Interview mit Frithjof Jacobsen von Gluecifer

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Die Norweger GLUECIFER gehörten von 1997 bis 2005 zur Speerspitze der skandinavischen Rockmusik und trugen zusammen mit ihren schwedischen Kollegen THE HELLACOPTERS den Sound der Straßen Oslos und Stockholms in die Welt. 2018 vermeldete die Truppe ihre Reunion, was dazu führte, dass sie zumindest live wieder aktiv wurde. Auf neues Studiomaterial warteten ihre Fans jedoch vergeblich – bis jetzt. Ohne großes Vorgeplänkel veröffentlichten GLUECIFER nicht nur erstmals seit 21 Jahren neue Musik, sondern kündigten auch gleich ein ganzes Album für den kommenden Januar an. Das ist ein kleines bisschen sensationell, weshalb wir Frontmann Frithjof Jacobsen zum Interview baten.

Das Logo der Band Gluecifer.

Danke, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst! Falls dir diese Frage noch nie gestellt wurde, dann machen manche Leute ihren Job nicht richtig. GLUECIFER standen sehr lange nicht mehr im Rampenlicht. Warum ist 2025 der richtige Zeitpunkt für ein Comeback?
Das ist eine gute Frage. Wir waren tatsächlich sehr lange weg vom Fenster. Die Band hat sich 2005 nach einer ziemlich hektischen Karriere aufgelöst. Fünf Alben, viele Veröffentlichungen und unzählige Touren. Dann haben wir uns getrennt – das passiert mit Bands eben manchmal. Wir sind im Leben unterschiedliche Wege gegangen. Ich bin Journalist geworden, das habe ich viele Jahre gemacht und mache es immer noch. Die meisten von uns sind inzwischen auch etwas älter. Immer wieder haben Leute gefragt, ob wir für eine Reunion-Show zurückkommen, aber wir haben immer gesagt: Das wird nicht passieren, wir sind fertig, es ist vorbei.

2017 haben wir uns dann doch zusammengesetzt. Wir bekamen ein Angebot für ein Festival namens Kayna im Baskenland, ein wirklich großartiges Rock’n’Roll-Festival. Die wollten uns unbedingt haben. Wir sagten: Okay, vielleicht sollten wir uns zumindest treffen und darüber reden. Wir könnten am Ende immer noch „Nein“ sagen, aber wir sollten es wenigstens diskutieren. Wollen wir wirklich weiter allen absagen oder probieren wir es einfach?

Wir haben uns hingesetzt und gemerkt: Klingt eigentlich nach Spaß. Aber wie machen wir das? Allen war klar: Wenn wir das machen, dann nur mit allen. Wir mussten uns darauf einigen, alte Konflikte nicht wieder aufzuwärmen. Ich habe gesagt: Wenn wir das machen, dann so, dass es sich für alle gut anfühlt. Und nach dem Gespräch hatten wir das Gefühl, dass das gar nicht so schwierig ist und dass wir das hinbekommen.

Dann mussten wir natürlich proben, um zu sehen, ob wir noch halbwegs gut klingen oder ob wir inzwischen zu alt für Rock’n’Roll sind. Wir haben geprobt und gemerkt: Okay, das funktioniert. Und es hat richtig Spaß gemacht. Wir haben wieder Shows gespielt, Festivals, große Konzerte in Oslo. Dann meldeten sich Leute und wollten uns nach Deutschland holen – nach Berlin, Hamburg, Köln –, nach Spanien, nach Schweden. Plötzlich spielten wir wieder viele Shows. Wir hatten vorher schon oft in Deutschland gespielt und immer eine gute Zeit gehabt, und es wurde immer besser.

Vor ein paar Jahren spielten wir eine Show in Madrid, zusammen mit guten Bands. Es war ein fantastischer Abend, wir waren feiern. Arne (Skagen, Gitarre) und ich haben geredet, und ich meinte: Das ist verdammt großartig. Wir hängen mit Freunden ab, haben eine gute Zeit, spielen Musik – das ist einfach cool. Ich habe das vermisst. Ich habe euch vermisst. Wir haben diese Freude vermisst, das Unterwegssein, das Reisen, die Leute, die Shows. Aber irgendwann hatten wir alle Reunion-Shows in all diesen Städten gespielt.

Ein Foto der Band Gluecifer
Foto: Paal Laukli

Wie habt ihr entschieden, über diese Shows hinaus weiterzumachen und ein neues Album aufzunehmen?
Ich habe gesagt: Wenn wir weiterspielen, dann müssen wir neue Musik schreiben. Wir können nicht nur eine Nostalgie-Band sein, die alte Songs spielt, wie eine endlose Abschiedstour. Die anderen meinten: Sind wir überhaupt in der Lage dazu? Haben wir die Zeit? Ich sagte: Lass es uns ausprobieren.

Am nächsten Tag kam Arne am Nachmittag zu mir. Wir waren etwas verkatert, und er fragte: Meintest du das ernst gestern? Dass wir uns treffen und versuchen, neue Musik zu schreiben? Ich sagte: Ich habe es gesagt, also muss ich dazu stehen. Er meinte: Okay, dann lass es versuchen.

Es war ein bisschen beängstigend, denn alte Songs zu spielen ist einfach. Die kennen wir, wir kennen die Sounds. Neue Songs zu schreiben kann schwierig sein, weil man sich manchmal nicht einig ist, wie sie klingen sollen. Aber wir sagten: Lass uns ein paar Songs schreiben. Wenn sie okay sind, gehen wir ins Studio und nehmen ein paar davon auf. Wenn es scheiße klingt, lassen wir es einfach.

Wir haben ein paar Songs geschrieben, sind ins Studio gegangen und haben fünf Stücke aufgenommen. Wir wussten noch nicht, was wir damit machen sollten, vielleicht nur ein Demo. Johnny, unser Toningenieur, hat ein tolles Studio. Er hat uns einen Rough Mix gemacht, und wir haben ihn um seine Meinung gebeten. Er sagte, die Songs seien verdammt gut. Also haben wir weitergemacht, mehr Songs geschrieben und wieder aufgenommen. Da hatte ich das Gefühl: Das ist ein Album. Also haben wir es gemischt und uns um einen Plattenvertrag gekümmert. Vielleicht hätten wir das früher machen sollen. Es ist nicht besonders kommerziell, eigentlich ein komplettes Desaster: Du kommst nach 15 Jahren zurück, reformierst dich 2018, und dann hast du erstmal kein neues Album. Aber so waren wir eben. Jetzt gibt es die neue Platte und neue Shows.

Verzeih mir die Unwissenheit, aber seid ihr mit allen Originalmitgliedern wiedervereint?
Nein, sind wir nicht. Schon in der frühen Phase der Band gab es Besetzungswechsel. Nach „Riding The Tiger“, unserem ersten Album, haben wir für das zweite Album den Schlagzeuger gewechselt und Danny (Young) kam dazu. Später wechselten wir den Bassisten von Jon (Hernes) zu Jon Manx (Stig Amundsen). Jon ist ein Freund aus Kindertagen, aber Familie und Kinder machten es ihm schwer, die Touren zu stemmen. Das war traurig und keine einfache Zeit.

Als wir uns neu formierten, bestand der Kern der Band aus Danny, Arne, Rolf (Yngve Uggen, Gitarre) und mir. Den Kontakt zu Jon Manx hatten wir nach der Auflösung 2005 verloren. Für den Bass dachten wir, dass jemand Neues eine frische Dynamik reinbringen könnte. So kamen wir zu Peter (Larsson), einem großartigen Bassisten mit viel Erfahrung, der in vielen Bands spielt. Er ist ein Profi, wir wussten, dass er auch auf großen Bühnen klarkommt. Das passte einfach gut und fühlte sich auch ein bisschen frisch an.

Ein Foto von Biff Malibu von Gluecifer
Foto: Paal Laukli

Ich habe aus dem, was du gesagt hast, zwei Dinge mitgenommen: Erstens, als GLUECIFER zurückkamen, habt ihr nicht an ein neues Album gedacht. Und zweitens, dass das Schreiben neuer Songs sehr natürlich lief. Würdest du sagen, dass das neue Album diesen natürlichen Prozess widerspiegelt?
Ja, das hat den Druck rausgenommen. Früher musste jedes Album besser sein als das vorherige, mit einem festen Rhythmus: Alle zwei Jahre ein Album, dann anderthalb Jahre Tour, dann wieder ein Album. Das fühlte sich für mich irgendwann wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ an. Nach der Tour zu „Automatic Thrill“ hatten wir über 100 Shows in einem Jahr gespielt. Und dann sollte es direkt weitergehen. Ich wollte etwas anderes mit meinem Leben machen. Ich liebe meine Band und meine Freunde, aber ich wollte mehr Freiheit, nicht immer zu 100 Prozent in der Band stecken.

Als wir jetzt wieder anfingen, hatten wir keine großen Pläne oder Strategien, um größer oder erfolgreicher zu werden. Wir machen das, weil es Spaß macht. Wir spielen Shows. Wir haben Arbeit in dieses Album gesteckt, gute Songs geschrieben und eine gute Platte gemacht. Es fühlte sich sehr natürlich an. Wir wollten mehr auf Songwriting achten, mehr auf Gesangsmelodien, weniger Überproduktion. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang – simpel, offen, transparent. Viele gute Rockbands, die ich mag, haben keine riesige Soundwand, sondern viel Platz zwischen den Instrumenten. Das wollten wir auch. Es sollte analog klingen, auch wenn es digital aufgenommen wurde.

Würdest du sagen, dass dieser analoge, nicht überproduzierte Sound schon beim Songwriting entsteht?
Ja, absolut. Als wir die ersten fünf Songs aufgenommen hatten und sie uns anhörten, wussten wir: So müssen wir es machen. Das beeinflusste auch das Schreiben. Im Studio gibt es unendliche Möglichkeiten, aber wir wollten es simpel halten und keine konkurrierenden Elemente einbauen. Wenn der Gesang läuft, braucht es nicht drei weitere Melodien. Die Songs sind nicht lang, fokussiert auf den Refrain. Einfach eine Band, die guten Rock spielt. Wir haben uns im Studio Regeln gesetzt, damit wir uns nicht in Overdubs verlieren. „Automatic Thrill“ hatte ständig eine große Soundwand, das hier ist offener.

Wenn du das neue Album „Same Drug, New High“ mit den alten vergleichst: Ist es ein Bruch oder eher eine Fortsetzung?
Man hört, dass wir in den letzten 20 Jahren viel Musik gehört haben. Das beeinflusst natürlich das Spielen und Aufnehmen. Ich mag diesen alten, direkten Bandsound. Ich höre auch neue Americana-Sachen, zum Beispiel Tyler Childers, weil es simpel ist und man Details hören kann. Zu viel Zeug macht alles zu einer Wand. Selbst bei extrem harter Musik wie SLAYER ist es am Ende nur eine Band: zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Gesang – sie machen damit bloß eine ganze Menge Lärm. Das mag ich. Dadurch musste ich auch besser singen, weil man den Gesang klarer hört. Ich singe mehr und schreie weniger als früher. Und es ist vielleicht auch ein bisschen langsamer. (lacht)

Ohne zu politisch zu werden: Angesichts der Weltlage gibt es viel, worüber man wütend sein kann. Worum gehen eure Texte?
Ich arbeite bei einer Zeitung, ich schreibe also täglich über all diesen Scheiß. Aber draußen im echten Leben gibt es auch viel Positives: nette Leute, gute Gespräche. Klar, das Leben ist teurer geworden, aber viele Dinge funktionieren. Ich verurteile den Krieg in Gaza, das macht mich wütend, und Trump ist schwer zu ertragen. Trotzdem gibt es zumindest in unseren Breiten viel Freiheit und Positives. Rock’n’Roll-Texte sind oft von dunklen oder seltsamen Dingen inspiriert, manchmal auch einfach von lustigen Sachen. Manchmal sind es einfach Wörter, die cool klingen, ohne tiefere Bedeutung.

Das Cover des neuen Gluecifer-Albums "Same Drug, New High"

War es schwer, nach 21 Jahren wieder einen Plattenvertrag zu bekommen?
Nein, das ging ziemlich schnell. Wir sind wieder bei SPV/Steamhammer. Früher gab es mehr Geld, heute ist alles teurer. Die Plattenindustrie ist kaputt, die Einnahmen sind gering. Aber wir sind erwachsen, wir leben nicht von den Platten. Heute geht es vor allem um Shows. Das Album ist da, damit die Leute die Songs hören, aber wir reisen und spielen Konzerte. Früher war eine Platte viel wichtiger.

Ich bin zum ersten Mal über GLUECIFER gestolpert, als ich bei meinem ersten THE-HELLACOPTERS-Konzert in München war und jeder ein GLUECIFER-Patch trug. Seht ihr euch als einflussreiche Band?
Ich weiß es nicht. In Norwegen haben wir eine gewisse Geschichte, wir waren eine der größeren Rockbands hier. Unsere Reunion-Shows in Oslo fanden allesamt in Clubs statt, in die etwa 1800 Leute passen und sie waren sofort ausverkauft. Da dachte ich mir: Oha, das ist um einiges größer, als ich erwartet hatte. In unseren Anfangstagen waren wir Teil einer Rockwelle mit THE HELLACOPTERS, TURBONEGRO und den BACKYARD BABIES. Danach kamen viele ähnliche Bands, die alle diese Art von Punk Rock, Action Rock oder Schweinerock spielten und von denen einige ziemlich gut und manche eher durchschnittlich waren. Und dann kamen THE HIVES, eine fantastische Band, die eines der besten Alben gemacht hat, die ich dieses Jahr gehört habe. Ob wir wirklich einflussreich sind, weiß ich nicht. Aber diese Welle hatte definitiv Einfluss.

Letzte Frage: Kommt ihr bald auf Deutschlandtour?
Wir spielen im Februar und März in Deutschland. Im Februar Köln und München, dann Oslo, danach Hamburg und Berlin. Sechs Shows in Deutschland, damit sind wir sogar die meiste Zeit bei euch. Wir freuen uns sehr darauf. Das letzte Mal in München im Technikum war großartig.

Möchtest Du gerne noch ein paar abschließende Worte sprechen?
Es war schön, mit dir zu reden. Ich hoffe, die Leute hören das Album, geben ihm ein paar Durchläufe und kommen zu den Shows. Auf ein Rockkonzert zu gehen ist eine der coolsten Sachen im Leben. Wenn niemand kommt, gibt es keine Touren mehr. Das hält alles am Laufen. Rock’n’Roll gibt es seit den 1950ern, und es wird immer Leute geben, die das lieben. Egal ob 20 oder 80 – zusammenkommen, Musik hören, Spaß haben geht immer. Also unterstützt das, geht auf Konzerte, hört Musik und sagt den Bands, wenn ihr sie mögt!

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Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

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