Interview mit Alexander Kaschte von Samsas Traum

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„Vota Tenebris I“ erschien am 26. Juni 2026 als 14. Studio-Album von SAMSAS TRAUM. Wer denkt, nach über einem Dutzend Alben müsse die Kreativität von Frontmann Kaschte ausgereizt sein, irrt gewaltig. Auch wenn die elf Tracks per se aus Ideen samsarischer Fans entsprangen, hat jeder der Songs spürbar den typisch düsteren Klang von SAMSAS TRAUM. Kaschte hat uns mit „Vota Tenebris I“ ein weiteres grandioses Album geschenkt, das auch klanglich begeistert. Über das genaue Konzept der Platte sowie Inspirationen des lyrischen Genies Alexander Kaschte haben wir mit ebendiesem gesprochen.

„Vota Tenebris I“ entstand als „kreative Crowdfunding-Kampagne“, bei der Fans Paten der Songs werden konnten. Für die Leser, die sich darunter nichts vorstellen können: Was war das genaue Album-Konzept?
Weil ich zum Leidwesen vieler die Angewohnheit habe, auf meinen Alben zwischen musikalischen Stilrichtungen hin und her zu springen – ich habe Interesse an den Produktionsmethoden unterschiedlicher Musikstile und tobe mich diesbezüglich gerne aus – wollte ich den Fans etwas Seelenfrieden und Vorhersehbarkeit bieten. Ergo: Die Fanbase durfte mir sagen, welche Arten von Songs ich ihnen schreiben soll.

Woher stammt die Idee, ein Album vollständig auf Fanwünschen aufzubauen?
Das hatte ganz unspektakulär monetäre Gründe – wie bei vielen meiner Kollegen geht es auch bei mir finanziell konstant bergab; eine Entwicklung, die alle Bereiche meiner Arbeit betrifft. Seit über einem Jahrzehnt hat meine Band mehr mit Krisenmanagement als mit Kreativität zu tun; dies betrifft neben dem Realisieren von Konzerten und Tourneen auch die Produktion meiner Alben. Der direkte Kontakt zur Hardcore-Fanbase ist da ein naheliegender Schritt, und in meinem Fall bin ich mit einer ziemlich geduldigen und loyalen Truppe gesegnet, die mir u.a. das Mastering des neuen Albums in den Abbey Road Studios in London spendiert hat.

Wie genau sah der Input der Fans aus – ging es um Themen, Stilrichtungswünsche oder sogar um konkrete Musik-Bestandteile oder Textbausteine?
Wir haben den Prozess bewusst ergebnisoffen gestaltet und so die unterschiedlichsten Anweisungen erhalten. Manche Fans wollten beispielsweise ein Stück mit politischem Gegenwartsbezug, andere wünschten sich Songs, die vom Verlust geliebter Menschen handeln – und andere wollten einfach nochmal ein Lied wie „Thanathan und Athanasia“, „Für immer“ oder „Blut ist in der Waschmuschel“.

Fiel es dir schwer, diese Ideen dann in Songs umzusetzen, die deinen eigenen Ansprüchen genügen? Gab es einen Track, bei dem es besonders herausfordernd war?
Nein, das kann ich nicht behaupten. Grundsätzlich habe ich zu Anfang jeden Wunsch auf seinen Kern heruntergedampft und eine Idee skizziert. Ideen entwickeln ab einem gewissen Punkt ein Eigenleben – dann muss man sich von allen Erwartungshaltungen lösen und ihnen den Freiraum geben, sich zu entfalten, man muss sozusagen „im Flow“ mit dem Material sein und akzeptieren, dass es sich fast eigenständig weiterspinnt. Ich habe herausgefunden, dass ich so am besten arbeite. Ich weise den Songs lieber nachträglich ihre Töpfchen zu, anstatt sie von vornherein einzugrenzen.

Gab es eine Fanidee, die dich besonders begeistert hat?
Weil ich Theatralik, Kitsch und extreme Gewalt mag – ich stehe auf südkoreanische Filme und italienische Giallos – war mir natürlich „Die Fratze meiner Einsamkeit“ wie auf den Leib geschneidert. Der rachsüchtige, schmächtige Psychopathen-Knilch ist eine Rolle, die ich auch mit 48 Jahren noch gerne spiele.

Wie zufrieden bist du mit dem Resultat? Was hätte deiner Meinung nach noch besser laufen können?
Es hätte nichts besser laufen können, ich bin mit dem Resultat sehr zufrieden. Das Album ist eines der wenigen SAMSAS-TRAUM-Alben, die ich mir selbst immer wieder anhören kann. Meist habe ich meine Musik nach ihrer Veröffentlichung gemieden, das ist bei „Vota Tenebris I“ nicht der Fall. Ich hatte diesmal besonders hohe Ansprüche an meinen Gesang und habe mich im Studio härter geknechtet als jemals zuvor; darauf bin ich stolz. Nach etlichen Platten, die von Kreischgesang dominiert wurden, steht auf „Vota Tenebris I“ wieder meine „natürliche“ Stimme im Vordergrund – da wollte ich mich nicht lumpen lassen und liefern.

Wird es in Zukunft wieder solche Crowdfunding-Projekte geben?
Wir werden als nächstes „Vota Tenebris II“ produzieren und haben auch noch „Tineoidea II“ in der Pipeline, diese Projekte bereiten uns für absehbare Zeit genug Arbeit. In den kommenden zwei Jahren möchte ich mich außerdem verstärkt anderen Bands und Projekten widmen, die Fans werden also auch ohne weitere Crowdfunding-Projekte wunschlos glücklich sein.

Der Song „Leitstern“ ist deiner Tochter gewidmet. Woher stammte die Idee, einen Song für deine Tochter zu schreiben – gab es einen konkreten Moment als Auslöser?
Die Initialzündung für den Song wird gleich in der ersten Zeile genannt: Ich habe Ronja beim Schlafen beobachtet und dabei zugesehen, wie sich die Decke immer wieder hob und senkte – und wollte ein Lied darüber schreiben.

War es für dich schwieriger oder leichter, diesen Song mit so konkret persönlichem Bezug zu schreiben, als es vielleicht bei anderen, abstrakteren Themen der Fall ist?
Weil ich auch in der Vergangenheit fast ausschließlich Persönliches in meiner Musik verarbeitet habe – das Album „Asen’ka“ handelt zum Beispiel von der Schwangerschaft meiner Frau mit meiner ältesten Tochter Anfissa, der später erschienene Song „Für dich“ richtet sich ebenfalls an Ronja – fiel mir das überhaupt nicht schwer. Autoren schreiben oft über das, was sie am besten kennen. Ich muss aber zugeben, dass ich mit den Jahren immer weniger Persönliches mit der Öffentlichkeit teilen möchte; ich möchte jetzt viele Dinge für mich behalten, um sie nicht zu trivialisieren.

Wie wirken sich aktuelle Weltgeschehnisse auf deine Musik aus?
Hast du das Bedürfnis, deinen Weltschmerz in der Musik zum Ausdruck zu bringen?
Ich empfinde keinen Weltschmerz. Ich betrachte das politische Weltgeschehen seit über einem Jahrzehnt wissenschaftlich und neutral und fühle mich von keiner deutschen Partei auch nur annähernd repräsentiert. Ich bin allerdings wie Alice Cooper der Meinung, dass das Predigen und Propagieren von Meinungen das Gegenteil von Rock’n Roll ist – ich kann interessante Sachverhalte aufzeigen und Prozesse anstoßen, denken müssen meine Mitbürger – besser: Mitmenschen! – für sich selbst. Der Spaltungsprozess, der seit längerem Einzug in das Denken der deutschen Bevölkerung gehalten hat, wurde nicht nur von rechten Parteien vorangetrieben, auch die deutsche Linke hat ihren Teil zur Spaltung des Landes beigetragen. Deutschland ist für mich verloren. Es hat keinen Kodex und wird auch keinen Kodex mehr entwickeln können. Macht mich das traurig? Nein. Deutschland hat verdient, was jetzt kommt.

Bild: Jens Meyer

Hast du manchmal das Gefühl, dass es eine große Diskrepanz zwischen „normal“ lauschenden Fans und jenen gibt, die sich wirklich ernsthaft mit den Texten auseinandersetzen?
Und würdest du kritisieren, dass es manche nicht hinreichend tun, sondern „nur“ vom Sound von SAMSAS TRAUM begeistert sind?
Wenn ich ehrlich bin, interessiert mich das nicht die Bohne. Ich bin mir sicher, dass bei 99,9% der Songs, die mir Kraft geben, die Intention des Künstlers eine andere war als die, die ich in die Lieder hineininterpretiere. Außerdem darf ich mich im Streaming-Zeitalter schon darüber glücklich schätzen, wenn jüngere ZuhörerInnen meine Lieder überhaupt durchhören – und bei Texten wie den meinigen kann ich niemandem ernsthaft zum Vorwurf machen, dass er oder sie meine Worte nicht richtig versteht oder sich nicht ausreichend mit ihnen beschäftigt hat. Am Ende des Tages bleibt es die nicht-stofflichste aller Künste: Musik.

In deiner Begründung der Cover-Wahl für „Vota Tenebris I“ beschreibst du ein Gefühl des Ankommens hinter der Sehnsucht des Bildprotagonisten Hylas, sowie die potentielle Möglichkeit, dass es SAMSAS TRAUM in der zweiten Hälfte 2026 nicht mehr geben könnte (was zum Glück wohl nicht der Fall zu sein scheint). Was genau hat dich zu dem Gedanken getrieben?
Nun – irgendwann erreicht man den Punkt, an dem man versteht, dass Lebzeit begrenzt ist und man sie fortan weise einsetzen sollte. Ich habe dreißig Jahre lang (die Zahlung muss man sich einmal vergegenwärtigen, dreißig Jahre, wow!) Leute provoziert und aufgeregt und mich mit Musik selbst therapiert. In Wahrheit wollte ich aber immer Keyboarder und Komponist sein und Filmmusiken schreiben (und tanzen können). Also? Sollte ich langsam mit dem Komponieren von Filmmusiken beginnen und Tanzstunden nehmen – oder weiterhin Alben produzieren, für die ich schlecht bezahlt werde? Die richtige Antwort lautet: Ich sollte alles machen, aber am meisten das, das ich wirklich liebe.

Das angedrohte oder angekündigte Bandende zieht sich schon viele Jahre durch die Geschichte von SAMSAS TRAUM. Woher rühren diese Zweifel am Fortbestand, und wo stehen wir aktuell – wie akut ist SAMSAS TRAUM vom Ende bedroht?
Wir haben am 2. Mai 2026 – am 30. Jahrestag meiner Band – familienintern beschlossen, dass SAMSAS TRAUM nicht mehr die erste Geige in meinem Leben spielen kann und darf. Seitdem stehen andere Dinge im Vordergrund. Der dauerhafte Krisenzustand und die mit ihm einhergehende Frustration mussten irgendwann ein Ende haben. Um dir nur ein Beispiel für Frustration zu nennen: Seit dem Tag der Veröffentlichung von „Vota Tenebris I“ sinkt die Anzahl meiner Listener auf Spotify, obwohl ich von allen Seiten gesagt bekomme, wie genial mein neues Album ist. Spotify trainiert Künstler wie pawlowsche Hunde. Wer sich von Spotify dauerhaft beeinflussen lässt, bekommt ernsthafte Kopfprobleme. Werde ich in Zukunft noch Alben veröffentlichen? Natürlich. Werde ich diese Alben ernst nehmen? Klar. Werde ich Erfolg erwarten oder mich von ihnen finanziell abhängig machen? Nach 30 Jahren, in denen ich dank meiner Fans sehr gut von Musik leben konnte, heißt die Antwort jetzt leider „Nein“. Sehr wahrscheinlich wird nun aber die beste Musik entstehen, die SAMSAS TRAUM je veröffentlicht hat – weil mir alles egal ist und ich nichts mehr zu verlieren habe.

Als Bedrohung ganz konkreter Art sehen viele Künstler – Illustratoren, aber auch Musiker – das Thema künstliche Intelligenz. In den Käfertelegrammen erwähntest du, dass du als Künstler KI nicht grundsätzlich ablehnst; welche Erfahrungen hast du bisher mit der Nutzung von KI im Kontext von Kunst gesammelt? Inwiefern nahmen diese bisher Einfluss auf deine Arbeit?
Ich verwende regelmäßig ChatGPT und lasse mir von der KI erklären, in welchen Läden ich in Tokyo die beste Auswahl an KAMEN-RIDER-Figuren geboten bekomme. Natürlich lasse ich mir von Chat auch zusammenfassen, wie beispielsweise der K-Pop-Markt in Südkorea funktioniert und gestrickt ist; weil ich Chat manchmal aber auch nach Dingen frage, von denen ich sehr viel Ahnung habe, durfte ich schon herausfinden, dass die KI ihren Nutzern des Öfteren dreist die Hucke voll lügt. Natürlich habe ich mich auch ausführlich mit Midjourney und Suno befasst; hier habe ich festgestellt, dass man sehr viel Zeit investieren muss, bis man die Ergebnisse geliefert bekommt, die einem vorschweben. Es ist nur gerecht, wenn die sozialen Medien mit KI-Slop überschwemmt werden: Wer kostenlos unterhalten werden möchte, darf sich nicht wundern, wenn der Content nichts mehr kostet. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die in den Chor der KI-Hysteriker einstimmen und sehe die Angelegenheit eher evolutionär bis darwinistisch. Als Musiker habe ich in drei Jahrzehnten den Zusammenbruch mehrerer Märkte erlebt, musste ständig neue Wege beschreiten, um mit meiner Musik Geld verdienen zu dürfen, und ich habe mich dabei mehr als einmal schmerzhaft erniedrigen müssen – ich soll jetzt Mitleid mit Buchhaltern und Illustratoren haben, die um ihre Jobs bangen? Ich bitte dich. Nehmt es sportlich und werdet besser und origineller als die KIs!

Planst du, in Zukunft KI in die Song- bzw. Albumproduktion miteinzubeziehen? Wenn ja: Rechnest du mit Gegenwind aufgrund anderer Sichtweisen, und wie lassen sich diese aus deiner Sicht diskutieren?
Auf keinen Fall – KIs greifen auf Material zurück, das bereits existiert, und verwursten es auf Basis mathematischer Muster zu vermeintlich neuen Kreationen. Ich interessiere mich aber nur für Dinge, die es noch nicht gab, und habe dies in meiner Karriere eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Meine Musik soll nach mir klingen, und das tut sie nur, wenn ich sie eigenhändig komponiere. SAMSAS TRAUM sind eine sehr seltsame und besondere Band – es ist gut, wenn wir nicht wie Taylor Swift, Helene Fischer oder WITHIN TEMPTATION klingen.

Wenn es jetzt doch erstmal noch nicht vorbei ist mit SAMSAS TRAUM: Dürfen sich Fans bald wieder auf Live-Auftritte von SAMSAS TRAUM freuen?
Nein. Das NCN-FESTIVAL im September in der Nähe von Leipzig wird für lange Zeit die letzte Möglichkeit sein, SAMSAS TRAUM live zu erleben. Nach schlecht besuchten Einzelshows, Weekendern und miserabel bezahlten Festival-Auftritten möchte ich meine Zeit nicht mehr mit der aufwändigen Planung und Organisation von Auftritten vergeuden. Mein Live-Team besteht aus insgesamt neun Leuten – zuletzt haben meine Musiker mit unseren Shows mehr Geld verdient als ich, während meine Kinder zuhause ohne mich auskommen mussten. Selbstachtung geht anders.

Vielen Dank für das Interview, Alex! Zum Schluss noch eine Runde M1-Brainstorming: Was kommt dir bei den folgenden Stichworten als erstes in den Sinn?
Unverzichtbar auf Tour: Gehörschutz – auf der Bühne und in der Schlafkoje.
Deine Fans in drei Worten zusammengefasst: Meine Fans sind loyale, leidenschaftliche Außenseiter.
Streaming: Fluch und Segen.
Fußball: Unwichtig.
Gothic vs. Metal: Beides kacke. Die interessantesten Vertreter beider Genres haben sich nie für Grenzen interessiert.
SAMSAS TRAUM in 10 Jahren: Ein Wikipedia-Eintrag. Nehmt es nicht so schwer!

Vielen Dank für das Interview!

Marina Piluso

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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