Interview mit Jacob Hansen von Produzenten-Special – Teil 5: Jacob Hansen

Die Stadt Ribe in Dänemark dürfte den Wenigsten ein Begriff sein – und doch ist die Stadt durch einen Mann für die Metal-Szene von nicht zu unterschätzender Bedeutung: Jacob Hansen.
Seit 1990 sorgt dieser als Produzent in seinen Hansen-Studios für amtlichen Sound. Nachdem er sich zunächst um heimische Künstler gekümmert hatten, zu deren prominentesten Vertretern die ihm bis heute treu gebliebenen Studio-Dauergäste von Volbeat gehören, kommen Bands mittlerweile von weit her, um ihren Alben in Ribe den richtigen Schliff verpassen zu lassen – genannt seien hier nur Destruction, Maroon, Deadlock, Onslaught oder Tyr, deren kommendes Album grade erst in den Hansen-Studios fertiggestellt wurde.

Produzenten Special Teil 5

Hallo und vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Wie geht es dir?
Gern geschehen! Hier ist alles prima.

Lass uns ganz am Anfang anfangen: Wie bist du zu deinem Job als Produzent gekommen? Traumjob oder Quereinsteiger?
Das Aufnehmen und Machen von Musik hat mich schon immer interessiert. Schon als Kind wollte ich ein Aufnahmestudio haben. Ich habe sogar mehrspurige Aufnahmen von mir selbst gemacht, wie ich sang, Gitarre spielte und auf Pappschachteln trommelte, als ich sieben war. Mit 15 gründete ich eine Band, die für einige Jahre mein Hauptinteressensgebiet war. Aber in den frühen 90ern fing ich an, lokalen Bands dabei zu helfen, ihre Demos aufzunehmen. Es gab in den späten 80ern und frühen 90ern kaum Produzenten in Dänemark, die wussten, worum es im Metal geht – es war also so etwas wie meine Berufung. Auf einmal machte ich mehr und mehr solche Geschichten und als meine alte Band auseinanderfiel, verlegte ich mich gänzlich aufs Produzieren von Musik. Und ich merkte, wie viel Spaß das machte und immer noch macht!

Jacob_Hansen 1An welchem Projekt arbeitest du gerade und kannst du uns schon etwas darüber verraten, was wir von dem Ergebnis erwarten können?
Im Moment arbeite ich an dem neuen Volbeat-Album, zusammen mit Rog Caggiano und dem Techniker Bryan Russel im PUK Studio in Dänemark. In der letzten Woche habe ich den Gesang aufgenommen und nun geht’s in die letzte Phase der Gesangsaufnahme und Produktion. Micheal muss nur noch einen Song machen und danach müssen wir die Tracks nochmal durchgehen wegen Details, Verbesserungen und Background-Gesang. Ich denke, ihr könnt etwas Frisches und Neues von Volbeat erwarten. Die potentiellen „Hits“ sind echt stark, aber es gibt auch eine Menge richtig heftige Riffs auf der Scheibe, was wir so schon länger nicht mehr hatten.

Deine Produktionen haben zweifelsohne einen großen Anteil am Erfolg von Volbeat – immerhin arbeitest du mit ihnen von Anfang an zusammen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und ist es wahr, dass du am Anfang nicht wusstest, was du mit ihrem Sound machen sollst?
Michael rief mich eines Tages an, ich glaube es war 2001. Er hatte diese große neue Band am Laufen. Sie hatten ein Album mit einem anderen Produzenten aufgenommen, aber es lief einfach nicht, also baten sie mich, ein Demo mit ihnen zu machen. Das taten wir und mir gefiel was sie machten. Das Ding ist, dass ich an sie wie an eine Metalband herantrat, wobei sie eigentlich eine Mischung aus vielen verschiedenen Stilen spielten, weshalb es eine Weile dauerte den richtigen Sound für sie zu finden. Sie kamen einfach mit so einem neuen Sound daher. Am Anfang konnten sie noch nicht einmal einen Plattenvertrag ergattern, da es Leuten schwer fiel, zu verstehen, was sie machten. Das passiert oft mit solchen einzigartigen Sachen.

Die Bandbreite an Bands, mit denen du arbeitest ist unheimlich groß – alles von Rock bis Extreme Metal. Wie kam es dazu, dass du mit so unterschiedlichen Klienten arbeitest?
Ich denke, einige Menschen konnten sich vorstellen, dass sich das Potential meiner Metal-Aufnahmen / -Mixe auch gut auf den Rock / Mainstream übertragen lassen würde, also bekam ich die Chance, mit einigen spannenden Rockbands wie Ginger Wildheart, The Storm, DÚNÉ und so weiter zu arbeiten. Ich würde das in Zukunft gern noch mehr tun. Metal macht unglaublich viel Spaß und die Szene ist unheimlich loyal, das gefällt mir daran. Die Mainstream-Rock-Szene verändert sich im Minutentakt. Du kannst an einem Tag ein heißer Produzent sein und am nächsten Tag ist es ein anderer Typ. Im Metal kannst du über Jahre hinweg eine große Nummer sein, da es nur darum geht, wie es klingt, nicht wie cool du bist, haha.

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Liest du Reviews und interessiert dich der Erfolg von Alben, die du produziert hast, oder ist die Geschichte für dich abgeschlossen, sobald das Master das Studio verlässt?
Ja, es ist mir schon irgendwie wichtig. Es bedeutet natürlich nicht, dass ich die Art, wie ich Dinge anpacke, ändern würde, nur, weil es ein schlechtes Review zu etwas, das ich gemacht habe, gibt. Aber ich denke schon, dass ich etwas von dem, was Leute in dem Geschäft von meinem Zeug halten, lernen kann.

Ist es für dich wichtig, dass dir die Musik, die du produzierst, gefällt, oder kannst du genauso gut mit Musik arbeiten, die dir nicht gefällt?
Es hilf natürlich ungemein, aber ich habe schon Alben mit Bands gemacht, bei denen ich auf den ersten Blick nicht dachte, dass ich die Musik mögen würde. Aber als wir einmal angefangen hatten, konnte ich mich total dafür begeistern! Du siehst einfach, wie hart die Leute arbeiten und wie gut sie wirklich sind… das reicht mir, um sie zu mögen. Tatsächlich gefällt es mir, wenn ich nichts über eine Band weiß, bevor sie ins Studio kommen. Wenn ich die Band nicht kenne, höre ich mir ihre vorherigen Alben nicht an, denn das könnte potentiell die Kreativität beschädigen. Ich könnte von ihren vorangegangenen Arbeiten voreingenommen sein und nach dem Motto rangehen „Ah, so soll das also klingen“. Aber genauso soll es ja gerade nicht klingen, oder?

Beeinflusst deine Produzententätigkeit im Gegenzug auch deinen Musikgeschmack?
Auf manche Weise tut es das, ja. Ich kann mich Hals über Kopf für etwas begeistern, nur weil es gut produziert oder gemixt ist. Auf der anderen Seite reicht ein guter Sound allein natürlich nicht aus. Ich höre sehr viele verschiedene Sachen. Ich versuche up-to-date mit dem zu bleiben, was in der Metal-Welt so passiert, wobei ich nicht behaupten kann, dass mit alles Neue gefällt. Es ist schon lustig – ich arbeite das ganze Jahr acht Stunden am Tag mit Metal und halte mich immer noch für einen Metalhead, haha.

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Würdest du sagen, dass die Arbeit, die ein Produzent in ein Album steckt, generell unterbewertet ist? Man hat manchmal das Gefühl, dass ein perfekter Sound etwas ist, das die Hörer erwarten, nicht etwas, das sie honorieren.
Ich finde, dass es eine Menge Respekt für gute Produzenten und Mixer gibt. Blöderweise verschwinden Covertexte und Danksagungen in dem Maße, wie Digitalkäufe zunehmen. Also brauchen wir einen Platz, an dem Hörer die Covertexte lesen können.

Denkst du, dass das anders war, als sich noch nicht jeder Musiker durch Programme wie Pro-Tools oder Logic und dergleichen als halber „Produzent“ gefühlt hat?
Definitiv. Es gibt eine Menge „Religion“ in der Szene, in der eine Menge Musiker denken, dass sie eine Menge vom Produzieren verstehen würden und eine Menge Meinungen haben, ohne die echten Fakten zu kennen. Das breitet sich immer mehr und mehr aus, auch, weil scheinbar jeder Journalist technische Dinge in seinen Reviews anspricht, von denen sie oftmals nicht viel verstehen.

Tatsächlich nehmen ja viele (kleinere) Bands ja selbst auf und lassen nur das Mixing / Mastering von einem Profi machen, um teure Studiozeit zu sparen. Ergibt das für dich Sinn, oder ist es dir wichtig, von Anfang an bei einem Projekt involviert zu sein, damit du das Album schon ab dem Beginn positiv beeinflussen kannst?
Die besten Alben sind die, bei denen der Band von Anfang an von einem guten Team (guter Poduzent / Mixer / Masterer) geholfen wird. Aber wenn die Aufnahmen ordentlich gemacht werden, kann ein guter Mix natürlich ebenso fantastisch klingen. Ich mag es auch, nur zu mixen, aber das ist natürlich schon irgendwie anders. Die Songs sind nicht unter deiner Haut, du hattest keinen Einfluss auf die Art und Weise, wie sie aufgenommen wurden.

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In Interviews sagen Musiker oft, dass der Kreativprozess erst im Studio stattfand. Wie stehst du dazu? Magst du es, wenn die Songs noch nicht fertig sind, wenn eine Band ins Studio kommt, oder geht dir das eher auf die Nerven?
Ich mag es, wenn es eine klare Vorstellung gibt, wo wir hin wollen, damit wir nicht beim Urschleim anfangen müssen. Das können wir zwar machen, aber das braucht seine Zeit… es ist großartig, wenn Dinge offen sind und du mit Gesangslinien, Songstrukturen, etc. herumspielen kannst. Die meisten Bands profitieren von meiner jahrelangen Erfahrung im Arbeiten mit Songstrukturen und Arrangements mit anderen Bands und Projekten. Was mir auf die Nerven geht ist, wenn eine Band unwillig ist, etwas zu probieren, was den Song offensichtlich besser machen würde.

Wie viel Einfluss nimmst du idealerweise auf ein Album? Steuerst du Ideen bei, oder siehst du dich mehr als Hilfsmittel, um den Musikern den gewünschten Sound zu liefern?

Das kommt immer auf die Band an: Manche haben eine klare Vorstellung von dem, was sie wollen und wollen „nur“ meine Expertise bezüglich der Aufnahmen und des Sounds. Andere wollen, dass ich zu Arrangements und Songwriting beitrage. Auf manchen Alben spiele ich Gitarre, Bass, Keyboard, Perkussion oder singe im Hintergrund. Es kommt darauf an, was die Band will und wo sie Hilfe braucht. Wie gesagt, andere haben in ihren Köpfen alles fertig und wollen alles selbst machen. Das ist auch in Ordnung – alles für das größere Ziel. Ich bin nicht hier, um irgendjemandem irgendetwas aufzuzwingen.

Wie wichtig ist eine persönliche Beziehung zur Band für das Endresultat? Versuchst du herauszufinden, welche Erfahrungen andere Produzenten mit einer Band gemacht haben, bevor du ein Projekt annimmst, besonders in Bezug auf deren Disziplin im Studio?
Ich denke, es hilft allen weiter, wenn gegenseitiger Respekt vorhanden ist. Eine freundliche und offene Atmosphäre ist unglaublich hilfreich! Ich informiere mich nie, wie eine Band drauf ist, bevor wir anfangen. Ich hoffe einfach auf das Beste und vertraue darauf, dass wir alle aus demselben Grund im Studio sind. Das ist nicht immer der Fall, aber in 90% der Fälle werden wir gute Freunde und wenn die Band abreist, umarmen wir uns, haha.

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Trinkst du dann mit den Musikern nach getaner Arbeit auch mal ein paar Bier, oder passt so etwas für dich nicht zur professionellen Beziehung zwischen Produzent und Musikern?
Ich versuche es. Manchmal erlaubt es die wenige Zeit nicht, aber es ist immer gut, so etwas zu machen. Ich betrinke mich nicht mit ihnen, aber es ist immer klasse, außerhalb des Studios gemeinsam zusammen was Gutes zu essen, zu trinken und nicht über die Arbeit zu reden. Das verstärkt die freundschaftliche Atmosphäre noch zusätzlich, was ich für sehr gut halte.

Digital, Analog, Vintage-Amps, modernes Aufnahmeequipment, Reamping… Für manche Menschen haben diese Fragen beinahe religiöse Züge. Was ist dein Lieblingsequipment und wo siehst du dessen Vorteile?
Ich arbeite mit allem, das gut klingt. Ich mag Pro-Tools wegen der Vielseitigkeit und Flexibilität. Ich nutze ausschließlich Vintage-Pre-Amps. Ich finde die klingen einfach großartig. Hauptsächlich deutsche Übertragundsmodule aus den 60ern und 70ern – unschlagbar. Ich bin da nicht religiös, aber ich denke es gibt gute Argumente für die Nutzung von Vintageequipment. Als die hergestellt wurden, nutze man die besten Komponenten, ohne daran zu denken, wie man das meiste Geld mit ihnen machen könnte. Die Dinger wurden wie Panzer gebaut…
Ich nehme alles flat auf. Mics, Preamps, Pro-Tools. Ausgenommen den Gesang, der läuft durch einige Vintage-EQ’s und comps, sowie Purple Audio 77, welches ich absolut liebe.

In vergangenen Dekaden haben sich viele Metal-Genres soundtechnisch stark verändert, was in einem bemerkenswerten Retro-Trend resultierte. Klingen Metal-Alben 2013 besser als in den 80ern oder einfach nur anders?
Ich denke es gibt heute eine Menge Alben, die ähnlich klingen, da alle in ihrem engen Rahmen mixen und es kaum Möglichkeiten gibt, den Sound auszuschmücken. Aber trotzdem gibt es auch heute noch jede Menge Alben, die super klingen. Ich habe immer mal alte Alben im Kopf, von denen ich denke, dass sie genial klingen. Aber wenn ich sie dann höre, sehe ich ihre Qualität, die aber mit der heutigen nicht vergleichbar ist. Aber es ist einfach cool, wenn Alben unterschiedlich klingen… wie in den 80ern. Ich bin immer noch sehr inspiriert von den Arbeiten von Harris Johns und Tom und Jim Morris.

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Wirst du von der Arbeit anderer Produzenten beeinflusst, beziehungsweise versuchst du, herauszufinden, mit welcher Technik ein Kollege einen bestimmten Sound kreiert hat und probierst das dann selbst auch mal aus?
Ich werde von jeder Menge Zeug beeinflusst, die mich anmacht. Chris Lord-Alge fällt mir da spontan ein! Aber trotzdem hab ich mich nicht komplett SSL und 1176 verschrieben und bin durchgedreht, haha.

Wünscht du dir als sicherlich sehr Sound-fokussierter Hörer manchmal bei alten, legendären Alben einen besseren Sound? Stellst du dir gelegentlich vor, wie die Alben klingen würden, wenn du sie produziert hättest?
Es gibt einige Alben, bei denen das Material fantastisch ist, die Produktion aber um einiges besser sein könnte. Das bringt mich schon zum Nachdenken… wie würde das klingen, wenn ich das gemacht hätte? Aber da geht es nicht immer um Metal.

Gibt es ein bestimmtes Genre, in welchem du kein Projekt machen möchtest, oder bist du für alles offen? Wie entschiedest, ob du ein Projekt anfängst oder nicht?
Meistens bin ich für alle Dinge offen, aber es gibt Genres, bei denen ich nicht das Gefühl habe, etwas beitragen zu können. Besonders wenn ich nicht verstehe, was die eigentlich wollen. Ich versuche mich mit einer Menge verschiedener Stile auseinanderzusetzen, da mich dies dazu inspiriert Rock und Metal anders zu machen und ein neues Licht auf meine Methoden zu werfen.

Jacob_Hansen 3Gibt es ein Album, auf das du besonders stolz bist?
Da gibt es einige, haha. Das Beste ist, wenn ich eine gute Band in eine großartige verwandle. Ich denk, dass mir das einige Male gelungen ist – der Band ihre besten Seiten aufgezeigt und die schlechten verworfen. Glücklicherweise passiert das ein paar Mal pro Jahr.

Welches Projekt war für dich 2012 am spannendsten?
2012 war großartig – Amaranthe, Pretty Maids, Volbeat.

Und welches war das schwierigste/ nervenaufreibendste?
Darauf möchte ich nicht eingehen. Es gab einige schwierige Sessions, aber alle endeten mit einem guten Sound.

Gibt es eine Band, mit der du gerne in Zukunft arbeiten würdest, aber noch keine Chance dazu hattest?
King’s X, Shinedown, King Diamond, Metallica.

Letzte Frage: Kannst du uns seine kleine Anekdote aus deine Produzentenkarriere erzählen?
Ahhh…es gibt zu viele, um sie alle aufzuschreiben. Weißt du, jeder Tag macht so viel Spaß. Ich habe kürzlich erst darüber nachgedacht. Ich lache täglich mindestens fünf Mal, was, wie man mir sagte, sehr gesund ist, haha. Ich meine, 90% der Arbeit ist Spaß und der Rest ist Sklavenarbeit. Ich fühle mich sehr privilegiert, so arbeiten zu dürfen.