Interview mit Mayhemic Destructor von Endstille

Von den einen wurden sie als „Trendstille“ verunglimpft, von den anderen als die deutsche Black-Metal-Band schlechthin gefeiert: ENDSTILLE polarisieren. Zum 20. Geburtstag der ersten Veröffentlichung der Kieler Kriegsmaschine, haben wir mit Schlagzeuger Mayhemic Destructor die Bandhistorie rekapituliert. Ein Gespräch über Corpsepaint und NSBM, Neid und Nightliner, neue Sänger und neue Freiheiten.

Hallo und danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Alles gut bei dir?
Nun, wo das Jahr 2020 vorüber ist, in dem ich einigen Scheiß erleben musste, ist es doch wieder besser. Also fast alles gut.

Um ENDSTILLE war es länger ruhig geworden, euer letztes Album ist von 2013 – was ist der aktuelle Stand der Dinge im ENDSTILLE-Lager, auch im Hinblick auf Corona und die daraus resultierenden Einschränkungen?
Der Rote [Lars Wachtfels, Gitarre – A. d. Red.] und ich treffen uns regelmäßig zum Proben und sind am neuen Album dran. Sechs Songs stehen bereits. Ansonsten haben wir ja alles von uns geschüttelt. Wir haben alle Verträge, die wir hatten, gekündigt, auslaufen lassen und so weiter. Wir sind frei.

Mayhemic Destructor bei der ersten ENDSTILLE-Show (2001); © unbekannt (Privatarchiv MD)

Euer erstes Lebenszeichen, die Demo „DemoN“ aus dem April 2001, ist jetzt 20 Jahre alt – hättest du dir im Jahr 2001 auch nur träumen lassen, dass diese Band dich so lange begleitet?
Weiß nicht. Die Band wahrscheinlich nicht. Dass ich den Roten nicht loswerde, war mir fast klar. Wir kennen uns seit 1991 und machen seit 1994 [bei Tauthr – A. d. Red.] zusammen Musik.

Wie kam es überhaupt zu dem Bandnamen ENDSTILLE – gibt es dazu eine Entstehungsgeschichte?
Viel Bier und Dope. Nachts um drei, als alle in den Seilen hingen, sagte Kollege Henkman: „Hier ist scheinbar Endstille.“ Zack! Da ist der Bandname.

Seit der ersten Veröffentlichung zeigt ihr euch fasziniert von Krieg und dem entsprechenden Kriegsgerät. War das ein privates Faible, das ihr auf die Musik übertragen habt, oder kam das über den Sound als passendes Thema auf und wurde dann „institutionalisiert“?
Der Rote ist ein lebendes Lexikon, was den Zweiten Weltkrieg betrifft. Das ist sein Thema. Und da er der kreative Kopf hinter der Musik von ENDSTILLE ist, musste das zusammengeführt werden. Und das gab es von einer deutschen Band damals noch nicht. Zumindest nicht, wenn man nicht NSBM macht.

Heute ist das Demo-Format ja komplett aus der Mode gekommen. Was war damals eure Motivation, diese fünf Tracks auf CD zu pressen, wie lief das damals ab?
Vier Typen die sich seit drei oder vier Monaten kannten und so eine Motivation hatten, dass da sofort was raus musste. Die Zeit lief. Wir hatten echt Zeitdruck. Keine Ahnung, woher der kam, aber er war da. Und dann sind wir zu Jak [Jens A. Krabbenhöft/Jaks Hell, Produzent aus Kiel – A. d. Red.] . Den kannte ich von Aufnahmen meiner damaligen Stoner-Rock Band. Und dann war das Ding an einem Tag im Kasten. Da wurde nicht viel gemischt, geschweige denn gemastert. Da gabs die Aufnahme aus diesem Kellerraum, kurz ein wenig was hindrehen, ein Rauschen dahinter gelegt und fertig war die Laube.

Ein Tag im Studio, mit einer Band, die es erst seit drei Monaten gab … das ist schon ungewöhnlich. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?
Gute. Iblis hat mir immer gesagt, ich solle meine besagte Stoner-Rock-Band aufgeben und nur noch bei ENDSTILLE spielen. Hab ich nicht gemacht, da ich eigentlich mit Black Metal durch war, den hatte ich in den ’90ern zu Hauf gehört und selbst gemacht. Na ja, und dann war da halt diese grenzenlose Energie, dieses totale Fuck-Off-Gefühl. Uns war es egal, was andere gesagt, gemeint oder gedacht haben. Wir waren uns unserer Fähigkeiten bewusst. Wir wussten auch, dass wir nicht die technisch versiertesten Musiker sind. Scheißegal! Was nützen dir vier geniale Musiker, wenn keiner einen Song schreiben kann.

Schon das Cover dieser Demo zeigt auf, wohin der Weg später gehen sollte. Nach welchen Kriterien habt ihr das Bild ausgesucht?
Keine Ahnung. Ich weiß noch, dass der Rote was sagte von Partisanen und so Zeugs. Aber ich hab echt keinen Plan mehr dazu.

ENDSTILLE 2001 – das erste und einzige Bandfoto komplett ohne Corpsepaint, © unbekannt (Pressefoto)

Das damalige Bandfoto ist das einzige, auf dem auch Cruor und Iblis kein Corpsepaint tragen, später haben beide Corpsepaint, du und Wachtfels hingegen nicht. War das ein Diskussionspunkt, oder war euch einfach egal, wie das jeder einzelne handhabt?
Vier Individuen aus zwei Bands. Iblis und Cruor kamen von Octoria, der Rote und ich von Tauthr. Das war hin und wieder ein Diskussionspunkt, aber es war auch echt egal. Soll doch jeder machen, wie er sich wohl fühlt. Iblis wollte immer gerne, dass wir alle Corpsepaint benutzen. Aber ich komme aus dem Thrash Metal und Punk, da brauche ich so’n Geschminke doch nicht. Albern.

Oft packen Bands ihre Demosongs auch auf das Debüt, ihr nicht. Warum?
Alles was wir gemacht hatten, sind zeitliche Abrisse der Band. Alle Songs, die wir gemacht haben, sind auf den Veröffentlichungen drauf. Was es nicht auf den Release packt, wurde und wird gnadenlos gekickt.

Euer Debüt „Operation Wintersturm“ von 2002 enthält einen Song mit dem Titel „Discovering Rapture As An Art“. War das vielleicht etwas zu viel Provokation – oder kennt Black Metal keine Tabus?
Der Song, beziehungsweise der Text zu diesem Song, hat uns erlaubt, in der linksalternativen „Alten Meierei“ in Kiel zu spielen. Also Provokation kann das nicht sein. Ich hab echt keinen Plan, worum es in dem Text geht, aber er war für das Plenum soweit OK. Ich glaube, die hatten sich auf irgendeinen rechten Müll eingestellt. Aber das gibt es bei uns ja bekanntermaßen nicht.

Ibis hat sich stets gegen eine Veröffentlichung seiner Texte geweigert – die der anderen wurden abgedruckt. Gab es da Diskussionen in der Band?
Die Texte, die abgedruckt wurden, waren die Texte vom Roten. „Trenchgoat“ war von Cruor … Auf den neueren Releases, seit der „Verführer“, sind meine Texte abgedruckt. Für uns war es klar und OK, dass Iblis’ Texte nicht abgedruckt wurden.

Habt ihr sie nur nicht öffentlich gemacht, oder hat er sie komplett für sich behalten, sodass ihr auch nicht genau wusstet, was er gesungen hat?
Wir kannten die Texte.

Nur ein Jahr später dann „Frühlingserwachen“ – für viele Fans bis heute ein wegweisendes Album, für euch das erste Album bei einem Label: Twilight. Was verbindest du heute mit diesem Album?
Ich kann mich an die Diskussion um den Albumtitel erinnern. Iblis war total dagegen. Er wollte definitiv keine Platte rausbringen die so heißt. Aber letztlich wurde er überstimmt. Ansonsten sind auf der Platte die ersten ausgereifteren Stücke drauf, wie „Defloration“ und „With The Fog They Come“. Aber auch die haben es für die Auftritte nicht in die heutige Zeit geschafft.

Der Titel „Frühlingserwachen“ ist gleich doppelt provokant – für ein Black-Metal-Album klingt er zunächst zu fröhlich, und dann ist es eine Referenz auf die letzte Offensive der Nazis. War dieser Titel euer Geniestreich, der eigentliche Start eurer Karriere?
Das war in der Nachbetrachtung ein Geniestreich. Bei uns passierte aber nix mit einem Plan. Das einzige Ziel für uns lautete „Deutschland braucht eine Black-Metal-Band“… und nach dem Winter kommt Frühling.

Trotz des deutschen Titels gab es keinen einzigen deutschsprachigen Text. War das nie ein Thema für euch, hätte sich das nicht angeboten?
Deutsch klingt meistens beschissen in der Musik. Aber auch da ändern sich die Meinungen.

Wieder nur ein Jahr später, 2004, dann „Dominanz“ – wie konntet ihr diesen Takt aufrecht erhalten? Überbordende Kreativität oder zu viel freie Zeit?
Wir waren zeitlich nicht viel gebunden. Keiner hatte irgendwelche Verpflichtungen, außer etwas arbeiten oder neben dem Studium etwas arbeiten. Da waren viele Proben pro Woche möglich. Und der Rote ist nun mal ein sehr kreativer Kopf.

Ihr habt euch damals gegen Drum-Trigger entschieden und euch einer Kampagne von Koldbrann angeschlossen: „Stop The Madness – Anti-Trigger“. Warum wolltet ihr da so dezidiert drauf hinweisen und habt nicht einfach auf Trigger verzichtet?
Weil der Sound von den Schlagzeugen schon damals immer schlimm war. Heutzutage kennt man ja schon gar keinen richtigen Schlagzeugsound mehr. Wenn ich irgendwelche neuen Releases kaufe, weiß ich besonders im Metalbereich, dass der Sound immer gleich ist. Es ist zum kotzen langweilig. Metal ist richtig langweilig geworden. Ja, da gibt es auch einen Untergrund, der genau das nicht macht. Aber alles, was bekannter ist, ist nur durch seine Konformität und wegen seines Big-Mäc-ähnlichen Daseins erfolgreich. Es kotzt mich an. Deshalb wollten wir darauf aufmerksam machen. Einige hat es auch erreicht.

Auf dem Cover sieht man die Bismarck. Ihr musstet euch immer wieder gegen die Unterstellung zur Wehr setzen, dem rechten Lager nahezustehen. Wie sehr geht einem das auf den Geist, wenn man immer und immer wieder mit solchen Anschuldigungen zu kämpfen hat – und andererseits: Wie wichtig findest du es, dass sich die Szene von rechtem Gedankengut distanziert?
Es ging mir nie auf den Geist. Ich kläre gerne auf und rede gerne über das, was ich mache und denke. Und es ist mir – die Betonung liegt auf „mir“ – besonders wichtig, dass sich Bands oder eine Szene, wenn es sowas denn gibt, von der rechten Szene distanziert oder sich dazu bekennt. Und ja, es gibt Graubereiche, aber letztlich gibt es nie 50/50. Es ist immer ein 49/51. Wenn man genau in sich hineinhorcht, dann tendiert man zu irgendetwas. Und das muss man nur anerkennen und dazu stehen. Wenn jemand sagt: „Ich habe kein Problem mit rechtem Gedankengut“, dann ist das so hinzunehmen. Aber ich muss das nicht gut finden.

ENDSTILLE zu „Dominanz“-Zeiten (um 2004), © unbekannt (Pressefoto)

Auf der Tour zum Album hattet ihr dann gleichermaßen Ärger mit der Antifa Trier und Leipziger Neonazis – eine absurde Situation. Kannst du uns etwas mehr aus dieser Zeit erzählen?
Ach, das war schon spannend. Die erste Tour. Zum ersten Mal mit einem Nightliner durch die Gegend gondeln. Die Nummer aus Trier, also den Diskussionsbedarf der linken Szene vor Ort, fand ich völlig OK. Da gabs dann halt vor der Show eine Diskussionsrunde. Leider ist keiner der Kritiker aufgetaucht. Nun denn, wir konnten alle Fragen der Exhaus-Betreiber klären und gut wars. Das mit Leipzig war schon eher ungeil. Aber wir haben denen halt im Hellraiser gesagt, dass wir nur spielen, wenn da ordentlich Security an der Bühne steht. Das haben die gemacht. Männer und Frauen, die jede*r mindestens zwei Meter groß und breit waren, standen da und haben auf jeden Furz geachtet. Letztlich war das mit das geilste Konzert der Tour. Wir lernten dort unter anderem Ill kennen, der bis heute ein fester, großartiger Freund ist. Er ist nebenbei auch der geilste Mercher, den man haben kann.

2005 dann „Navigator“, euer Durchbruchsalbum. War das auch aus deiner Sicht das wichtigste Album in der Karriere von ENDSTILLE?
Weiß nicht. „Navigator“ war schon groß. Für mich ist „Dominanz“ viel wichtiger und auch geiler. „Navigator“ ist das erste Album, das wir mit Klick aufgenommen haben.  Da eiert nicht so viel. Und es hat natürlich Türen geöffnet – auch international.

Die Erstauflage von 3000 Exemplaren war ausverkauft, bevor das Album so richtig in die Läden kam. Wie erklärst du dir dieses enorme Interesse, das auf einmal da war? Was hattet ihr und die Plattenfirma richtig gemacht?
Wir haben alles wie immer gemacht. Somit erübrigt sich die Frage. Twilight hatte ja nur einen mittelmäßig guten Vertrieb. Es war ja gar kein Label, sondern nur ein Vertrieb. Aber ich glaube, dadurch, dass wir jedes Jahr ein Album herausgebracht hatten, waren wir ständig im Gerede. Wir waren ja fast immer in den Magazinen vertreten. Wir wurden verrissen und hoch gelobt gleichermaßen. Polarisierung macht attraktiv, scheinbar.

Wachtfels („der Rote“) live mit ENDSTILLE (2008), © Moritz Grütz / Metal1.info

Wie fühlt es sich an, wenn man als Black-Metal-Musiker einen Hit schreibt – wie euch das mit „Bastard“ gelungen ist?
Garnicht fühlt sich das an. Du machst einfach diesen Song. Der ist ja auf einmal da. Alles entsteht bei den Proben. Da kommt ja keiner und sagt „Ich habe hier folgende Noten für euch“ … und der Rote weiß halt einfach, wie man einen guten Song macht. Dafür kann er kaum das Tempo halten. Eigentlich ist er ein grauenvoller, aber großartiger Gitarrist.

Das Ortungssignal als Intro hätte doch eigentlich viel besser zum Seekriegs-Album „Dominanz“ gepasst – wie kam es dazu dann auf „Navigator“?
Verbindungen schaffen. Es war bei Dominanz einfach noch nicht da.

Das Nummern-Rätsel im Booklet wirst du an dieser Stelle nicht auflösen wollen, oder?
Nein.

Die folgende „Lauschangriff“-Split mit Graupel erschien nur auf Vinyl und wurde bis heute nicht auf CD rausgebracht. Bist du selbst Vinyl-Fan, hat das Revival dieses Mediums seine Berechtigung?
Ich mag Schallplatten. Damit ging es bei mir los. Auch ich hole mir, zumindest von Voivod und anderen für mich interessanten Bands, Schallplatten. Ich höre meine Musik meistens im Auto, da ist es mit Schallplatten ja nicht so geil. Da kaufe ich mir dann CDs. Streaming kommt mir quasi nicht in die Tüte.

Ist es nicht schade um die Songs, dass sie nur auf diesen 500 Platten verfügbar gemacht wurden?
Nö.

Für „Endstilles Reich“ (2007) habt ihr dann einen Vertrag mit Regain Records aus Schweden unterzeichnet – ein großer Schritt für eine deutsche Band. Wie kam es dazu, und wie habt ihr diesen Vertrag gefeiert?
Letzten Endes gab es zu der Zeit mehrere Angebote guter, bekannter Labels. Das war schon mitunter skurril, wenn du dich als Black-Metal-Band zum Beispiel auf einmal in einem Restaurant eines Hamburger Hotels mit einem Labelchef triffst, um über irgendwelche geschäftlichen Sachen zu schnacken. Wir sind Musiker, verdammt! Oder unsympathische Telefonkonferenz mit einem Label aus Österreich… eieiei. Da war beiden Seiten gleich klar, dat löppt nicht! Letztlich gab es dann ein Treffen mit Per Gyllenbäck auf Fehmarn. Sein Auto hatte er voll mit Bier, was als Schwede selbstverständlich ist, wenn man in Deutschland ist, und er sagte halt, dass er Bock auf uns hatte. Das war wenig Geschäftliches und die Motivation passte. Immerhin hatte er damals ja auch ziemlich geile Bands am Start. Gefeiert hatten wir das in dem Sinne nicht. Das ändert ja nix an der Band.

Hat sich dann auch der erwartete Erfolg eingestellt, seid ihr, wie erhofft, vorangekommen?
Wir hatten keine Erwartungen an „Erfolg“. Wir machen seit jeher nur Musik. Regain hat die Musik von ENDSTILLE international verbreitet. Das war das gut so.

ENDSTILLE 2007; © unbekannt (Pressefoto)

Gab es einen Punkt, an dem ihr vor der Entscheidung standet, ob ihr die Band als Hauptberuf fortführen wollt?
Ich hatte mal kurzzeitig den Gedanken, ob man das Gelernte und Studierte an den Nagel hängt. Aber uns allen war klar, dass man von unserer Musik nicht beziehungsweise nie leben kann. Und ich wusste auch, dass meine Skills dafür nicht ausreichen.

Zu dem Album habt ihr euer erstes Video gemacht, dessen Dreh aber fast in einem Desaster geendet hätte. Kannst du uns die Geschichte hier nochmal erzählen?
Naja, wir hatten unseren Kumpel, nennen wir ihn „Horst“, aufgehängt. Und der ist halt während des Drehs ohnmächtig geworden. Dann baumelte er da und ihm lief der Sabber aus dem Mund. Das sah schon krass aus. Glücklicherweise kam er fix wieder zu sich, als wir ihn wieder auf den Hocker stellten. Aber er hat da nicht soviel von mitbekommen. Er war völlig weggetreten.

2009 kam dann „Verführer“ in die Läden – erstmalig mit einer Zeichnung als Cover. Wie kam es dazu, warum dieses Bild?
Der Titel „Verführer“ stand schon und wir wussten, dass die Leute sich an dem Titel wieder aufgeilen würden. Das Cover ist schwarz, weiß, rot. Das war für viele ein Aufreger und man wollte uns damit wieder irgendwas unterstellen … Cruor hatte die Idee mit dieser alten Karikatur von Wilhelm II. Das machte Sinn.

Das Album war das letzte mit Iblis. Hat sich das angedeutet, gab es da einen Entfremdungsprozess, der vielleicht sogar dieses Album schon geprägt hat?
Nein.

Iblis selbst hat ja später mehrfach betont, die Trennung sei nicht einvernehmlich und für ihn völlig überraschend gekommen. Stimmt das?
Nein.

Habt ihr euch darüber je ausgesprochen, habt ihr wieder Kontakt?
Nein.

Iblis live mit ENDSTILLE (2008), © Moritz Grütz / Metal1.info

Iblis war durch seine Bühnenpräsenz lange das Gesicht der Band – euer neuer Sänger Zingultus dafür im Underground sehr angesehen, wo ihr bis dahin nicht immer ernst genommen worden wart. Kam es durch den Sängerwechsel dann zu einem für euch spürbaren Imagewechsel?
Es kam durch das Proben ohne Iblis eine gewisse Freiheit auf. Für Iblis sollten die Songs allesamt am liebsten Vollgas sein. Durch die Probe ohne Sänger war auf einmal eine musikalische Freiheit da, die wir alle auch ausgelebt haben. Aber: Proben ohne Sänger macht auch nur halb so viel Laune. Und das Image ist einem nicht nur in solchen Momenten sowas von Latte.

Lugubrem live mit ENDSTILLE (2009), © Moritz Grütz / Metal1.info

Ihr habt dann mit verschiedenen Sängern als Aushilfe gearbeitet, Mannevond von Koldbrann und Lugubrem (Mordskog). War das aus heutiger Sicht ein Fehler, hättet ihr lieber warten und direkt mit neuer fester Besetzung zurückkehren sollen?
Nein. Es gab Verpflichtungen. Die mussten wir durchziehen. Nützt ja nix. Und auf der desaströsen Tour 2009 hat Zingultus mit uns in Köln den Song „Frühlingserwachen“ performt. Danach entstand dann der Gedanke, dass er die Position besetzen könnte. Ich weiß aber gar nicht mehr, ob die Idee von uns oder von ihm kam.

Was war an der Tour so desaströs?
Die Tour ist insoweit als desaströs zu bezeichnen, da die ganzen Umstände echt Mist waren. Die Busse waren oft Schrott und mussten auch zwischendurch ausgetauscht werden. Der Rote hat sich in Barcelona den rechten Arm ausgekugelt und konnte dann einige Shows nicht spielen. Das musste dann unser Gastgitarrist Nocturnal Overlord alleine wuppen. Dann gab es noch ’ne fette Schlägerei, die auch noch ein Gerichtsverfahren nach sich gezogen hat. Das lief alles so semigeil. Aber Spaß hatten wir trotzdem allemal!

Wie erklärst du dir eigentlich, dass die euch die truen Black-Metaller lieber Teddybären auf die Bühne geworfen und euch als „Trendstille“ verunglimpft haben – bei eurem extremen, absolut nicht Mainstream-orientierten Sound?
Das ist mir sowas von Schnuppe. Ist es Neid?

Was hat sich in der Band durch den Sängerwechsel geändert, in eurer Zusammenarbeit oder den Abläufen, was die Entstehung von „Infektion 1813“ angeht?
Naja, wie gesagt, die Bandproben sind halt anders. Wir proben nie zusammen, wissen also nicht, wie der Gesang zu dem Song wird. Und grundlegend hat er volle Freiheit. Wie man bei „Infektion 1813“ hören kann, ist das Album ein Befreiungsschlag. Es ist unsere vielschichtigste Platte, nach unseren Maßstäben gemessen.

2013 kam dann euer vorerst letztes Album heraus – und alles las sich nach Abschiedsalbum: „Kapitulation 2013“, der letzte Song hieß „Endstille (Abschied)“. War das damals die Idee, dass das euer letztes Album werden soll?
Nein, aber wir lieben das Spiel mit den Gedanken der Leute.

Trotzdem ist jetzt sieben Jahre augenscheinlich nichts passiert – wann hören wir wieder von ENDSTILLE?
Naja, bei ENDSTILLE ist nicht viel passiert. Aber wir alle haben uns um unsere eigenen Projekte gekümmert. Da gibt es Bands wie Tauthr, Kommando, The Klempins die ordentlich gearbeitet haben, Platten aufgenommen und zum Teil auch schon veröffentlicht haben. Ich selbst habe auch ein Projekt, bei dem ich leider aber mit den Sängern nicht viel Glück hatte. Aber auch das regelt sich jetzt. Ich hoffe, dass wir 2021 wieder mit ENDSTILLE ein Album rausbringen können. Der Rote und ich sind seit fünf Monaten beim Songwriting. Es ist, würde ich sagen, das freieste, was ich bisher gemacht habe. Wir müssen niemanden etwas beweisen, keine Erwartungen erfüllen, außer unsere eigenen – so frei haben wir uns lange nicht gefühlt. Wir waren immer frei, aber jetzt ist das nochmal eine andere Nummer. Und dann müssen wir noch schauen, ob es ein selbstveröffentlichtes Album wird oder ob wir uns ein Label suchen.

Zingultus beim Videodreh zu „Anomie“ (2011), © unbekannt (Privatarchiv MD)

Wenn du auf 20 Jahre ENDSTILLE zurückblickst – hast du noch eine witzige Anekdote von Tour oder aus dem Studio für uns, die diese Band perfekt beschreibt?
Was kann man da erzählen? Grundlegend sind die Erlebnisse einer Band nur dann komisch oder bemerkenswert, wenn man direkt dabei war. Wir haben wahnsinnig viel erlebt, Gutes wie Schlechtes, viel Spaß gehabt und sind einfach die Asis von nebenan. Unser Tech-Rider fängt mit dem Satz an, dass die Veranstalter einfach dafür sorgen sollen, dass genug Bier da ist. Was uns beschreibt? Wir sind keine Perfektionisten, hauen uns gern einen rein und uns ist vieles scheißegal. Wenn ich Bands sehe, die immer so wahnsinnig perfekt sind oder sein wollen, wo es nur noch um „seht meinen Youtube-Channel“ geht und selbst vor Livekonzerten noch Kraftübungen gemacht werden, hat das für mich mit Metal nix zu tun. Alles Pussys und Wannabes!

ENDSTILLE mit-Lugubrem und ohne Wachtfels in Mexico (2012), © unbekannt (Privatarchiv MD)

Vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss unser traditionelles Brainstorming:
Black Metal:
Es war einmal …
Blut auf der Bühne: Nicht für mich
Saufen auf Tour: Kann, sollte und manchmal auch muss!
Corpsepaint: KISS
Auf Tour im Van: Bitte nicht
Nagelnieten-Armbänder: ’90er
ENDSTILLE in 10 Jahren: ENDSTILLE

Danke nochmals für deine Zeit und Antworten. Die letzten Worte gehören dir:
Gute Nacht und Fuck Hell!

ENDSTILLE in aktueller Besetzung (2020); © unbekannt (Pressefoto)


Vielen Dank für das Bildmaterial an Mayhemic Destuctor/ENDSTILLE

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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