Interview mit White Ward

Mit „Futility Report“ haben die Ukrainer WHITE WARD ein überaus spannendes Debüt zwischen Black Metal und Ambient vorgelegt. Yurii Kazaryan, Yurii Kononov, Andrii Pechatkin und Sergiy Darienko standen uns zum Albumkonzept und den gemeisterten Hürden auf dem Weg zum Debüt Rede und Antwort.

Ihr habt WHITE WARD 2012 gegründet, jetzt ist euer erstes Album erschienen. Wie fühlt sich das an?
Y. Ka.: Um ehrlich zu sein, waren wir erleichtert, sobald das Album im Kasten war. Das Songwriting war schon 2013 abgeschlossen, aber dann kamen immer neue Probleme bei den Aufnahmen dazwischen, so dass sich die Veröffentlichung immer weiter verschoben hat. Manchmal hatten wir das Gefühl, die Band stehe kurz vor der Auflösung. Aber jetzt sind wir froh, dass das Album bei Presse und Hörern so gut ankommt – und immer noch froh, dass wir all den Mist hinter uns gelassen haben, der während der Produktion passiert ist.

Wie würdet ihr die Musik von WHITE WARD in einem Satz umschreiben?
Y. Ko.: Ich mag die Idee, unsere Musik in gewöhnlichen Begriffen oder Schlagworten zu umschreiben, nicht sonderlich. Wir wollen nicht immer wieder sagen: “Nun, wir spielen Black Metal, fügen aber Post-Elemente hinzu, und dann ist da noch ein Saxophon…” deswegen haben wir für Fragen wie diese eine andere Lösung gefunden – die offizielle Antwort lautet: WHITE WARD bieten intensiv andere, schwarz gefärbte Musik.

Der Witz an eurer Musik ist, wie du sagst, dass ihr Ambient mit Black Metal kombiniert und beidem dann ein Saxophon angedeihen lasst. Was hat euch auf das Saxophon als Zusatzinstrument gebracht?
A. P.:
Die Jungs hatten schon lange die Idee, Saxophon bei bestimmten Stellen von “Futility Report” zu nutzen. Ich habe diese Idee dann aufgegriffen, weil ich immer schon Fan von Bands wie Minsk, Yakuza und One Starving Day bin – Saxophon ist für mich also ein echtes Metal-Instrument. Es war allerdings schwierig, jemanden zu finden, der uns das Instrument einspielen kann. Nach über einem Jahr suchen habe ich dann Alex getroffen, der bereit war, Saxophon für alle Songs aufzunehmen. So ist die einzigartige Atmosphäre von “Futility Report” zustande gekommen.

Kennt ihr die schweizer Band Blutmond? Sie machen sehr ähnliche Musik, ebenfalls Post Black Metal mit Saxophon. Waren sie eine Inspiration für euch?
Y. Ka.: Natürlich kennen wir die Band! Ihr letztes Album “The Revolution Is Dead!” war lange in meiner Favoritenliste. Ich liebe ihren Ansatz, die griffigen Riffs und Melodien, die Saxophon-Parts, vielseitige Vocals und so weiter. Insofern, ja, sie haben mich sicher in gewisser Weise beeinflusst.

Eure Musik wird auch mit Ulvers „Perdition City“ verglichen. Was denkt ihr darüber, wie steht ihr zu Ulver? Sind sie so etwas wie Idole für euch?
Y. Ko.: “Perdition City” ist ein schönes Album, um damit verglichen zu warden. Das gefällt mir. Tatsächlich habe ich während der Entstehung von “Futility Report” aber nie an “Perdition City” gedacht. Jetzt sehe ich aber durchaus Ähnlichkeiten in der Atmosphäre – nicht in der Musik, aber in der Stimmung. Insofern war es wenn dann unterbewusst. Ulver ist eine meiner absoluten Lieblingsbands, ich mag alles von ihnen – das alte und das neue Material. “Nattens Madrigal”, “Perdition City”, “Shadows Of The Sun” und ihr neuestes Album, “Assassination…” sind meine Favoriten. Ich liebe auch ihre Herangehensweise, ihre ständigen Stilwechsel und dass sie sich ihre eigenen Regeln machen. Insofern, ja, sie sind in gewisser Weise meine Idole.

Welche anderen Bands haben dich als Musiker beeinflusst?
Y. Ka.: Als Gitarrist muss ich hier Michael Amott und Ihsahn nennen. Was den Stil und die Entwicklung von WHITE WARD angeht, gibt es noch viel mehr – Lantlôs, Amesours, Lifelover, Cult Of Luna, Rosetta, Bohren & Der Club Of Gore, Ulver, HTRK und Angelo Badalamenti.
Y. Ko.: Ich bin vor allem von zwei verschiedenen Musikrichtungen beeinflusst: Black Metal und Progressive Rock. Prog-Rock kenne ich seit meiner frühen Kindheit, mein Vater hatte eine große Schallplattensammlung und ich habe ständing Genesis, Yes, King Crimson, Peter Gabriel, Marillion und all diese Bands gehört. Später bin ich auf Porcupine Tree und all ihre Nebenprojekte gestoßen, habe Jazz und Ambient für mich entdeckt und eigentlich alles gehört, was ich in die Finger bekommen habe. Und dann gab es eine ganz besondere Phase in meiner Schulzeit, als ich mit Black Metal in Berührung gekommen bin.

Ich mag diese unbeschreibliche Magie und die Kraft der Black-Metal-Musik. Ich mochte das damals, und heute habe ich großen Respekt vor all diesen relative neuen Bands wie Wolves In The Throne Room oder Oathbreaker, die das Genre weiterdenken – aber auch vor Typen wie Ihsahn, der es schon Dekaden vorher perfekt gemacht hat und heute immer noch macht, ohne irgendwie “alt” zu werden. Als Schlagzeuger war ich aber nie von superschnellen Blastbeats oder Double-Bass-Spiel in Lichtgeschwindigkeit beeindruckt – mich faszinieren und prägen Nicht-Metal-Drummer, die diesen wunderschönen Layed-Back-Ansatz haben und subtile Dinge mit Gefühl spielen. Gavin Harrison und Steve Gadd beispielsweise.
A. P.: Neurosis, GY!BE, Swans, King Crimson, Isis, Tool, Coil oder auch Minsk.
S. D.: Ich kann mich auf keine Lieblingsband festlegen oder Namen von Bands nennen, die mich geprägt haben – alle Bands, die ich kenne, hatten einen gewissen Einfluss auf mich als Person und Musiker. Unter den wichtigsten sind aber sicher Mastodon, The Fall Of Troy, Russian Circles, KEN mode, Karnivool, The Mars Volta, „Fear Of A Blank Planet“ von Porcupine Tree und einige Alben von Boris.

Für euer Debütalbum seid ihr bei dem französischen Label Debemur Morti untergekommen. Hattet ihr mit einem Vertrag bei einem so etablierten Label gerechnet?
Y. Ka.: Nun, die Strategie war sehr geradlinig: Wir haben angefangen, ein Label zu suchen, sobald wir unseren Teil der Arbeit gemacht hatte, weil uns ein physischer Release sehr wichtig war. Also haben wir emails an all die Labels geschickt, die wir am liebsten mögen, und natürlich vor allem an die, zu denen wir musikalisch passen. Und auf einmal hatten wir dann eine Antwort von Debemur Morti Productions. Zuerst waren wir richtiggehend geschockt – aber natürlich im positiven Sinne – bevor wir unterzeichnet haben, haben wir viele Bands angehört, die bei Debemur Morti Kultstatus erreicht haben. Jetzt sind wir einfach glücklich und stolz, bei einem so coolen Plattenlabel gelandet zu sein, mit diesen Leuten zusammenarbeiten zu dürfen und mit unseren Lieblingsbands in einer Liste zu stehen.

Was ist die Idee hinter eurem Bandnamen, was bedeutet WHITE WARD für euch ?
Y. Ko.: Ein „White Ward“ (in etwa: „weiße Abteilung“, A. d. Red.) ist ein kleiner weißer Raum in einer Psychiatrie, wo Leute untergebracht sind. Diese Leute haben komplett verdrehte Wahrnehmungsfilter für die Realität. Wie du vielleicht weißt, ist die Verbindung zwischen dir und der Realität stark gefährdet, wenn du psychisch krank bist. Diese Leute haben ernste Probleme damit. Sie sehen, hören und erfahren Dinge, meist sehr wirr, düster und schrecklich. Sie sehen Dämonen, hören Stimmen und reisen an sehr ungewöhnliche Orte. Und das ist kein Fantasy – das sind nicht einfach Träume oder Einbildungen. Das sind aus ihrer Sichtweise reale Geschehnisse, die ihnen wirklich passieren – das ist ihre eigene Realität. Wir machen darüber Musik, schreiben über diese Phänomene Texte – deswegen heißt unsere Band WHITE WARD.

Worum geht es in den Texten also genau, gibt es ein umfassendes Textkonzept ?
Y. Ko.: Die Texte beschreiben geistige Probleme und Nahtod-Erfahrungen – natürlich nicht aus medizinischer Sicht, sondern aus der Perspektive dessen, der all das durchlebt. Es kommen verrückte Welten, Dimensionen und Kreaturen vor, Reisen ins eigene Innere, während man stirbt und andere verrückte Dinge. In solchen mentalen Welten zu spielen ändert die Regeln des Spiels, deswegen ist alles sehr verwirrend. All dem einen düsteren Beigeschmack zu verpassen, um es schöner und poetischer zu machen, ist unser Ziel. Wir haben das Universum, um daran zu arbeiten – darauf bin ich stolz. Politik oder Teufelsanbetung sind nicht unsere Themen – wir haben unsere düstere geistige Innerwelt voll sonderbarer Phänomene. Das ist ein großes Feld, das es zu bearbeiten gilt!

Was bedeutet in diesem Kontext der Albumtitel „Futility Report“ und warum passt er perfekt zu den Songs ?
Y. Ko.: Aus meiner Sicht ist „Futility Report“ eine Reflektion eines bestimmten Geisteszustandes, eine herausragende psychologische Erfahrung, bei der jemand den Zusammenbruch einer wahrgenommenen Realität  im Leben erfährt. Manchmal wird das auch „dunkle Nacht der Seele“ genannt. Es scheint in dem Moment, in dem du es durchlebst, die ultimative Wahrheit zu sein, und es gibt wohl nichts schrecklicheres als das, bis du realisierst, dass in Wirklichkeit das  eigene Selbstempfinden stirbt, eine illusorische Identität. Aber das ist Black Metal – wir bilden nicht die Erlösung hinterher ab, sondern nur den schrecklichen Teil.

Auf dem Cover sehen wir eine Kreatur mit Fuchs-Schädel, Hörnern und einer schwarzen Robe in einem Wald. Welche Idee steckt hinter diesem Bild ?
Y. Ko.: Es ist einfach ein schönes Bild, das ein gutes Black-Metal-Cover abgibt. Ich glaube nicht, dass ich hier tiefer graben und dem ganzen einen mystischen Sinn verleihen sollte. Das Bild ist 2010 entstanden – Jahre, bevor WHITE WARD gegründet wurden, und hat auf seine Stunde gewartet. Die Künstlerin heißt Olia Pishchanska, sie hat dann auch 2017 die ganzen anderen Bilder im Booklet von “Futility Report” gemacht, basierend auf diesem Cover-Artwork.

Spielt ihr auch live und wenn ja, plant ihr eine Tour oder zumindest Einzelgig, um „FutilityReport“ bekannt zu machen?
Y. P.: Momentan planen wir unsere erste Tour. Wir haben bereits drei Termine in Polen gebucht, es werden einige Shows in der Ukraine dazukommen und wir wollen auch in den Nachbarländern ein paar Konzerte spielen. Wenn ihr WHITE WARD also mal live sehen wollt, und wisst, wo man so ein Event abhalten könnte, kontaktiert uns über Facebook – wir wären sehr dankbar für alle Tipps!

Vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming :
Putin: Y. Ka.: Ein dichter Obskurantismus / Y. Ko.:  Schach, Disziplin und Mafia. / A.P.: KGB / S.D.: Big Brother
Black Metal: Y. Ka.: Kalt! / Y. Ko.:  Wille. Zuversicht. / A.P.: Natur / S.D.: Putin mag ihn nicht.
Deutschland: Y. Ka.: Ordnung / Y. Ko.:  Präzision. / A.P.:Meine Tante lebt dort. / S.D.:komische, lange Wörter.
Donald Trump: Y. Ka.: China-China-China / Y. Ko.:  Protz. / A.P.: Ein Typ mit cooler Frisur / S.D.:Verdauungsprobleme.
Dein Lieblingsalbum 2017 : Y. Ka.: Dale Cooper Quartet & The Dictaphones – Astrild Astrild / Y. Ko.:  Soen – Lykaia / A.P.: Isis – Panopticon / S.D.:Mastodon – Emperor Of Sand
WHITE WARD in zehn Jahren : Y. Ka.: Das wird die Zeit zeigen. / Y. Ko.:  Eine elegante Dark-Jazz-Band. / A.P.:Verwegen, fett, alt, hässlich. / S.D.:Skype-Proben und Streaming-Konzerte aus dem privaten Studio.

Vielen Dank für eure Zeit und Antworten – die letzten Worte gehören euch :
Vielen Dank für das Interview, bleibt anders und haltet euch auf dem Laufenden!