Interview mit V.I.T.R.I.O.L. (Dave Hunt) von Anaal Nathrakh

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Dave Hunt alias V.I.T.R.I.O.L. ist nicht nur ein außergewöhnlicher Sänger und als Sänger von ANAAL NATHRAKH Teil einer außergewöhnlichen Band, sondern auch ein außergewöhnlicher Gesprächspartner, der sich nicht mit Plattitüden abgibt, sondern tiefe Einblicke in seine Gedankenwelt und seine Sicht auf die Welt zulässt. Entsprechend groß ist die thematische Bandbreite unseres Interviews – sie reicht von Corona-Leugnen und Schweinen mit Penisaugen über ABBA bis zu BENEDICTION.

Hallo und danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Alles gut bei dir?
Hi. Kein Problem. Danke dir auch. Ganz okay, glaube ich. Viel zu tun, wie immer.

Wir sprechen in seltsamen Zeiten miteinander – die Corona-Pandemie hat die Welt immer noch fest im Griff – wie kommst du damit zurecht?
Das tun wir in der Tat. Ohne das Schicksal herausfordern zu wollen: Bisher geht es mir gut. Meine Freundin hatte Ende März eine mysteriöse Krankheit, die das Virus hätte sein können, aber das ist alles, was wir davon direkt mitbekommen haben. Aber meine Eltern gehören zu einer Gefahrengruppe, deshalb sind sie seit März praktisch zu Hause eingesperrt, und ich habe Freunde, bei denen Kollegen gestorben sind. Insofern ist es keineswegs so, dass das Virus aus meiner Warte fern und unbedrohlich erscheint. Und es fällt schwer, nicht zu glauben, dass wir auf der Nordhalbkugel global ein saisonales Wiederaufflammen der Pandemie erleben werden, was nun wirklich keine schöne Aussicht ist.

Zumindest in Deutschland gibt es immer wieder Proteste „gegen das Virus“, die Leute glauben an die abstrusesten Verschwörungstheorien – gibt es das bei euch in England auch oder ist das „typisch deutsch“?
In den Interviews, die ich für das Album in letzter Zeit gemacht habe, haben mich das schon mehrere Leute gefragt … und alle haben mich gefragt, ob es hier genauso sei oder ob das eine landesspezifische Sache sei. Und alle kamen aus verschiedenen Ländern! Also nein, es ist definitiv nicht typisch deutsch, und ja, hier in Birmingham hatten wir auch schon Proteste. Ich glaube, sie geben irgendwie Bill Gates die Schuld. Und sie haben auch versucht, Mobilfunkmasten in Brand zu stecken, weil die anscheinend die Leute krank machen sollen oder so. Tatsächlich stand einer davon nur etwa eine Meile von hier entfernt. Ich weiß nicht, was das alles soll, ich versuche gar nicht erst, die Gedankengänge von solchen Idioten zu verstehen. Und ich sage das als jemand, der gelegentlich selbst wie ein Verschwörungstheoretiker klingt! (lacht) Aber es ist ein großer Unterschied, ob man einerseits auf die Tufton Street [eine Straße in Westminster, London und Zentrum für Brexit-bezogene euroskeptische und rechtsgerichtete Denkfabriken, A. d. Red.]. zeigt oder auf so etwas wie ein reales Buch von William Rees-Mogg [2012 verstorbener Journalist, Autor und Tories-Politiker, A. d. Red.], das man tatsächlich kaufen kann, oder ob man andererseits denkt, dass einem Außerirdische Dinge in den Arsch stecken wollen, weil Hillary Clinton es ihnen gesagt hat.

Auch sonst herrscht Chaos: Großbritannien steuert auf ein No-Deal-Brexit zu, die Klimakrise manifestiert sich im brennenden Kalifornien, in den USA steht eine alles entscheidende Präsidentschaftswahl an und auf Lesbos eskaliert die Flüchtlingskrise. Und zu allem Überfluss gibt es bei all diesen Problemen Menschen, die nicht daran glauben oder die dagegen Stellung beziehen. Bist du noch wütend oder hast du bereits resigniert?
Du hast das Album gehört, oder? Ja, ich bin sehr wütend. Ich meine, ich bin alles andere als schockiert, dass Verlogenheit und böswillige Ignoranz allgegenwärtig sind. Aber ich habe mich nicht damit abgefunden. Wenn überhaupt, dann hat es ein Niveau erreicht, das ich nicht mehr verkraften kann. Ich musste aufhören, den Nachrichtenmedien und so weiter allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Vor etwa zehn Jahren war ich recht engagiert und habe mich auf dem Laufenden gehalten, vor allem durch die Berichterstattung im Radio, weil das im Vereinigten Königreich etwas informativer ist als das Fernsehen. Und ich nannte Debattensendungen scherzhaft „Schrei das Radio an“. Aber jetzt geht es so weit, dass ich die Nachrichten nicht mehr hören kann, ohne das Radio anzuschreien und auf den Aus-Knopf zu schlagen, bevor die Schmerzen in der Brust einsetzen. Großbritannien, insbesondere England, ist eine verdammte politische Jauchegrube. Viele andere Orte sind kaum besser, und viele sind schlechter. Das sind global betrachtet keine guten Zeiten. Das mag eine gute Inspiration für ANAAL NATHRAKH sein, aber das ist keine gute Sache für die Welt!

Wann hast du erkannt, dass Corona auch dich, dein Leben und die Aktivitäten von ANAAL NATHRAKH konkret betreffen würde?
Es war um die zweite Märzwoche, als ich erfahren habe, dass in Italien über 800 Menschen an einem Tag gestorben sind. Da wurde mir klar, dass die britische Regierung falsch lag und zu langsam reagierte. In Deutschland habt ihr, glaube ich, noch am selben Tag den Lockdown begonnen – aber ihr wart in Bezug auf den Verlauf des Virus etwa zwei Wochen hinter uns, also habt ihr epidemiologisch gesehen zwei Wochen vor uns den Lockdown durchgeführt. Das hätte anscheinend über 10.000 Leben gerettet, wenn das auch hier geschehen wäre. Und ich glaube, das war eine Entscheidung, die die Behörden hier getroffen haben. Es lag nicht daran, dass ihnen Informationen gefehlt hätten – sie hatten Zugang zu den gleichen Informationen aus anderen Ländern wie andere Länder auch. Weit mehr, als der Öffentlichkeit zur Verfügung standen, da bin ich mir ganz sicher, oder zumindest mit weitaus besseren Erklärungen, was die Daten bedeuteten.
Meine Freundin arbeitet jeden Tag in einer Kneipe, und der eigentliche Indikator dafür, dass die Regierung keine Ahnung hatte, war, dass sie an einem Freitag um 17 Uhr angekündigt haben, dass die Kneipen am nächsten Tag nicht öffnen können. Um 17 Uhr an einem Freitag. Sie haben nicht gesagt, dass die Kneipen sofort schließen müssen oder die Ankündigung am Morgen gemacht. Während einer Pandemie haben sie im Wesentlichen sichergestellt, dass Millionen und Abermillionen von Menschen im ganzen Land losgestürmt sind, um den Abend zusammengepfercht in Kneipen zu verbringen, weil es die „letzte Nacht mit Party“ war. Oder vielleicht dachten sie tatsächlich, sie wüssten, was sie tun, und wollten, dass sich viele Menschen mit dem Virus anstecken. Herdenimmunität.
Wie auch immer, das war jedenfalls der Zeitpunkt, an dem es wirklich schwierig zu werden schien. Und unsere Erwartungshaltung, endlich ein Veröffentlichungsdatum von Metal Blade genannt zu bekommen – worauf wir bis dahin gewartet hatten – erschien uns plötzlich etwas albern und unwichtig.

Konzerte sind im Moment nicht möglich – wie stark trifft dich das, finanziell, aber auch im Hinblick auf die erwarteten Verkaufszahlen des neuen Albums?
Nun, finanziell ist es offensichtlich – man verdient nichts mit Shows, die man nicht spielt. Keiner von uns ist obdachlos geworden, und in meinem Fall gab es etwas Hilfe von der Regierung – eines der Dinge, die die britische Regierung tatsächlich hinbekommen hat, wobei ich nicht weiß, wie es in den USA bei Mick ist – aber natürlich wirkt es sich aus. Was die Verkaufszahlen betrifft, musst du Metal Blade fragen. Aber ich würde eigentlich erwarten, dass die Musikverkäufe im Allgemeinen etwas steigen werden – zusammen mit im Grunde genommen allem, womit sich die Leute beschäftigen wollen, wenn sie nicht bei der Arbeit sind, wie Musik, Spiele, Filme und so weiter. Ich persönlich habe die Yakuza-Spiele gespielt und mir gewünscht, wir würden wieder eine Show in Osaka spielen. Viele Leute sitzen immer noch zu Hause fest oder arbeiten von zu Hause aus, und sie wenden sich wahrscheinlich der einen oder anderen Art von Unterhaltung zu. Aber das könnte alles völlig falsch sein – wir sind Musiker, keine Geschäftsleute. Wir machen Musik. Was danach geschieht, geschieht.

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Hatte die Pandemie Auswirkungen auf die Entstehung des Albums und eure Arbeitsweise?
Nicht auf das Album selbst, denn wir haben es genau zu dem Zeitpunkt fertiggestellt, als die Pandemie wirklich in Gang kam, sodass wir es geschafft haben, nicht von dem vollständigen Lockdown und allem erwischt zu werden. Was die Pandemie aber beeinflusst hat, sind die Dinge, die wir seitdem gemacht haben – vor allem das Video, das wir für den Titeltrack „Endarkenment“ gemacht haben. Bei dem Video war die Pandemie ein zweischneidiges Schwert – es bedeutete, dass wir mehr Zeit als sonst hatten, weil sich die Veröffentlichung des Albums verzögerte. Gleichzeitig erlegte es uns aber auch zahlreiche Einschränkungen auf, wie wir überhaupt ein Video drehen konnten.
Das ist ein Grund dafür, dass wir uns, wie jetzt zu sehen, auf Animationen konzentriert haben, denn Animationen erfordern keine physische Nähe, wie es bei Live-Drehs der Fall ist. Auch den Regisseur haben wir nicht persönlich getroffen, sondern mussten alles über das Web machen – er war im Osten Amerikas, Tausende von Kilometern von uns entfernt, und Flugreisen waren nicht wirklich machbar. Aber so etwas kann gut sein, so wie Sonette zu schreiben oder einen Film nach bestimmten Regeln zu machen: Es bringt einen dazu, auf die Einschränkungen zu reagieren, die man hat, und so auf Ideen und Ansätze zu kommen, die man sonst vielleicht nicht hätte. Die Pandemie hat also Auswirkungen gehabt, aber am Ende war es einfach nur anders und kein Schaden.

Lass uns über den Elefant im Raum sprechen – oder besser gesagt über das Schwein: Wie zum Teufel kommt man auf den Songtitel „Libidinous (A Pig With Cocks In Its Eyes)“ und das dazugehörige Artwork …?
Ja, das fällt auf, nicht wahr? Darum geht es natürlich zum Teil – nicht um auf kindische Weise anstößig zu sein, sondern um ein krasses Bild mit Strahlkraft zu haben. Selbstverständlich ist das komplett überzogen. Aber es ist auch als eine vollkommen ernste metaphorische Darstellung des menschlichen Zustands oder vielmehr des Zustands des westlichen Bürgers von heute gemeint. Die ideale Rolle des Bürgers aus Sicht der Architekten unserer Gesellschaft ist im Wesentlichen die des Viehs, das ausgebeutet werden soll. Halt’s Maul, friss deine Kartoffelschalenreste, suhl dich in dem Schlamm, den wir dir gegeben haben, und wenn wir dir sagen, dass du dich bewegen sollst, dann quieke, wenn es sein muss, aber beweg dich. Und als Menschen reagieren wir meist, indem wir die Welt mit triebhaften Augen betrachten, obwohl die hysterische Empörung und moralische Panik, die solch ein Merkmal der heutigen Welt sind, so oft wie der eigentliche Sex nur Ersatzsex sind.
Die wiederholte Verwendung des Schweinemotivs hat verschiedene Gründe, einerseits sind Schweine einfach eine repräsentative Form von Nutztieren, andererseits passt ihre stereotype Liebe zu Schlamm und so weiter zur Metapher. Ein weiteres Merkmal ist, dass der Mensch, wenn er als Fleisch betrachtet wird, manchmal als Langschwein bezeichnet wird – das Schwein ist eines der Tiere, die dem Menschen anatomisch am ähnlichsten sind. Außerdem sind Schweine im Werk von Orwell ikonisch, und der zunehmend Orwellsche Charakter der Gesellschaft ist Teil der Idee. Das Konzept ist also nicht ganz unähnlich zu anderen bekannten metaphorischen Darstellungen von Menschen, sei es der Beatles-Song „Piggies“ oder etwas wie „Matrix“ oder „Network“ oder Orwells eigene Fiktion. Es steckt auch eine gewisse Verachtung gegenüber dem Thema darin, im Vergleich zu etwas, das mehr in die Richtung von „V wie Vendetta“ geht. Wir zeigen die Welt nicht so, wie wir sie gerne hätten, mit dem Versprechen einer Revolution. Wir zeigen effektiv uns selbst als Menschen, wie wir das Gefühl haben, gesehen zu werden, oder wie wir mehr oder weniger bewusst in der Gesellschaft funktionieren.
Das Bild ist also ausgesprochen krass, ja, und genau das fühlt sich der Zeit angemessen an. Aber es ist alles andere als geistlos anstößig. Ich erwarte natürlich nicht, dass jeder sofort zustimmt, dass es tiefgründig ist. Aber wenn die Leute nicht sehen können, dass hinter dem Lied und dem Bild tiefgründige Ideen stecken, sagt das wohl mehr über ihre Vorurteile und Ansichten aus als über das Bild oder die Idee selbst. In diesem Fall sind es für dich eben bloß ein Schwein und Schwänze – antworte mit „lolz“ oder „würg“, lösch es gegebenenfalls und mach mit deinem Leben weiter.

Als Titel habt ihr „Endarkenment“ gewählt – was hat euch zu dieser Entscheidung bewogen? Warum ist dies der perfekte Titel, oder der entsprechende Song der perfekte Titeltrack des Albums?
Ich dachte dabei an das Gegenteil der Erleuchtung, in erster Linie aber der Aufklärung, also der Entwicklung, die die europäische Gesellschaft in Richtung Rationalismus und Objektivität und so weiter geführt hat. In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass sich die Gesellschaft in die entgegengesetzte Richtung bewegt hat, hin zu Aberglauben und Misstrauen gegenüber Experten. Wenn Menschen heute über viele Dinge uneins sind, scheinen sie ihre Überzeugungen nicht auf der Grundlage von Fakten auszudrücken. Sie scheinen ihre Emotionen, in der Regel negative Emotionen, auf der Grundlage ihrer Wünsche oder anderer ähnlicher Einstellungen auszudrücken. Es scheint immer mehr so zu sein, dass es keine Rolle mehr spielt, wie viele Informationen man in eine Auseinandersetzung über Brexit oder Greta Thunberg oder Black Lives Matter einbringt – das wird niemanden umstimmen, weil sie an dieser aufklärerischen Idee gar kein Interesse haben. Nach der ziemlich langen Antwort, die ich gerade auf die Schweinefrage gegeben habe, werde ich jetzt nicht noch eine weitere große Theorie oder dergleichen ausbreiten. Aber das ist zumindest der Ausgangspunkt dessen, was mit „Endarkenment“ gemeint ist. Darüber hinaus gibt es noch viel mehr, worüber du selbst nachdenken kannst.

Musikalisch sind die Stücke diesmal generell viel melodischer – hast du eine Erklärung dafür?
Nein, denn für meine Ohren sind sie das nicht. Das sagen uns die Leute seit Jahren jedes Mal, wenn wir ein Album veröffentlicht haben. Wenn sie jedes Mal Recht gehabt hätten, würden wir jetzt wie ABBA klingen.

Habt ihr in letzter Zeit privat vielleicht mehr melodische Bands gehört? Oder hat sich vielleicht euer persönlicher Musikgeschmack verändert? Die zweite Single, „The Age Of Starlight Ends“ zum Beispiel hat fast schon Melodic-Death-Metal-Charakter …
Nein, wir hören eigentlich überhaupt keinen melodischen Metal. Zumindest nichts außer Bands wie King Diamond, die wir seit unserer Kindheit hören. Es gibt schon seit Jahren Songs auf unseren Alben, die so klingen wie der, den du gerade erwähnt hast: „So Be It“ auf „[In The] Constellation [Of The Black Widow]“ ist zum Beispiel musikalisch wahrscheinlich ein ganzes Stück melodischer. Fairerweise muss man aber sagen, dass du nicht der Einzige bis, der uns das sagt. Ich frage mich, ob sich manche Leute vielleicht erlauben, einen Gesamteindruck davon zu haben, wie Bands ihrer Meinung nach klingen, ohne der Musik, die die Bands tatsächlich spielen, allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ich meine, ja, es gibt viele komplett brutale Songs auf unseren vergangenen Alben, aber es gibt auch komplett brutale Sachen auf „Endarkenment“, wie zum Beispiel „Beyond Words“. Und wenn überhaupt, dann würde ich sagen, so etwas wie „Hell Is Empty [And All The Devils Are Here]“, ein Album, das wir vor mehr als zehn Jahren gemacht haben, ist wahrscheinlich das melodischste, das wir je gemacht haben.
Aber wie dem auch sei, selbst wenn ich mich völlig irre und „Endarkenment“ auf eine Art und Weise, die meiner Aufmerksamkeit entgeht, irgendwie extra melodisch ist, haben wir es nicht speziell so geplant. Es ist einfach so, dass es sich für uns richtig anfühlte, diese Musik zu schreiben. Das ist der einzige wirkliche Einfluss oder Ausgangspunkt, mit dem wir arbeiten.

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Welche Musik hörst du im Moment generell, welche Alben haben dich in diesem Jahr am meisten beeindruckt?
Zuletzt habe ich mir verschiedene Sachen angehört, die über einen Schneeballeffekt daherkamen, nachdem ich während einer Autofahrt „Home Is Where The Hatred Is“, gesungen von Esther Phillips, im Radio gehört hatte. Was Musik über Leiden anbelangt, so hat der meiste Metal im Vergleich zu diesem Lied echt nicht die geringste Ahnung. In den letzten Tagen hat dieser Schneeballeffekt „Street Sounds“ von Rick James eine ganze Reihe Durchläufe beschert, so seltsam das auch erscheinen mag. Ich habe mir auch viel die Vorab-Singles des neuen Idles-Albums angehört, das in ein oder zwei Wochen erscheinen soll. Zusammen mit mancher Grime-Musik [ein aus England stammender, düsterer Musikstil mit Wurzeln in elektronischer Musik, A. d. Red.], kommt mir Idles wie die lang erwartete Stimme junger Leute vor, die auf die Scheiße in der heutigen Welt reagieren. Sie finden einen neuen, unverwechselbaren Weg, ihre Welt und ihre Identität durch Musik zu verarbeiten und zu artikulieren. Ich habe mir auch das neue Album von Skeletal Remains, einer jungen Death-Metal-Band aus Amerika, und das letzte Profanatica-Album, „Rotting Incarnation Of God“, angehört. Jetzt gerade habe ich Eshtadur gehört, eine Band aus Kolumbien, von der ich noch nie zuvor gehört hatte, aber Tidal hat sie mir empfohlen, also habe ich sie mir mal angehört. Sie klingen sehr, hmm, schwedisch für eine südamerikanische Band. Und ich schätze, das heißt, ich bin ein Lügner, was die Melodic-Metal-Sache angeht. Was Mick betrifft, weiß ich nicht so genau. Ich glaube, er hat immer noch seine Obsession, dass er praktisch ausschließlich Elvis hört.

Was bei „Endarkenment“ auffällt, ist die stimmliche Vielfalt – noch mehr als beim Vorgänger sorgst du hier für Abwechslung. Hast du eigentlich jemals eine professionelle Gesangsausbildung absolviert oder bist du komplett Autodidakt?
Nein, ich hatte nie Unterricht oder so etwas. Im Grunde genommen weiß ich technisch gesehen nicht, was ich tue. Ich meine, ich wärme mich vor Auftritten eine Weile auf, und im Vorfeld der Albumaufnahme für „Endarkenment“ habe ich zu Hause Zeit damit verbracht, meine Stimme auf verschiedene Art und Weise einzusetzen, wobei ich im Allgemeinen einfach meine Stimmbänder benutzte, um etwas Kraft aufzubauen. Das hatte damit zu tun, dass ich zuvor monatelang meist allein in der Stille gesessen hatte, weil ich an etwas gearbeitet hatte. Aber ich mache nicht generell Übungen oder so etwas, einfach weil ich nicht wirklich welche kenne. Aber ich erinnere mich, dass wir uns vor Jahren im Haus von Micks Vater Jim Gillettes Lehrvideo angesehen haben. Aber – nichts gegen den Typen selbst oder so – das haben wir vor allem gemacht, weil wir es zum Totlachen fanden. Es ist einfach total veraltet, fast wie eine Parodie. Aber hey, ich bin sicher, dass es vielen Leuten geholfen hat, und ich habe wahrscheinlich selbst schon das seltsame Wort „miner miner mine“ gesagt.

Was ist stimmlich und technisch die größere Herausforderung für dich  – die Growls oder der klare Gesang?
Das kann man so nicht differenzieren. Es geht einfach darum, ob meine Stimme müde ist. Und hier kommt der Einsatz meiner Stimme zum Aufbau von Ausdauer in der Vorbereitung ins Spiel. Darüber hinaus hängt es aber auch einfach davon ab, wie ich mich an dem betreffenden Tag fühle. Die größte Herausforderung besteht also nicht darin, einen Gesangsstil gegen einen anderen auszuspielen, sondern zu vermeiden, dass ich mich zu sehr anstrenge – in welchem Stil auch immer – und mich selbst kaputtmache. Eine Balance zu finden zwischen der expressiven Natur dessen, was wir tun und wie ich es angehe einerseits und andererseits dazu auch weiterhin im Stande zu sein, war eine der größten Herausforderungen – und das ist etwas, worauf ich auch nach all dieser Zeit noch achten muss.

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Apropos singen: Letztes Jahr hast du dein Engagement bei BENEDICTION beendet. Wie kam es dazu, was waren die Gründe, weshalb du die Band nach mehr als 20 Jahren verlassen hast?
Das war leider unvermeidlich. Über Jahre hinweg konnte ich alles ausbalancieren und mich jeder Sache zu 100 % widmen. Aber letztes Jahr kam ich endlich in die Endphase meiner Doktorarbeit, und ich musste mich wirklich darauf konzentrieren, unter Ausschluss von absolut allem anderen. Das ist nicht überraschend, eine Promotion ist eben hart! Aber deshalb musste ich etwas aufgeben. Wir arbeiten bei ANAAL NATHRAKH etwas anders, so dass ich mir das immer noch einrichten konnte. Aber bei BENEDICTION konnte ich es nicht; Ich konnte mich einfach nicht zu den BENEDICTION-Jungs umdrehen und sagen: „Okay, Leute, ich fürchte, ihr könnt für das nächste Jahr oder so nichts machen oder irgendwelche Shows spielen, weil ich beschäftigt bin.“ Also musste ich, mit großem Widerwillen auf beiden Seiten, wie ich glaube, aussteigen. Aber es war völlig freundschaftlich, und jeder unterstützte jeden und all das.

Das Cover von "Scriptures" von BenedictionHast du noch Kontakt zu den Jungs, hast du ihr neues Album „Scriptures“ schon gehört? Wie findest du es?
Ja, natürlich. Wir sind seit sehr langer Zeit befreundet, und das wird sich nicht ändern, nur weil ich eine Zeit lang andere Dinge tun und die Band verlassen musste. Wir sehen uns etwas weniger oft ohne Proben und Auftritte, aber darüber hinaus ist es keine große Sache. Das neue Album klingt wirklich gut, ich glaube, der Produzent passte zu den Jungs und hat ein Maß an Disziplin erzwungen, das sich in einem wirklich tighten, fokussierten Feeling bezahlt gemacht hat. Natürlich ist es für mich ein bisschen seltsam, es anzuhören und kein Teil davon zu sein … ein bisschen so, als ob man seine Ex mit einem neuen Partner sieht oder so. Aber ich denke, BENEDICTION ist – abgesehen von der Pandemie – im Moment in einer wirklich guten Phase, und ich bin gespannt, wie es bei ihnen weitergeht.

Vielen Dank für das Gespräch. Zum Abschluss unser Brainstorming:
Boris Johnson:
Fotze. Und viel ekliger, als er erscheinen mag. Mir gefällt eine Beschreibung, die ich gestern Abend gehört habe: ein notgeiler Haufen Schmutzwäsche. Er hat die Würde und staatsmännische Kompetenz eines Ausbruchs von Mundherpes.
Dein Tipp für die US-Präsidentschaftswahlen: Ich vermute, ein Trump-Sieg wäre für die Welt katastrophal, sowohl wegen der daraus resultierenden Auswirkungen in anderen Ländern als auch wegen allem anderen. Das heißt aber nicht, dass jemand anderes nicht auch schlecht wäre. Ich weiß nicht, ob die amerikanische Politik so im Arsch ist wie die britische Politik derzeit. Aber ich sehe keinen Grund, jemanden zu unterstützen.
Das Getränk deiner Wahl, wenn du in eine Bar gehst: Ich nenne es Idioten-Bölkstoff. Das ist im Grunde genommen die Art Bier, von dem ich etwas humorvoll glaube, dass man ein schrecklicher, anmaßender Vollidiot sein muss, um es zu bestellen. Wie Craft IPA. Ich hoffe inständig, dass ich kein schrecklicher, anmaßender Vollidiot bin. Aber ich bekomme Gicht, und von den Dingen, die ich ausprobiert habe, scheint der Idioten-Bölkstoff am wenigsten schlecht dafür zu sein. Außerdem schmeckt es verdammt gut.
Twitter: Twitter ist wie ein Parasit, der nur existiert, um dich unglücklich zu machen und sich dann von deinem Elend zu ernähren. Die Empörung der Menschen ist die Hauptquelle für seinen Profit.
Eine positive Erkenntnis aus der Corona-Zeit: Da fragst du den Falschen.
ANAAL NATHRAKH in 10 Jahren:
Keine Ahnung. Wir hatten keine Ahnung von der Zukunft, als wir angefangen haben, und das hat sich bis heute nicht geändert.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit und Antworten! Die letzten Worte in diesem Interview gehören dir:
Ich danke dir!

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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