Interview mit Oliver SaTyr von Faun

Seit 25 Jahren stehen FAUN für eine einzigartige Verbindung aus mittelalterlichen Klängen, Pagan Folk, Weltmusik und einer tiefen Verbundenheit zu Natur, Mythologie und alten Traditionen. Was einst als akustisches Projekt rund um romantische Balladen und historische Texte begann, entwickelte sich über die Jahre zu einer der bekanntesten deutschen Bands ihres Genres. Der Weg dorthin war jedoch nicht frei von Umbrüchen: Besetzungswechsel, musikalische Neuorientierungen, der Schritt aus der Nische auf größere Bühnen und die Zusammenarbeit mit einem Major-Label sorgten immer wieder für Diskussionen innerhalb der Szene. Gleichzeitig haben FAUN stets versucht, die eigene Identität zwischen künstlerischer Freiheit, modernen Produktionsweisen und den Erwartungen eines wachsenden Publikums zu bewahren. Anlässlich des 25-jährigen Bandjubiläums blicken wir gemeinsam mit Bandgründer Oliver SaTyr zurück auf die Anfänge von FAUN, die Entwicklung der Folk- und Mittelalterszene, schwierige Entscheidungen, die Rolle von KI in der Musik und die Frage, wie viel Zauber sich in einer zunehmend digitalen Welt bewahren lässt.

Wenn du an die Gründung von FAUN zurückdenkst. Welche ursprüngliche Idee hat bis heute überlebt und welche habt ihr längst hinter euch gelassen?
Die ursprüngliche Intuition war, Balladen zu erzählen. Ich hatte damals ein sehr dünnes Büchlein mit romantischen Balladen, die ich unglaublich gerne gelesen habe. Gleichzeitig habe ich angefangen, mich für Mittelaltermusik zu interessieren. Irgendwann dachte ich: Das wäre doch schön, solche Geschichten auch selbst zu singen. Ich habe dann am Lagerfeuer mit meinen Hippie-Freunden im Wald diese Balladen zur Gitarre vorgetragen und die fanden das ziemlich spannend. Daraus entstand die Idee, vielleicht einmal eine kleine CD aufzunehmen und mit dieser Art von Mittelaltermusik, mit mystischen Balladen, auch auf Bühnen zu gehen. Es ging bewusst nicht um den klassischen Dudelsack-Partyfaktor. Das war, glaube ich, die Initialzündung. Und genau dieser Kern hat bis heute überlebt.

In den früheren 2000ern war Pagan Folk mehr eine Nischenerscheinung. Wie habt ihr die Entwicklung der Szene von damals bis heute miterlebt?
Ich war sehr dankbar für Bands wie WARDRUNA und HEILUNG, die zwar erst später entstanden sind, aber eine ganz neue spirituelle Komponente in die Folk-Szene gebracht haben. Dadurch kam etwas hinzu, das über die reine Partykultur auf Mittelaltermärkten und Folkfestivals hinausging. Ich habe damals wirklich aufgeatmet und gedacht: Da ist auch etwas anderes möglich. Die Menschen interessieren sich für Inhalte, für Sinnsuche und für eine gewisse Spiritualität. Das hat es uns deutlich einfacher gemacht, weil wir ursprünglich eine sehr kleine Nische waren. Plötzlich gab es mehr Bands, die einen ähnlichen Ansatz verfolgten. Ich glaube auch, dass innerhalb der Szene selbst eine Entwicklung stattgefunden hat. Viele Menschen haben sich stärker mit Mythologie beschäftigt, sich für Trance interessiert, am Feuer gesessen oder Schwitzhütten gemacht. Es ist nicht nur musikalisch etwas passiert, sondern auch innerhalb der Gemeinschaft.

Eure ersten Alben waren auch stark akustisch geprägt. Wann entstand erstmals das Bedürfnis, die musikalischen Grenzen von FAUN weiter auszuloten?
Wir haben zunächst ungefähr zweieinhalb Jahre als rein akustische Band auf Mittelaltermärkten gespielt. Vor FAUN hatte ich sogar schon eine Gauklergruppe mit Feuershows und Theater, mit der ich sieben Jahre lang über Märkte gezogen bin. Auch dort habe ich viel Musik gemacht. Wahrscheinlich saß ich schon zehn Jahre vor FAUN mit der Laute auf Mittelaltermärkten. Fiona lebte damals in einer schönen WG in München. Ihr damaliger Freund war ein Techno-Resident-DJ aus dem Ultraschall, einem großen Techno-Club in München. Er hieß Niel. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und uns gut verstanden. Irgendwann ließ er einfach ein paar Beats laufen und wir haben dazu gejammt. Dabei merkten wir: Das macht unglaublich viel Spaß. Daraus entstand die Idee: Mach doch einmal Beats für einen Song von uns. Dieser Song ist auch auf dem ersten Album zu finden. Wir haben immer intensiver zusammengearbeitet und Gefallen daran gefunden. So entstanden dann auch die ersten Auftritte. Der erste war, glaube ich, in Rosenheim in einem Gothic-Club, dessen Namen ich vergessen habe, danach im Spectaculum Mundi in München. Relativ kurz darauf kam das Heidnische Dorf beim Wave-Gotik-Treffen. Dort waren wir die einzige Band und haben heimlich eine getarnte PA mitgebracht. Damit haben wir damals schon etwas den Rahmen gesprengt. Es gab Diskussionen darüber, ob das noch Mittelalter sei. Aber diese Frage kann man wahrscheinlich fast jeder Band stellen. Ab diesem Moment nahm das Ganze seinen Lauf.

Weißt du noch, welches dieser eine Song war, zu dem ihr zum ersten Mal zusammen gejamed habt?
Natürlich. Der Song heißt „Nechein Man“. Das ist ein althochdeutsches Gedicht und befindet sich auf dem Album „Zaubersprüche“.

Viele Bands scheitern an häufigen Besetzungswechseln. Bei FAUN gehören sie so ein bisschen zur Bandgeschichte. Wie schwer war es dabei, eine klare Identität zu bewahren?
Ich gebe ehrlich zu: Als die ersten großen Besetzungswechsel kamen, waren wir sehr dramatisch. Wir haben uns gefragt: Funktioniert das überhaupt weiter? Akzeptieren die Leute das? Wie geht es weiter, wenn zum Beispiel Lisa Pawelke aufhört? Im Laufe der Jahre haben wir aber festgestellt, dass Veränderungen auch einen frischen Wind und neue musikalische Impulse bringen können. Wir haben weiterhin innerhalb des Folkbereichs nach Musikerinnen und Musikern gesucht, die unser altes Repertoire spielen können. Unsere Songs sind uns also erhalten geblieben. Außerdem haben wir immer wieder gerne mit Gästen gearbeitet. Das machen wir bis heute. Ob Efrén López, ein Virtuose auf der Laute, Maja Friedmann am Cello oder schwedische Musiker mit ungewöhnlichen Schlüsselfideln: Wir hatten immer wieder besondere Gäste auf der Bühne. Das ist spannend und hilft auch dabei, sich neu zu erfinden. In diesem Sinne war es gar nicht hinderlich, wenn jemand irgendwann gesagt hat: „Ich möchte mich stärker meinem Familienleben widmen“, während jemand anderes gesagt hat: „Ich hätte Lust, mit euch gemeinsam etwas zu machen.“

Habt ihr noch Kontakt zu ehemaligen Musiker:innen oder hat sich das so ein bisschen verloren im Laufe der Jahre?
Mal so, mal so. Wenn Leute weiterhin im Musikgeschäft tätig sind, trifft man sich natürlich auf Festivals. Rüdiger Maul hat uns beispielsweise kürzlich besucht. Auch mit Sonja Drakulic aus Amerika besteht Kontakt. Wenn wir in Kalifornien spielen, kommt sie manchmal vorbei. Das ist sehr schön.

Gibt es ein Line-Up von FAUN, wo du sagen würdest, das war das stärkste?
Das ist eine etwas gemeine Frage, weil ich niemanden in die Pfanne hauen möchte. Ohne es wertend zu meinen: Ich glaube, dass wir aktuell das stärkste Line-up haben, das wir jemals hatten. Wir sind musikalisch unglaublich breit aufgestellt. Adaya spielt beispielsweise Harfe und Dudelsack und bringt viele unterschiedliche Instrumente ein. Dadurch haben wir eine große Vielfalt. Ich glaube aber auch, dass unser Teamwork so gut ist wie nie zuvor. Jeder lässt dem anderen seinen Raum, und das ist beim gemeinsamen Musikmachen gar nicht selbstverständlich. Gerade wenn zusätzlich noch ein großes Label wie Universal Music beteiligt ist und viele unterschiedliche Interessen zusammenkommen, kann es schnell kompliziert werden. Heute machen wir vieles selbst und sind als sechs Personen sehr eng abgestimmt. Dadurch haben wir wahrscheinlich die harmonischste und produktivste Arbeitsweise, die wir je hatten.

War das auch ein Reifeprozess oder ist das mehr abhängig von der Personenkonstellation?
In diesem Moment wird das Interview fast zu einer Therapie (lacht). Das ist eine gute Frage. Natürlich spielt die Besetzung eine wichtige Rolle, aber ich glaube auch, dass ein gewisses Alter hilft. Als Jugendlicher will man oft mit dem Kopf durch die Wand und ist überzeugt, dass die eigene Idee die beste ist. Zwei Jahre später stellt man manchmal fest, dass sie vielleicht doch nicht so gut war. Mit mehr Erfahrung wird man ruhiger und nicht mehr ganz so ungestüm. Das hilft wahrscheinlich auch im Umgang miteinander.

Mit eurem Akustikprogramm und den Kirchenkonzerten habt ihr bewusst eigene Wege eingeschlagen. War das künstlerische Neugier oder eine Reaktion auf die damalige Folkszene, die insgesamt ein bisschen rockiger und metallischer geworden ist?
Das war eigentlich immer schon Teil von FAUN. Wir haben so angefangen und viele unserer Lieder funktionieren auf großen Festivals einfach nicht. Man muss ehrlich sagen: Viele Folk- und Mittelalterfestivals leben von diesem „lauter, weiter, höher“. Unsere ruhigeren Stücke hätten dort kaum den Raum bekommen, den sie brauchen. Weil uns diese Songs aber sehr wichtig sind, haben wir bewusst auch die akustischen Konzerte weitergeführt. Mittlerweile sind wir sogar noch einmal einen Schritt zurückgegangen, weil wir gemerkt haben, dass Niel mit seinen Flächen und elektronischen Elementen eine wunderschöne, verzauberte Atmosphäre schaffen kann. Deshalb haben wir vor zwei Jahren das Konzept „Balladenreise“ entwickelt. Niel war dabei mit sanfter Elektronik vertreten, während wir weiterhin vor allem in bestuhlten, besonderen Häusern unsere Balladen präsentiert haben.

Zwischen euren Alben „Totem“ und „Eden“ bleiben mehrere Jahre Arbeit. Warum war dieses Album so ein langer und vielleicht auch komplexer Prozess bei euch?
Ich glaube, dazwischen lag noch ein Live-Album, das wir eingeschoben hatten. Bei „Eden“ war es aber auch ein unglaublicher Ehrgeiz von mir. Ich wollte mich unbedingt beweisen. Wir waren einen kompletten Sommer im Studio, haben das Album fast fertiggestellt und sind im nächsten Sommer noch einmal zurückgegangen, um weiter daran zu arbeiten. In dieser Phase gab es auch einen Besetzungswechsel. Rückblickend frage ich mich manchmal: Warum haben wir 14 Songs mit 72 Minuten Musik gemacht? Die Hälfte hätte wahrscheinlich gereicht. Das war vielleicht strategisch nicht die beste Entscheidung. Aber die Zusammenarbeit war damals so intensiv und die Stimmung innerhalb der Band so gut, dass wir gesagt haben: Wir wollen uns selbst beweisen, dass wir das können. Bis heute gehört „Eden“ für mich zu unseren stärksten Alben. Damals hatten wir auch noch eine enge Freundschaft mit OMNIA, die später leider zerbrochen ist. Beide Bands standen an einem Wendepunkt, beide arbeiteten an neuen Alben. Es entstand ein positiver Ehrgeiz, bei dem wir uns gegenseitig angespornt haben. Wir wollten zeigen: Jetzt legen wir richtig etwas vor. Nach „Eden“ war uns aber auch klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Das Album hat viel mehr gekostet, als es wieder eingespielt hat, vor allem an Zeit und Energie. Außerdem stellten wir uns die Frage: Wohin sollen wir danach überhaupt noch gehen? Dann kam Universal Music.

Würdest du sagen, dass das „Eden“ ein Übergangswerk gewesen ist?
Ich glaube nicht. Für mich ist es eher der Höhepunkt. Es war das Maximum dessen, was eine Band erreichen kann, die alles selbst macht und jede Möglichkeit ausschöpft. Mehr ging eigentlich nicht. Wir haben unglaublich viel Geld und Energie hineingesteckt. Gleichzeitig hat man aber auch gesehen, wo unsere Schwächen lagen. Wir haben so viel Kraft in die Musik investiert, aber beispielsweise kaum Videos produziert. Das war rückblickend natürlich unklug. Wenn man so viel Arbeit in ein Album steckt, muss man es auch entsprechend präsentieren. Wir waren damals zu sehr Musiker, die in ihren eigenen Köpfen nur Musik machen wollten. Aber der Aufwand hat sich finanziell nicht wirklich ausgezahlt. Die Tour war teilweise auch nur halb ausgelastet.

Du hast es gerade schon angesprochen. Danach seid ihr zu Universal gegangen, habt das Album „Von den Elben“ veröffentlicht und das brachte euch ein deutlich größeres Publikum. War euch bewusst, wie kontrovers das innerhalb der Fangemeinde aufgenommen wird?
Nein, das war uns überhaupt nicht bewusst. Man muss auch ehrlich sagen, ohne dass dabei böses Blut entstanden ist: Wir hatten damals nicht alle Fakten auf dem Tisch. Uns wurde gesagt, dass Produzenten dazukommen und uns unterstützen würden. Dass aber so viel Druck entstehen würde und teilweise Musik ohne unsere Beteiligung geschrieben werden sollte, war uns vorher nicht klar. Irgendwann mussten wir sogar darum kämpfen, unsere eigenen Lieder zurückzubekommen. Trotzdem war es ein Wendepunkt für uns. Wir wussten damals nicht genau, wohin die Reise gehen sollte. Dann kam dieses Angebot von Männern in Anzügen, die uns bei einem Konzert in der Festung Magdeburg gesehen hatten. Sie sagten: Das gefällt uns, wir haben eine Idee. Sie erzählten uns, dass sie mit ProSieben und Sat.1 zusammenarbeiten wollten und die Musik in großen Bildern im Fernsehen präsentieren wollten. Für eine Pagan-Folk-Band aus dieser Szene bekommt man so eine Chance wahrscheinlich nur einmal im Leben. Deshalb haben wir gesagt: Klar, lasst uns darüber sprechen und es versuchen.

Wie zieht ihr inzwischen die Grenze zwischen künstlerischer Weiterentwicklung und Anpassung an diese Marktmechanismen?
Ich habe inzwischen einige Dinge gelernt, die man nutzen kann, ohne sich künstlerisch zu verbiegen. Zum Beispiel einen Key-Song zu haben, also einen Titel mit einer starken Hook. Oder den sogenannten „Money Shot“: ein starkes Bild in einem Video, bei dem eine ganze Geschichte mit einer einzigen Szene erzählt wird. Jemand steht auf einer Klippe, die Landschaft öffnet sich, und sofort entsteht eine bestimmte Atmosphäre. Solche Bilder funktionieren auf Social Media sehr gut. Das kann man meiner Meinung nach nutzen, ohne die eigene Kunst aufzugeben. Was ich kritisch sehe, ist, dass Musik gerade unglaublich austauschbar wird. Ich muss gar nicht erst mit KI anfangen, auch viele Bands selbst orientieren sich immer stärker an denselben Mechanismen. Man passt sich den Anforderungen von Spotify an, Songs müssen kurz sein und schnell funktionieren. Diesen Weg wollen wir nicht mehr gehen. Ich hoffe, dass es wieder eine Gegenbewegung gibt, die auch andere Formen von Musik erlaubt.

Midgardsblot 2025 Faun
FAUN auf dem Midgardsblot 2025

Mit so Songs wie „Tanz mit mir“ habt ihr Reichweiten erzielt, die für euch zuvor kaum vorstellbar waren. Hat dieser Erfolg eure Sicht auf die eigene Musik verändert?
Das glaube ich nicht. Aber wir haben damals sehr darum gekämpft, unsere eigene Musik zurückzubekommen. Es ist kein Geheimnis, dass wir mit „Tanz mit mir“ selbst sehr unzufrieden waren, auch schon als die Single entstanden ist. Wir haben beim Label noch einmal darum gekämpft und gesagt: Nein, wir möchten nicht, dass das die Hauptsingle wird. Zum Glück wurde dann „Diese kalte Nacht“ ausgewählt. Da gab es viele Diskussionen und Kämpfe. Es ist ein Song, mit dem ich mich bis heute nicht wirklich identifizieren kann. Wir haben ihn nie live gespielt. Es ist außerdem ein Gastauftritt mit SANTIANO, also fühlt er sich nicht einmal vollständig wie unser eigener Song an. Dass ausgerechnet dieser Titel unser erfolgreichster Song geworden ist und wir bis nach Mexiko reisen, wo große Schilder mit „Tanz mit mir“ hängen, ist deshalb ein ambivalentes Gefühl. Natürlich bin ich dankbar für die Türen, die sich dadurch geöffnet haben. Künstlerisch bleibt es aber ein schwieriges Thema für mich.

Bald darauf habt ihr euch auch erstmals im Rahmen des ESC ausprobiert und seid beim Vorentscheid im TV zu sehen gewesen. Was habt ihr aus der Teilnahme an „Unser Song für Österreich“ mitgenommen?
Darüber diskutieren wir in der Band bis heute manchmal. Es kommen immer wieder TV-Anfragen, die wir meistens ablehnen. Trotzdem haben wir auch viel Positives daraus mitgenommen. Wir haben viele neue Fans gewonnen, und das fand ich wunderschön. Es gab Menschen, die uns im Fernsehen gesehen haben, obwohl sie vorher überhaupt keinen Bezug zu unserer Szene hatten. Manche passten auf den ersten Blick gar nicht in dieses Umfeld. Sie kamen dann auf einen Mittelaltermarkt, waren völlig verzaubert und begeistert von der Atmosphäre. Das fand ich sehr schön: zu sehen, dass Menschen sich darauf einlassen. Ich fand auch unsere Rolle wichtig, weil wir diese Szene im Mainstream vertreten konnten. Deshalb fand ich es etwas schade, dass wir innerhalb der Szene teilweise so stark angegriffen wurden nach dem Motto: „Ihr habt die Szene verkauft.“ Ich habe immer gesagt: Ja, aber wir haben auch viele Menschen auf die Märkte gebracht, die geblieben sind. Manche sagen bis heute: „Ich kenne euch durch ‚Von den Elben‘.“ Daraus sind sehr treue Fans geworden.

FAUN bewegt sich insgesamt seither so ein bisschen zwischen historischer Musik, Pagan Folk und auch Weltmusik. Gibt es jetzt eine dieser Welten, wo du sagst: „Ja, da fühlen wir uns besonders zugehörig?“
Die Mischung ist wichtig. Ich glaube, genau das macht uns aus. Wir wollen uns da gar nicht zu sehr verkopfen. Wir haben sehr unterschiedliche Musiker in der Band, mit ganz verschiedenen musikalischen Interessen. Gerade diese Mischung macht FAUN besonders.

Eure Texte greifen zahlreiche Sprachen und ganz unterschiedliche kulturelle Traditionen auf. Hat sich euer Umgang mit historischen Quellen über die Jahre hin verändert oder arbeitet ihr da immer noch so wie früher?
Es hat sich auf jeden Fall professionalisiert. Früher war ich wirklich wie ein Mediävistikstudent an der LMU München. Ganz klischeehaft saß ich im Schneidersitz zwischen den Bücherregalen der Bibliothek und habe nach alten Texten gesucht. Heute hat das Internet natürlich vieles verändert. Es gibt Menschen, die uns direkt anschreiben, und es ist viel einfacher geworden, Kontakt zu Instituten oder Wissenschaftlern aufzunehmen. Für unseren Song „Umay“ konnten wir beispielsweise mit Fachleuten aus der Turkologie sprechen, oder auch mit Professoren in Island. Diese Möglichkeiten sind großartig und dafür bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig ist damit aber auch eine gewisse Entmystifizierung verbunden. Viele urbane Mythen und Geschichten, die sich früher selbstständig entwickelt haben, verschwinden dadurch ein Stück weit. Das finde ich manchmal schade, weil ein Mythos etwas sehr Schönes sein kann. Er besitzt einen Zauber, den man verliert, wenn man alles innerhalb von 30 Sekunden googeln und erklären kann.

Und wenn du eine Bilanz ziehen müsstest aus dieser Verfügbarkeit von Informationen und was daraus gemacht wird. Überwiegen für dich die Vorteile dieser Zugänglichkeit oder sind es mehr die Nachteile?
Ich glaube, wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt. Bis jetzt war diese Entwicklung sehr komfortabel. Auch für Musiker war es großartig, wie schnell man über Social Media Menschen erreichen oder recherchieren konnte. Natürlich gab es ein Überangebot an Informationen, aber insgesamt waren die Möglichkeiten sehr positiv. Jetzt erleben wir allerdings eine Phase, in der KI selbst in die Kunst eingreift und Kunst produziert. Ich habe gerade erst einen Artikel gelesen, in dem behauptet wurde, dass bereits 40 Prozent der Musik KI-generiert seien. Ob diese Zahl stimmt, weiß ich nicht. Aber wenn es heute noch nicht so ist, wird es meiner Meinung nach in wenigen Jahren Realität sein.

Midgardsblot 2025 Faun
FAUN auf dem Midgardsblot 2025

Du schließt für FAUN den Einsatz von KI kategorisch aus?
Ja, absolut. Auch aus einem gewissen Egoismus heraus. Es macht einfach mehr Spaß, selbst Lieder zu schreiben und Musik zu erschaffen. Dieses Gefühl, wenn am Ende etwas Eigenes entsteht, ist durch nichts zu ersetzen. Außerdem liegen bei uns noch viele Ideen und fertige Ansätze herum. Wir haben keinen Mangel an Inspiration.

Und wie siehst du den Ansatz von KI bei Themen wie Artwork, Merchandise-Gestaltung und Co.?
Auch das schließe ich kategorisch aus. Ein Grund dafür ist, dass meine Partnerin Designerin ist und ich sehe, wie viele kreative Menschen gerade Schwierigkeiten haben, von ihrer Arbeit zu leben. Das betrifft Zeichner, Designer und viele andere Kreative. Ich finde, man sollte diese Entwicklung nicht noch zusätzlich unterstützen. Sonst wird man selbst ein weiterer Nagel am Sarg vieler Kunstschaffender. Am liebsten hätte ich überall ein klares Zeichen: kein KI-Einsatz. Natürlich stellt sich die Frage, wo genau die Grenze verläuft. Selbst in Musikvideos können mittlerweile kleine Effekte enthalten sein, die mit KI entstanden sind. Aber dort, wo ich Einfluss darauf habe, schließe ich es komplett aus.

Das Thema Naturverbundenheit zieht sich so ein bisschen durch eure gesamte Karriere. Wie schwierig ist es auch heutzutage geworden, diese Botschaft glaubwürdig zu vertreten?
Wir führen dieses Interview gerade während einer historischen Hitzewelle. Da wirkt es fast absurd, dass man für dieses Thema immer noch angegriffen wird. Ich habe gestern mit Interesse einen langen Beitrag von Mark Benecke gesehen. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber er ist ja eine bekannte Figur in der Szene. Er hat über den Klimawandel und darüber geschrieben, was wir tun können. Ich finde es wichtig und richtig, dass solche Themen angesprochen werden. Wer heute noch den Kopf in den Sand steckt oder den Klimawandel grundsätzlich leugnet, dem kann ich kaum noch helfen. Ich werde bei meiner Haltung bleiben. Natur ist nicht nur für unsere Umwelt wichtig, sondern auch für unsere geistige Gesundheit. Ich hoffe, dass immer mehr Menschen das verstehen, denn unsere Situation ist wirklich dramatisch.

FAUN im August am Serenadenhof in Nürnberg
FAUN im August am Serenadenhof in Nürnberg

Ihr engagiert euch seit Jahren für Umwelt- und Meeresschutz. Welche Verantwortung haben Bands heute über die Musik hinaus?
Ich glaube, wenn man auf einer Bühne steht, erreicht man Menschen emotional. Und es gibt kaum etwas Stärkeres als Emotionen. Menschen für ein Thema zu begeistern, halte ich für unglaublich wichtig. Sei es die Liebe zur Natur, die Verbundenheit mit der eigenen Umgebung, der Wunsch, etwas zu bewahren, oder auch einfach wieder einen gewissen Zauber wahrzunehmen. Ich glaube, genau darin liegt unsere Aufgabe. Von dort aus ist es auch gar nicht weit, über Umweltschutz zu sprechen.

Hast du das Gefühl, dass sich diese gesellschaftliche Verantwortung, die Musiker heutzutage tragen, durch die zunehmende Reichweite gewachsen ist?
Ich akzeptiere Künstler, die sagen: Nein, für mich ist das reine Kunst und ich möchte gesellschaftliche Themen außen vor lassen. Ich akzeptiere auch Musiker, die überhaupt keine Interviews geben. Das ist ein anderes Kunstverständnis, aber auch ein vollkommen legitimes. Wir versuchen selbst, nicht zu politisch zu werden, weil es schwierig geworden ist. Es gibt heute so viele Missverständnisse, so viel Meinungsmache und so viele Fake News, dass Diskussionen schnell in eine Richtung gehen können, die wir eigentlich vermeiden möchten. Wir wollen niemanden polarisieren, sondern Menschen zusammenbringen. Manchmal ist es auf einer Bühne vielleicht wirkungsvoller, weniger zu kritisieren und stattdessen für etwas Positives zu begeistern.

Googelst du vereinzelt deinen Namen und schaust, wo dieser und auch deine Musik auftaucht?
Schon lange nicht mehr. Ich glaube aber, dass bei uns inzwischen ziemlich klar geworden ist, wofür wir stehen, auch politisch und mit unseren Ansichten. Kürzlich wurde noch einmal etwas von uns aus der rechten Szene vereinnahmt. Daraufhin haben wir eine Stellungnahme veröffentlicht und das klar zurückgewiesen. Ich hoffe, dass unsere Haltung über die Jahre deutlich geworden ist.

FAUN auf dem Midgardsblot 2025

Wenn du auf die frühere Mittelalterszene zurückblickst: Was fehlt dir, was dich vor 25 Jahren begeistert hat?
Es gab damals zum Beispiel zwei wunderschöne Feste: einen Mittelaltermarkt auf der Marxburg am Rhein und einen auf der Ronneburg. Das waren Veranstaltungen, bei denen man wirklich in die Burg eintauchen konnte. Man ging durch die alten Gemäuer, irgendwo spielte jemand laut ein Instrument, daneben erzählte ein Geschichtenerzähler Geschichten oder ein Harfenist spielte Musik. Ulrich Mehler war damals ebenfalls dabei, ein großartiger Professor von der Universität, der das Nibelungenlied in mehreren Teilen erzählt hat. Diese persönlichen Momente und diese Inhalte haben mir unglaublich viel bedeutet. Ich glaube, dass vieles davon durch die zunehmende Kommerzialisierung schwieriger geworden ist. Es gibt noch kleinere Mittelaltermärkte, aber auch dort werden teilweise dieselben Hits gespielt, die man von den großen Bühnen kennt. Alles ist etwas lauter und kommerzieller geworden. Das ist keine Kritik an einzelnen Veranstaltern, sondern eine Entwicklung, die man in vielen Szenen beobachten kann. Trotzdem ist es wichtig, diese kleinen Momente, das Persönliche und das Zauberhafte zu bewahren. Vielleicht können wir dazu beitragen, wenn wir beispielsweise unsere Kirchenkonzerte spielen, bei denen die Atmosphäre wieder ruhiger und unmittelbarer ist.

Wie haben sich eure Fans und auch deren Verhalten im Laufe der Zeit verändert?
Man sagt ja den schönen Satz: „Jede Band hat die Fans, die sie verdient.“ Diesen Satz nehme ich immer als Kompliment, weil wir wirklich sehr nette Fans haben. Auf unseren Konzerten herrscht eine unglaublich friedliche Stimmung. Es ist ein Kulturpublikum: ältere Menschen, jüngere Menschen, Szenegänger und Leute, die einfach neugierig sind. Es fühlt sich fast wie eine große Familie an. Gleichzeitig wird getanzt und gefeiert. Diese Mischung genieße ich sehr. Ich glaube, wir haben großes Glück mit unserem Publikum. Wenn unsere Musik stärker von Aggression oder Provokation leben würde, hätten wir wahrscheinlich auch mit einem ganz anderen Publikum zu tun.

Beim FESTIVAL-MEDIAVAL bist du häufig am Gelände anzutreffen gewesen. Das würdest du heute immer noch genauso machen?
Noch viel schlimmer, ich gehe sogar privat auf Festivals. Ich gehe unglaublich gerne zum Wave-Gotik-Treffen, weil meine Freundin einen großen Freundeskreis dort hat. Ich lerne diese Menschen gerne kennen und möchte mir das auch nicht nehmen lassen. Dieses Jahr bin ich sogar auf dem M’era Luna Festival, weil ich mir denke: Warum eigentlich nicht? Natürlich wird man angesprochen und macht Fotos, aber man führt auch viele nette Gespräche mit Fans. Wenn es zu viel wird, zieht man sich natürlich mal für eine halbe Stunde zurück. Aber ich glaube, ich habe den Vorteil, dass ich keine Kunstfigur bin. Manche Künstler gehen mit einem extremen Make-up oder einer bestimmten Bühnenrolle auf die Bühne. Dann ist es natürlich schwieriger, danach einfach wieder ganz normal zu sein. Das war bei mir nie der Fall. Ich habe keine Pandamaske und fühle mich damit ehrlich gesagt ziemlich wohl (lacht)

Mit „Hex“ habt ihr 2025 ein weiteres Kapitel aufgeschlagen. Gibt es jetzt nach 25 Jahren FAUN noch musikalische Ziele?
Endlos viele. Es gibt eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, mit denen ich unglaublich gerne einmal arbeiten würde. Das ist aber tatsächlich noch geheim, weil wahrscheinlich vieles davon ohnehin nicht klappt. Es laufen aber bereits einige Anfragen und es gibt spannende Ideen. Wir haben auch schon ein Thema für das nächste Album, das ich sehr schön finde. Es wird wieder etwas zauberhafter und romantischer werden. „Hex“ war deutlich düsterer, aber jetzt entstehen gerade viele neue Ideen. Das ist das Schöne: Ich habe das Gefühl, dass uns die Inspiration nicht ausgeht und wir uns trotzdem nicht ständig wiederholen müssen.

Angenommen, ihr könntet der Band FAUN aus ihrer Anfangszeit eine einzige Botschaft mit auf den Weg geben. Was würdet ihr der jüngeren Version von euch sagen?
Ich würde dich wahrscheinlich ein bisschen anschummeln (lacht) Ich würde ihr einen Tipp geben und gleichzeitig eine geheime Liste mit Dingen in die Hand drücken, die wir besser hätten machen können. Es gibt viele Sachen, die wir falsch gemacht haben, und viele Entscheidungen, die man rückblickend anders treffen würde. Das ärgert einen manchmal schon. Aber natürlich lernt man auch durch diese Fehler. Und am Ende war der Weg trotzdem richtig.

Wie beziehst du das auf dich persönlich?
Ich glaube, ich habe etwa 15 Jahre meines Lebens fast ausschließlich und dadurch teilweise ungesund gearbeitet. Heute denke ich manchmal: Das hätte man besser planen können. Aber natürlich gehört das auch zu dieser Phase dazu. Wenn ein Hobby plötzlich zum Beruf wird und man einen Traum verwirklichen kann, ist man kaum zu bremsen.

FAUN im August am Serenadenhof in Nürnberg
FAUN im August am Serenadenhof in Nürnberg

Was machst du heute anders als früher?
Wir haben inzwischen Menschen, die uns unterstützen und Aufgaben übernehmen. Dadurch ist vieles besser verteilt. Man hat auch nicht mehr diesen extremen Ehrgeiz, bei dem alles hundertprozentig perfekt sein muss. Man erkennt irgendwann: Es ist nicht schlimm, wenn ein Flyer nicht absolut perfekt aussieht. Wichtiger sind die Musik, der Song und vor allem die Stimmung, mit der man auf die Bühne geht. Diese Energie überträgt sich auf das Publikum. Früher war ich sehr perfektionistisch und wollte alles bis ins kleinste Detail kontrollieren. Heute weiß ich: Das ist nicht immer hilfreich.

Jetzt habe ich noch das traditionelle Metal1-Brainstorming für dich vorbereitet:
Festival-Mediaval: familiäre Stimmung und wunderbares Hippie-Flair, was ich sehr, sehr genieße
Niel Mitra: Unikum, sehr lange Haare und ein angenehm verrückter Zeitgenosse
Wolf-Dieter Stohl: große Quelle der Inspiration, seine Bücher haben mir so viel gegeben
OMNIA: Trauer, weil wirklich gute Freunde, die sich im Zusammenspiel aus Bühne, Ego und Co. völlig verloren haben
FAUN in 25 Jahren: Wie die Rolling Stones (lacht)  Ich freu mich auch drauf, im hohen Alter mit meiner Laute auf einem Stuhl sitzend in der Kirche Musik zu machen
Wer FAUN nicht kennt, sollte unbedingt diese drei Songs hören „Hymn To Pan“, vielleicht „Macbeth“ und dazu „Galdra“

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Mehr Informationen

Was möchtest du abschließend zu eurem Jubiläum sagen?
Manche Bands machen ein riesiges Festival oder einen einzigen besonderen Termin. Wir konnten uns aber nicht entscheiden, wo wir dieses Jubiläum feiern möchten. Deshalb haben wir gesagt: Warum nicht mehrere besondere Abende an Orten, die für uns eine Bedeutung haben? Wir werden unser 25-jähriges Bestehen in sieben Konzertabenden an sieben ganz besonderen Orten feiern. Dafür haben wir ein spezielles Programm vorbereitet, mit vielen alten Liedern, die wir lange nicht mehr gespielt haben. Dabei sind Orte wie das FESTIVAL-MEDIAVAL oder das Rittergut Positz, die für uns eine besondere Geschichte haben und mit denen wir viele Erinnerungen verbinden. So können wir dieses Jubiläum auf eine Art feiern, die sich für uns richtig anfühlt.

Midgardsblot 2025 Faun
FAUN auf dem Midgardsblot 2025

 

Sigi MaierChristina Maier

Publiziert am von und

Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

2 Kommentare zu “Faun

  1. Vielen lieben Dank für das ausführliche und absolut interessante Interview mit Oliver an Christina und Sigi.

    Freu mich schon Euch bald wieder zu treffen.

  2. Spannendes Interview. Hatte früher zu Beginn der Band auch so eine Faun-Zeit, in der ich die richtig toll fand. Mit Eden hat es dann bei mir aufgehört, finde es aber interessant, wie reflektiert er auch die Kommerzialisierung der eigenen Musik betrachtet. Also gerade als Universal angeklopft hat … Schade nur, dass der Bruch mit Omnia so umschifft wurde. Aber gut, es geht ja auch um Faun, nicht um diese antisemitischen Schwurbler.

    Danke jedenfalls für’s Interview :)

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