Interview mit Ditmar Kumarberg von 1914

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Interviews mit Bands aus der Ukraine haben dieser Tage eine andere Dimension als Gespräche über Alben, Musik und Touren. Ganz besonders gilt das für 1914: Deren Sänger Dmytro Ternushchak alias „2. Division, Infanterie-Regiment Nr. 147, Oberleutnant – Ditmar Kumarberg“ ist nämlich nicht bloß geschichtsbegeistert, sondern ein hochgebildeter Mann, dem es um mehr geht als die Faszination für das Grauen. Er mahnt: „Wer sich nicht an die Geschichte erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Und wo uns das hinführen könnte, leitet er auch gleich aus der Genese zweier Weltkriegen ab. Was das wiederum mit dem neuen Album „Viribus Unitis“ zu tun hat, und welche Bitte er im Albumtitel versteckt hat, erzählt der Sänger wie nebenbei.

Das Album beginnt mit „War In“, in dem die deutsche Nationalhymne erklingt – aber der Text ist nicht Deutsch. Was hören wir da?
(lacht) Es ist die Hymne des Österreichisch-Ungarischen Reichs. Es geht also nicht um Deutschland, es geht um Österreich. Ihr habt sie jetzt – aber zur Zeit des Ersten Weltkriegs hattet ihr in Deutschland eine andere Hymne. Danach habt ihr die Melodie der Österreichisch-Ungarischen Hymne übernommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es ein bisschen kompliziert, die alte Hymne zu verwenden, weil ihr sie zur Zeit Hitlers genutzt habt und so weiter. (lacht) Deshalb habt ihr sie auf die ursprüngliche Musik aus Österreich geändert. Was lustig ist, weil Hitler ja ursprünglich aus Österreich kam, und ihr wegen ihm die Hymne geändert habt … (lacht)

Danke für diese erste Lektion in Geschichte. Vielleicht folgt noch die ein oder andere … Aber warum war das der perfekte Opener für euer neues Album?
Oh, weil es ein Konzeptalbum ist. Wir haben wegen der Geschichte unseres Protagonisten die erste Nationalhymne des Österreichisch-Ungarischen Reichs gewählt: Für ihn begann die ganze Geschichte als Soldat in einem der Regimenter der Österreichisch-Ungarischen Armee. Das ergibt Sinn, denn er war Ukrainer, ein Soldat aus meiner Heimatstadt Lemberg, aber eben zur Zeit der Doppelmonarchie. Deshalb begann für ihn alles mit dieser kaiserlichen Hymne: Wir sind alle kaiserliche Soldaten, lasst uns den Feind bekämpfen und so weiter. Es geht um die kaiserlichen Truppen.

Basiert das lyrische Konzept auf realen Begebenheiten, ist es eine wahre Geschichte, oder hast du um die tatsächlichen Ereignisse herum eine Story erfunden?
Ich will nicht darüber sprechen, ob der Protagonist eine echte Person ist oder nicht, das würde dem Album etwas von seinem Zauber nehmen. Es soll jeder selbst entscheiden, ob es real ist oder nicht. Aber natürlich geht es um historische Ereignisse. Diese Ereignisse stellen wir wie immer zu 100 % historisch korrekt dar. Ich wühle tief in den Archiven. Ich habe, ehe wir mit der Arbeit am Album begonnen haben, etwa sechs Monate damit zugebracht, tonnenweise Briefe von Soldaten, aus Gefangenschaft und so weiter durchzugehen – wahrscheinlich tausend oder zweitausend Stück. Ich kann Polnisch, ich kann Ukrainisch, ich kann Russisch, ein bisschen Kroatisch und ein bisschen Slowakisch. Und natürlich Englisch und ein bisschen Deutsch. So kann ich tief in den Archiven graben und viele verschiedene Dokumente nutzen – nicht nur ukrainische. Wir haben hier beispielsweise viele polnische Dokumente, auch die konnte ich also nutzen.

1914 im April 2024 in München
© Afra Gethöffer-Grütz (2024)

Das klingt nach viel Arbeit, um daraus am Ende „nur“ ein Metal-Album zu machen. Nachdem du all diese Dokumente durchgearbeitet hast, musst du deine Erkenntnisse entsprechend auf ein paar wenige Liedtexte kondensieren. Wie wählst du aus, was du verwendest und was am Ende nicht?
Zuerst kamen die Texte und das Storytelling. Wir sagen nicht: „Lasst uns ein Metal-Album machen!“ Fuck this shit. Nein, ich hasse Metal. Also spielen wir nicht einfach nur Metal. Wir erzählen Geschichten! Für mich stand das tiefe Eintauchen, die ganze historische Recherche, im Fokus, als wir mit dem Album begonnen haben. Ich habe einige Stichpunkte für das Storytelling und einige Stichpunkte für die Texte vorbereitet. Damit bin ich zu meinen Jungs gegangen und habe ihnen alles erklärt: Der erste Song wird über die Offensive und Belagerung von Przemyśl sein, und dann habe ich ihnen die Geschichte dahinter erzählt, die Gefangennahme von mehr als 100.000 Männern der Österreichisch-Ungarischen Truppen. Während der ersten drei Tage des Angriffs starben mehr als 40.000 Russen, und so weiter, und so fort. Ich habe ihnen alles erklärt und versucht, die Intention der Texte verständlich zu machen: Es wird roh, schnell, aggressiv, also müssen wir das mit Blastbeats und viel typischem Black-Metal-Zeug machen, versteht ihr? Und alle sagten: OK, und ich bin zurück an die Recherche gegangen. So haben wir das mit jedem Song bei jedem unserer Alben gemacht.

Schreibst du also immer zuerst die Texte und versuchst dann, deren Atmosphäre in der Musik abzubilden?
Ich mache zuerst meine Recherche und lege das Thema fest, dann bereite ich die Texte stichpunktartig vor. Also noch nicht die kompletten Texte, Refrain, Strophe, Refrain, Strophe und so, sondern eher „hier haben wir das, hier haben wir das und hier werden wir wahrscheinlich so den Punch setzen und die Bridge so“. Lasst es uns mal ausprobieren und es in die Musik einpassen.

1914, © Sofiia Ruda

Neben der Metal-Musik hören wir auf dem Album viele Samples von alten Kriegsliedern. Was war die Idee dahinter, diese zu verwenden, und wo hast du sie gefunden?
Wenn du unsere vorherigen Alben hörst, wirst du feststellen, dass ich immer viele historische Samples, Reden und Originalmusik aus jener Zeit, verwendet habe. Erstens vermittelt das ein cinematisches Verständnis, wie ein guter Film, und zweitens lässt es dich komplett in das Thema eintauchen, in die Atmosphäre, in das historische Drumherum des Storytellings. Denn wenn du nur irgendein Black-Metal-Zeug hörst, kann das cool sein, OK. Aber wenn du Black-Metal-Zeug mit vielen Originalsamples hörst, verursacht das Gänsehaut, es gibt dir Vibes! Und wahrscheinlich bist du, wenn du das Album durchgehört hast, neugierig: Die Belagerung von Przemyśl? Ich weiß darüber gar nichts: Was ist das? Wo liegt dieses verdammte Przemyśl? Und dann googelst du es und bildest dich so ein bisschen weiter. Das ist für mich das Wichtigste: Ich gebe dir einen Startpunkt, um dich selbst weiterzubilden!

Der Ansatz gefällt mir sehr gut. Viele Metal-Bands, die über Kriegsthemen singen, wollen dagegen in erster Linie unterhalten … als erste Band fällt einem da natürlich SABATON ein …
Fuck this shit! SABATON ist überhaupt keine Musik! Das sind generische beschissene Songs, kombiniert mit generischen beschissenen Texten von dummen schwedischen Idioten. Das ist alles …

KANONENFIEBER 2024 in Innsbruck
KANONENFIEBER © Afra Gethöffer-Grütz (2024)

OK, dann muss ich dich nicht mehr fragen, was du darüber denkst … (lacht) Was ist mit KANONENFIEBER? Ich würde sagen, sie liegen irgendwo zwischen 1914 und SABATON, zumindest was diese aufwändige Produktion angeht und den Ansatz, damit große Massen zu faszinieren und zu unterhalten …
Weißt du, warum? Sie haben als unsere Fans angefangen. Wir standen mit Noise viel in Verbindung, haben viel geredet. Er ist ein toller Kerl und er hat eine großartige Band aufgebaut. Aber sie haben ein paar Jahre nach uns begonnen, wir haben dann auch beim SUMMER BREEZE OPEN AIR kollaboriert. Aber nach unserem letzten Album, „Where Fear And Weapons Meet“, steckten wir wegen der russischen Full-Scale-Invasion in der Ukraine fest. Wir durften nicht durch Europa reisen, unser Gepäck und unser Equipment mitbringen. Jedes Mal hatten wir Probleme an der polnischen Grenze und jedes Mal mit eurer deutschen Polizei, wenn die gesehen haben, dass wir mit einem Bus mit ukrainischen Kennzeichen unterwegs sind. Also müssen wir ja verdammte Immigranten sein! Anhalten, was ist in eurem Bus? – Unser Equipment, wir sind Musiker – Ihr dürft euer Equipment nicht nach Deutschland bringen. Wahrscheinlich wollt ihr es hier verkaufen! – Komm schon, hier, schau ins Internet, wir sind die Band, wir spielen in Deutschland!

Jedes Mal während der Full-Scale-Invasion hatten wir dasselbe beschissene Problem mit der deutschen Polizei. Sie halten uns jedes Mal an, kontrollieren alles, sogar mein Arschloch. Und jedes Mal wollen sie alle Papiere, wirklich alles: Was ist das? – Eine Kiste mit unseren Platten. Mach auf! Warum Schallplatten? Habt ihr dafür Steuern bezahlt? – Komm schon, Mann! Du bist Polizist, du bist nicht der Zoll … Also hatten wir jedes Mal denselben Scheiß mit der deutschen Polizei. Deshalb konnten wir als Band nicht wachsen. Wir haben das Album aufgenommen und veröffentlicht. Aber wir dürfen nicht viel Bühnendeko mitbringen. KANONENFIEBER konnten das machen, weil ihr im friedlichen Europa sitzt und alles haben könnt, was ihr wollt. Wir stecken hier fest und haben keinerlei Möglichkeit, etwas um uns herum aufzubauen.

1914 im April 2024 in München
© Afra Gethöffer-Grütz (2024)

Bist du deswegen neidisch auf KANONENFIEBER und ihren Erfolg?
Nein, nein, nein, nein. Das ist großartig! Ich freue mich wirklich, wie sie sich ihren Weg gebaut haben. Aber was mich persönlich angeht, gefällt es mir nicht wirklich. Für meinen Geschmack geht es zu sehr um die Show, um das Feuer, um alles. Für mich ist es mehr die Herangehensweise von AMON AMARTH oder SABATON. Sie beschreiten den Mainstream-Pfad. Das ist nicht das, worum es bei 1914 geht. Bei uns geht es um Trauer, Verzweiflung, Hass, Wut … all diese Emotionen. Immer, wenn ich singe, bin ich mit Schlamm bedeckt. Es geht nicht um den Mainstream, es geht darum, dir Gänsehaut zu verleihen und dir Emotionen zu vermitteln. Das ist der Punkt. Für uns geht es nicht um die riesige, riesige Show mit viel Feuer und all sowas …

Was ist euer Ziel, was sollte ein Zuschauer idealerweise von einem 1914-Konzert mitnehmen oder vom Hören eurer Alben? Was sollen die Leute aus eurer Musik ziehen?
Sie sollen in erster Linie Geschichte lernen. Denn wer sich nicht an die Geschichte erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Wahrscheinlich ist dir historisches Zeug wie der Erste Weltkrieg oder der Zweite Weltkrieg egal, nehme ich an. Aber jedes Mal, wenn die europäischen Nationen wie Franzosen, Briten, Deutsche und so weiter sich einen Scheiß für die slawische Völker interessieren, bekommen wir den Weltkrieg, verstehst du. Der Erste Weltkrieg begann auf dem Balkan. Es hat sich einfach niemand für den Nationalismus auf dem Balkan interessiert: Irgendwelche Serben, irgendwelche Slawen, irgendwelche Kroaten, irgendein bla, bla, bla, es ist uns zu kompliziert. Es ist uns egal. Und was ist passiert? Das Attentat in Sarajevo, gefolgt vom Ersten Weltkrieg.

Im Zweiten Weltkrieg hat Hitler Polen überfallen und Polen zwischen der Sowjetunion und den Deutschen aufgeteilt. Und was war die Reaktion der, nennen wir es mal „Europäischen Union“? Es gab keine! Die paar verdammten Slawen, ein paar Polen, drauf geschissen, das sind überhaupt keine Europäer. Und danach hat Hitler die Tschechische Republik überfallen. Und was war die Reaktion? Es gab keine! Es ist uns egal. Es sind irgendwelche Slawen. Und so bekamen wir den Zweiten Weltkrieg.

Jetzt haben wir wieder dieselbe Situation: Russland ist in die Ukraine einmarschiert. Ach, es ist uns egal, ein paar Slawen in der Ukraine sterben, scheiß drauf, das ist nicht unser Krieg. Okay, also bekommen wir am Ende den Dritten Weltkrieg. (lacht)

1914 im April 2024 in München
© Afra Gethöffer-Grütz (2024)

Alles, was du sagst, ist so peinlich, es zu hören. Weil du so recht hast. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll …
Weil ich nicht aus Deutschland bin, darf ich offen über Hitler, über den Holocaust, über alles sprechen. (lacht)

Du hast schon über die russische Invasion in die Ukraine gesprochen. Was meinst du, wäre es angemessen, auch über diesen Krieg in der Musik zu singen, oder muss erst eine gewisse Zeit vergehen, damit wir historisch darauf zurückblicken können?
Das Wichtigste ist, dass nur echte, authentische Soldaten, die diesen Krieg selbst erlebt und durchgemacht haben, darüber singen. Zum Beispiel ist unser Gitarrist in der Armee, er ist gerade an der Front. Wir singen über den Ersten Weltkrieg, weil ich ein Kriegsarchäologe bin, ein Geschichts-Nerd. Ich grabe diese toten Soldaten in den Karpaten, im Wolhynischen Wald aus. Wir beerdigen sie – viele Deutsche, viele österreichische Soldaten, serbische Soldaten, ukrainische, polnische, alle waren hier, verstehst du. Wir graben nach diesen toten Soldaten, beerdigen sie und versuchen, ihre Familien zu finden. Ich bin Kriegsarchäologie und Sammler militärischer Artefakte. Hier siehst du zum Beispiel ein deutsches Gewehr, das Mauser K98, aus dem Ersten Weltkrieg. Und es funktioniert immer noch! Ich habe viel Zeug dieser Art. Deshalb glaube ich, dass ich das Recht habe, darüber zu singen. Denn es ist ein riesiger Teil der Geschichte, den ich mir angeeignet und mit dem ich gearbeitet habe.

Aber wenn wir über den aktuellen Krieg sprechen: Ich bin kein Soldat. Ich bin jetzt nicht im Schützengraben, weil ich ein gesundheitliches Problem habe, ich habe Krebs, deshalb bin ich nicht in der Frontlinie. Ja, so ist das Leben … sie haben mir wegen Nierenkrebs eine Niere entfernt, und deshalb bin ich nicht kriegstauglich. Shit happens. Aber deshalb singe ich nicht über diesen Krieg, weil ich schlicht kein moralisches Recht habe, denn ich bin diesen schrecklichen Ereignissen nicht Tag für Tag, Stunde für Stunde ausgesetzt.

Ist deine Tätigkeit als Kriegsarchäologe ein Hobby, oder arbeitest du tatsächlich in diesem Bereich?
Meine erste Qualifikation ist Jurist. Meine zweite Qualifikation ist Psychotherapeut. Und jetzt arbeite ich als Marketingmanager in einem IT-Unternehmen. (lacht)

Wann und wie bist du auf die Idee gekommen, deine Leidenschaft für Metal und Geschichte zu verbinden?
Mein Urgroßvater war Soldat des Österreichisch-Ungarischen Reichs. Er hatte viele Medaillen, Kreuze und so weiter. Ich bin mit all diesen Familiengeschichten über meinen Urgroßvater aufgewachsen: wie er kämpfte, seine Kriegserlebnisse, wie er an der italienischen Front war und so weiter. Aber ich bin überhaupt kein Metalhead. Ich bin Punkrocker! Über 25 Jahre habe ich hier in der Ukraine Hardcore-Punk gespielt. (lacht) Dann habe ich angefangen, in mit einer Hardcore-Punk-Band in ein paar Stücken über den Ersten Weltkrieg zu singen, weil das mein Hobby war. Aber kannst du dir eine typische Hardcore-Punk-Show vorstellen, und dann kommt der Sänger raus und erzählt irgendwas davon, dass nächste Song vom Ersten Weltkrieg handelt, von Ereignissen wie bla, bla, bla, die Karpaten, etwa 1 Million Menschen … und alle so: Was zur Hölle ist das? Wie bitte? Erster Weltkrieg? Bist du verrückt? Wir sind auf einem Punk-Rock-Gig! Also bin ich mit Punk-Rock und Erstem Weltkrieg gescheitert. (lacht) Das ist einfach überhaupt keine gute Kombination.

Also habe ich ein Noise-Industrial-Projekt gestartet, denn ich bin ein riesiger Fan von Industrial- und Noise-Musik, wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, SPK, LAIBACH, MERZBOW, THROBBING GRISTLE und so weiter. Wir haben zwei Alben über den Ersten Weltkrieg aufgenommen, das war großartig mit all diesem noisigen Industrial-Kram. Aber Zuhörerschaft und Interesse am Industrial-Album waren gleich null, weil es nicht so populäre Musik ist. (lacht) Also musste ich abermals einsehen, dass ich gescheitert bin. Ja, ich habe ein gutes Album aufgenommen, aber ich bin gescheitert, weil es niemand mitbekommen hat.

Und dann habe ich 1914 gestartet, so nach dem Motto: Okay, kommt schon, Jungs, lasst uns etwas Metal spielen. Denn Black- und Death-Metal gemischt mit Doom-Metal passt perfekt zur Thematik des Ersten Weltkriegs: Dieses ganze Growlen, Schreien, ich spucke dir einfach all die Geschichten, all die Emotionen ins Gesicht. Es geht um Emotionalität. Und all die Blastbeats geben dir Vibes von Maschinengewehren. Deshalb habe ich beschlossen, meine Lieblingsthematik, den Ersten Weltkrieg, in die Metal-Musik zu bringen.

Beim dritten Versuch hat es also funktioniert. (lacht) Ist dein historisches Interesse dann „nur“ auf den Ersten Weltkrieg begrenzt? Werden also alle zukünftigen 1914-Alben den Ersten Weltkrieg behandeln?
100%ig ja, denn ich kenne jede Menge großartiger Geschichten über den Ersten Weltkrieg, eine wirklich enorme Menge. Wahrscheinlich könnte ich noch fünf weitere Alben mit diesem Material füllen. Ich habe die Texte, ich habe die Themen, die Ideen und den Hintergrund.

1914, © Sofiia Ruda

Was macht den Ersten Weltkrieg für dich so besonders oder interessanter als jeden anderen Krieg, etwa den Zweiten Weltkrieg?
Für mich gibt es keinen Zweiten Weltkrieg. Das war nur die Afterparty nach dem Ersten Weltkrieg: Alle haben sich ein bisschen entspannt und ein paar mal tief durchgeatmet, und dann haben alle gesagt: „Lass es uns nochmal machen!“ Es gibt also keinen Zweiten Weltkrieg, nur einen einzigen riesigen Weltkrieg, und das war’s. Wenn du dir die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ansiehst: Protagonisten wie Göring, Hitler und so weiter sind in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs groß geworden. Der ganze deutsche Nationalismus und der ganze germanische Imperialismus wuchsen in der Zeit des Ersten Weltkriegs heran. All dieses britische Kolonialzeug und die Idee, alles zu erobern, entstanden eigentlich in der britischen Imperialzeit. Deshalb ist es für mich eine einzige, vollständige, riesige Geschichte.

Ich finde immer wieder faszinierend, wie sehr die Menschen es lieben, sich gegenseitig umzubringen. Sie fallen in andere Länder ein, sie entwickeln neue Fahrzeuge und viele interessante Dinge in der Bewaffnung, in der Maschinerie. Zum Beispiel die Gasangriffe oder die Panzer: Die ersten Panzer wurden im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Die Deutschen haben da auch zum ersten Mal Kreuzfeuer eingesetzt: Sie bauten viele MG-Nester und platzierten sie auf unterschiedlichen Seiten. So erzeugten sie dieses Kreuzfeuer. Und nur wegen dieses Maschinengewehr-Kreuzfeuers sind allein am ersten Tag der Schlacht an der Somme ungefähr 53.000 britische Soldaten gestorben. Das ist ein ungeheures Maß an Wahnsinn. Es geht um den menschlichen Wahnsinn. Es geht um dieses tierische Verhalten von uns. Wir sind immer noch verdammte Affen und unser Verhalten ist wirklich nicht gereift. Wir sind nicht so weit entwickelt, wie wir sein müssten. Nein, wir sind immer noch verdammte Affen, und genau so verhalten wir uns.

Traurig, aber wahr, schätze ich. Apropos Verhalten: Ihr habt euch diesmal weniger auf Kampfhandlungen konzentriert und mehr auf den mentalen oder psychologischen Zustand der Soldaten. Was findest du an diesem Aspekt besonders interessant, und was hast du persönlich aus der Arbeit an diesem Thema mitgenommen?
Als ich alle Albumtexte fertig hatte, habe ich sie in den Proberaum gebracht und meinem Gitarristen gezeigt, und er hat sie durchgesehen, besonders den letzten Song, und sagte so etwas wie: Dmytro, komm schon, wir sind nicht BULLET FOR MY VALENTINE. Warum bringst du diesen verdammten Emo-Hardcore? (lacht) Aber natürlich geht es für mich um persönliche Emotionen, und ich habe diese Texte mit all meinen persönlichen Intentionen gespickt. Ich bin immer noch hier in der Ukraine. Tatsächlich sind wir seit über elf Jahren mit diesem Krieg konfrontiert. Der Krieg begann 2014, nicht 2022. Im Jahr 2022 begann nur der zweite Teil, wir nennen ihn den Großen Krieg oder die Full-Scale-Invasion.

Wir sitzen hier also seit elf Jahren im Krieg. Das macht etwas mit dir, es beeinflusst deine mentale Verfassung, es verändert deinen Geist, es verändert deine Sichtweise total. Du bist jeden Tag mit Drohnenangriffen konfrontiert, mit Marschflugkörpern, deine Freunde sind gestorben. Wir haben in jeder unserer Städte einen riesigen – leider riesigen – Soldatenfriedhof. Viele meiner Freunde sind gestorben, und ständig bekomme ich Nachrichten wie: Nazar ist gestorben, wir treffen uns in drei Tagen wahrscheinlich zur Beerdigung. Und jedes Mal sitzt du nur da und denkst: Fuck, fuck this shit. Wir sind zusammen aufgewachsen! Aber das ist Krieg. Meine Tochter ist seit mehr als drei Jahren drüben in Europa. Ich habe nur eine Tochter, und ich bin seit über drei Jahren von ihr getrennt. Ich liebe sie, aber ich kann sie nicht in die Arme schließen, wegen dieses verdammten Krieges. Und diese Gefühle habe ich in meinen Texten zum Ausdruck gebracht – darum findest du in den Songs viele Aussagen wie: Ich will meine Tochter umarmen, ich will meine Frau umarmen und so weiter. Es geht um meine persönlichen Gefühle.

Das Cover wirkt auf mich nicht sehr „persönlich“ oder „psychologisch“. Was ist also die Verbindung zwischen dem, was wir auf dem Cover sehen, und den Texten beziehungsweise dem Konzept des Albums? Ich vermute, es gibt eine …
Natürlich! Jedes einzelne Element von dem, was wir tun, muss Teil des Konzeptes sein. (lacht) Also, das Hauptmotiv des Artworks ist im Original das Gemälde eines österreichischen Malers – nicht Hitler (lacht) … wenn man in Deutschland vom österreichischen Maler spricht, sind alle so … OK, das war jetzt ein Scherz, aber weil ich aus der Ukraine bin, darf ich das. (lacht)

Es basiert also auf einem Gemälde namens „Die Karpathenwacht“ [von Alois Hans Schramm, A. d. Red.], die Wache der Karpaten. Im Originalgemälde steht da nur ein Erzengel mit seinem Schwert. Wir haben viele Leichen und unseren Sensenmann hineingesetzt, weil es „Viribus Unitis“ heißt, und der Erzengel und der Sensenmann stehen zusammen als Einheit: Der Tod ist das Einzige, was du bekommst. Es gibt keine andere Option für dich, du wirst hier sterben und das war’s. Weißt du, sie stecken bei diese Verbrechen unter einer Decke.

1914 auf dem BRUTAL ASSAULT 2024
© Afra Gethöffer-Grütz (2024)

Und was den Titel „Viribus Unitis“ angeht, geht es dabei nicht um die Zeit des Österreich-Ungarischen Reiches. Nein, für mich ist es eine Brücke zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Gegenwart, weil „Viribus Unitis“ „Mit vereinten Kräften“ bedeutet. Für mich heißt das, und diese Botschaft gebe ich dir weiter: Wir brauchen diese vereinten Kräfte wieder. So wie damals zur Zeit des Österreichisch-Ungarischen Reichs, als wir vereint waren: Polen, Balten, Finnen, Rumänen … wir standen zusammen gegen den einen Feind. Deshalb „Viribus Unitis“, mit vereinten Kräften. Wir müssen vereint sein, um diesem verdammten Faschismus zu widerstehen.

Denn Russland jetzt, das russische Imperium, das ist gigantischer roter Faschismus, nichts anderes: imperialistischer Abschaum, der einfällt, der tötet. Ein Beispiel: Wenn du in Russland schwul bist, werden sie dich töten, oder du stirbst im Gefängnis. Wenn du eine andere politische Meinung hast, stirbst du im Gefängnis. Wenn du gegen die Putin-Partei bist, stirbst du im Gefängnis. Für all das stirbst du im Gefängnis. Und mit all diesem Bullshit sind sie in andere Länder einmarschiert, etwa in Georgien, in Tschetschenien, in die Ukraine, in Moldau und so weiter. Es ist etwas enorm, enorm Schreckliches, dass wir im 21. Jahrhundert, in Europa, diesen verdammten faschistischen Abschaum haben. Für mich ist die Botschaft von „Viribus Unitis“: Wir müssen vereint sein gegen den einen Feind, gegen den imperialistischen Abschaum.

Definitiv. Es ist schwer, nach diesem eindrucksvollen Statement zu anderen Fragen überzugehen. Ich stimme dir in allem vollkommen zu. Wie auch immer, wir haben nur noch ein paar Minuten in diesem Gespräch, also muss ich, ohne respektlos sein zu wollen, das Thema wechseln und mit dir über einige musikalische Aspekte des Albums sprechen.

Es gibt einige überraschende Gastbeiträge auf diesem Album – allen voran Christopher Scott von PRECIOUS DEATH, den ich wirklich nicht auf einem 1914-Album erwartet hätte. Kannst du uns kurz einen Einblick geben, wie diese Zusammenarbeit zustande kam?
In den 1990er-Jahren habe ich zwei Alben der Band PRECIOUS DEATH gekauft, die mir damals noch kein Begriff war. Als ich sie aufgelegt habe, dachte ich: Fuck yeah, die spielen verdammt großartigen Groove-Metal, wie FAITH NO MORE oder MUDHONEY und ALICE IN CHAINS zusammen. Das gefällt mir! Und von den 1990er-Jahren bis heute hat mich ihre Musik begleitet. Letztes Jahr habe ich auf Facebook gesehen, dass es neue Songs von PRECIOUS DEATH gibt, und ich dachte mir: Wow, die sind wieder am Start? Das sind großartige Neuigkeiten – also, lass das mal auschecken. Ich habe ihre Webseite gefunden, ich habe Christopher auf Facebook gefunden, er ist jetzt ein christlicher Prediger in den Vereinigten Staaten. Wie bitte? Ein christlicher Prediger? Aber mir kam sofort in den Sinn, dass wir einen Song über das Schicksal der Soldaten in der Gefangenschaft haben, wie sie dort starben, wie sie dort begraben sind, weil die Bedingungen schrecklich waren und viele Infektionen und Krankheiten umhergingen und so weiter. Und wer kann besser über das Schicksal der Soldaten in der Gefangenschaft singen als der christliche Prediger? Ich bin kein Christ, ich bin überhaupt nicht religiös, ich hasse all diesen dummen Scheiß über Gott und alles, aber mehr als 99 % der Soldaten im Ersten Weltkrieg waren Christen, also ist das meine Widmung an sie. Deshalb habe ich ihn eingeladen, so nach dem Motto: Du bist der Priester, du bist der Prediger, sing über das Schicksal der Soldaten. Für mich funktioniert das als konzeptionelles Ding.

1914 im April 2024 in München
© Afra Gethöffer-Grütz (2024)

Auch Jérôme Reuter von ROME und Aaron Stainthorpe, bis vor Kurzem Sänger von MY DYING BRIDE, sind auf dem Album vertreten. Wie kam das zustande?
Aaron und ich kennen uns einfach. (lacht) Also habe ich ihm eine Nachricht auf Facebook geschickt, so in der Art: Hey, wir haben ein neues Album in Arbeit, und in einem Song habe ich ein paar Clean-Vocals, und ich will dafür eine sehr tiefe, liturgische Stimme. Ich habe ihm den Song und den Text geschickt, und er antwortete: Gefällt mir, okay, klar! Und außerdem ist er ein Unterstützer der Ukraine. Ich finde, es ist ein brillanter Song, wegen seiner Stimme, weil sie wirklich einzigartig ist: Wenn du ihn singen hörst, weißt du sofort: Ja, das ist Aaron.

Und was Jérôme anbelangt, so ist er der größte Musikerfreund der Ukraine. Er war der erste europäische Musiker, der in den ersten paar Monaten der Full-Scale-Invasion Konzerte in der Ukraine gespielt hat. Alle saßen in Europa und hatten Angst, und er sagte: Fuck off, ich unterstütze die Ukraine, ich bringe etwas Merch, ich bringe Medizin, und er hat hier gespielt. Er hat der Ukraine ein ganzes Album, „The Gates Of Europe“, gewidmet, ein brillantes Werk mit Songs über Kiew, Mariupol und so weiter. Und natürlich ist es eine große Ehre für mich, mit ihm zusammenzuarbeiten … er hat eine einzigartige, tiefe Barock-Stimme. Ich habe diesen Song natürlich geschrieben, aber erst Jérôme hat daraus einen großartigen Song gemacht.

Ich würde das neue Material bald gern live hören. Ihr habt bereits einige Shows für nächstes Jahr bestätigt, aber die letzte Tour musste abgesagt werden, weil ihr das Land nicht verlassen durftet. Hat sich bezüglich dieser Regelungen schon etwas geändert, oder ist noch unsicher, ob diese Shows stattfinden werden?
Wie ein Blinder sagte: Schauen wir mal …

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Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

3 Kommentare zu “1914

  1. Interview von euch wie immer top. Aktuell kommen ja in sämtlichen Onlinemagazinen wieder gleichzeitig Interviews von der Band, aber bei euch ist es wie immer am informativsten.

    Und leider auch, wie oben schon bemerkt, erkennt man schon ein wenig, dass die Weltsicht ein wenig eindimensional erscheint. Er mag da den Anschein von wissenschaftlicher Arbeit erwecken, aber dazu wäre ein offeneres Mindset bzw. eine unabhängige Herangehensweise sicher nicht schlecht. Zum Thema Faschismus und Nationalismus kann er ja Mal die Herren von Nokturnal Mortum, Dub Buk, Astrofaes, etc. befragen.
    Aber gut, ich bin tatsächlich nicht in der Situation selbst, um darüber urteilen zu können. So gern ich die Band mag und so gut ich das Album finde, manche Aussagen sind schon ein wenig daneben…naja.

  2. Fuck this shit – die haben früher als Kanonenfieber angefangen!
    Hier ein paar Gedanken

    „Immer, wenn ich singe, bin ich mit Schlamm bedeckt. Es geht nicht um den Mainstream, es geht darum, dir Gänsehaut zu verleihen und dir Emotionen zu vermitteln. Das ist der Punkt. Für uns geht es nicht um die riesige, riesige Show mit viel Feuer und all sowas … „
    Ok, bei den großen Shows mit viel Feuer, sollen also keine Emotionen vermittelt werden, keine Gänsehaut ausgelöst werden?
    Die sind ja so viel realer, als Kanonenfieber und „die schwedischen Idioten“!

    Seine Behauptung, dass die Weltkriege ausgebrochen sind, da den (West-)Europäern Slawen egal waren, zeugt nicht von einer hohen Bildung von Ditmar.
    „Aber jedes Mal, wenn die europäischen Nationen wie Franzosen, Briten, Deutsche und so weiter sich einen Scheiß für die slawische Völker interessieren, bekommen wir den Weltkrieg, verstehst du. „
    Und jetzt interessiert sich niemand für die Ukraine und daher kommt der dritte Weltkrieg? Ich hab eher das Gefühl, dass es eine große Kriegsbegeisterung gibt und halte das für gefährlich. Aber es ist natürlich sehr komplex, was in einen so schlimmen Krieg führen kann – die Analyse von Ditmar scheint mir -ähem – ein wenig unterkomplex.

    „Und all die Blastbeats geben dir Vibes von Maschinengewehren. Deshalb habe ich beschlossen, meine Lieblingsthematik, den Ersten Weltkrieg, in die Metal-Musik zu bringen. „
    Also ich mag Blastbeats – im Gegensatz zu Maschinengewehren. Find seine Faszination für den ersten Weltkrieg sehr gruselig. Das klingt, als ginge ihm da einer ab.
    („Ich kenne jede Menge großartiger Geschichten über den Ersten Weltkrieg“)

    „Wir müssen vereint sein, um diesem verdammten Faschismus zu widerstehen.“
    Da stimme ich ihm zu, auch wenn die faschistische Bedrohung von vielerlei Seiten kommt (nicht nur aus Russland) und auch ein vereintes Europa (Europa der Vaterländer, Festung Europa) faschistisch sein kann.
    Und dann spricht der im nächsten Satz von „rotem Faschismus“! Das ist ja schon an sich widersprüchlich – bzw. ein Begriff der politisch Rechten, der sich nicht mit Faschismus befasst, sondern nur linke Ideen diskreditieren möchte – aber wo sieht der in Russland bitte das Rote?

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