Interview mit Naas Alcameth von Akhlys

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Black Metal ist grundsätzlich darauf ausgelegt, furchterregend zu klingen. Dennoch ist es bislang nur wenigen Band gelungen, ein derart beängstigendes Album zu kreieren, wie es AKHLYS am Ende des Jahres 2020 mit „Melinoë“ vorgelegt haben. Aus diesem Anlass haben wir mit dem Kopf der Band, der unter dem Pseudonym Naas Alcameth auftritt, ein Interview geführt. In seinen Antworten auf unsere Fragem erläutert der Musiker und Songwriter unter anderem, weshalb seine zahlreichen Musikprojekte aus seiner Sicht von manchen zu Unrecht über einen Kamm geschert werden, was ihn an Black Metal und Dark Ambient fasziniert und wie sich die COVID-Pandemie auf die Entstehung von „Melinoë“ ausgewirkt hat.

Du führst eine ganze Reihe von Black-Metal-Projekten wie AKHLYS, Nightbringer, Aoratos und Bestia Arcana. Trotz der thematischen Unterschiede werden diese Projekte von einigen jedoch als recht ähnlich wahrgenommen. Warum ist es für dich dennoch wichtig, mehrere Outlets zu führen?
Natürlich wird es immer einige stilistische Gemeinsamkeiten zwischen Bands geben, deren Kompositionen von der gleichen Person kommen. Es ist ja auch schwierig, dem eigenen Stil zu entkommen. Trotzdem glaube ich nicht, dass meine Projekte alle wie die gleiche Band klingen. Die Variation und Differenzierung ist nicht nur thematisch. Ich würde zum Beispiel nicht versuchen, einen Bestia-Arcana-Track als Nightbringer auszugeben, denn das wäre tatsächlich ein sehr abrupter Wechsel in der Stimmung, in der Herangehensweise und im gesamten Stil. Mehrere Projekte im Black Metal zu haben, ist nichts Neues. Wenn überhaupt, dann ist es eine Tradition innerhalb des Genres. Es ist interessant, wie sehr das einige Individuen zu stören scheint oder sie sehen es als sinnlos und unnötig an. Wenn man diese Denkweise auf andere kreative Berufe überträgt, z.B. das Schreiben von Romanen, dann bekommt man vielleicht eine bessere Vorstellung von der Perspektive, die ich in Bezug auf all das einnehme. Warum ist Stephen Kings „Es“ nicht „The Shining Teil II“? Es hat denselben ausgeprägten Schreibstil, der es als King kennzeichnet, und doch ist es absolut nicht „The Shining Part II“ und kann es auch nicht sein, ungeachtet der Anzahl der stilistischen Merkmale, die beide gemeinsam haben. Die Geschichten, die sie erzählen (das Thema), die Atmosphäre, die „Stimme“ und insgesamt der Geist, der zwischen ihnen herrscht, sind jeweils sehr eigen. Wer glaubt, dass alle meine Projekte gleich klingen, der hat wahrscheinlich nicht genau zugehört.

Deine Projekte zeichnen sich durch einen markanten, sogar für Black-Metal-Verhältnisse außergewöhnlich unheimlichen Stil aus. Woher kommt dein Hang zu dieser Finsternis?
Ich würde sagen, es ist einfach eine angeborene Neigung und eine, die ich in den vielen Jahren, in denen ich das mache, zu verfeinern versucht habe. Es gibt viele Facetten im Black Metal, die mich von Anfang an gereizt haben. Black Metal kann so treffend ein vielfältiges Spektrum an starken Emotionen einfangen. Er kann ein Gefühl der Größe, des Epischen und Majestätischen vermitteln, oder Gefühle von kontemplativer Melancholie, Einsamkeit oder völliger Verzweiflung. All das spricht mich sehr an, und ich glaube, ich verwende viele dieser Emotionen in meinem Schreiben, aber im Kern ist das, was mich am meisten anzieht, das wirklich Unheimliche, die Atmosphäre völliger und vollkommener Dunkelheit, die dazu neigt, weniger definierbar, unbeschreiblicher und fremd zu sein, aber wenn man sie erlebt, weiß man genau, was sie ist.

Religiöse und mythologische Querverweise ziehen sich durch all deine Projekte. Weshalb spielen Themen wie diese eine so große Rolle in deiner Kunst?
Das sind Dinge, die in meinem Leben eine große Rolle spielen, also ist es nur natürlich, dass meine Musik zum Ausdrucksmittel für meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen wird, die auf meinen eigenen spirituellen Neigungen und Erkundungen basieren. Mythologie besteht aus Symbolismus und diese Art von Symbolismus ist die Sprache, die von den Alten benutzt wurde, um über das Göttliche zu sprechen. Vorstellungen vom Göttlichen können niemals durch normale, diskursive Sprache wiedergegeben werden, sodass es nahe liegt, dass die Sprache des Mythos die richtige Sprache ist, wenn man über diese Dinge spricht. Mit anderen Worten: Die Sprache des Mythos ist die Sprache der Götter.

Planst du beim Songwriting immer genau, für welches Projekt der jeweilige Song ist, oder entscheidest du das eher intuitiv?
Normalerweise konzentriere ich mich immer nur auf ein Projekt zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ich bin besessen von den Konzepten und Ideen, die ich für das jeweilige Album gesammelt habe, und lasse mich beim Komponieren von der Gesamtatmosphäre inspirieren. Von da an entfaltet sich alles ganz natürlich, bis es fertig ist.

Kommt es mitunter vor, dass du eine Schreibblockade bekommst? Und falls ja, was tust du dagegen?
Auf jeden Fall. Ich denke, es ist wichtig, sich erst dann an ein Album heranzuwagen, wenn man sich vollkommen dazu inspiriert fühlt. Man kann es nicht erzwingen, sonst wird es kein Eigenleben entwickeln, es wird kalt, tot und seelenlos sein. Wenn ich eine Leere fühle, was die Inspiration angeht, weiß ich, dass sie unweigerlich zurückkommt, und zwar normalerweise über das Lesen, persönliche Studien, die Natur und so weiter.

Du baust oft Dark-Ambient-Stücke in deine Alben ein. Derartige Musik unterscheidet sich insofern von dem typischen Black-Metal-Schema, als man dabei wohl nicht einfach einen Song auf einem bestimmten Riff aufbauen kann. Wie gehst du an deine Ambient-Stücke heran?
Du hast absolut Recht. Wenn ich Dark Ambient komponiere, geht es um das Gefühl, den Vibe, die Atmosphäre und so weiter und im Großen und Ganzen um das Loslassen. Die Gegenüberstellung dieser Herangehensweise mit der hochstrukturierten Herangehensweise der Black-Metal-Riffs sorgt für eine interessante und einzigartige Dichotomie, wie ich finde, und stärkt nur noch mehr die Definition der Identität der Band insgesamt.

Während dein erstes Album „Supplication“ noch hauptsächlich Dark Ambient enthielt, hast du dich auf „The Dreaming I“ in Richtung Black Metal bewegt. Wie kam es zu dieser Neuausrichtung?
Darüber habe ich vorher nicht viel nachgedacht, ehrlich gesagt. Es fühlte sich einfach wie eine natürliche Richtung und Projektion an. So ähnlich wie ein diffuser und vager Geist, der Form annimmt, bis er sich vollständig manifestiert. Metamorphe Stadien sozusagen, vom Phantasma zur Inkarnation.

Mitunter ziehen die Hörer Verbindungen zwischen eurer Musik und ihren Erfahrungen mit Phänomenen wie Schlafparalyse. Hast du selbst bereits derartige Schlafstörungen erlebt?
Das ist keine Überraschung, wenn man bedenkt, dass solche Phänomene bei AKHLYS eine zentrale Rolle spielen. Ja, ich habe diese und andere verwandte Parasomnien erlebt, seit ich ein kleines Kind war. Diese Erfahrungen und meine Interpretationen davon sind die Grundlage von AKHLYS.

Euer neues Album „Melinoë“ ist nach einer Nymphe aus der Unterwelt der griechischen Mythologie benannt – eine Figur, die sicherlich nicht jedem ein Begriff ist. Wie bist du auf ihren Mythos aufmerksam geworden?
Ich bin auf diese Figur gestoßen, als ich die Orphischen Hymnen gelesen habe. Das Wenige, was dort über sie geschrieben steht, hat mich sehr beeindruckt, da ihre Attribute mit den Dingen übereinstimmen, die den Geist der Band ausmachen. Sie ist mit der Unterwelt verbunden, mit Hekate, und was noch wichtiger ist, es scheint eine starke Verbindung zu Angst und Albträumen zu geben. Wie die Figur von AKHLYS, nach der ich die Band benannt habe, scheint Melinoe eine weitere passende „Maske“ für den Geist hinter allem zu sein.

Ich habe den Eindruck, dass „Melinoë“ etwas geradliniger und homogener ausgefallen ist als deine bisherigen Veröffentlichungen. War das so von dir beabsichtigt und falls ja, aus welchem Grund?
Es gab keine Vorüberlegungen zu dieser Art von Dingen. Sobald ich mit dem Schreiben begonnen habe, hat sich alles schnell verselbstständigt. Das ist normalerweise ein Zeichen dafür, dass sich die Dinge in die richtige Richtung bewegen, ein inspirierter Geisteszustand, und ich lasse mich sozusagen von ihm mitreißen.

Der Titel des Vorgängeralbums „The Dreaming I“ legt nahe, dass noch ein weiteres, dazugehöriges Album geplant war. Weshalb hast du dich stattdessen mit „Melinoë“ einer anderen Thematik gewidmet?
Das ist eigentlich eine falsche Lesart des Titels, obwohl das ein sehr einfacher und häufiger Fehler ist. Es heißt eigentlich „Das träumende Ich“, wie in der besitzanzeigenden Referenz auf sich selbst, nicht die römische Zahl.

Einige Rezensenten scheinen „Melinoë“ für einen sehr passenden Abschluss eines so grässlichen Jahres wie 2020 zu halten. Haben die Geschehnisse in diesem Jahr sich auf die Entstehung des Albums ausgewirkt?
Auf jeden Fall. Ich befand mich zum Ende des Jahres 2019 in sehr schlimmen und herausfordernden Umständen, die mich aus meinem normalen Alltag herausgeholt haben. Ich verbrachte einen großen Teil dieser Zeit in Einsamkeit mit viel Zeit zum Nachdenken, Lesen und Schreiben. Damit begann die ganze COVID-Situation und so fand ich mich dann monatelang Tag für Tag in meinem Haus wieder. Es war eine sehr surreale Zeit, die viele nachempfinden können. Während dieser Zeit entschied ich, dass es Zeit für die nächste Platte von AKHLYS war. Die Fremdartigkeit meiner Situation, die Welt, die Surrealität, die Anspannung und Angst, die unweigerlich viele Träume auslöste, all das war ein Zeichen für mich persönlich. Durch das Quarantäne-Szenario war ich auch in der Lage, mich viel mehr als je zuvor in der Besessenheit der Vision zu verlieren. Ich arbeitete fünf Monate lang an dem Album und nahm fast jede Nacht auf, oft bis zum Morgengrauen, und verbrachte dann einen weiteren Monat im Flatline Studio, um es mit Dave Otero zu mastern. Nichts von alledem wäre möglich gewesen, wenn es nicht die Umstände in der Welt gegeben hätte. Wie die Alben zuvor ist „Melinoë“ durch Zeit und Ort entstanden, eine weitere „Blitz in der Flasche“-Kreation.

Wie kommst du persönlich mit der wegen der Pandemie nach wie vor angespannten Situation zurecht?
Ich würde sagen, dass ich mich auf den Zustand der Welt, COVID und darüber hinaus, einstelle, aber dass vieles davon für mich nicht so überraschend ist.

Hast du bereits weitere Pläne für die nahe Zukunft von AKHLYS oder einem deiner übrigen Projekte?
Das habe ich in der Tat. Mehr dazu zu gegebener Zeit.

Zum Abschluss würde ich mit dir gerne noch ein kurzes Brainstorming durchgehen. Was fällt dir zu den folgenden Begriffen ein?
Der menschliche Geist: Spiegel des universellen Geistes.
Dein Album, auf das du am meisten stolz bist: Melinoë
Verschwörungstheorien: Nur ein Narr glaubt an sie alle. Nur ein Narr verwirft sie alle.
Klassische Musik: Eine Inspiration.
Dein letzter Traum: Ein Sturm an einem wolkenlosen Sommerhimmel.
Eskapismus: Alle Dinge in Maßen. Ein oftmals missbrauchter Begriff.

Nochmals vielen Dank für das Interview. Möchtest du noch ein paar letzte Worte an die Leserschaft richten?
Das Leben ist ein Traum, vergessen im Schlummer des Todes.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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