Interview mit Georg Börner von Coldworld

Acht lange Jahre mussten ins Land ziehen, ehe COLDWORLD-Fans sich nach „Melancholie²“ über ein neues Album freuen durften. Nun meldet sich Georg Börner mit „Autumn“ eindrucksvoll zurück. Im Interview gibt er sich dennoch bescheiden und spricht offen über mangelnde Kreativität, miserables Englisch und den Druck, den es braucht, um ein Album entstehen zu lassen.

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Was ist das für ein Gefühl, sich nach so langer Zeit zurückzumelden?
Es ist großartig. Ich habe so lange mit mir selbst und meiner Arbeit gehadert, dass es einer Befreiung gleicht, das Album nun endlich herausgebracht zu haben.

Warum mussten die Fans nach dem Debüt „Melancholie²“ 2008 überhaupt so lange warten?
Aufgrund mangelnder Kreativität und Inspiration. Ich habe immer wieder angefangen, Lieder zu schreiben, diese aber nach kurzer Zeit wieder verworfen. Es hat einfach nicht gepasst und ich war unzufrieden. Vielleicht habe ich diese Pause einfach gebraucht.

IMG_6897_Photo (c) ColdWorld. All rights reservedDie Zeiten sind kurzlebiger geworden, es erscheinen immer mehr Alben. Wie schätzt du den Stand von COLDWORLD nach all den Jahren ein?
Schwer zu sagen. Grundsätzlich glaube ich, dass Menschen von Bildung und Geschmack nach wie vor Gefallen an meiner Musik finden. Ich finde, sie ist etwas Besonderes.

Wie stehst du aus heutiger Sicht zu dem Debütalbum?
Im Grunde gibt es ja schon zwei Alben. Irgendwer hat „The Stars…“ dann mal als Demo bezeichnet, was so nicht stimmt. Aber egal. Ich mag beide vorigen Alben nach wie vor gern. Vor allem das erste ist schön finster.

Was würdest du heute anders machen, hättest du nochmal die Möglichkeit dazu?
Nicht viel. Vielleicht würde ich mir ein nettes Pseudonym zulegen. Es gefällt mir nicht so recht, dass mein Name öffentlich wurde. Zu spät.

Verglichen mit den Aufnahmen damals – wo liegen die Unterschiede im Entstehungsprozess von „Autumn“?
Es gibt einen großen Unterschied. „Melancholie“ und auch „The Stars…“ habe ich über einen langen Zeitraum Stück für Stück eingespielt. Das hat offensichtlich mit Album Nummer drei nicht mehr funktioniert. Also habe ich mich für ein paar Tage zurückgezogen und „Autumn“ gewissermaßen in einem Ruck komponiert und eingespielt. Allem Anschein nach brauche ich heutzutage ein bisschen Druck – und vor allem Ruhe und Abgeschiedenheit.

Coldworld - AutumnFür eine Depressive-Black-Metal-CD ist der Titel „Autumn“ ja doch recht klischeeträchtig. Warum ist dieser Titel dennoch der perfekte für das Album?
Erstens: Ich mag es simpel. Klare, kurze „Ansagen“. Zweitens: Der Titel bietet viel Platz für Interpretationen. Der Herbst als Metapher für Verfall und Tod, für den drohenden Niedergang. Außerdem besitze ich persönlich kein Album, welches den Namen „Autumn“ trägt. Du?

Wie wichtig sind im COLDWORLD-Kontext die Texte? Eher schmückendes Beiwerk oder gleichermaßen entscheidender Teil der Kunst wie die Musik?
Ich tue mich immer sehr schwer mit den Texten. Meistens ist es so, dass die Musik fertig ist und ich mich dann mit den Worten befasse. Oft ist das eine langwierige Angelegenheit. Ich bin leider kein Poet. Mittlerweile fällt es mir etwas leichter. Aber um deine Frage klar zu beantworten: In erster Linie geht es mir tatsächlich um die Musik. Nebenbei: Der Text zu „Autumn Shades“ auf dem neuen Album wurde von Inkantator Koura (Mosaic) verfasst.

Während man sich in der Jugend leicht mit depressiven Texten zu identifizieren vermag, ist das mit steigendem Alter oftmals nicht mehr so einfach. Worum geht es in den Texten von COLDWORLD und inwiefern würdest du sagen, sind deine Themen mit dir in den Jahren zwischen dem Debüt und „Autumn“ gereift?
Ich mache mir heutzutage mehr Gedanken und versuche etwas mehr in die Tiefe zu gehen. Auf „The Stars…“ zum Beispiel waren die Texte noch recht primitiv und mein Englisch miserabel. Sagen wir es so: Ich gebe mir heute mehr Mühe, aber nach wie vor liegt das Hauptaugenmerk auf der Musik. Deswegen würde ich es jetzt gern auch dabei belassen.

coldworld-melancholie-frontUnd wie steht es um dein Hörverhalten? Hörst du heute grundsätzlich andere Musik als zur Entstehungszeit von „Melancholie²“?
Mein Musikgeschmack hat sich nicht sonderlich verändert. Ich bin nur etwas wählerischer geworden. Ich kann vielen Stilen etwas abgewinnen, solang die Musik einen melancholischen Touch hat und mich berührt. Das heißt, eine Playlist mit Craft, Sigur Rós, HECQ und The White Birch ist für mich völlig in Ordnung.

Welche Bands haben dich als Musiker über die letzten Jahre am meisten geprägt?
Geprägt hat mich keine. Beeinflusst wahrscheinlich schon. In der Anfangszeit, heißt, wir gehen circa 15 Jahre zurück, waren es natürlich Bands wie Shining und Katatonia, welche mich stark beeinflusst haben. In den letzten Jahren habe ich so viel Musik gehört; wahrscheinlich beeinflusst mich alles ein wenig. Mir fällt gerade nichts ein. Die schwedische Band Skogen vielleicht?

Wie stehst du zum Thema Konzerte – kannst du dir vorstellen, die Musik von COLDWORLD auch live umzusetzen?
Ich denke seit geraumer Zeit darüber nach, kann mich aber immer noch nicht dazu durchringen. Vorstellen kann ich es mir, bin aber eigentlich nicht so der Frontmann oder „Bühnenmensch“.

Coldworld-01_Photo (c) ColdWorld. All rights reservedAber es gibt dahingehend noch keine konkreten Planungen?
Noch nichts Konkretes. Eine Band hätte ich parat – es gibt genug gute Musiker in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Aber wie schon gesagt, ich fühle mich noch nicht so wohl bei der Sache.

Wie steht es generell um die Zukunftspläne von COLDWORLD? Was sind deine nächsten Ziele, und werden sich die Fans wieder so lange gedulden müssen, von COLDWORLD Neues zu hören?
Nein, es geht jetzt schneller vorwärts. In naher Zukunft werde ich ein Ambient-Album namens „Interludium“ herausbringen, streng limitiert und wahrscheinlich in kompletter Eigenregie. Das nächste Black-Metal-Album ist auch schon geplant. Es wird wohl etwas mehr back to the roots gehen.

Besten Dank für Zeit und Antworten. Zum Abschluss ein Brainstorming: Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein?
Erdogan:
Autokrat und Sensibelchen. Gefährliche Mischung.
Austere: Ein paar Songs gehört. Für gut befunden.
Fussball: Kugelförmiges, mit Luft gefülltes Gebilde aus Leder.
Nocte Obducta: Früher absolut mein Ding. Gibt es die noch?
Erfurt: Heimat.
COLDWORLD in zehn Jahren: Still Black Metal.

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Ich danke meinen Hörern für ihre Geduld und allen Menschen, die mich unterstützt haben. Außerdem Danke an euch für dieses Interview.

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