Interview mit Alf Ator von Knorkator

KNORKATOR werden 30! Der Song „Alter Mann“ hat bereits 18 Jahre auf dem Buckel, so langsam werden KNORKATOR aber erst jetzt zu Deutschländs ältester Band der Welt. Mit Bandkopf Alf Ator sprechen wir nicht nur über das Jubiläum, sondern auch über das neue Album „Weltherrschaft für alle“, künstlerische Relevanz, Kotze und scharfe Bräute. Und obwohl „Weltherrschaft für alle“ wieder mehr persönlich denn politisch ist, klammern KNORKATOR gesellschaftskritische Themen nicht aus.

Hallo Alf und danke, dass du dir wieder Zeit für uns nimmst. Wie ergeht es dir aktuell kurz vor dem Albumrelease und der ausgedehnten Tour?
Hallo zurück. Ich will mich mal nicht beklagen. Die Produktion ist vorbei, die Tour hat noch nicht angefangen, ein bisschen Interviews und etwas kreative Zuarbeit für die Promo – es gibt Schlimmeres. (lacht)

Knorkator Weltherrschaft für alle! CoverartworkInsgesamt fünf 2025-Versionen von KNORKATOR-Klassikern haben es aufs Album geschafft. Warum habt ihr gerade diese fünf Tracks ausgewählt und warum haben sie eine Neuaufnahme gebraucht oder verdient?
Unsere frühen Produktionen waren manchmal gekennzeichnet von fehlendem Geld, und manchmal von fehlender Erfahrung, gepaart mit völliger Selbstüberschätzung. Manchen Songs gab das eine coole, anarchische Note. Aber es gab auch immer schon Lieder, die eigentlich eine sorgfältigere, professionellere Umsetzung verdient hätten. Naja, und das holen wir nun nach. Das Jubiläum ist ein schöner Anlass dafür.

Besonders gelungen finde ich “Ich verachte Jugendliche” mit Tim Tom und Agnetha am Gesang. Jetzt verachtet die KNORKATOR-Jugend auch schon Jugendliche! Wie kam es zur Idee für diese Version?
Eigentlich lag das aus unserer Sicht nahe. Die beiden unterstützen uns eh schon nach Kräften, da war es nur folgerichtig, sie auch mal ein Duett auf dem Album singen zu lassen. Und dieser Song ist perfekt dafür.

„Wir gehören nicht zu denen, die sich ewig an vergangene Triumphe klammern.“

„Ich wer zun Schwein“ war 2000 ein Skandal, heute wirkt der Song seiner Zeit voraus. Wäre ein Projekt wie der ESC heute, mit einem vielleicht offeneren Publikum (siehe Lord Of The Lost oder Feuerschwanz) nochmal ein Thema für KNORKATOR?
Der ESC-Vorentscheid war ein tolles Spektakel, und dass wir nun am Ende nur den vierten Platz bekamen, war keine Enttäuschung. Wir hatten einen Bomben-Auftritt mit gewaltiger Reichweite. Was will man mehr? Und nein, wir wollen das nicht wiederholen. Es war damals okay, aber jetzt wäre es eher peinlich. Wir gehören nicht zu denen, die sich ewig an vergangene Triumphe klammern.

Als wir zuletzt 2022 gesprochen haben, war die Weltlage schon kritisch. Drei Jahre später hat sich nicht viel gebessert: Ukraine, Trump, neue Konflikte … Wie sehr beeinflusst euch dieses Dauerkrisenthema beim Schreiben? “Unkraut” etwa wirkt mit seinen Metaphern sehr von der aktuellen politischen Lage durchzogen.
Dass wir heute mehr Sachen machen, die als aktuellpolitisch relevant verstanden werden können, war keine bewusste Entscheidung. Wir hatten immer schon Themen behandelt, die uns tatsächlich bewegen. Politik gehörte früher eher nicht dazu. Inzwischen aber hat die aktuelle Politik immer mehr direkten Einfluss auf unser Alltagsleben. Das kann man gar nicht ignorieren, wenn man ehrlich sein möchte. Uns bleibt quasi gar nichts anderes übrig, als auch diesen Aspekt der Welt zu reflektieren. Und ja, „Unkraut“ hat viele Parallelen zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Wobei ich aber sagen muss, dass „Sieg der Vernunft“ aus meiner Sicht noch politischer war als unser aktuelles Album. Hier gibt es wieder mehr persönliche Themen.

Knorkator Band 2025
KNORKATOR 2025; © Tino Pohlmann/Heynstudios

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Rammstein-Keyboarder Flake bei “Das Unheil”? Was verbindet euch mit ihm?
Naja, viele Mitglieder von Rammstein leben auch in Berlin, da läuft man sich in 30 Jahren zwangsläufig mal über den Weg. Und ja, wir schätzen diese Band, und wir werden von ihnen auch geschätzt. Als Flake 2009 mal krank war, habe ich ihn sogar für drei Konzerte vertreten. Und als Stumpen ihn fragte, ob er in einem Video von uns einen Bösewicht spielen möchte, sagte er zu. Er ist wirklich ein außergewöhnlich angenehmer Zeitgenosse mit viel Geist und Witz.

Im Video zu “Das Unheil” zieht sich Flake Stumpens Haut über. In welcher Situation würdest du dir gerne Stumpens Haut überziehen und was würdest du in seiner Haut tun?
Höhö … ähm … also in der Vergangenheit gab es da schon die eine oder andere extrem scharfe Braut an seiner Seite. Oder wie war die Frage gemeint? (lacht)

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„Evolution“ beschäftigt sich mit der Entwicklung der Musikindustrie. Wie sehr deprimiert dich diese Entwicklung, und wie hat sie euch als Band konkret verändert?
Eine Zeitlang (ca. die ersten 15 Jahre des neuen Jahrhunderts) schien es wirklich so, als wenn die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung gewichtiger waren als die Nachteile. Zumindest aus unserer Sicht. Ja, Tonträger zu verkaufen war nicht mehr so leicht, aber die Leute zu erreichen bedurfte nicht mehr so vieler Mittelsmänner. Hat auch was. Und Live war ja die Welt (zumindest bis 2020) noch in Ordnung. Jetzt aber schnappen gewisse Fallen zu. Fast alle Bands haben das Augenmerk auf die Social-Media-Plattformen verschoben, während die eigenen Websites an Bedeutung verloren. Und auf einmal bekommen dort Algorithmen das Sagen, die ganz klar Belanglosigkeit belohnen und wahre Kreativität und freie Geister abstrafen. Das ist wirklich besorgniserregend. Und ich rede hier noch nicht einmal von KI. Für Bands wie KNORKATOR wird KI wohl noch ein paar Jahre keine wirkliche Konkurrenz sein. Wer aber gefällige, leicht konsumierbare Musik für die Massen macht, hat schon heute echt ein Problem.

„Wie tief müssten wir abrutschen, um uns irgendwann doch zu prostituieren?“

Könnt ihr euch vorstellen, abseits des hypothetischen Sturmgewehr-Sponsorings ungewöhnliche neue Wege einzuschlagen, um weiter bestehen zu können?
Ich denke, spätestens nach diesem Lied würden wir uns sehr blamieren, wenn wir uns als Werbe-Marionetten für irgendwelche Konzerne missbrauchen ließen. Das ist natürlich jetzt erstmal leicht gesagt, wo wir ja durch unsere normalen Aktivitäten nicht übel verdienen. Die Frage könnte lauten: „Wie tief müsstet ihr abrutschen, um euch irgendwann doch zu prostituieren?“ Aber glücklicherweise kommt die Industrie ja immer nur auf Künstler zu, die gerade ganz oben sind. Heißt: Wenn wir einmal so arm sein sollten, dass wir so eine Partnerschaft gut gebrauchen könnten, wird es wohl keine Angebote geben. (lacht)

KNORKATOR auf dem Reload 2024

Viele Bands setzen heute auf ständige Features und einzelne Singles, um Reichweite zu generieren. Wie steht ihr allgemein zu diesem Trend und wären bestimmte Feature-Gäste auch abseits von Musikvideos – wie Flake bei “Das Unheil” und diverse Gäste bei “Evolution” – für euch spannend?
Naja, aus meiner Sicht muss sowas immer auch eine künstlerische Relevanz haben, dann hab ich kein Problem damit. Ich meine, es ist doch eine tolle Sache, wenn Künstler über Band- und Genregrenzen hinweg zusammenarbeiten. Wenn es aber allzu durchschaubar als reiner Clickbait gedacht ist, kann es auch mal peinlich werden. Ich hoffe, unsere Machenschaften sind noch im Rahmen. Man selbst merkt es ja oft zuletzt.

Beim Musikvideo zu “Du nich” hattet ihr Till Lindemann als Gast dabei. Würdet ihr nach den Kontroversen der letzten Zeit nochmal mit ihm zusammenarbeiten?
Wenn jemand aus meinem Umfeld ein Vergewaltiger sein sollte, würde ich ihn natürlich schleunigst aus meinem Leben verbannen. Aber soweit ich das mitbekommen habe, konnten die Vorwürfe gegen Till genaueren Überprüfungen nicht standhalten. Am Ende wurden alle Ermittlungen eingestellt. Also halte ich mich an die Faustregel „Im Zweifel für den Angeklagten“.

Bei all den Aufzählreimen, gesellschaftskritischen Gleichnissen und nachdenklichen Momenten fiel es mir im Dimethyltryptamin-Rausch wie Schuppen von den Augen – es fehlt das universellste aller Themen, die Scheiße! Wie konnte das passieren, ist Scheiße anno 2025 nicht mehr en vouge?
Na immerhin kommt „Kotze“ drin vor. Wir entwickeln uns eben.

In „Steh auf“ tauchen viele alte Fotos von dir, Stumpen und Buzz Dee auf – wie sehr hat KNORKATOR euer Leben auch abseits der Musik bestimmt? Würdest du sagen, ihr seid inzwischen mehr Familie als Band?
Wenn du damit meinst, dass wir auch privat ständig abhängen: Nein. Aber wenn du meinst, dass die Bandmitglieder – genau wie irgendein Onkel oder Cousin – einfach dazu gehören, unabhängig, ob man gerade eine gute oder schlechte Zeit miteinander hat – dann ja, es ist eine Art Familie.

Knorkator Band 2025
KNORKATOR 2025; © Tino Pohlmann/Heynstudios

Eure Kinder stehen inzwischen regelmäßig mit auf der Bühne. Wie sehr gehören sie schon „fest“ zur Band, und wie wichtig ist dieser Familienaspekt für dich – gerade live und hinter den Kulissen?
Ich bin da etwas zwiegespalten. Auf der einen Seite schätze ich den Beitrag meines Sohnes als Gitarrist und Sänger für unsere Band. Auf der anderen Seite wünsche ich ihm, dass er lieber möglichst bald mit einem eigenen Projekt so viel zu tun hat, dass er uns verlassen muss.

„Wir haben nicht gerade die Welt erobert. Aber das alles macht einfach viel zu viel Spaß macht, um irgendwas anderes machen zu wollen.“

30 Jahre KNORKATOR – das ist eine lange Zeit und ein bemerkenswertes Jubiläum! Was bedeutet dir dieses Jubiläum und dieser erreichte Meilenstein?
Man kann das positiv und negativ sehen. Wir haben ja nun nicht gerade die Welt erobert. Kein einziger Nummer-1-Hit, keine Goldene Schallplatte … Da könnte man auch sagen, dass wir den Schuss nicht gehört hätten und nun zu alt sind, um uns neu zu orientieren. Aber die Wahrheit ist, dass uns das alles einfach viel zu viel Spaß macht, um irgendwas anderes machen zu wollen. Und die 30 Jahre … ja mein Gott, man muss die Feste feiern…

Die kommende Tour ist vielerorts schon ausverkauft. Wie wichtig ist euch diese Art von Bestätigung? Und dürfen sich die Fans zum Jubiläum auf etwas Besonderes freuen?
Es ist schon ein tolles Gefühl, zu sehen, dass unsere Kunst so vielen Menschen was bedeutet. Ganz abgesehen von der wohligen Zuversicht, nicht zur Jobvermittlung zu müssen. Um ehrlich zu sein, wissen wir momentan noch gar nicht genau, was genau wir unseren Fans optisch bieten werden. Lediglich die Farbe der Klamotten wurde grob besprochen. Der Rest wird in den nächsten Wochen geklärt.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit! Ich wünsche euch mit Album und Tour die Weltherrschaft für KNORKATOR. Die letzten Worte gehören dir.
Bitte keine Weltherrschaft für uns! Für einen guten Künstler sind Eigenschaften von Vorteil, die in der Politik eher auf Tyrannen zutreffen: Geltungsdrang, Kompromisslosigkeit, gern auch mal böser Humor, und man zieht SEIN Ding durch und schert sich nicht darum, was das Volk erwartet. Nein, die Welt sollte von ruhigen, verantwortungsvollen, sehr überlegt agierenden (sprich: langweiligen) Individuen gelenkt werden, die im Falle des Versagens auch mal schnell ausgetauscht werden können.

Knorkator Tour 2025/2026

Stefan Popp

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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