trauriges Lied, derart abfeiern kann. Lustig war auch der Typ, der sich für jede Textstelle des Refrains von „Secret Touch“ (das Live-Highlight der „Vapor Trails“ meiner Meinung nach) eine kleine Choreografie ausgedacht hatte.
„Between the Wheels“, ein weiterer völlig unvorhergesehener Track, bot dann das coolste Video auf der Leinwand, auf der je nach Song entweder Live-Aufnahmen von der Bühne, nostalgische Bandfotos, passende Videos oder einfach psychedelische Farbverläufe gezeigt wurden. Für die beiden Hammer-Überraschungen sorgten „Dreamline“, das richtig schön heavy klingt und einfach einen absolut mitreißenden Refrain hat, sowie mein persönlicher Markout Moment (um es im Wrestling-Jargon auszudrücken)… dieses Drum-Intro… das kann doch nicht… „Mystic Rhythms“! Zwar schwor ich mir spätestens hier, dass es unmöglich noch besser werden konnte, aber das große, lange Finale sollte ja noch kommen...
Pearts Drumsolo schloss direkt an „Red Sector A” an bot wie immer bekannte als auch frisch improvisierte Parts, relaxte Rhythmen, unfassbare Chops und natürlich die köstliche Latin Jazz-Einlage am Schluss. Bessere Schlagzeugdarbietungen gibt´s live nicht einmal von Mike Terrana zu sehen. Um dem geschlauchten Professor dann etwas Ruhe zu gönnen, packten Geddy und Alex wieder die Westerngitarren aus – im Klartext: auf dem Plan stand „Resist“, das sich mit größter Sicherheit für lange Jahre in Rush´schen Setlists einnisten wird. Mit „Heart Full of Soul“ bekam es außerdem einen weiteren akustischen Bruder an die Seite gestellt.
Vertraute Spährenklänge kündeten dann, zur großen Freude des Publikums, etwas Großes an: während „2112“, dem Durchbruchswerk der Band, kam es wieder zum großen Hüpfen. Zusätzlich zu den ersten beiden unverzichtbaren Szenen gab es sogar noch das konfuse Finale des Epos zu hören. Das war jedoch erst der Beginn der instrumentalen Ekstasen... „La Villa Strangiato“, in dessen berühmt-berüchtigter Freejazz-Passage auch Alex mit einem Potpourri von Tiergeräuschen unter Beweis stellte, dass er bei bester stimmlicher Verfassung ist, machte den Anfang, gefolgt von „By-Tor and the Snow Dog“. Hier galt ein guter Teil der Aufmerksamkeit natürlich auch dem zum Schreien komischen Cartoon auf der Leinwand, der Rush-Version einer Superhelden-Story mit allem, was dazugehört – Muskelprotze, Kampfroboter, ein stoischer Neil Peart, Verfolgungsjagden und Hunde (Geddy, der Dackel!!!!!).
In „Xanadu“, einem weiteren Track aus der alten Zeit, trieb Alex das reichlich vorhandene Kiffer-Flair des Tracks mittels einer Robert Plant-mäßigen Doppelhalsgitarre auf die Spitze, bevor dann der gute alte „Working Man“ das Ende markierte... zumindest wäre hier noch auf der letzten Tour Schluss gewesen, schließlich hatte es aber noch keine Zugabe gegeben... (was einige arme Idioten natürlich nicht davon abhielt, das Schlachtfeld bereits zu räumen... naja, dafür seid Ihr ja immerhin 15 Minuten früher zuhause)
Das erste Drittel der besagten stellte dann das Stück dar, das jeder „Feedback“-Besitzer hat kommen sehen müssen: den oberkultigen Oldie „Summertime Blues“! „Crossroads“ (im Original von Cream) erkannte kaum jemand, daher der einzige Song, dessen Laufzeit man sinnvoller hätte nutzen können. Als wunderbaren, aber irgendwie auch wehmütiger Abschied von der besten Rockband aller Zeiten diente dann aber wieder ein echter Klassiker, nämlich das göttliche „Limelight“. Und damit war, nach geschlagenen 32 Songs und rund drei Stunden Nettospielzeit, das eigentlich viel zu frühe Ende gekommen, so dass man sich glücklich ausgepumpt und etwas traurig auf den Heimweg machen konnte.
Seht dieses Resümee als ein Denkmal an die Livepower der einzigen Ü50-Rocker an, die sich in ihrer dreißigjährigen Geschichte als Band nicht ein einziges Mal einen Fehltritt, egal in welcher Hinsicht, erlaubt haben und denen man ihr Alter kein Stück anmerkt - ein Bombenset, sowohl dank der Klassiker als auch dank der vielen Überraschungen, tight und hochenergetisch vorgetragen, mit einer höchst sympathischen Bühnenpräsenz. Seht es auch als eine dringende Empfehlung, nein, einen direkten Befehl, dieser Band spätestens bei ihrem nächsten Besuch im Herzen Europas zu verfallen.
Because we´re here
Setlist (ohne Anspruch auf Richtigkeit...):
Medley (Anthem, Bastille Day, Cygnus X-1, Hemispheres)
The Spirit of Radio
Force Ten
Roll the Bones
Bravado
Animate
The Seeker
YYZ
Earthshine
Subdivisions
The Trees
Red Barchetta
One Little Victory
------------ Pause ------------
Tom Sawyer
Dreamline
Secret Touch
Between the Wheels
Mystic Rhythms
Red Sector A
Drumsolo
Resist (acoustic)
Heart Full of Soul (acoustic)
2112
La Villa Strangiato
By-Tor and the Snow Dog
Xanadu
Working Man
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Summertime Blues
Crossroads
Limelight
Konzertbericht von:
Gunnar |