CD-Review: Aethernaeum - Naturmystik

Besetzung

Alexander Paul Blake - Gesang, Bass, Keyboard
Motte - Gitarre
Marco Eckstein - Gitarre
Markus Freitag - Cello
Hendrik Wodynski - Schlagzeug

Tracklist

01. Die Stimme der Wildnis
02. Heimreise (Ein Requiem)
03. Umarmung der Einsamkeit
04. Die Waldschamanin
05. Der Baumpercht
06. Jenseits der Mauer des Schweigens
07. Im Zyklus der Jahreszeiten
08. Aus Silberseen...
09. Erdenzauber


Es war nicht nur die bloße Umbenennung von Alexander Paul Blake in AETHERNAEUM, was eine neue Ära in der Karriere der Berliner Dark-Metaller einläutete. „Wanderungen durch den Dämmerwald“ kann man ohne Übertreibung als eines der stärksten Düsteralben des Jahres 2013 bezeichnen. Damit haben Blake und seine Mitstreiter die Messlatte enorm hochgelegt. „Naturmystik“ ist der schlichte Titel eines Albums, welches aus einem (beinahe über-) mächtigen Schatten treten muss.

Los geht es beinahe schon traditionell mit zwei langen Songs, wobei „Die Stimme der Wildnis“ schon fast als ein eigenes Album stehen könnte. Klingt etwas komisch, liegt aber daran, dass dieses Lied schon alles auffährt, was „Naturmystik“ im Folgenden ausmachen wird. Ein emotional noch leicht seichtes Intro führt in die ersten härteren Passagen, die aber noch keinesfalls als schwarzmetallisch zu bezeichnen sind. Schließlich limitieren sich AETHERNAEUM nach wie vor nicht, also auch nicht in der stilistischen Ausrichtung. Dank massiver Cello-Einsätze entfachen die Berliner eine geradewegs romantische Stimmung, welche spielerisch Hand in Hand mit eher folkigen Parts geht.
Dennoch (und ohne dass der Hörer es so richtig merkt) steigert sich nicht nur die Intensität, die auf der Gefühlsebene zwar schon von Anfang an enorm ist, gegen Ende aber auch in Sachen Geschwindigkeit und dezenter Härte an den Stellschrauben dreht. Dann kommen die Ursprünge des Konzepts zum Vorschein, fieses Keifen von Blake, höhenlastige Gitarre und Blast-Beats. Aber es ist nach wie vor keine Aggressivität im Sinne von Boshaftigkeit, die das Lied färbt, sondern weiterhin eine romantische, emotionale Erhabenheit. Und als wäre das noch nicht genug, verzahnt sich das musikalische Konzept nahezu perfekt mit Artwork und Texten. Diese haben manchmal märchenhaften Charakter, manchmal kommt eine gewisse Esoterik dazu, dann wieder sind es einfach nur Betrachtungen der pantheistischen Umwelt. Aber jederzeit sind die Worte in schimmernde Gewänder von Epik, Lyrik und Dramatik gekleidet. Goethe hätte seine helle Freude daran gehabt.

Somit hätten AETHERNAEUM schon beim ersten Auftritt 2015 alles gesagt, glücklicherweise haben sie noch viel mehr in der Hinterhand. Eigentlich wäre es praktisch jedes Lied wert, eigens erwähnt und beschrieben zu werden, so viele geniale Ideen haben den Weg auf „Naturmystik“ gefunden. „Heimreise (Ein Requiem)“ glänzt beispielsweise mit akustischen Zwischenspielen, die ein wenig an Empyrium erinnern, aber nichts von ihrer Einzigartigkeit einbüßen. Das rein akustische „Der Baumpercht“ ist hingegen nicht nur eine willkommene Verschnaufpause, sondern möglicherweise der interessanteste und ungewöhnlichste Song, den AETHERNAEUM jemals geschrieben haben.
Neben einer generellen Ähnlichkeit zum Vorgänger (was die Platzierung der einzelnen Nummern in der Trackliste angeht) fällt das phantastische „Aus Silberseen…“ besonders auf. Es könnte quasi als Bruder von „Sonnentor“ durchgehen, ebenfalls an Position acht und damit vorletzter Stelle ist es ebenfalls vor allem langsam und schwer und unterstreicht damit die Erhabenheit noch einmal ganz exzellent. Neben den genannten Liedern und dem sehr gefühlvollen Instrumental „Jenseits der Mauer des Schweigens“ sicher der Anspieltipp schlechthin.
Lob allenthalben bis hierher, findet sich denn dieses Mal wenigstens ein kleines Haar in der Suppe? In der Tat, auch wenn sich dieses vielleicht gar als größter Glücksfall überhaupt entpuppt. „Naturmystik“ braucht schon etwas länger als sein Vorgänger, um sich dem Hörer zu offenbaren. Die ersten Durchläufe verlangen einmal mehr viel vom Konsumenten ab, aber dies ist auch notwendig, um die Musik, das Konzept und die Visionen von AETHERNAEUM zu entschlüsseln. Aber dies lässt sich ja positiv sehen: Die Scheibe wächst mit jedem Durchgang und auf lange Zeit wird man noch Neues entdecken können.

Die vielleicht am meisten herbeigesehnte Veröffentlichung im düsteren Metal des Jahres erfüllt alle Erwartungen. Wenn man sich nicht davon abschrecken lässt, dass „Naturmystik“ einige Anforderungen an den Hörer stellt, kann man AETHERNAEUM erneut in Höchstform erleben. Letztlich bleibt die aktuelle Scheibe zwar ein My hinter „Wanderungen durch den Dämmerwald“ zurück, dies ist aber bei der Genialität und Einzigartigkeit des Vorgängers absolut keine Schande. Pflichtkauf, ohne wenn und Aber.

Bewertung: 9 / 10

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