Interview mit Vaerohn von Pensées Nocturnes

Seit zehn Jahren veröffentlicht der Franzose Vaerohn mit seinem Soloprojekt PENSÉES NOCTURNES Musik, die den Wahnsinn greifbar macht: Auf einer Basis aus Black Metal errichtet er die verrücktesten Konstruktionen – mit seinem aktuellen Album “Grand Guignol Orchestra” etwa im Zirkus-Stil. Der „Dompteur der Noten“ darüber, was ihn treibt, wovon er sich (nicht) leiten lässt und was ihn letzthin an der Welt  des Zirkus so fasziniert.

Dein neues Album heißt “Grand Guignol Orchestra”. Ist der Titel vom Théâtre du Grand Guignol inspiriert? Was fasziniert dich daran?
In der Tat ist “Grand Guignol” vor allem eine Referenz auf dieses alte Pariser Theater, das dieselben grotesken Gore-Referenzen verwendet, aber auch den humoristischen Aspekt wiedergibt. Darüber hinaus hat die Musik von PENSÉES NOCTURNES viele Parallelen zum Theater: Rückschläge, Geschichten, viele Farben und Variationen und sogar die Inszenierung, wenn man auftritt. Das Paradoxe bei dieser Verwendung von „Le Theatre du Grand Guignol“ ist, dass für einen Nicht-Metal-Hörer der Gore-Part das Verstörende sein wird, während für Metalfans der Humor auf einem ernsthaften Black-Metal-Album das Schockierende ist. Metalheads erwarten keinen Tango oder Reggae zwischen brutalen Blastbeats.

Bist du eher ein Fan des Zirkus oder des Horroraspekts? Also gehst du lieber in den Zirkus oder in einen Horrorfilm?
Die Verwendung des Zirkuskonzepts war ganz natürlich, da PENSÉES NOCTURNES schon immer mit Schwarz-Weiß, Lachen und Tränen, Freude und Traurigkeit gespielt hat. Der Horroraspekt dient dazu, die einladende Vision eines hellen Zirkus zu kontrastieren. Aber um deine Frage zu beantworten, würde ich lieber etwas Echtes sehen, wie einen Zirkus in der Stadt, als mich in ein Kino zu sperren. Allerdings bevorzuge ich den kleinen Underground-Zirkus gegenüber großen, bekannten Produktionen.

Das Cover fasst die verschiedenen Aspekte des Albums perfekt zusammen – wie ist die Idee entstanden, wer hat das gesamte Layout des Albums gestaltet und wie viel Input hast du selbst gegeben?
Es ist das dritte Mal, dass ich mit Cäme Roy the Rat zusammenarbeite, da er auch das Cover von „Nom d’Une Pipe!“ und „A Boire Et A Manger“ gemacht hat. Es steckt etwas wirklich Seltsames in der Zusammenarbeit, da hat sich eine Art natürliche Verbindung entwickelt. Ich gebe normalerweise die ersten Ideen und dann klingelt oft etwas in seinem Kopf, was ihn dazu bringt, Layouts zu kreieren, die fast immer unseren Erwartungen entsprechen. Ich bin immer ziemlich vage hinsichtlich der Richtung – das gibt ihm die Freiheit, etwas in seinem eigenen Stil zu schaffen. Zum Beispiel fügt er manchmal noch einige Wortspiele im Layout hinzu – zusätzlich zu denen, die in den Texten enthalten sind.

Worum geht es bei den Texten und inwieweit sind sie als Gesamtkonzept miteinander verbunden?
Ein bisschen wie „A Boire Et A Manger“ ist “Grand Guignol Orchestra” ein Spaziergang in einem alten und malerischen Paris voller Jazz und Zirkusreferenzen. Die Texte sind voll von Wortspielen und Anspielungen auf die Black-Metal-Szene oder politische und soziale Themen. Echte Musikliebhaber werden auch viele Referenzen zu Jazz, Vintage-Musik und Zirkusthemen erkennen. Es ist die logische Fortsetzung von „A Boire Et A Manger“, dem Vorgängeralbum, aber mit spöttischer Guignol-Perspektive [Guignol ist der komische Held des französischen Puppenspiels, entsprechend dem deutschen Kasper, A. d. Red.].

In der Tat ist das Album musikalisch wieder einmal extrem vielseitig – Zirkusmusik, Chanson, Motown-Bläser und natürlich Black Metal, plus dein psychotisches Schreien. Was hat dich dazu inspiriert, dieses Album zu machen?
Im Gegensatz zu früheren Alben von PENSÉES NOCTURNES, in denen Zirkuseinflüsse angedeutet, aber nicht wirklich umgesetzt wurden, setzt dieses Werk diese Bilder und Töne deutlich in Szene. Black Metal ist nach wie vor eine der Hauptwurzeln der Musik von PENSÉES NOCTURNES, aber auch Vintage-Jazz, Kabarett und Zirkusmusik werden diesmal viel verwendet. “Grand Guignol Orchestra” ist die logische Fortsetzung dessen, was PENSÉES NOCTURNES schon immer war, auch wenn die Musik von PENSÉES NOCTURNES heute mehr von Jazz und Kabarett beeinflusst wird als von klassischer und symphonischer Musik. Es ist weniger melancholisch, weniger romantisch und gefüllt mit dunklem Humor und einem tragischen Blick auf unsere Existenz. PENSÉES NOCTURNES hat die Saiten für die Bläser aufgegeben. In gewisser Weise eine männlichere Art, Musik zu machen.

Wie entwickelst du das Arrangement für solche Songs – wo fängst du an?
Normalerweise gehe ich von einem Konzept, einem Gedanken aus, und entwickle die Musik mit einer Idee, einem Szenario. Manchmal ist diese logische Sequenz von einem Text geleitet, manchmal inspiriert sie einen. Es gibt da keine strenge Regel. Ich lasse mich einfach von meiner Vorstellungskraft leiten, wenn mich die Inspiration packt. Ich denke, es ist wichtig, sich beim Komponieren von Kreativität, nicht von Gehirn und Routine leiten zu lassen. Deshalb zensiere ich mich nicht selbst, auch wenn ich einen Text habe, dem ich folge. Musik drückt in gewisser Weise präziser aus als Worte, was man fühlen kann, und diese Besonderheit möchte ich nicht missen. Also keine Regeln, einfach Ausprobieren und dann Weiterschauen. Ohne Einschränkung beim Stil, den Instrumenten und so weiter … Man muss nur in der Lage sein, die Ergebnisse selbst zu kritisieren. Denn wenn man etwas Neues ausprobiert, sind 95 % davon für den Papierkorb. Die verbleibenden 5 % sind das, was den Unterschied ausmacht.

Hast du, was die Aufnahmen angeht, schon mal in Betracht gezogen, mit echten Instrumenten für die Orchestrierungen zu arbeiten? Wenn ich nicht völlig irre, arbeitest du aktuell mit Keyboard-Emulationen?
Auf “Grand Guignol Orchestra” gibt es nur wenige Orchestrierungen. Diese sind tatsächlich durch Emulation erzeugt, da es materiell und finanziell unmöglich wäre, ein ganzes Orchester aufzunehmen. Aber der Hauptanteil sind eigentlich Blechbläser, Fanfarenorchestrierungen, die ich alle selbst aufgenommen habe, indem ich ein Instrument nach dem anderen eingespielt habe. Selbst der Chor ist ein Eigenprodukt, für das ich viele Spuren aufgenommen habe, um diesen Effekt zu erzielen. Für das nächste Opus plane ich, mit einem echten, vollen Blasorchester zu arbeiten.

Hast du also auch die Blasinstrumente, das Akkordeon und so weiter auf dem Album selbst gespielt? Wie viele verschiedene Instrumente spielst du ganz generell?
Das Schlagzeug wurde von einem ägyptischen Schlagzeuger, Tariq Zulficar, eingespielt, mit dem ich bereits am letzten Way-To-End-Album arbeiten durfte. Die meisten Akkordeon-, Klavier- und Orgelspuren wurden von dem Musiker aufgenommen, der live für PENSÉES NOCTURNES spielt. Ich habe alles andere aufgenommen (Blasinstrumente, Bass, Gitarren und so weiter). Täglich spiele ich nur Blechblasinstrumente, sonst wäre es unmöglich, das Niveau zu halten. Ich verbringe auch viel Zeit damit, an meiner Stimme zu arbeiten, um eine bestimmte Qualität zu erhalten.

Die Songs klingen diesmal etwas verrückter und chaotischer als bei den Vorgängern – würdest du mir zustimmen?
“Grand Guignol Orchestra” könnte in der Tat weniger melodisch und melancholisch sein als die früheren Alben von PENSÉES NOCTURNES. Es ist gleichzeitig festlicher und fieser. Viele Teile wurden absichtlich produziert, um wie schlecht gespielt zu klingen, aber meiner Meinung nach klingt das ganze Album kohärenter als frühere Werke wie etwa „Nom d’Une Pipe“!

Inzwischen spielt ihr auch live – hat das Einfluss auf deine Art zu komponieren? Schreibt ihr jetzt etwa als Band, oder komponierst du weiter allein?
Die Musik von PENSÉES NOCTURNES wurde immer ohne Einschränkungen komponiert. Dass sie live gespielt werden müssen, war noch nie eine und wird auch nie eine sein. Daher sind natürlich Anpassungen erforderlich, um diese Songs live spielen zu können – aber bei der Komposition werde ich nie darauf achten, dass es auch live gespielt werden muss. Das ist von größter Bedeutung, dass das so bleibt, um die Kreativität nicht zu behindern. Ich werde also weiterhin ganz alleine komponieren und aufnehmen.
Um die Songs live zu spielen, müssen wir manchmal die Anzahl der Instrumente reduzieren und die Stücke in gewisser Weise vereinfachen, um eine jazzigere, natürlichere und groovigere Spielweise zu ermöglichen – ganz entgegen der Suche nach der genauen Kopie des Werkes, nach der Metalheads bei Konzerten normalerweise suchen. Wir improvisieren viel, musikalisch und visuell, und es ist wichtig für uns, dass die Öffentlichkeit das versteht.

Werden wir PENSÉES NOCTURNES auch mal live in Deutschland sehen?
Wir werden im Oktober beim Into The Void Festival spielen und die Gelegenheit nutzen, eine kleine Tour zu organisieren. Dabei werden wir sicher auch in Deutschland Halt machen. Ich habe dazu aber noch keine weiteren Informationen.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Zum Abschluss ein Brainstorming:
Stephen Kings „Es“:
Klischee
Cirque du Soleil: Zu sehr Mainstream.
Eli Roths „Clown“: Noch nie gesehen.
Oleg Popo: Die Basis.
Dein Lieblingsalbum im Moment: Zirkus Contraption – Our Latest Catalogue
PENSÉES NOCTURNES in zehn Jahren: Die Band wäre dann 20 Jahre alt … drei oder vier weitere Alben. Schwer zu sagen, was wir erreichen können.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: