CD-Review: Fen - The Malediction Fields

Besetzung

The Watcher - Gesang, Gitarren
Grungyn - Bass, unterstützender Gesang
Draugluin - Keyboard, Synthesizer, unterstützender Gesang
Theutus - Schlagzeug

Tracklist

01. Exiles Journey
02. A Witness to the Passing of Aeons
03. Colossal Voids
04. As Buried Spirits Stir
05. The Warren
06. Lashed by Storm
07. Bereft


thumbnail

Der jüngere Trend Post-Rock-Elemente in eine Musikart einfliessen zu lassen, zu der vielen Leuten als allererstes die Attribute kalt, hart und böse in den Sinn kommen, mag den Black-Metal-Puristen wohl ganz schön übel aufstoßen. Den Engländern von FEN kann man aber schlecht nachsagen, dass sie auf irgendeinen Trendzug aufspringen, denn diese haben von Anfang an, also seit ihrer Gründung 2006, beide Richtungen in ihrer Musik und zwar mit dem Zusatz, dass der Post-Rock eben nicht nur eine Randerscheinung ist. Viel eher ist man an einer Symbiose der beiden Spielarten nahe dran, so dass beim Hören der Eindruck ensteht, dass es gradezu selbstverständlich ist wie beides miteinander hergeht bzw. ineinander verschmilzt.
Was bietet sich dann auch besser an, als dass die vier Herren ihr Seelenheil in der Natur, genauer gesagt in den “Malediction Fields” suchen. Orte an denen man Kummer und Schmerz verarbeitet und neue Energie schöpfen kann, für den Hörer vielleicht auch einfach eine Flucht aus dem Alltagstrott. Denn soviel Melancholie man hier vorfindet, so wunderschön ist das Debüt-Werk von FEN auch, auf dass man immer wieder darin versinken möchte.

“Exiles Journey” beginnt mit den beiden Extremen, die das Debüt-Album von FEN ständig begleitet: Ein einzelnes Riff auf der Akkustikgitarre wird jäh unterbrochen durch einen Ausbruch aller Instrumente und der Stimme von The Watcher, welcher mit den üblichen Black-Metal-Vocals den entfachten Sturm unterstützt. Dem folgt nach kurzer Zeit wieder die Rückkehr in ruhige Gefilde, diesmal wird das einzelne Riff jedoch durch einen ersten kleinen Klargesangseindruck und hinzukommende atmosphärische Ambient-Kulisse ergänzt, bevor dann erstmal für etwas längere Zeit der Black Metal den Ton angibt. Den Ausbruch darf man nicht falsch deuten, zwar wird durchaus das Tempo ganz schön angezogen, jedoch ist es keine Vehemenz à la Marduk, das lässt schon die Produktion nicht zu, welche zwar wirklich gelungen ist, aber zugunsten des naturbezogenen Charakters auch keinen so direkten Sound hat, sondern eher eine gewisse örtliche Entfernung zur Musik suggeriert.
Es ist eben einerseits die rohe, ungezügelte und unverfälschte Kraft der Natur, die “The Malediction Fields” inne wohnt, aber gleichzeitig auch eine gewisse Idylle, die man nur dort wiederfindet wo der Mensch noch nicht Hand angelegt hat, in der unberührten Flora und Fauna. Der Hörer wird zum Wanderer, zum Betrachter, zum Geniesser. Es gibt keine Hektik, auch wenn man mal schnelleren Schrittes vorangeht. Man braucht kein Ziel, denn man will eigentlich gar nicht weg. Die Gegend scheint als Ruhestätte mehr als geeignet zu sein. Ob nun Sekunden, Minuten oder Stunden verstreichen, es ist irrelevant. Zeitlos lebt es sich eh viel schöner.

Obwohl auf FENs erstem vollwertigen Werk alles so homogen ist und kein Instrument direkt heraussticht durch irgendwelche Virtuosität, mangelt es dennoch nicht an besonderen Momenten, welche durch die perfekte Integration in die Stücke fast schon unscheinbar wirken. Man nehme nur mal “As Buried Spirits Stir”, wo das Schlagzeug nach etwa der Hälfte des Songs in eine marschähnliche Richtung schlägt und die Schreie und das leichte Stöhnen (ja, in einer Art wie nur Männer es können) von The Watcher für Gänsehaut sorgen, die spätestens mit dem Akkustik-Einsatz zum Ende hin wieder kommt, falls sie schon abgeklungen ist.
Oder mein persönlicher Höhepunkt in “Lashed By Storm”, wo eine einzelne Gitarre zwischendurch an Agallochs “Limbs” erinnert, welche erklingt nachdem zuvor bereits eine Weile auf diesen Klimax hinausgearbeitet wurde und somit den grösstmöglichen emotionalen Effekt entfaltet. Nicht zu vergessen diese überaus lässige Basslinie, die daraufhin einsetzt. Es sind keine Momente, die quasi schreien “Seht mich an!”, sondern es ist viel subtiler und lässt sich nicht unbedingt gleich beim ersten Hören komplett erschliessen, auch wenn es eigentlich Easy-Listening-Material ist. Da diese jeder selber für sich finden soll belasse ich es mal bei diesen wenigen Eindrücken, doch einer Sache muss ich mich noch widmen.

So ein bisschen schaut man sich ja doch um, bevor man sich ein Album kauft und in den Kritiken, welche ich zu “The Malediction Fields” gelesen habe, wurde der Klargesang doch schon ziemlich bemängelt. Wenn man mit diesem nichts anfangen kann, dann darf man wohl getrost “Colossal Voids” überspringen, denn dort ist sein Anteil am Grössten. Bei einem achtminütigen Song kann das die Wertung dann natürlich schonmal drücken. Und auch wenn dieser zugegebenermaßen im ersten Moment gewöhnsbedürftig ist, so kann ich die negative Einstellung dazu inzwischen nur noch bedingt nachvollziehen. Zwar mag Grungyn, der den Klargesang bei “Colossal Voids” übernimmt, manchmal so klingen, als würde er wenn er noch lauter singen müsste doch ganz schön ins Schiefe abdriften, aber es ist halt noch knapp unter der Grenze und hat einfach was, zumindest in meinen Ohren. Das “Hünengrab im Herbst” von Nagelfar wurde durch den Klargesang ja auch nicht zerstört. Also so eng sollte man das nicht sehen und sich mal drauf einlassen, vielleicht ändert sich die Meinung ja nach einigen Durchgängen, falls sie nicht eh schon von Anfang an positiv ausfällt.

Somit bleibt diese Scheibe für mich ein vollkommen rundes Produkt, dass die vermeintlichen Erwartungen nach der “Ancient Sorrow”-EP voll und ganz erfüllen kann. FEN ist vielleicht keine Band, bei der man davon sprechen würde, dass man noch Grosses von ihr erwartet, aber wenn sie ihren Stil beibehalten, dann könnten sie so ein Fall werden, wo man weiss, dass die Qualität immer stimmt und man deshalb auch bedenkenlos zukünftige Werke kaufen wird. Wer also nicht bereits durch den ersten Absatz des Reviews abgeschreckt wurde, für den ist ein Reinhören Pflichtprogramm. Jetzt wird es nur noch Zeit, dass es Sommer wird, denn dann kommt “The Malediction Fields” erst vollständig zur Geltung. Geniessen kann man diese Musik jedoch zu jeder Zeit. Und man will sie geniessen, immer und immer wieder.

Bewertung: 8.5 / 10

Geschrieben am


Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder werden mit * markiert

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: