Review Rammstein – Herzeleid

Wer hätte 1995 schon ahnen können, dass eine Newcomer-Band namens RAMMSTEIN mit ihrem nicht eben unschuldigen Debüt „Herzeleid“ eine gesamte Musiksparte definieren würden? Und doch wurde die Schublade „Neue Deutsche Härte“ mit diesem Album nicht nur aufgerissen, sondern eigentlich auch gleich wieder zugeschlagen: Bis heute kam in dem Genre kein Album mehr nach, über das sich dieses Genre besser definieren ließe. Dass „Herzeleid“ der Anfang einer Weltkarriere sein könnte, war damals freilich nicht abzusehen – dafür war dann wohl auch etwas Glück von Nöten, etwa in Form der musikalischen Erwähnung in David Lnychs Kultfilm „Lost Highway“. Und doch lassen sich viele Gründe für den durschlagenden Erfolg von RAMMSTEIN – zumindest aus heutiger Sicht – leicht an „Herzeleid“ festmachen.

Zunächst einmal sind die Songs im Ganzen wie auch die einzelnen Riffs ist von Anfang bis Ende so simpel gehalten, dass ein Gitarrenschüler im zweiten Monat die Stücke locker nachspielen könnte. Zumindest in der Theorie. Der Unterschied wäre trotzdem unüberhörbar, zeichnet die RAMMSTEIN-Gitarristen doch bereits auf ihrem Debüt messerscharfes Picking und eine bemerkenswerte Tightness aus. Auf ein nicht minder bemerkenswert solides Fundament aus Schlagzeug und Bass gesetzt, ist diese Tightness ohne Zweifel ein entscheidender Faktor für die Energie, die „Herzeleid“ bis heute ausstrahlt: Nur durch diese Präsision funktioniert die Symbiose aus Gitarre, Bass und Schlagzeug, aber auch elektronischen Elementen so gut. Durch einen absolut stimmigen, so bissigen wie kraftvollen Sound abgerundet klingen die Songs auch heute noch extrem fett und tanzbar: Dass RAMMSTEIN sich seinerzeit selbst den Stempel „Tanzmetall“ aufgedrückt haben, kommt nicht von ungefähr.

Der nächste, unüberhörbare Grund ist die tiefe, kräftige Stimme von Till Lindemann mit seinem übertrieben gerollte „rrrrr“ – bis heute das Trademark von RAMMSTEIN. Die fast grobschlächtige Art, in der Lindemann auf diesem Album mal „Weisses Fleisch“ besingt, mal „Heirate mich“ fordert, muss man nicht mögen. Es ist vielmehr sogar nachvollziehbar, wenn einem die so vorgetragenen, makabren Verse Unbehagen bereiten. Doch klar ist: Kalt lässt dieser Gesang niemanden, damals wie heute nicht. Und dann ist da eben auch die Provokation: Sex („Wollt ihr das Bett in Flammen sehen“) und Begierde („Du riechst so gut“) treffen auf Perversion („Weisses Fleisch“, „Heirate mich“) und Gewalt („Rammstein“). Brutal und ungeschönt  werden die grässlichen Themen, durch Till Lindemanns so simple wie effiziente Lyrik seziert, vor dem Hörer aufgebart. Wer RAMMSTEIN nun aber auf straightes Riffing und stumpfen Texte reduzieren will, sieht sich in der Albummitte mit „Seemann“ konfrontiert – einer waschechten Rock-Ballade: Hier zeigen sich RAMMSTEIN so gefühlvoll und zugleich „echt“ wie wohl nie wieder. Hätten RAMMSTEIN nicht anderes vorgehabt – das wäre das der Song fürs One-Hit-Wonder gewesen!

Dass dieser Song so heraussticht, hat allerdings auch einen anderen Grund: Die anderen Songs tun’s nicht. So bleibt „Herzeleid“ mit dieser einen Ausnahme geprägt von einer bemerkenswert konsequent durchgezogenen Hau-Drauf-Mentalität, die RAMMSTEIN bereits auf ihrem ersten Album einen leicht identifizierbaren, ureigenen Stil verleiht – der zweiten Albumhälfte allerdings auch keine großen Überraschungen mehr erlaubt. Die große Überraschung ist und bleibt also „Herzeleid“ im Ganzen: als wegweisendes Album, das eine Band repräsentiert, die weiß, was sie will. Und die das Talent, vor allem aber die Energie hat, es sich auch zu holen.

 

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Wertung: 8 / 10

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2 Kommentare zu “Rammstein – Herzeleid

  1. Ach Jan…
    „Die “neue deutsche Härte” wurde mit dem Debütalbum der Berliner Band RAMMSTEIN begründet“
    Zumindest OOMPH!’s „Sperm“ erschien früher…

    „und auch heute, 16 Jahre später, hat es kein Output gegeben, welches diesem insgesamt ausgesprochen natürlich klingenden Werk das Wasser reichen kann.“

    Ich jedenfalls finde (um im Genre zu bleiben) wiederum OOMPH!’s „Defekt“ und „Wunschkind“ wesentlich angenehmer. Vor allem klingen die genannten Scheiben viel weniger „schlagerlastig“.

    1. Nun, da kann man eventuell unterschiedlicher Meinung sein. Sicher ist das Oomph-Album ein Jahr älter, aber auch wenn es unstrittig eine Erfolgsscheibe darstellt, bleibt es zumindest kommerziell (also objektiv) hinter „Herzeleid“ zurück. Subjektiv muss es natürlich jeder für sich entscheiden, Du findest Oomph besser, für mich hat „Herzeleid“ halt die Nase vorn. Zudem wird man im Internet sicher nicht lange suchen müssen, um Meinungen zu finden, die sich meiner Einschätzung anschließen, genauso wird es Vertreter geben, die es eher mit Dir halten. Ich denke, da gibt es insgesamt doch andere, größere Meinungsverschiedenheiten ;)

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