Interview mit Thorsten Ihlefeld von Brainstorm

Mit 13 Alben in über 25 Jahren sind BRAINSTORM eine feste Größe in der deutschen Power-Metal-Landschaft und haben ihren Sound auf „Wall Of Skulls“ weiter perfektioniert. Gitarrist Thorsten „Todde“ Ihlefeld erzählt uns im Interview vom Gespür für den perfekten BRAINSTORM-Songs, die anhaltenden Covid-Probleme und warum es nicht immer nur Vollgas und Party sein können.Brainstorm Logo

Hallo Thorsten, vielen Dank dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wie ergeht es dir dieser Tage?
Hi, sehr gut, danke der Nachfrage. Ist viel los in der Zeit vor und bis zur Albumveröffentlichung, aber so soll es ja sein. Interviews, Promotermine, Autogrammkarten, Proben, Bühnenbild konzipieren und so weiter und so fort.

Brainstorm Wall Of Skulls Bandfoto

Mit „Midnight Ghost“ habt ihr Rang 25 in den deutschen Albumcharts erreicht. Denkst du zum Release von „Wall Of Skulls“ über ein Thema wie Chartplatzierungen nach, hoffst du auf eine ähnliche oder bessere Platzierung oder ist sowas eher nebensächlich?
Nebensächlich mit Sicherheit nicht, aber während des Songwritings wird daran kein Gedanke verschwendet. Da geht es um die Musik, um das was wir lieben. Musik machen, kreativ sein, neue BRAINSTORM-Songs erarbeiten. Aber natürlich hofft man immer darauf, nochmal einen draufzulegen. Der Mensch ist so gepolt. Das Erreichte ist nie gut genug, immer höher, weiter, schneller. Und am vorherigen Ergebnis wirst Du ja auch immer gemessen. Eigentlich einerseits erschreckend, denn ein gutes Ergebnis sollte ein gutes Ergebnis bleiben. Dennoch freut man sich immer, wenn man das vorherige nochmal toppen kann. Dagegen sind auch wir nicht gefeit: Im Grunde genommen ist, solange es in Maßen bleibt, ein gesunder Ehrgeiz ja auch ein guter Motivator. („Wall Of Skulls“ erreichte Platz 12 in den deutschen Albumcharts und damit die höchste Platzierung der Bandgeschichte, Anm. d. Red.)

„Das Erreichte ist nie gut genug, immer höher, weiter, schneller.“

Brainstorm Wall Of Skulls BandfotoIch finde, auf „Midnight Ghost“ habt ihr euren hymnenhaften und härteren Sound perfektioniert. Inwiefern führt „Wall Of Skulls“ diesen Sound fort und was macht das aktuelle Album noch besser?
Ich finde, auf „Wall Of Skulls“ haben wir unsere Kernkompetenzen, was Songwriting angeht, nochmals verfeinert und was wir – wie Du richtig erkannt hast – mit „Midnight Ghost“ auf den Weg gebracht haben, auf „Wall Of Skulls“ noch konsequenter fortgesetzt. Wir wollten jeglichen unnötigen Ballast, jeden unnötigen Part über Bord werfen und die Songs selbst komplett in den Fokus stellen, nicht irgendwelche komplizierten C-Parts, nur um das Musiker-Ego zu befriedigen. Der Song beziehungsweise die Songs an sich stehen auf „Wall Of Skulls“ komplett im Fokus, die Riffs, die Vocals, der jeweilige Chorus und wir finden das hat dem Album nochmal einen extra Kick gegeben. Zudem konnten wir uns aufgrund der diversen Lockdowns komplett auf das Songwriting konzentrieren, da ja keine Live-Shows möglich waren.

Wie der Vorgänger wurde auch das neue Album wieder von Seeb Levermann produziert. Wieso ist er genau die richtige Wahl für euren Sound?
Seeb ist ein unglaublich versierter Musiker und Produzent, der ein sehr gutes Gespür für jeden einzelnen Song hat. Was der jeweilige Song eventuell noch zusätzlich braucht, was vielleicht sogar eher unnötig ist. Ganz allgemein auch unheimlich viel Knowhow, was Songwriting und Sounds angeht und was das wirklich Geniale ist, ohne die Band und die typischen Trademarks zu verwässern, sondern die Stärken noch mehr herauszuarbeiten und hervorzuheben.

Wie liefen die Aufnahmen zum Album, hat sich durch Corona grundlegend etwas geändert und hattet ihr eventuell eine ganz andere Herangehensweise als sonst?
Durch die Lockdowns konnten wir uns natürlich nicht so intensiv im Proberaum treffen wie sonst, aber grundsätzlich gibt es natürlich Herangehensweisen beim BRAINSTORM-Songwriting, die sich über die Jahre bewährt und als gut funktionierend herausgestellt haben. So geht ein neuer Song erstmal den Weg über Milan und mich, bevor wir im Proberaum dann mit Dieter und Toni die ersten Recordings davon machen, die ich dann an Andy weitergebe. Andy hört so die Basic-Songideen und macht sich Gedanken zu Vocal-Lines und ersten Textideen. Dann treffen Andy und ich uns und verfeinern das Ganze. Gehen intensiv an die Arrangements oder auch direkt in die Song-Chord-Struktur, wenn wir das Gefühl haben, das der eine oder andere Chord Change besser zu einer Vocal-Idee passen könnte oder eventuell ein Key Change im Song fehlt um dem Song den entscheidenden Kick, die entscheidende Richtung zu geben, Danach nehme ich diese Ideen wieder mit in den Proberaum und wir arbeiten an der Umsetzung der Feinheiten, bevor dann die eigentliche Pre-Production-Phase anläuft. Dadurch kennt jeder die Songs in- und auswendig und wir können schnell und kompetent im Studio auf zusätzliche oder spontane Ideen reagieren, bis letztendlich der finale Song auf die Festplatte gebannt wird.

Brainstorm Wall Of Skulls Bandfoto

Corona ist ein leidiges Thema, aber eben leider noch nicht vorbei. Wie sehr haben die letzten eineinhalb Jahre euch als Musiker und auch persönlich getroffen und denkt ihr, dass uns Corona auch in Zukunft irgendwie begleiten wird?
Ich denke, wir warten alle händeringend auf unseren “Freedom Day“. Einerseits hatten wir das Glück, den Großteil unserer Touraktivitäten für „Midnight Ghost“ Ende 2019 gespielt zu haben, trotzdem sind uns, wie allen anderen Kollegen auch, mittlerweile zwei komplette Sommer-Festival-Saisons durch Covid weggebrochen. Das ist natürlich nicht nur finanziell ein komplettes Desaster, auch emotional trifft es uns als Band, die so unheimlich gerne auf der Bühne steht und den Kontakt zu und die Interaktion mit den Fans über die Maßen vermisst, natürlich hart. Wir konnten glücklicherweise die Zeit für das Songwriting zu „Wall Of Skulls“ nutzen, aber schön geht definitiv anders.

„Covid ist nicht nur finanziell ein komplettes Desaster, auch emotional trifft es uns als Band.“

Diesmal habt ihr mit Peavy Wagner und Seeb zum ersten Mal überhaupt Gastsänger an Bord und beide passen mit ihren Stimmen perfekt zu BRAINSTORM! Wie kam es zu den Gastbeiträgen?
Andy hat bereits des Öfteren mal Vorschläge diesbezüglich eingebracht, aber dieses Mal hat es einfach gepasst wie die berühmte Faust aufs Auge. Und wir sind unheimlich stolz, eine Ikone der deutschen Metalszene wie Peavy mit an Bord zu haben und für einen Gastauftritt gewinnen zu können. Und auch Seebs Beitrag hinterlässt bei mir jedes Mal ein breites Grinsen. Seine ganz eigene Art, seine Vocals in Szene zu setzen, erzeugt einen weiteren Gänsehautmoment auf „Wall Of Skulls“. Darüber hinaus ist er in punkto Kreativität und Professionalität einer der besten Produzenten momentan.

Bei einer „Wall Of Skulls“ denke ich als Herr-der-Ringe-Fan natürlich zuerst an die Rückkehr des Königs. Welche Bedeutung hat eure „Wall Of Skulls“ für das Album und wofür stehen die unterschiedlich geschmückten Totenköpfe?
Unsere „Wall Of Skulls“ bildet den Rahmen für die einzelnen Stories in den Songs und sie stehen für diverse Gräueltaten der Menschheit, aber auch für gefallene Helden, gespenstische Geschichten, Kriege, Siege sowie auch einzelne menschliche Schicksale. Wir haben lange mit Gyula am Coverkonzept gearbeitet und wir sind sehr glücklich, was am Ende dabei rausgekommen ist.

„Wall Of Skulls“ ist schon euer 13. Album und meiner Meinung nach sind BRAINSTORM aktuell so gut wie noch nie. Wie schafft ihr es, nach der langen Zeit immer noch die Energie, die Motivation zu bündeln, um Album für Album immer wieder geile und noch geilere Songs zu schreiben?
Weil wir lieben, was wir tun. Nicht nur nach wie vor, sondern immer mehr. Wir lieben es Musik zu machen, neue Musik zu erschaffen, uns im Proberaum zu treffen, gemeinsam auf der Bühne zu stehen und empfinden es nach wie vor als wirklich großes Geschenk und große Ehre, das nun bereits so eine lange Zeit machen zu können.

Die Mischung aus Mid- und Uptempo-Songs ist diesmal wieder sehr ausgewogen. Legt ihr diese Ausgeglichenheit von Anfang an fest, oder entwickelt sich das während des Songwritings?
Das entwickelt sich während des Songwritings. Ich glaube, die Mischung entsteht während des Songwritings ganz automatisch. Ab und an muss das Gaspedal einfach mal durchgetreten werden oder die Stimmung passt eben an bestimmten Abenden im Proberaum oder auch zu Hause im Recording-Keller eher zu atmosphärischen Harmonien und Riffs. Wie im richtigen Leben eben. Es gibt nicht nur Vollgas und Party, sondern auch ein gutes Glas Wein und ein edles Tröpfchen dazu.

„Wie im richtigen Leben gibt es nicht nur Vollgas und Party.“

„Holding On“ wirkt wie eine 80s-Hard-Rock-Version eines Iced-Earth-Songs, „I, The Deceiver” klingt nach einer Mischung aus Manowar und Judas Priest. Lasst ihr euch, bewusst oder unbewusst, noch von anderen Bands beeinflussen und wie verändert sich euer persönlicher Musikkonsum während einer Albumproduktion?
Wir bewegen uns während des intensiven Songwritingprozesses komplett in einem eigenen BRAINSTORM-Musik-Universum. Da hören wir gefühlt nichts anderes als die eigenen Ideen und arbeiten fast Tag und Nacht daran. Ich glaube, wir wissen mittlerweile ganz genau, wie sich für uns ein neuer BRAINSTORM-Song anhören soll und haben schon lange unseren eigenen Stil gefunden, worauf wir auch sehr stolz sind.

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Euer Lineup ist sehr stabil, in den 2000er Jahren gab es nur 2007 einen Wechsel am Bass. Ist das auch ein Grund für die hörbare Harmonie in den Songs? Kennt und versteht ihr euch inzwischen einfach so gut, dass die Songs manchmal quasi von allein entstehen?
Ja, das unter anderem auch. Wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Wir verstehen uns im wahrsten Sinne des Wortes oft ohne Worte und ergänzen uns mittlerweile optimal. Jeder kennt die Stärken und Schwächen des anderen und zusammen sind wir ein wirklich starkes Songwriting-Team. Und das allerbeste ist, dass niemand aufgrund eines zu großen Egos oder falschem Stolz nicht eine gute Idee auch vorbehaltlos aufgreifen und umsetzen kann, auch wenn dafür der eigene Input mal überstimmt wird. Schließlich wollen wir gemeinsam das Bestmögliche aus den Songs und Ideen herausholen.

Ab 22. September wolltet ihr auf Tour gehen, leider musstet ihr diese kürzlich aufgrund der Corona-Bestimmungen verschieben. Manche Bands sind momentan dennoch auf Tour, wieso machen die Vorschriften euch einen Strich durch die Rechnung?
Wir haben es bis zuletzt versucht und alle möglichen Optionen in die Waagschale geworfen. Letztendlich mussten wir aber irgendwann die Reißleine ziehen und erkennen, dass die Kombination aus einer aufwendigen Nightliner-Produktion mit kompletter Crew bei den gebuchten Hallengrößen mit dementsprechend hoher Auslastung an Besuchern leider nicht durchführbar war. Wir haben bis zuletzt gehofft, aber die zu unterschiedlichen Vorgaben nicht nur in den verschiedenen europäischen Ländern, sondern auch innerhalb der Bundesländer, haben uns leider keine andere Möglichkeit gelassen als die Tour zu verschieben. Wir arbeiten mit Hochdruck an den neuen Dates und werden die Tour mit neuen Terminen hoffentlich für alle zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen.

Plant ihr für die Zeit der vorerst ausgefallenen Tour etwas anderes, habt ihr dennoch Pläne für eine Releaseparty? Sind Streaming-Konzerte oder sonstige Online-Events für euch eine Option?
Nein, oberste Priorität hat erstmal, die neuen Dates für die Tour baldmöglichst fix machen zu können, auch um hier Planungssicherheit für uns und unsere Fans zu haben. Das schließt natürlich aber auch ein, dass wir die Tour ganz sicher nicht nur um ein paar Wochen verschieben werden, sondern im Hinblick auf eine möglichst sichere Durchführbarkeit – für die es ja Stand jetzt trotzdem keine hundertprozentige Lösung gibt – möglichst weitsichtig und umsichtig zu planen. Wir hatten ja während der Tourplanung darauf gehofft, dass die Aussage unserer Bundesregierung nicht nur leere Luft ist und mit dem 21. September, sobald jeder ein Impfangebot erhalten hat, die Covid-Beschränkungen wegfallen können. Aber aus dem „Freedom Day“, wie er in England und Dänemark ja bereits funktioniert, ist leider (noch) nichts geworden.

„Wir leben seit 25 Jahren einen wahrgewordenen Traum.“

Qualitativ gesehen gehört ihr in die oberste Riege im deutschen Heavy/Power Metal, leider scheint das in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch nicht ganz so zu sein. Ich finde, BRAINSTORM ist eine der unterbewertetsten Bands der Szene und müsste eigentlich viel „größer“ sein. Wie siehst du das?
Das sehe ich natürlich ganz genauso. (lacht) Dennoch hat es doch auch was Schönes, mit jeder Platte neue Ziele und mehr Fans zu erreichen. Wir gönnen jedem seinen Teil vom Kuchen und bei der Vielzahl an wirklich sagenhaft guten Bands da draußen wäre es doch vermessen zu sagen, ihr müsst uns toller finden als andere. Wir sind gut dabei und leben einen wahrgewordenen Traum und das seit fast 25 Jahren, seitdem 1997 unsere erste CD erschienen ist. Das wird für viele andere, ebenfalls klasse Bands, für immer ein unerreichtes Traumziel bleiben. Wer konnte schon – rückblickend betrachtet – seit 2003 die „Soul Temptation“-CD erschienen ist, jede neue Veröffentlichung in den deutschen Top-100-Charts platzieren und ist nach wie vor überall ein gern gesehener Gast? Darauf sind wir auf jeden Fall mächtig stolz.

Brainstorm Wall Of Skulls Bandfoto

Kommen wir zum Abschluss zu unserem traditionellen Brainstorming. Was fällt dir zu folgenden Begriffen zuerst ein…
Aktuelles Lieblingsalbum:
Helloween – Helloween
Kaffee: Mit Milch und Zucker.
Klima: Höchste Zeit, etwas zu tun.
Ruhe: In der Ruhe liegt die Kraft und ins Glas gehört der Hopfen – oder auch der Reeben-Saft.
Politik im Metal: Nichts für mich.
Etwas, das einen schlechten Tag besser macht: Gute Musik – funktioniert immer!
BRAINSTORM in 10 Jahren: Still going strong

Nochmals vielen Dank für deine Zeit! Die letzten Worte gehören dir.
Leute, auf hoffentlich bald auf einem der neuen BRAINSTORM-Dates zu „Wall Of Skulls“. Wir freuen uns tierisch darauf, hoffentlich bald wieder gemeinsam mit Euch abrocken zu können.  Bis dann, genießt “Wall Of Skulls“, wir sind mächtig stolz auf die Platte und hoffen, „Wall Of Skulls“ gefällt Euch mindestens genauso gut wie uns!

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