Nach drei Jahren ist es wieder Zeit für ein neues Album von NERVOSA. Ein guter Anlass, um mit Prika Amaral über „Slave Machine“ zu sprechen. Die Sängerin, Gitarristin und Bandchefin spricht über ihre Inspiration, welche Umstände das neue Album beeinflusst haben und die Entwicklung einer jungen weiblichen Metalszene in Brasilien. Besonders gespannt darf man auf die kommende Tourplanung von NERVOSA sein.

Das Album hat in den Texten eine sehr düstere und hoffnungslose Atmosphäre. Was ist deine Inspiration dahinter?
Als wir entschieden haben, ein neues Album zu komponieren, habe ich mit den Mädels darüber gesprochen, wovon das kommende Album handeln soll, denn wenn ich Texte für 12 bis 14 Songs schreiben muss, brauche ich manchmal etwas Inspiration. Mir fallen viele Texte ein, die ich während Touren oder in bestimmten Momenten schreibe, in denen ich mich inspiriert fühle. Aber es ist schön, so eine Art Leitfaden zu haben. Ich habe darüber mit den Mädels gesprochen und wir sind immer wieder beim gleichen Thema gelandet: wie unser Leben heutzutage abläuft, dieser ganze verrückte Kram mit Internet, Social Media und all diese Gefühle dazu. Wie fordernd das ist, wie abhängig wir uns von einem Handy fühlen. Zum Beispiel: Wenn wir länger als eine Stunde offline sind, werden wir sehr nervös und denken, dass jemand eine wichtige Nachricht geschickt hat und wir nicht wissen, was los ist, und wir fühlen uns wie raus aus der Welt – und all diese Gefühle und all die Konsequenzen. Das heißt nicht, dass wir all das nicht nutzen sollten … aber es ist etwas, worüber wir sprechen müssen, weil wir Grenzen setzen müssen: wie weit wir gehen können und wo wir aufhören sollten. Und da gibt es viele Dinge, die all diese Aspekte einschließen, über die ich spreche – wie Depression, Angst, auch Politik, wie die Unternehmen funktionieren und wie all diese Systeme auf der ganzen Welt die Maschine bilden, die wir erwähnt haben.
Man kann auf „Slave Machine“ aber schon auch ein wenig Positivität erkennen. Versucht ihr mit Zeilen wie „In Life There Is No Grace, For Those Who Love To Hate“ in „Hate“ oder „Now I Stand Tall And I Walk Alone“ in „Crawling For Your Pride“ klarzumachen, dass all die Negativität und der Hass am Ende nicht lohnenswert sind?
Hier geht es um die Hater, die hinter dem Computer sitzen und urteilen, die abfällige Bemerkungen über den Körper anderer machen oder einfach sagen: „Egal wie glücklich man ist, etwas erreicht zu haben, wovon man immer geträumt hat, es spielt keine Rolle.“ Es gibt immer jemanden, der diesen Moment entwertet. Neid, Frustration und all dieser Hass. Diese Menschen sind sehr unglücklich, und wir möchten sie dazu anregen, diese Gefühle zu überwinden, weil sie zutiefst unglücklich sind. Diese Abschnitte sind genau für solche Menschen gedacht.
Euer Stil ist Grundsätzlich nahe am Oldschool-Thrash-Metal. Auf „Slave Machine“ sind eher ungewohnte Death- Metal-Einflüsse gut zu hören, vor allem auf Songs wie „Slave Machine“, „Impending Doom“ oder „Ghost Notes“. War das eine bewusste Entscheidung oder ein natürlicher Entstehungsprozess?
Es ist verrückt, denn ich sehe eigentlich keinen Death-Metal-Einfluss auf den alten NERVOSA-Alben. Das Album mit dem geringsten Death-Metal-Einfluss ist meiner Meinung nach dieses hier. Ich stimme aber zu, dass dieses Album brutaler ist. Vielleicht kommt es daher. Tatsächlich haben wir aber mehr Elemente von modernen Bands übernommen. Modern meine ich Bands aus den 1990ern und 2000ern, nicht den traditionellen Thrash der 80er, zum Beispiel. Das haben wir in unseren Wurzeln. Die Riffs und so weiter sind da sehr präsent. Aber unsere Schlagzeugerin, Mikaela Naidenova, ist vollkommen verrückt nach modernem Metal und hat ihre eigene Vision am Schlagzeug eingebracht, die sich komplett von den Einflüssen unterscheidet, die Elena und ich als Komponistinnen so haben. Und das war eine sehr gelungene Kombination, die den Sound eher in Richtung modernen Thrash treibt: Old School, aber gleichzeitig modern. Mein Gesang ist eher Death Metal als Thrash Metal. Instrumental, wenn es um die Gitarren geht, sind wir eine Thrash-Metal-Band. Wenn es um das Schlagzeug geht, sind wir moderner Metal. Aber wenn es um den Gesang geht, dann sind wir Death Metal.
Im Jahr 2023 ist euer letztes Album erschienen und es haben sich an vielen Positionen in der Band Veränderungen ergeben. Seitdem seid ihr eine stabile Formation, bis auf den Wechsel an den Drums zu Gabriela Abud. Wie hat sich das auf den Entstehungsprozess von „Slave Machine“ ausgewirkt?
Es hat überhaupt keinen Einfluss gehabt. Denn wir haben tatsächlich genau dieselbe Besetzung wie beim vorherigen Album „Jailbreak“. Gabriela ist zwischenzeitlich zur Band gestoßen, aber nur für Live-Auftritte. Sie war nicht an den Kompositionen beteiligt, dafür hatte sie keine Zeit. Wir haben dann mit Michaela zusammengearbeitet. Das war sehr unkompliziert, da sie schon bei einem früheren Album mit uns gearbeitet hatte. So konnte alles in einer sehr angenehmen Atmosphäre für uns ablaufen. Es war eine tolle Erfahrung und lief reibungslos, weil alle sehr erfahren waren. Wir kannten uns ausgezeichnet und waren uns alle einig. Die einzige Änderung für das neue Album ist, dass wir einen zusätzlichen Bass haben. Ansonsten ist die Band aber die gleiche. Es ist sozusagen eine Komposition vom vorherigen Album.
Was war deine größte Herausforderung, als du das Mikro übernommen hast – zusätzlich dazu, weiter Gitarre zu spielen?
Ich glaube, am Anfang hatte ich viele Fragen und Unsicherheiten im Kopf. Irgendwie hatte ich Vorurteile. Vielleicht schaffe ich es nicht, die ganze Tour durchzusingen, meine Stimme hält nicht durch, oder ich kann nicht alle Lieder singen und spielen. All diese Fragen. Seit wir dann richtig angefangen haben zu spielen, auf Tour zu gehen und zu proben, sind all diese Fragen verschwunden. Denn ich habe all das dann gemacht, und es lief super, natürlich. Ich habe alles gelernt und die Empfehlungen befolgt, um meine Stimme gesund zu halten. Aber am Ende war das Schwierigste, das Auswendiglernen der Texte. Denn spielen und singen war etwas, das ich mehr oder weniger schon gemacht hatte, weil ich vorher Backgroundgesang gemacht hatte. Natürlich musste ich noch die Muskeln trainieren, um eine ganze Show singen zu können. Aber Texte auswendig zu lernen, das hatte ich vorher noch nie gemacht. Man muss seinem Gehirn wirklich beibringen, wie das geht. Und das hat mir dann mehr abverlangt. Aber jetzt klappt es und ich kann es viel schneller.

Wie hat sich das auf deine Bühnenperformance ausgewirkt?
Anfangs fühlte ich mich etwas blockiert. Ich musste ja erst noch herausfinden, wie alles funktioniert. Aber jetzt fühle ich mich überhaupt nicht mehr blockiert. Ich fühle mich viel stärker mit dem Publikum verbunden, ich habe meine Stimme, kann reden, den Leuten in die Augen schauen, antworten und das alles erwidern. Das ist großartig! Und wir haben ja noch eine zweite Gitarristin, Helena. Ich fühle mich vollkommen frei und kann alles machen, was ich will, und es gefällt mir richtig gut. Auch beim Komponieren bauen wir immer wieder Passagen ein, in denen wir uns bewegen und ich näher an die anderen Musikerinnen herankomme. Solche Momente gibt es auch während des Sets. Also alles bestens.
Welches Feedback habt ihr von euren Fans zu den Line-up-Änderungen bekommen, und beeinflusst so ein Feedback eure Arbeit?
Dieses Thema mit den Besetzungswechseln war echt nervig. Weil wir das nicht wollten. Und es ist immer noch nervig, weil ich nicht alles erzählen kann. Denn wenn ich zu viel erkläre, muss ich in das Privatleben aller Beteiligten eindringen, und darum geht es nicht. Alle Mädels in der Band waren sehr respektvoll. Sie haben alles getan, was sie konnten. Außerdem habe ich nie jemanden aus der Band geworfen. Wir versuchen immer wieder, darüber zu reden und eine Lösung zu finden, aber manchmal geht es einfach nicht. Es gibt unzählige Dinge, die ich hier erzählen könnte. Aber ich glaube nicht, dass das nötig ist. Wenn man mal darüber nachdenkt: Jeder hat seinen Job gewechselt. Niemand bleibt ewig beim ersten Job oder der ersten Beziehung. Wir haben alles verändert. Zudem haben Frauen normalerweise nicht solche Chancen und keine Erfahrungen. Manchmal denken sie, dass es genau das ist, was sie wollen. Wenn sie merken, wie anspruchsvoll es ist, wie viel man arbeiten muss und wie viel man verpasst – Familie, Freunde, Freizeit, Kinobesuche –, dann fangen sie an, es sich anders zu überlegen. Das ist nicht genau das, was ich will. Ich will mit der Musik verbunden sein. Ich will Musik auf eine andere Art machen. Das ist also normal und das meiste hängt damit zusammen. Das Wichtigste: Wir respektieren einander immer. Wir respektieren die Geschichte von NERVOSA. Und das ist alles.

Was hat dich überzeugt, als Produzenten wieder DESTRUCTION-Gitarrist Martin Furia ins Team zu holen?
Er ist ein Typ, der am Anfang als Tontechniker gearbeitet hat. Er weiß perfekt, wie Bands klingen. Bei Live-Konzerten und wie unser Sound ist. Außerdem ist er jemand, der nicht versucht, zu verändern, was die Band ist. Er versucht nicht, sie in eine andere Richtung zu drücken oder so. Sondern er macht das so, als würde er eine Kirsche auf die Torte setzen. Wir bringen die Songs immer fertig mit, alles ist komponiert. Und er arbeitet an den Details. Das macht das, was wir gemacht haben, größer, und das ist die echte Produktion, die manche Produzenten nicht genau so machen. Er weiß, wie er das Beste aus uns herausholt, also wie er uns verbessern kann. Zudem pusht er uns immer, es weiter zu versuchen und über den Tellerrand hinauszublicken. Ich liebe das, und deshalb haben wir uns entschieden, wieder mit ihm zu arbeiten. Wenn etwas funktioniert, warum sollten wir es ändern?
Viele Bands nutzen heutzutage Features mit anderen Bands, was ihr nicht macht. Habt ihr euch aktiv dagegen entschieden, oder hat es sich einfach nicht ergeben?
Ja, also auf den vorherigen Alben hatten wir immer Beteiligungen von anderen Musikerinnen und Musikern. Aber bei diesem Album ist alles wirklich in den letzten Minuten passiert. Wir mussten kämpfen, alle fertig zu bekommen, denn wir waren sehr nah an der Abgabe. Deshalb haben wir entschieden, diesmal ein Feature zu überspringen, einfach weil wir das wirklich nicht hinbekommen haben. Vielleicht hätten wir es schon hinbekommen, aber nicht auf perfekte Weise. Am Ende hätte die Qualität darunter leiden können. Also haben wir gesagt: Das ist nicht nötig. Wir haben noch viele Alben, um so etwas zu machen. Also lass uns mit allem so weitermachen, was wir da haben.

Frauen im Metal haben sich in den letzten Jahren zunehmend etabliert. Wie hast du diese Entwicklung wahrgenommen, und hat sie dich beeinflusst?
Ich denke, Wachstum ist etwas Natürliches. Wie bei jeder Tour, jedem Album, stehen wir nie still und versuchen, uns mit jedem Album selbst herauszufordern. Deshalb lieben wir die Vielfalt. Wir haben den Thrash Metal als eine Art Dach über dem Kopf. Aber wir sind nicht darin gefangen. Wir können immer etwas Neues einbringen und verändern, Musik und Kunst machen. Es geht um Freiheit. Ich mag es nicht, wenn Regeln aufgestellt werden. Nach dem Motto: „Eine Thrash-Metal-Band muss dies und das tun.“ Ich mag das nicht, denn es erstickt die Inspiration. Manchmal hat man eine richtig gute Idee und sie verfliegt einfach, weil man sich an diese blöde Regel halten muss. Musik ist Kunst, sie ist Freiheit. Und das möchte ich mir immer vor Augen halten. Wenn wir ein Album komponieren, versuchen wir, eine Art Leitfaden zu geben, einfach, um den Prozess etwas zu strukturieren. Sonst kann es auch chaotisch werden und wir können uns auch verirren. Aber wenn wir uns mittendrin entscheiden, etwas zu ändern, weil wir sehen, dass die Richtung in eine andere geht, sind wir immer offen. Ich denke, es ist immer wichtig, miteinander zu reden. Weil es nicht nur um eine Person geht, sondern um eine Gruppe. Und wir müssen unbedingt wissen, ob alle einverstanden sind, ob der Zeitpunkt für etwas gekommen ist oder ob wir warten sollten. Aber wenn etwas dazwischenkommt, zum Beispiel jemand ein Problem hat und nicht teilnehmen kann, dann setzen wir uns zusammen und überlegen: Sollen wir weitermachen oder lieber abwarten? Es gibt immer diese Diskussionen, und dann läuft die NERVOSA-Maschine weiter.
Anknüpfend an die vorige Frage: Unterstützt du gezielt kleinere Bands in deinem Heimatland Brasilien, besonders solche mit weiblichen Mitgliedern?
Ja. Brasilien ist generell voll von Künstlerinnen im Metal. Und ich denke auch Lateinamerika, weil unser Metal-Publikum jünger ist. Da kommt eine neue Generation. Ich denke, jedes Jahr haben wir mehr Frauen. Denn ich erinnere mich: Als ich im Metal angefangen habe, Gitarre zu spielen, hat es ein paar Jahre gedauert, bis ich Frauen im Metal kannte. Sie waren immer da, aber wir haben uns damals nicht erreicht, weil ich keine Internetverbindung hatte. Denn das Internet war damals noch nicht so verbreitet. Also musste ich immer darauf warten, dass meine Freunde mir etwas Neues mitbringen. Dadurch, dass ich in Brasilien gelebt habe, war auch der Zugang ein wenig schwieriger. Manche Sachen kamen nicht so gut an. Jetzt haben wir mehr Vorbilder und können immer mehr Mädchen inspirieren.

Derzeit sind nach der Veröffentlichung eures neuen Albums drei Konzertermine auf Festivals in diesem Sommer angekündigt. Können wir uns noch auf eine Tour in diesem Jahr, auch durch Deutschland, freuen?
Ja, natürlich. Deutschland ist, glaube ich, das Land auf der Welt, in dem wir am meisten gespielt haben. Mehr als Brasilien, auf jeden Fall. Und ja, sicher, wir haben später noch einige Touren vor uns. Wir werden diese zeitnah ankündigen. Wir arbeiten an etwas wirklich Schönem. Leider kann ich darüber nicht sprechen, aber bleibt dran. Mit dem neuen Album werden wir überall hingehen. Das Gute daran, ein Album zu veröffentlichen, ist, dass wir einen Grund haben, zurückzukommen. Also ja, wir werden sicher da sein.
Worauf freust du dich beim Touren am meisten – und was sind die Dinge, die dich am meisten stören?
Ich kann es auf jeden Fall kaum erwarten, die neuen Songs zu spielen. Wir üben sehr viel. Es gibt für mich eine große Herausforderung, weil ich eine andere Gesangstechnik benutzen werde. Und das bedeutet Vorbereitung, also sehr viel Proben. Der Song „Slave Machine“ ist der schwerste Song für mich, zu spielen und zu singen. Im Grunde muss ich mit einer Hand ein Solo spielen und etwas komplett anderes singen als meine Hand macht. Das ist sehr hart. Aber ich habe es geschafft, und das ist sozusagen schon in der Tasche. Aber es hat mich sehr viel Zeit gekostet, an diesen Punkt zu kommen. Das ist der schwerste Song, ich bin super glücklich mit dieser Herausforderung und ich habe das gebraucht. Wir haben auch einige Änderungen an unserem Equipment, Sound und der Performance auf der Bühne vorgenommen. Da gibt es viele Dinge. Deshalb warten wir und wir haben jetzt eine Art Pause, weil wir etwas vorbereiten, und das wird wirklich schön.

Hast du ein musikalisches Guilty Pleasure, das du mit uns teilen möchtest?
Ich bin verrückt nach Musik der 1970er. Komplett verrückt. Eine meiner Lieblingsbands ist GRAND FUNK RAILROAD. Ich liebe auch JIMI HEDNDRIX, BUFFALO, RARE EARTH, all diese Bands aus den 1970ern. Danach bin ich verrückt und ich höre so etwas fast jeden Tag.
Danke für deine Zeit und dieses großartige Album. Zum Schluss das Metal1.info-Brainstorming:
Inspiration: Musik!
Zu Hause: Wo ich schlafen kann. (lacht) Weil ich immerzu unterwegs bin.
Tattoos: Ich habe ein paar und ich hätte gerne mehr.
Hoffnung: Hoffnung ist Energie.
Gleichberechtigung: Ist ein Ideal, existiert aber leider nicht.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.


