„Puh!“ Das war der erste Laut, der aus meinem rauchenden Haupt drang, nachdem ich mich einmal durch „Evolution Bound“, das Debüt von ANCIENT CREATION aus den USA, gehört hatte; 50 Minuten schwere Kost. Halt – Power Metal und anstrengende Kost? Ja! Power Metal muss, wie ich feststellen durfte, nicht immer leicht konsumierbare Fastfood-Kost mit Hymnenpotential sein, sondern kann auch mal richtig das Hirn und die volle Aufmerksamkeit des Zuhörers fordern.
Erstes Stirnrunzeln gleich in den ersten Sekunden von „The Brotherhood“: Das Gitarrenriff ist irgendwie... äh, ja, interessant. Nervenaufreibend könnte man natürlich auch sagen, aber so früh will ich meinen Optimismus dann doch nicht aufgeben. Außerdem klingt die Gitarre an sich ziemlich merkwürdig; die Produktion scheint irgendwie dumpf, doch es sei gleich gesagt, dass sich das eigentlich nur bemerkbar macht, wenn die Rhythmusgitarre das dominierende Instrument ist, denn alle anderen Musiker dürfen sich über bestens ausgesteuerte Aufnahmen freuen, die nichts an Qualität vermissen lassen. Lediglich die Lautstärkeverhältnisse stimmen stellenweise nicht, da verschwindet ab und zu schonmal ein Instrument im akustischen Nirvana. Insgesamt ist die Produktion jedoch gelungen, auch mit der gewöhnungsbedürftigen Rhythmusgitarre.
„Gewöhnungsbedürftig“ ist eigentlich auch das richtige Wort für das gesamte Album; dies rührt wohl einfach daher, dass „Klischee“ für ANCIENT CREATION ein absolutes Fremdwort ist. Mag auch die Tracklist noch ein wenig in die Tradition diverser Genrevertreter passen (hier am ehesten Metalium), der Rest tut es garantiert nicht. Ganz im Gegenteil, die fünf Amis gehen ganz frisch, teils progressiv und manchmal sogar etwas verkopft zu Werke; wer sich beim Kauf des Albums auf „easy listening“ freut, dürfte herb enttäuscht werden. Kindergartenmelodien gibt es dazu passend nirgends auf dieser Scheibe zu finden, stattdessen gibt es ziemlich böse Riffs und Melodien, die oft irgendwie neoklassisch anmuten, wie man das von diversen Gitarrenvirtuosen kennt (höre „Taste Of Mortality“, „Bringer Of Evil“ oder der Mittelteil von „Lost Angels“) - ich sage nur „Arpeggios From Hell“, so weit kommt's hier aber zum Glück nie. Weiterhin ist Dissonanz ein elementarer Bestandteil der Songs; verspielt wird sich hier natürlich nicht, aber man schien sich einfach zu denken: „Warum sollten wir es den Hörern leicht machen?“ „The Brotherhood“ und „Lost Angels“ sind mit ihren Grundriffs Paradebeispiele hierfür, es klingt teilweise einfach gewollt schräg. Der Herr Sologitarrist neigt außerdem dazu, während seiner Soli ab und an den Faden zu verlieren und wild drauf los zu wichsen, was dann für schmerzverterrte Gesichtsausdrücke meinerseits sorgte – weniger ist manchmal eben doch mehr. Schießbudenmann Mr. Burns sorgt für flotte, teils krumme Rhythmen, die sich in dieser Form gut ins Gesamtkonzept einfügen. Gesangstechnisch ist fast alles im grünen Bereich. Bentley hat genug Kraft in der Stimme, um den Songs die passende gesangliche Härte einzuhauchen (stellenweise wird sogar geshoutet/gegrowlt); schwierig wird es nur dann, wenn es dann doch mal ruhiger wird, was aber nur ganz selten passiert. An solchen Stellen fehlt dann die Variabilität.
Im Endeffekt ist es schwer zu sagen, welche Gruppe Musikhörer an ANCIENT CREATION nun wirklich Gefallen finden könnte, denn mir kommt auch nach intensivem Nachdenken keine Band in den Kopf, mit denen sich diese Herren vergleichen ließen. Die Amis wirbeln durch alle Sparten und nehmen sich überall Kleinteile mit, die sie in ihre Musik integrieren. Heraus kommt mit „Evolution Bound“ ein Album, das unbedingt mehrere Hördurchgänge braucht, bis man sich an die etwas abgefahrenen Strukturen und den wie erwähnt gewöhnungsbedürftigen Sound gewöhnt hat. Dann wird dieses Album jedoch zur Wundertüte, die viele tolle Details beinhaltet und immer wieder für kleine Aha-Erlebnisse sorgt. Wer harten Power Metal mag, sollte reinhören, wer ein Proggie ist, der es auch mal härter als Dream Theater mag, sollte reinhören, und wer auf bodenständige Art und Weise abgefahrene Musik mag, sollte auch reinhören. Anspieltipps: „Taste Of Mortality“ und „Lost Angels“. Auf geht’s! Für den Mut zum Neuen gibt’s hier: