Interview mit Florian Toyka von 20 Jahre Klabautamann

20 Jahre KLABAUTAMANN – hättet ihr damit gerechnet, dass es einmal so weit kommen würde, als ihr angefangen habt?
Ich kann mich ehrlich gesagt nicht an derartige Überlegungen erinnern. Wenn man 18 ist, stellt man sich ja eh nicht vor, was in 20 Jahren so los ist.

Gab es in dieser Zeit einen absoluten Tiefpunkt für KLABAUTAMANN, und wenn ja: worum ging es?
Derer gab es viele. Ich würde sagen, der erste Tiefpunkt war, als wir was verpeilt und die Pressung unseres ersten richtigen Albums vermurkst haben. Alle CDs mussten neu gepresst werden und in den Drucksachen hatten wir glaube ich auch Fehler. Das war damals eine Menge Geld und schon mal richtig scheiße. Bei „Der Ort“ ist dann auch was schief gegangen beim Druck, sodass alle Farben total blass waren. Und wir haben die Label-Kontaktdaten vergessen, eieiei … zum Glück waren die ersten 1.000 irgendwann weg, sodass wir bei der Zweitauflage alle Fehler korrigieren konnten. Neben solchen Sachen gab es bei uns aber auch persönlich immer wieder Konflikte. Nach den Aufnahmen zu einem Album musste deswegen in der Regel erst mal bisschen Ruhe einkehren. Und in jüngster Zeit waren es sicher die „Smaragd“-Aufnahmen, aus denen ich mich im laufenden Prozess aufgrund einer persönlichen Krise zurückgezogen habe – das war dann für Tim ziemlich scheiße. Vielleicht muss es aber kompliziert sein, wenn man komplizierte Musik macht! (lacht)

Und was war der Höhepunkt in 20 Jahren KLABAUTAMANN?
Da würde ich ganz klar das „Merkur“-Album herausstellen. Für mich ist das nach wie vor das bemerkenswerteste Album, auch wenn ich in letzter Zeit wieder viel ältere Sachen von uns höre. Ich glaube, das hat die Black-Metal-Szene – also die, die mit diesem Avantgarde-Kram zu der Zeit was anfangen konnte – genauso gesehen. Nach wie vor ist das eine sehr runde Sache, top Artwork (ich habe immerhin schon von zwei Fans Bilder von Tattoos davon zugeschickt bekommen!), progressiv, weg von diesem Wald- und Wiesen-Feeling, hin zu etwas Erwachsenerem, Universellerem. Es war dann auch die erste Veröffentlichung auf unserem ZEITGEISTER-Label, insofern natürlich auch etwas Besonderes.

Idee für „neues“ Logo von Dusan (2001)

Gehen wir zurück zum Anfang: Warum eigentlich KLABAUTAMANN mit A, und warum überhaupt dieser Name?
Tja … bei uns im Ort gab es 1997 die Black-Metal-Funband Mähdrescha – die  findet man trotz Release nicht mal auf Metal-Archives, also echter Underground! (lacht). Vermutlich dachten wir, das mit dem A statt ER muss so sein, wenn man ’ne bekloppte Band an den Start bringt. Hätten wir 20 Jahre nach vorne gedacht, wäre das mit dem Namen sicher anders gelaufen. Denn spätestens ab unserem Debüt, wo wir den ganzen Blödsinn wie finnische Zubereitungsanleitung einer Dr.-Oetker-Pizza als Lyrics weg gelassen haben, war es dann natürlich eher kontraproduktiv, als ernsthafte Band einen total bescheuerten Namen zu haben. Naja, aber irgendwann ist man so weg von der Bedeutung, dass man mit dem Namen einfach die Band verbindet und nicht die Bedeutung oder Schreibweise … da haben wir es dann einfach so gelassen. Und in gewisser Weise haben wir dadurch auch immer so super engstirnige Leute abgeschreckt, die wir uns vielleicht eh nicht unbedingt als Fans gewünscht hätten. Nach dem Motto „Wer mit dem Namen kein Problem hat, der ist wahrscheinlich ganz korrekt“. Das war aber nie geplant. Unsere bunten Shirts vor circa zwölf Jahren hatten vermutlich einen ähnlichen Effekt.

Bunte KLABAUTAMANN-Shirts (zum Abschrecken super engstirniger Leute).

Wie kam es zu der Bandgründung?
Wir haben das auch eher aus Spaß angefangen, weil wir die Möglichkeiten hatten, auf einen Sampler mit Meckenheimer Bands zu kommen, der dann allerdings doch nie erschienen ist. Wir dind dann einfach dran geblieben, weil es eben mega Bock bringt, Musik zu machen. Besonders, wenn man noch alle Zeit der Welt hat.

Was hat euch motiviert, welche Bands haben euch inspiriert?
Bands, die zumindest zwischenzeitlich eine große Rolle bei uns gespielt haben, waren sicher Enlsaved, Opeth und Ulver. Speziell auf unseren ersten beiden Alben kann man das sehr stark hören. Außerdem war der Wald in der Nähe unseres damaligen Wohnorts eine starke Inspiration. Ich konnte das lange nicht mehr nachempfinden, habe aber in letzter Zeit wieder viel Zeit hier verbracht und bekomme dieselben Feelings wie vor 15 Jahren. Sehr interessant!

Klabautamann 2003

KLABAUTAMANN war immer schon ein Duo – habt ihr zu Anfangs niemand anderen gefunden und dann aus der Not eine Tugend gemacht, oder wolltet ihr von Anfang an ein Duo bleiben?
Das wollten wir nicht, aber wir hatten auch ziemlich hohe musikalische wie persönliche Ansprüche. Das hat dann letztendlich dauerhaft nur mit Patrick gepasst und der wollte nie fest einsteigen. (lacht) Letztlich hat das aber immer Vor- und Nachteile. Die Energie einer Band, die komplett an einem Strang zieht und auch beim Proben alles wegballert, kann man zu zweit in dieser Form nicht entfachen. Dafür kann man einen ganz anderen Film fahren, wenn man nur zu zweit daran arbeitet und die Geschicke lenkt, und es ist natürlich auch sehr praktisch, weil man das ja auch im eigenen Wohn- oder Kinderzimmer machen kann.

Konzerte kommen da kaum in Frage – habt ihr trotzdem mal mit dem Gedanken gespielt, Live-Musiker anzulernen, wie etwa Imperium Dekadenz es gemacht haben?
Wir haben ja eine kurze Live-Karriere gehabt, darunter zwei Shows mit Negură Bunget. Das war aber damals schon kompliziert, auch wenn wir Leute gefunden hatten. Für mich hat sich dann aber doch schnell herausgestellt, dass es mehr Stress als Spaß ist, mit KLABAUTAMANN live zu spielen. Dafür ist der Kram zu komplex und das geht eigentlich nur, wenn man richtig gut und über einen längeren Zeitraum als Band eingespielt ist. Das war nie der Fall und als wir dann bei unserem bis heute letzten Konzert Songs abbrechen mussten, war für mich klar, dass das auf unbestimmte Zeit vorbei ist. Aber keine Ahnung, was die Zukunft bringt. Fakt ist, dass man das nicht halbherzig und nebenbei machen kann.

Musikalisch habt ihr euch über die Jahre stark gewandelt. Verrate uns doch bitte zu jedem eurer Releases etwas zum Entstehungsprozess, was du daran bis heute magst oder nicht magst, oder was du damit heute verbindest.
Opus Obscoenum Infernalis (Demo, 1998): Erstes, absolut nicht ernstzunehmendes Demo. Texte stammen aus der Bibel, sind die Zutatenliste eines schwedischen Softdrinks, mit dem (schwedischen?) Wörterbuch einfach zusammengefummelt, oder beinhalten so Textzeilen wie „I am truely Satan’s son, I am the Klabautamann!“. Spielerisch und soundtechnisch unter aller Sau, eher was für Sammler, würde ich sagen. Aber gute Erinnerungen! Keinen Plan von nix haben, aber mal eben ’ne Platte aufnehmen und mit dem Resultat zufrieden sein. Die Welt kann so einfach und schön sein! Aus „Var Snäll Och Putsa Ögonbrynen“ wurde übrigens auf unserem Debüt der Song „Seaghost“.
Anspieltipp: „Påskmust“. Maximal blasphemisch! „Sockerkulör … Citronsyra … Samt Konserveringsmedel!!!!!“ Wer hat sich eigentlich die Mühe gemacht, das auf Metal Archives zu packen? (lacht)

Gott schenkt Gift (Demo, 2000): Da haben wir das erste und einzige Mal Drumcomputer eingesetzt, damit sich unsere Möglichkeiten etwas erweitern. Sind schon ein paar coole Sachen drauf, immer noch mit Augenzwinkern hier und da, aber man kann schon erahnen, wohin die Reise geht. Der Titel ist übrigens der Ausspruch, den ein autistischer Junge, den ich im Rahmen meines Zivildienstes betreut habe, aus dem Nichts zu mir gesagt hat. Musste verwendet werden! Anspieltipp: „Tod ist gut“.

Our Journey Through The Woods (Album, 2003): Start der „Wald- und Wiesen-Ära“ würde ich sagen. Enslaved und Opeth waren sehr hoch im Kurs bei uns, darum mussten viele cleane und Akustikgitarren rein. Ich glaube, ein paar Songs hatte Tim eigentlich für seine damalige andere Band Wadgemlir geschrieben, aber da ging es irgendwie nicht voran … Ich bin nach wie vor großer Fan vom Artwork, das kann man nach 15 Jahren wahrscheinlich auch nicht immer sagen. Transportiert für mich nach wie vor die Stimmung des Albums sehr gut. Proben sahen auch oft so aus, dass wir vor- oder nachher in den Wald gefahren und da rumgelatscht sind, gerne auch im Dunkeln … das war definitiv eine Inspiration, die Hauptinspiration!
Anspieltipp: „Rabenmorgen“.

Der Ort (Album, 2005): Erstes Album mit Patrick! Thematisch glaube ich kein so großer Unterschied zum Debut, aber mit Patrick hatten wir jemanden, der mit uns geprobt hat und damals ultra auf Speed aus war. Das hat uns einen ziemlichen Kick gegeben… bei den Proben ging es nämlich dann immer viel schneller ab, als wir uns das so gedacht hatten, haha! Mega anstrengend… aber auch total geil, wenn das alles noch verhältnismäßig neu ist – und für uns war es das. Wir hatten ja die meiste Zeit zu zweit in Tim’s Hobbykeller gehockt und da unseren Kram fabriziert. Höre ich aktuell wieder öfter rein und finde cool, was wir damals gemacht haben. Gute Platte!
Anspieltipp: „Der Ort“, gibt sogar ein Video von damals mit teilweise eher speziellen Aufnahmen und Konzertmitschnitten …

Klabautamann (EP, 2007): Zu dieser netten Aktion (Picure Disc 7“) kam es in erster Linie, weil unser damaliges Label das einfach cool fand. Also waren wir dann auch mal an der Reihe. Haben ein sehr schönes Artwork von Jan bekommen und ich glaube, die beiden Songs sind in der Top 5 meiner Alltime-faves. Ich würde gerne noch mal sowas machen, einfach nur zwei Songs aufnehmen und fertig. Ein komplettes Album ist so verdammt viel Arbeit … jedenfalls bei KLABAUTAMANN. Wir wollten nämlich oft so auf 110% des uns eigentlich möglichen Niveaus agieren! (lacht) Anspieltipp: „Tuvstarr“.

Merkur (Album, 2009): Wie schon oben erwähnt, für mich eine Zäsur, nicht nur wegen der Lyrics und der Ästhetik. Auf einmal kam auch dieser Jazz- und Prog-Einfluss sehr stark zur Geltung. War sehr cool, so ein Album zu machen, bei dem man sich um Grenzen nicht geschert hat. Patrick hat immer noch gut Gas gegeben, für mich das KLABAUTAMANN-Album. Finde auch gut, dass man da nicht mehr so sehr das Opeth-Fanboy-Sein raus hört, denn das war ich auf den ersten beiden Alben definitiv! (lacht)
Anspieltipp: „Merkur“, auch wenn „Unter Bäumen“ bisher unser mit Abstand meistgeklickter Song auf YouTube und irgendwie unser „Hit“ ist … „Merkur“ verkörpert glaube ich am besten, was wir uns damals so getraut haben.

The Old Chamber (Album, 2011): Die Entstehung dieses Albums ist ein bisschen eine Folge von „Merkur“. Die Aufnahmen dazu waren nämlich sehr anstrengend und auch nicht frei von Konflikten. Daneben auch spielerisch sehr anspruchsvoll, wenn man nicht regulär, sondern nur für die Aufnahme probt. Danach hat mir Tim die Songs von „The Old Chamber“ gezeigt und wir hatten dann schnell die Idee, sie mit KLABAUTAMANN aufzunehmen, aber dieses Mal den Spaß für uns während Proben und Aufnahmen in den Vordergrund zu stellen. Ich bin dann an den Bass gewechselt und wir hatten viele coole Proben, da die Songs eher straight sind und zum bangen einladen, als sie einen zwingen, konstant mitzudenken und sich verrückt zu machen. Dem Sound hat das auch gut getan. Auf der anderen Seite hat das Album vielleicht etwas weniger Tiefe, aber man muss ja auch nicht immer dasselbe machen! Ein Highlight waren übrigens die Schlagzeugaufnahmen im Haus der Eltern von Tim’s Frau, einem Holzhaus mitten im Schnee … fantastisch!
Anspieltipp: „Mary’s Abbey“.

Smaragd (Album, 2017): Ich glaube, hier haben wir gemerkt, dass „The Old Chamber“ doch zu straight war, um sowas noch mal zu machen. Es hat sich aber auch abgezeichnet, dass wir mit dem Produzieren eines Albums langsamer werden – nicht zuletzt durch mein Engagement bei Valborg. Wenn ich bedenke, dass die Haupt-Komponiersession 2012 stattgefunden hat, ist das schon sehr lang. In einer so langen Zeit kann viel passieren, auch Dinge, die ein Album in Gefahr bringen. Und wenn man dann den Bezug verliert und sich Prioritäten verschieben … obendrauf persönliche Krisen … Ich sag mal so: Wenn Tim das zum Ende hin nicht massiv gepusht hätte, wäre es zu keiner Veröffentlichung mehr gekommen. Ansonsten kann ich erst mal nicht so viel zu dem Album sagen, dafür ist der Abstand noch nicht groß genug. Wer „Merkur“ mag, dem gefällt es vermutlich.
Anspieltipp: „Into Depression“, mit tollem Video unseres Freundes Costin!

Ihr habt viele weitere Projekte, die musikalisch sehr aktiv sind – wie entscheidet ihr, was ihr für KLABAUTAMANN verwendet?
Das hat sich etwas relativiert. Ich bin sonst aktuell nur bei Valborg aktiv und das ist ein komplett anderer Film. Tim ist jetzt auch nicht so mega umtriebig. Grundsätzlich gilt ja auch, dass theoretisch alles bei KLABAUTAMANN unterkommen kann, wenn es sich gut anfühlt. Dafür habe ich aber keine allgemeingültige Formel am Start.

Wie entsteht eure Musik generell, und was hat sich in diesem Prozess über die Jahre geändert?
Erschreckend wenig! (lacht) In der Regel hat jemand einen Song oder viele Parts eines Songs und da sind wir dann zu zweit rangegangen. So ging es eigentlich bis einschließlich „Merkur“. „The Old Chamber“ hat Tim geschrieben und da war am Bass auch kein großes Rumgeprogge vorgesehen. Bei „Smaragd“ haben wir wieder viele Songs, bei denen jemand die Grundidee hatte und der andere dazu komponiert hat. Früher war das vielleicht noch stärker so, dass jeder Song zwei Gitarrenstimmen hatte und jeder eine davon komponiert hat. Diese Aufteilung hat sich dann doch etwas aufgelöst und ist mal stärker, mal schwächer gegeben.

Florian Toyka 1998 (links) und 2009 (rechts)

Wie geht es mit KLABAUTAMANN weiter, was habt ihr für Pläne?
Ich habe mich für’s erste ein bisschen zurückgezogen und Tim freie Hand gelassen, da er zeitlich und in Sachen Motivation seit geraumer Zeit viel mehr dabei ist als ich. Habe auch ein Jahr gar nicht in Deutschland gewohnt … Es ist aber geplant, ein neues Album aufzunehmen, wofür auch schon einige Ideen bestehen.

Wie stark ich mich einbringen werde, ist noch unklar.

Zum Abschluss unser Brainstorming – KLABAUTAMANN-Edition:
Unser Sonnensystem:
Äh …
Dein Lieblingsort: Viele Orte in Rumänien, die Nordseeküste zwischen Brunsbüttel und Husum, Orte, wo Menschen sind, mit denen ich mich wohl fühle.
Wandern im Wald: Gute Sache! MTB-fahren aber auch.
Gott: Kann ich nichts mit anfangen.
Kobolde: Kobolde sind cool!
Edelsteine: Ich hab’s nicht so mit Schmuck…
KLABAUTAMANN in 10 Jahren: Keine Ahnung!

Die letzten Worte gehören dir:
Wenn Du es bis hierher geschafft hast, scheinst Du – möglicherweise schon seit geraumer Zeit – ein Fan unserer Musik zu sein. Wir freuen uns darüber und bedanken uns für jeglichen Support in den letzten 20 Jahren!

>> Klickt euch hier durch bisher teils unveröffentlichte Bilder aus
20 Jahren KLABAUTAMANN!

Die Aufnahmen in diesem Interview sowie oben verlinktem Album entstammen dem Privatarchiv von
KLABAUTAMANN und wurden Metal1.info zur Nutzung unentgeltlich und zeitlich unbeschränkt frei zur Verfügung gestellt. Das Copyright sämtlicher Bilder liegt bei der Band.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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