Interview mit Ad Nauseam

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Mit „Imperative Imperceptible Impulse“ haben AD NAUSEAM zweifellos eines der komplexesten, brutalsten und vielschichtigsten Extreme-Metal-Alben des Jahres vorgelegt. Wie die Italiener ihre eigene musikalische Sprache entwickelt haben, weshalb sie Unmengen an Vorarbeit in ihr zweites Album gesteckt haben, aus welchem Grund sie ihr technisches Können bewusst nicht völlig ausreizen und was Emperor und Sunn O))) mit Klassik und Igor Strawinsky mit Metal zu tun haben, erläutert die Band im folgenden Interview.

Italien wurde zu Beginn der Coronapandemie besonders hart von dem Virus getroffen und Musiker haben es unter den gegebenen Umständen oft nach wie vor schwer. Wie geht ihr mit dieser schwierigen Situation um?
Wie in allen Teilen der Welt gab es in den letzten zwölf Monaten ein weitgehendes Konzertverbot. Das ist ein großes Problem für professionelle Musiker und Künstler im Allgemeinen.
Viele Lokale, darunter auch einige bekannte und etablierte, mussten aufgrund finanzieller Probleme, die durch diese Einschränkungen verursacht wurden, schließen.
Wir handhaben diese Situation, indem wir zuhause arbeiten und jede Idee mit den anderen Bandmitgliedern online teilen.

Laut eurem Label seid ihr große Perfektionisten, wenn es um eure Musik geht. Ist eure detailorientierte Arbeitsweise der Hintergrund eures Bandnamens oder hat AD NAUSEAM für euch eine andere Bedeutung?
Der Name wurde gewählt, weil er mehrere musikbezogene Aspekte widerspiegelt, von unserer Suche nach Perfektion (in Bezug auf Songwriting, Sound, Layout etc.) „bis zum Erbrechen“ bis hin zu der Atmosphäre, die unsere Musik erzeugt.
Im Gegensatz zu Gerüchten, die du vielleicht irgendwo gelesen hast, ist es keine Hommage an einen Ulcerate-Song. Tatsächlich kam die Idee beim Lesen einer Napalm-Death-Tracklist.

Eure Musik scheint technisch sehr komplex zu sein. Wann habt ihr angefangen, Instrumente spielen zu lernen und wie habt ihr es letztlich geschafft, euch euer jetziges Können anzueignen?
Wir haben alle vor etwa 20 Jahren angefangen, unsere Instrumente zu spielen. Die meisten unserer Techniken haben wir in den frühen Jahren entwickelt, als wir alle noch mehr Zeit zum Üben hatten. In den letzten Jahren haben wir uns besonders auf ungerade Taktarten konzentriert und uns mit ihnen vertraut gemacht.

Nun ist komplexe Musik nicht zwangsläufig besser als simple. Was zieht euch gerade zu technisch herausfordernden Kompositionen hin?
Es ist unsere natürliche Art zu komponieren, die uns dazu bringt, technische Fähigkeiten zu entwickeln, und uns dazu antreibt, jedes Mal etwas anderes zu machen.
Wir stimmen mit dir überein, wenn du sagst, dass es nicht das technische Niveau ist, das darüber entscheidet, ob Musik gut ist oder nicht. Unsere Musik ist technisch anspruchsvoll, aber das bedeutet nicht, dass wir keine einfache oder gar minimale Musik mögen.
In der Übergangszeit von Death Heaven zu AD NAUSEAM haben wir genug Songs für ein ganzes Album geschrieben, bei denen Geschwindigkeit und hohe technische Raffinesse zu sehr im Vordergrund standen. Wir hatten das Gefühl, dass diese Art von Musik weniger emotional war und das ist der Grund, warum wir das meiste davon verworfen haben und angefangen haben, Musik auf eine andere Art zu schreiben, mit mehr Fokus auf Atmosphäre und Gefühle.
Jetzt fühlen wir uns frei, alles zu spielen, was bei uns starke Emotionen auslöst, unabhängig davon, ob es sehr komplex oder, im Gegenteil, sehr minimalistisch ist.

Seid ihr mitunter auch schon an einen Punkt geraten, an dem ihr mit eurem Geschick nicht weitergekommen seid?
Nein, bis jetzt nicht. Da Black bzw. Death Metal eine Art von Musik ist, die hohe Energie und Vorbereitung auf körperlicher Ebene erfordert, ist es ziemlich normal, dass es eine Grenze gibt, die ein Musiker nicht überschreiten kann. Für uns sind Grenzen nur Herausforderungen, die wir mit neuen musikalischen Lösungen meistern können. Sie stellen Ziele dar, die uns erlauben, als Komponisten und Musiker zu wachsen. Wir hoffen, dass die Erfahrung und der Wille, mit neuen Lösungen zu experimentieren, uns helfen, neue Wege zu finden, um uns zu verbessern.

Soweit ich weiß, seid ihr stark von klassischer Musik inspiriert. Warum hat es euch als Künstler dennoch nicht dorthin, sondern in Richtung Extreme Metal verschlagen?
Wir haben uns kennengelernt und zusammen in unserer ersten Band gespielt, weil wir uns sehr für extreme Metal-Musik interessierten und es unser Traum war, in einer Metal-Band zu spielen. Für die meisten von uns begann das Hören von moderner klassischer Musik Jahrzehnte nachdem wir in den Metal-Bereich eingestiegen sind, also ist es logisch, dass wir angefangen haben, Metal zu spielen und nicht irgendwelche anderen Genres. Black bzw. Death Metal ist immer noch unsere treibende Kraft; vielleicht ist unser Ansatz anders als der anderer Bands, die dieses Genre spielen. Außerdem kann nur ein Viertel der Mitglieder von AD NAUSEAM klassische Instrumente spielen.

Siehst du Parallelen zwischen klassischer Musik und Extreme Metal?
Ja, eine Menge, aber es hängt natürlich sehr vom Komponisten oder der Band ab, auf die man sich bezieht.
Zum Beispiel haben Bands wie Nero di Marte und Gorrch viele Gemeinsamkeiten mit moderner klassischer Musik. Bei Bands wie Emperor gibt es viele Ähnlichkeiten mit der post-romantischen Klassik, bei Bands wie Sunn O))) kann man die Pionierarbeit des großen Giacinto Scelsi hören.
Darüber hinaus gibt es viele klassische Musikstücke, die jede extreme Metal-Avantgarde-Bewegung vorweggenommen zu haben scheinen. Nimm Schostakowitschs Quartette Nummer 8 und 9, Strawinskys „Frühlingsopfer“, Bartóks Suite „Der wunderbare Mandarin“. Man findet die Intensität, die dunklen Atmosphären, die harmonischen und rhythmischen Feinheiten, die man in jedem gut gemachten, nicht bloß mittelmäßigen Extreme-Metal-Album finden kann.

Euer neues Album „Imperceptible Imperativere Impulse“ soll ausgefeilter sein als euer sechs Jahre zuvor erschienenes Debüt. Was habt ihr diesmal anders gemacht?
Nun, wenn du dich auf den Sound beziehst, liegt das daran, dass wir tausende von Stunden damit verbracht haben, zu studieren, zu experimentieren, Tests durchzuführen, das benötigte Equipment herzustellen und die Anzahl der Amps und Stompboxes zu erweitern, die wir verwenden konnten, um einen klaren, natürlichen und dennoch aggressiven Sound zu bekommen. Beide Alben wurden von uns selbst produziert, aber wir hatten seit den Aufnahmen zu „Nihil Quam Vaquitas Ordinatum Est“ eine Menge Erfahrung gesammelt und das ist der Grund, aus dem man auf unserem zweiten Album eine große Verbesserung in Sachen Sound und Produktion hören kann.
Wenn man sich auf die Komposition bezieht, ist dieses Album auf eine andere Art und Weise entstanden, der Musikfluss hier ist viel mehr eine kontinuierliche Transformation als eine Zusammenstellung von Riffs. Es war eine Riesenarbeit, die Songs wurden über Jahre hinweg manipuliert, modifiziert, zusammengesetzt und wieder auseinandergenommen, bevor wir mit ihrer Form zufrieden waren.

„Imperative Imperceptible Impulse“ ist ein ziemlich kryptischer Titel. Welcher Gedanke steckt dahinter?
Die Tatsache, dass er kryptisch ist, rührt daher, dass die Texte von unserem tiefen Unterbewusstsein inspiriert sind, besonders in den härtesten und schwierigsten Momenten unserer Existenz. Wie bei unserer Musik gibt es keinen klaren Bezugspunkt, und gleichzeitig gibt es viele. Die Texte sind nur Schlüssel, die viele Türen tief in dir selbst öffnen können. Es liegt immer noch in deiner Hand, welche Tür du betreten willst. „Imperative Imperceptible Impulse“ ist nur ein Titel, der dieses Konzept (und viele andere!) elegant und schön zusammenfasst.

Auch das interessante Artwork von Vama Marga sieht sehr abstrakt aus. Was kannst du uns darüber verraten?
Wir kannten seine Arbeit und uns gefiel sein Stil sehr gut. Wir fragten ihn, ob er Interesse hätte, ein Cover-Artwork für uns zu machen und er stimmte zu. Wir schickten ihm ein paar Demos und gaben ihm völlige Freiheit. Als wir die ersten Skizzen bekamen, beschrieb er das Motiv als halb Ort und halb Präsenz. Da er malte, während er unsere Musik hörte, kam das Bild sehr repräsentativ für unseren Musikstil heraus.
Unnötig zu sagen, dass wir uns geehrt fühlten, mit einem so begabten Künstler zu arbeiten.

In der Beschreibung des Albums steht weiters, dass ihr darauf Disharmonien zu Harmonien und Dissonanzen zu Melodien geformt haben wollt. Kannst du diese Herangehensweise anhand eines konkreten Beispiels erklären?
Wir versuchen, Abweichungen von der üblichen Art zu komponieren einzubauen, eine Menge unnatürlicher Kombinationen von Akkorden, Beats und Tempi, aber gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass unsere Musik Melodien hat und einfach natürlich fließt. Tatsächlich klingt unsere Musik in unseren Ohren überhaupt nicht dissonant. Es ist alles nur eine Frage der Gewöhnung an andere musikalische Konventionen oder nicht. Wenn man ein Kind mit Schoemberg-Musik aufzieht, wird dieses musikalische Paradigma zum melodischen Wörterbuch des Kindes. Wenn man mit Radiomusik aufgewachsen ist, wird man eine Menge Arbeit damit haben, das Gehirn zu trainieren, diese musikalische Sprache zu entschlüsseln.

Ihr sollt, sofern ich das richtig verstanden habe, sogar eure Instrumente auf eine ungewöhnliche Weise gestimmt haben. Was hat es damit auf sich?
Wir haben um 2014 herum angefangen, mit unkonventionellen Tunings zu experimentieren, und dann haben wir unser eigenes entwickelt, was es einfacher macht, ungewöhnliche Harmonien zu spielen, und uns erlaubt, Akkorde zu spielen, die mit Standard-Tunings unmöglich zu erzeugen sind.
Es ist, als würde man eine andere Sprache benutzen: Als wir dieses Tuning einführten, stand uns plötzlich ein völlig neues Vokabular zur Verfügung, um Musik zu schreiben, und wir begannen Monat für Monat, es adäquat zu beherrschen. Fünf von sechs Songs auf „Imperative Imperceptible Impulse“ sind mit diesem unkonventionellen Tuning geschrieben worden.

Auf der Platte ist auch eine Geige zu hören, allerdings nur an ein paar wenigen Stellen. Warum gesteht ihr diesem Instrument in eurem Sound nicht mehr Raum zu?
Auf unserem ersten Album haben wir statt der E-Gitarre eine Orchestrierung aus aufgenommenen Geigen in einigen Zwischenspielen und auch bei einem Solo (auf „Key To Timeless Laws“) verwendet. In ähnlicher Weise wurden die orchestralen Parts auf diesem Album als klanglicher Klebstoff verwendet, der die Energie bindet, Atmosphären verstärkt und den Hörer auf das eigentliche Geschehen vorbereitet. Unserer Meinung nach haben die Geigen genau den Platz, den sie brauchen, nicht mehr und nicht weniger. Außerdem gibt es in einigen Teilen um die sechzig Geigen, die übereinander geschichtet sind. Es ist also leicht zu verstehen, dass wir solche Musik nicht in einem Live-Kontext nachstellen können, da wir gegen die Verwendung von aufgenommenen Tracks und Samples sind. Das ist kein Problem, da wir unsere Gigs so gestalten, dass sie eine andere Darbietung der gleichen Musik sind, eine „lebendigere“ und interaktive Version. Uns wurde schon oft gesagt, dass die Live-Version unserer Musik eine Stufe über der aufgenommenen steht.

In der Beschreibung des Albums auf Bandcamp steht, dass ihr euch bei der Produktion an klassischer Musik nach dem Motto „weniger ist mehr“ orientiert. Wie ist das zu verstehen?
Unser Ziel ist es, den Klang des Instruments einzufangen, und nicht, ihn in der Nachbearbeitung zu charakterisieren. Wir wollen, dass der Klang natürlich und rein ist, wir wollen im Mixing und Mastering nur das Minimum hinzufügen. Wir glauben, dass das der bessere Weg ist, um einen persönlichen und originalgetreuen Sound zu bekommen, was etwas ist, das heutzutage bei Metal-Bands ziemlich selten zu sein scheint.

Ihr habt also besonders auf die Qualität der Aufnahme geachtet, um diese möglichst wenig nachbearbeiten zu müssen. Wie habt ihr das bewerkstelligt?
Richtig. Es ist ein bisschen wie in der Fotografie. Wenn man ein schrilles, farbenfrohes Bild will, das das Auge anzieht (aber irgendwie falsch und unecht aussieht), kann man ein mittelmäßiges Bild machen und es dann stark digital bearbeiten. Andererseits werden großartige Bilder in der Regel dadurch gemacht, dass jeder Aspekt vor der Aufnahme kalibriert wird, sodass es nur kleine Optimierungen braucht, um perfekt zu sein. Unser bevorzugter Ansatz ist der zweite.
Wir haben eine absurde Menge an Zeit darauf verwendet, die Art und Weise zu kalibrieren, wie wir den Klang der Instrumente einfangen, anstatt uns in der Mischphase zu verausgaben. Wir haben uns um jeden Aspekt gekümmert, der einen Einfluss auf den Klang haben kann, von den offensichtlichsten bis hin zu einigen weniger erwarteten. Wir probierten zahlreiche Kombinationen von Mikrofonen, Kabeln, Mikrofonvorverstärkern, Gitarren- und Bassvorverstärkern, Endstufen und Boxen aus, platzierten die Mikrofone an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ausrichtungen und untersuchten, wie sich die Reaktion veränderte. Bezüglich des Schlagzeugs studierten wir im Detail, wie man es in einer korrekten psychoakustischen Umgebung platziert. Jedes der 18 Mikrofone, die wir zur Aufnahme verwendeten, befand sich aus einem bestimmten Grund in dieser Position. Außerdem haben wir einen großen Teil des Equipments, das für die Aufnahme und den Mix des Albums verwendet wurde, selbst gebaut: ein Mikrofon mit Kopfhörer-Wandler, Preamps und Stompboxen für Saiteninstrumente, Boxen, Snares und Kick-Drums, Kompressoren, Summierer, Equalizer, Kabel und so weiter. Eine Menge cooles Zeug. Das Schöne daran ist, je besser man den Sound einfängt, desto weniger muss man diese Werkzeuge einsetzen und desto besser klingen diese kleinen Veränderungen.

In einigen Genres wie zum Beispiel Post-Rock wird sehr viel mit Effekten gearbeitet, sodass die Produktion eine wichtige Rolle spielt. Kann es demnach nicht auch etwas für sich haben, ein Album stark nachzubearbeiten und damit die Produktion praktisch selbst zum Instrument zu machen?
Ja, aber das ist definitiv nicht unser Ziel. Unser Ziel ist es, ein echtes Hörerlebnis zu schaffen, den Hörer zu belästigen, indem wir ihn in die Mitte des Raumes stellen. Aus diesem Grund sind die Effekte, die wir verwendet haben, während der Aufnahme eingefangen worden, sie kommen direkt aus der Lautsprecherbox. Natürlich haben wir viele Tests gemacht und sie sorgfältig im Kontext des Mixes ausgewählt.

Aufgrund der Pandemie lässt sich aktuell kaum sicher planen, insbesondere keine Konzerte. Werdet ihr stattdessen bald an neuer Musik arbeiten?
Ja, sicher. Wir arbeiten gerade an ein paar Songs, einer davon stammt aus der allerersten Zeit nach den „Nihil Quam Vaquitas Ordinatum Est“-Kompositionen (etwa 2013) und wurde schon mehrfach überarbeitet. Natürlich ist es unmöglich, eine wirkliche Vorstellung davon zu haben, wie die Musik klingt, wenn man sie nicht im Proberaum mit dem Rest der Bandmitglieder spielt, aber wir versuchen, das Beste aus dieser Situation zu machen.
Wir planen auch einige Gigs für Ende 2021 und/oder Anfang 2022, wenn es möglich sein wird, live zu spielen.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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