Oft liegen bei Newcomern Anspruch und Realität weit auseinander. Bei BELIEVE IN NOTHING ist das auch so – nur nicht so, wie man zunächst denken könnte: Ohne Großes im Sinn zu haben, ist den Briten ein Meisterwerk des Post-(Sludge-)Metal gelungen. Im Interview mit Caine (Gesang/Noise) und Saiteninstrumentalist Steve Collier (Gitarre/Bass) gehen wir „Rot“ auf den Grund – und lösen das Rätsel, was wohl auf dem Cover zu sehen ist.

Ihr habt die Band 2023 gegründet – was war damals eure Vision? Warum hattet ihr das Bedürfnis, diese Band ins Leben zu rufen, und warum braucht die Welt sie?
Caine: Die Band entstand ursprünglich ganz spontan bei einer Jam-Session zwischen Jasper und mir – ich saß am Schlagzeug, er spielte Bass. Wir wollten einfach Dampf ablassen und es genießen, gemeinsam in einem Raum zu sein, zu schwitzen und Riffs zu spielen. An diesem Tag haben wir eine Demo-Version von „Fist Full Of Worms“ geschrieben und aufgenommen – und sie dann erst einmal liegen lassen. Später habe ich ein paar Freunde ins Boot geholt, Steve und Lawrence, von denen ich dachte, dass sie beide etwas Eigenes einbringen, vor allem aber respektvoll und angenehm im Umgang sein würden – was ich in einem kreativen Prozess dringend gebraucht habe. Der Gruppenchat hieß lange Zeit „Musical fun“.

Ich hatte dann so eine Art persönliche Eingebung, was für eine Art von Band ich erschaffen und was für einen kreativen Raum ich bewohnen wollte. Frühere Projekte waren aus vielen Gründen harte Arbeit. Ich habe damals viel persönlichen Schmerz und Trauer in die Songs gepackt. Anfangs war es hilfreich, dieses Trauma auf der Bühne zu teilen – später war es gefährlich. Immer wieder an der Wunde zu kratzen, ohne viel Unterstützung oder Verständnis. Mein Ziel mit BELIEVE IN NOTHING war es, die Texte so weit wie möglich von meinen eigenen Traumata zu lösen. Ich wollte den zutiefst kranken Zustand der Welt aufnehmen und ihn reflektieren.
Das Bedürfnis, die Band zu gründen, wurde dringlich, als wir alle beisammen waren. Ich fühlte mich kreativ sehr befreit. Die Band ist für mich wie ein Auffangbecken, in das mein überaktives Hirn alles entladen kann. Ich konnte ein starkes mentales Bild erschaffen – eine Welt aus kaltem Verfall und Scheitern. Ich habe dann aus dieser inneren Welt geschöpft, um Texte und lärmende Klanglandschaften zu schreiben. Sobald dieses Bild stand, floss alles aus mir heraus und hat die Eimer gefüllt.
Die Welt braucht uns nicht. Die Welt braucht im Moment eigentlich nur Heilung. Diese Band ist keine Heilung – sie ist ein Spiegel, der die schlimmsten Seiten dessen zeigt, was Menschen einander und der Erde angetan haben.
Der Bandname BELIEVE IN NOTHING wirkt extrem pessimistisch. Aber gleichzeitig muss man doch zumindest an sich selbst glauben, um eine Band zu gründen und ernsthaft zu verfolgen, oder?
Caine: Die Band hieß anfangs Bankart, Full Of Knives, und eine Zeit lang auch Eat Shit And Die. Ich habe dann BELIEVE IN NOTHING vorgeschlagen, und letztlich haben wir uns darauf geeinigt – weil es den Ton, den wir musikalisch und textlich anschlagen, besser traf. Ich finde, Bandnamen sagen nicht nur dem Publikum etwas über die Absicht – sondern auch der Band selbst. Außerdem habe ich bei meiner letzten Band mal einen Mülleimer ins Publikum geworfen – das war ein interner Witz, weil das Akronym von BELIEVE IN NOTHING eben BIN ist.
Anfangs haben wir gar nicht so sehr an uns geglaubt. Es hat Zeit gebraucht, Umbesetzungen, neue Ausrüstung, ständiges Feilen. Ich hatte einen klaren Sound im Kopf, aber wir mussten alle erst gemeinsam herausfinden, wie man diesen Sound als Band umsetzt. Es war viel Arbeit. Wir haben vieles wieder verworfen. Ich hatte zu Beginn sogar eine Lungenentzündung und war mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch singen kann – das war hart. Aber mit dem richtigen Maß an Kampfgeist, Ausdauer und gegenseitiger Unterstützung hatten wir irgendwann diesen Aha-Moment im Proberaum. Und ab da haben wir angefangen zu glauben, dass wir wirklich etwas gefunden haben.
Worauf bezieht sich euer Bandname konkret – auf persönliche Erfahrungen, den Zustand der Welt oder beides?
Caine: Der Name ist ganz wörtlich gemeint. Und ich hoffe, dass er die Leute dazu bringt, darüber nachzudenken – er bleibt irgendwie im Kopf hängen. Für mich drückt dieser Satz die Härte der Welt aus, in der wir leben – und die immer schlimmer wird. Es steckt eine Kälte in der Aussage „an nichts glauben“, sie geht unter die Haut, erzeugt sofort ein düsteres, dystopisches Bild – ist aber gleichzeitig sehr persönlich, reißt alle Götzen ein und lässt dich allein mit deinen Problemen. Genau das sind die Themen, um die sich meine Texte und unsere Live-Shows drehen. Der Name hat uns geholfen, die Atmosphäre der Band zu definieren. Und das Akronym hat mir das Ganze nochmal auf einer anderen Ebene schmackhaft gemacht.
Ihr habt eines eurer ersten Konzerte gespielt, bevor ihr überhaupt Songs hattet – und dann als (inoffizielles) Livealbum veröffentlicht. Wie kam es dazu – und warum hat das funktioniert?
Steve: Das war ein Unfall. Unser Sänger Caine hat ein Konzert in einem lokalen Club organisiert, und eine Band hat kurzfristig abgesagt. Wir waren zufällig alle da – und haben spontan beschlossen, einfach wie im Proberaum für 20 Minuten zu jammen. Wir hatten gar nicht erwartet, dass das funktioniert. Caine hatte während des Sets sogar meist die Augen geschlossen. Aber die positive Reaktion vom Publikum hat uns wirklich überrascht – das war der Moment, in dem uns klar wurde, dass wir hier auf etwas richtig Gutes gestoßen sind.
Caine: Das war noch vor dem Wechsel, bei dem Jasper an die Drums gegangen ist. Damals hat unser Freund Kyle von einer anderen Band aus Eastbourne, CHUB, geholfen, damit wir im Proberaum weiterkommen – ich musste mich nach der Lungenentzündung erst wieder einfinden. An dem Abend spielte Kyle Schlagzeug, Jasper Bass, Steve Gitarre. Lawrence war zwar schon in der Band, aber nicht bei dem Auftritt dabei. Grüße an die Band, die abgesagt hat – dadurch sind wir eingesprungen, und wie Steve gesagt hat: Es war ein sehr aufschlussreicher und prägender Moment, die Reaktion auf unser „Work in Progress“ zu sehen.
Jetzt habt ihr ein Album fertig – und schon das Cover wirft Fragen auf. Was genau sehen wir da?
Caine: Ich habe ein Schweineherz genommen, eine Kette hindurchgesteckt, es in eine Kiste gelegt – mit Ästen, Knochen, einem Schweineohr und etwas Grünzeug, das ich gefunden habe. Dann habe ich das Ganze sechs Wochen lang in der Sonne liegen lassen – und jeden Tag ein Foto gemacht. Das Albumcover zeigt das letzte Bild. Der Geruch war wirklich durchdringend.
Der Titel „Rot“ ist ebenso morbide. Warum war das der perfekte Titel – was bedeutet dieses Wort für dich?
Caine: Es war die kompakteste Formulierung dessen, was wir gemacht haben – und wohin wir wollten. „Rot“ fasst dieses schleimige, beißende Teerbecken perfekt zusammen, durch das sich unsere Musik zieht. Auch die Texte drehen sich um Verfall und Zusammenbruch – und „Rot“ bringt das alles auf drei Buchstaben.
Musikalisch ist das Album extrem hart – kein Wunder, dass euer Label es „für Fans von FULL OF HELL, THOU, PRIMITIVE MAN“ empfiehlt. Seht ihr euch in dieser Ecke? Sind das echte Einflüsse oder eher Vergleichswerte?
Caine: FULL OF HELL haben mich sehr beeinflusst. Gesanglich haut mich Dylan einfach um. Seine Arbeit mit dem Noisetisch hat mir den Mut gegeben, mich auch in dieser Richtung auszuprobieren. Am Anfang haben wir uns stark an dem Album orientiert, das sie mit NOTHING gemacht haben – „When No Birds Sang“ – und an den langsameren Songs auf ihren eigenen Alben, insbesondere „Armory Of Obsidian Glass“ und „Bleeding Horizon“. Die wichtigste Lehre für uns war, Raum, Spannung und Geduld beim Songwriting bewusst einzusetzen. Alles verlangsamen. Nichts überstürzen. Alles schön gären lassen. THOU und PRIMITIVE MAN kannte ich ehrlich gesagt gar nicht, bevor wir die Band gegründet haben – ich glaube, der Rest der Band auch nicht. Nachdem wir mit ihnen verglichen wurden, habe ich reingehört – und liebe sie mittlerweile. Während wir gerade an der zweiten Hälfte des Albums gearbeitet haben, sind wir alle zusammen zu einem THOU-Konzert gegangen. Ich glaube, ich habe sogar geweint. Mit solchen Bands verglichen zu werden, ist eine Ehre. Wenn man uns in dieselbe Ecke steckt wie FULL OF HELL, THOU und PRIMITIVE MAN, dann fühle ich mich sehr glücklich. Das sind Meister ihres Fachs, die das Genre Heavy Music immer wieder herausfordern.
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Ich finde allerdings, euer Album ist vielseitiger als das dieser Bands. Wie entstehen eure Songs – spontan, wie bei eurem ersten Auftritt, oder eher durch langes Tüfteln und Verfeinern?
Steve: Wir hatten eine ziemlich strikte Herangehensweise: Wir wollten fast alles gemeinsam im Proberaum schreiben. Es ging uns darum, ein Bauchgefühl für die Songs zu entwickeln – sie sollten organisch und fast schon archaisch wirken. Es gab ein paar Riffs oder Ideen, die jemand mitgebracht hat, aber die meisten Songs auf dem Album sind im Raum entstanden – gemeinsam.
Caine: Für mich ist das Schreiben im Proberaum die absolute Magie einer Band. Menschen haben schon gemeinsam Musik gemacht, bevor es überhaupt eine gesprochene Sprache gab. So zu kommunizieren, das Biest zu finden, es einzufangen und zu reiten – das ist ein Gefühl wie kein anderes. Und dann zu versuchen, dieses Chaos in einen Song zu verwandeln, den man teilen kann – das ist sehr kraftvoll. Fast magisch. Wir haben uns bewusst für diese Methode entschieden – und haben immer das Noisepad einsatzbereit, um Raum und Textur mitzugestalten. Dass das unser Standard wurde, war für mich der Wendepunkt der Band. Das war der Moment, in dem mit ein Licht aufgegangen ist.
Wie arbeitet ihr generell – schreibt ihr viel Material und wählt dann aus, oder schreibt ihr weniger und feilt daran, bis ein Album entsteht?
Steve: Für dieses Album haben wir definitiv weniger Songs geschrieben, dafür aber stärker verfeinert. Es war interessant zu sehen, wie sich die Songs entwickelt haben – von den ersten Versionen bis hin zu den Liveauftritten, und wie wir dann immer wieder daran gefeilt haben, bis wir zufrieden waren. Uns war es wichtig, dieses Gefühl schwerer Luft zu erzeugen – und dass das Publikum das auch spürt.
In Großbritannien sorgt ihr im Underground schon für Aufsehen – wann kommt ihr nach Europa? Gibt es Pläne?
Steve: Es gibt noch keine festen Pläne, aber wir würden wahnsinnig gern in Europa spielen. Falls es da draußen europäische Promoter oder Booker gibt, die auf eine scheußlich lärmende Band stehen, die auf der Bühne Hämmer frisst und sich gegenseitig mit Ketten stranguliert – meldet euch bei uns!
In dem Zusammenhang – wie hat sich Brexit auf die Sache ausgewirkt? Ist es heute schwieriger, in Europa zu touren als früher?
Steve: Ja, ich würde nicht unbedingt sagen, dass es schwieriger ist, wenn man erstmal in Europa ist – vor allem nicht im Schengenraum. Aber die UK/EU-Grenze ist deutlich nerviger geworden. Die Passkontrollen sind viel gründlicher, was teilweise zu langen Wartezeiten führt – ich habe deswegen sogar mal eine Fähre verpasst. Auch die Zolldokumente sind mühsam – man muss sie vor der Reise abstempeln lassen. Das dauert manchmal bis zu zwei Stunden. Das muss man bei der Reiseplanung unbedingt einkalkulieren.
Zum Abschluss eine kurze Brainstorming-Runde: Was ist das Erste, das euch zu folgenden Begriffen einfällt?
Sommerfestivals: Brennende Zelte
Deutschland: Sankt Pauli
Black Metal: Schweineblut
Vinyl: Stückpreis
Klimawandel: Scheitern
BELIEVE IN NOTHING in zehn Jahren: Älter
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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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