Nachdem ich mich in letzter Zeit dank der neuen Alben der Spartengrößen von Reverend Bizarre und Candlemass (früher auch schon durch Morgion) immer mehr in den Doom Metal eingefunden hatte, freute ich mich diesmal umso mehr über eine der Promos, die ich kürzlich erhielt. Es handelt sich hier um den jüngsten Output der Schweden von VENI DOMINE, die schon seit 1987 auf der Doomschiene unterwegs sind. In den 20 Jahren Bandgeschichte ist „Tongues“ nun erst das sechste Album, zwischendrin hatte man immer wieder mit Krankheit oder Labels Probleme. Für den Tieftöner holte man sich mehr oder minder prominente Hilfe von den Bassern anderer Bands, die Keyboardeinspielung teilten die lediglich drei Bandmitglieder unter sich auf.
Schon nach einigen Liedern drängte sich mir die Frage auf: „Ist das hier wirklich Doom Metal, wie der Promozettel es sagt?“ Nach mehrmaligem Hörern der ganzen Scheibe mit ihren recht üppigen 67 Minuten fällt es mir schwer, dem ganzen Album dieses Prädikat zu verleihen – oder mein Begriff von Doom Metal ist zu eng gefasst. Die Musik von VENI DOMINE ist eigentlich bei weitem zu vielschichtig und komplex, als dass man sie in eine Schublade stecken könnte; „Progressive“ trifft es hier wohl am besten. Das geht schon beim Opener „October“ los: Das Riff scheint sich quer in den Gehörgang quälen zu wollen, so sperrig erscheint es beim ersten Anhören, und das wird auch nach mehreren Anläufen nicht leichter. Dazu gesellt sich hypnotischer, zweistimmiger Gesang, einlullend, doch gleichzeitig irgendwie aufrüttelnd. Doch dann plötzlich: Cleane Gitarren, ein angenehm düsterer Basslauf – fast agonal zum vorhergehenden Part. Und kaum ist eine Minute vergangen, erfolgt wieder der Wechsel zum sperrigen Grundriff. Zwischendrin ein tonnenschwer stampfendes neues Riff. Der klagende Refrain: „I see October everywhere“. Dann das frickelige Gitarrensolo, durchaus zum kopfschüttlerischen Abgehen geeignet. Wieder klare Strophe und wieder das verwirrende Grundmotiv, wieder klagender Refrain. Nach sieben Minuten ist erstmal Feierabend. Was für eine Achterbahnfahrt – und das war erst der erste Song!
Doch nicht jedes Lied hat diesen Wechselbadcharakter. „Scream“ könnte fast von System of a Down sein, man höre sich nur den zungenbrecherisch schnell gesungenen Refrain an; auch die teilweise ausgestrahlte Hektik würde zu den mittlerweile nicht mehr bestehenden Amerikanern passen, ebenso wie die Tempowechsel. „Bless My Pain“ ist eine tatsächlich sehr doomige, getragene Ballade, auch „Two Times“ zelebriert die Langsamkeit, doch demgegenüber stehen (mindestens teilweise) rockig stampfende Songs wie „Stay With Me“ oder „The Bell Of A Thousand Years“. „Tree Of Life“ bietet in seiner Überlänge häufige Wechsel zwischen cleanen und verzerrten Gitarrenparts, wobei zweite irgendwie dissonant daherkommen – das ist fast schon anstrengend, aber irgendwie stellenweise auch mitreißend, dann wieder verstörend und wachrüttelnd.
Der Rausschmeißer und Titeltrack „Tongues“ ist dann nochmal ein ganz eigenes, ein großes und auch großartiges Kapitel: Nach dem in Tagträume versetzenden Kirchengesangsintro hebt einen der erste verzerrte Akkord beinahe aus dem Sessel, bevor es jetzt wirklich die volle Packung Doom gibt: Schleppende Riffs im Schneckentempo und gemächliches Schlagzeugspiel, dazu gesellen sich irgendwann zurückhaltende Pianoklänge und später auch Synthie-Chöre. Nach 9 Minuten wird auch die Temposchraube kurz etwas angezogen, ehe das große Finale folgt: In mehreren Sprachen, von Russisch und Chinesisch über Französisch, irgendeine Eingeborenensprache und Französisch bis zu Niederländisch oder Belgisch (auch Deutsch ist dabei) wird eine Bibelstelle, untermalt von einem tonnenschweren Riff mit gefühlten 5 bpm, vorgetragen: „... und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen“ - ein Auszug aus der Apostelgeschichte; und erst hier zeigt sich wirklich klar erkennbar, dass VENI DOMINE eine christliche Band sind. Ich hatte Probleme beim akustischen Verstehen der Texte, doch der „Reiter auf dem weißen Pferd“ könnte der heilige Georg sein, und auch die anderen Lieder sind wohl ähnlich ausstaffiert. Und zum Schluss wird auch klar: „Tongues“ sind hier nicht Zungen, sondern Sprachen – Englisch für Fortgeschrittene, was das betrifft.
Nachdem auch das aufgeklärt ist, hier nun mein Fazit zu „Tongues“. Das große Problem dieses Albums ist, dass es zu keinem Zeitpunkt Ohrwurmcharakter hat – dafür spielt man einfach zu vertrackt, zu fordernd, teilweise zu dissonant. Neben der sehr düsteren Grundstimmung gibt es eine weitere Konstante: Über die gesamte Spielzeit, mit nur wenigen, kurzen Ausnahmen („Stay With Me“), bleibt die Musik kompliziert und sperrig, nichts mag sich wirklich im Gehörgang festsetzen, und obwohl die Lieder sich alle deutlich unterscheiden, ist es manchmal nicht leicht, einzelne zu benennen. Anstatt „kompliziert“ könnte man die Musik der drei Herren natürlich auch „anspruchsvoll“ nennen, das ist Geschmackssache – wer sich jedoch nicht mit der Musik intensiv auseinandersetzen will, wird wohl daran scheitern. Die große Erleuchtung bleibt bei mir im Moment noch aus, doch vielleicht wird sie irgendwann noch geschehen, wer weiß; schlecht ist die Musik in keinem Fall. Bis der große Durchbruch kommt, verzichte ich auf eine Bewertung – macht euch euer eigenes Bild, das ist hier definitiv der einzige Weg, um herauszufinden, ob VENI DOMINE euch glücklich machen können.