Interview mit Sharon den Adel von Within Temptation

Nachdem die für April geplanten Konzerttermine mit Evanescence fürs Erste der Corona-Krise zum Opfer gefallen sind, haben WITHIN TEMPTATION ihren Fans neuen Song spendiert. Der Track „Entertain You“ wird vielleicht einmal Teil eines Albums – wann, ist jedoch noch nicht absehbar. Sängerin Sharon den Adel erklärt, was die Idee hinter Einzelsongveröffentlichungen ist und wie die Corona-Absagen die Band treffen, deren bekanntestes Werk „Mother Earth“ in diesem Jahr 20 wird – auch das natürlich ein Thema in unserem Interview.

Hallo Sharon, vielen Dank für deine Zeit. Wie geht es dir?
Mir geht es gut, danke. Ich bin gesund und munter.

Das ist schön zu hören. Lass uns mit einem kurzen Rückblick beginnen: Vor nun genau 20 Jahren ist „Mother Earth“ erschienen, euer „Durchbruchsalbum“. Was verbindest du heute mit der Platte, wenn du an sie denkst?
Ich blicke mit viel Melancholie auf dieses Album zurück. Wie wir damals unser erstes professionelles Video in Schweden aufgenommen haben, all die großen Festivals, auf denen wir zum ersten Mal gespielt haben … und die Art und Weise, wie es uns zum Durchbruch verholfen hat: durch die Stimmen unseres Publikums in den Niederlanden! Die Radiosender wollten unsere Lieder nicht spielen, aber im Fernsehen gab es diesen Musiksender „The Box“. Du konntest dort deine Stimme für deine Lieblingssongs abgeben; die einzige Bedingung war, dass es ein Musikvideo dazu gab. Die Leute fingen an, für uns zu stimmen und wochenlang waren wir unter den ersten Drei. Aber kein Radiosender spielte uns. Schließlich kamen wir in die Top 50 der meistverkauften Singles in den Niederlanden – und dann mussten die Radiosender uns spielen. Ehe wir uns versahen, waren wir auf Platz 2 – hinter Sharkia! Das war eine Entscheidung des Publikums und nicht der Radiosender. Ich denke, das ist das größte Kompliment, das man als Band bekommen kann.

Wann hast du das Album zuletzt selbst gehört? Bist du damit noch immer glücklich?
Ich bin damit nach wie vor zufrieden. Ich glaube, ich habe es vor etwa einem Monat zum letzten Mal angehört.

Hättest du dir damals auch nur träumen lassen, dass es WITHIN TEMPTATION 20 Jahre später noch geben würde?
Ich habe es immer gehofft, aber gewusst habe ich es natürlich nicht.

Die Lieblingssongs der Fans von diesem Album sind kein Geheimnis – hast du selbst auch einen?
Ja, der Titeltrack „Mother Earth“ ist mein Favorit.

Wenn du das Werk mit eurem aktuellen Album „Resist“ vergleichst, was hat dich damals inspiriert und was inspiriert dich heute?
Damals haben wir vor allem über historische Ereignisse wie William Wallace und den Zweiten Weltkrieg geschrieben. Diese Dinge haben uns sehr inspiriert, weil in den Niederlanden oder in den uns direkt umgebenden Ländern nichts Besonderes passierte. Natürlich gab es Krieg in der Welt, aber er fühlte sich für uns nicht sehr nah an, weil unser Land damit nicht viel zu tun hatte. Aber es hat sich in der Welt, in unserer direkten Umgebung so viel verändert … und das ist heute unsere Inspiration.

Die Frage ist wegen der Corona-Krise natürlich etwas abstrakt, aber habt ihr über Special-Shows zu “ Mother Earth “ nachgedacht?
Nein, noch nicht.

Die besagte Corona-Krise hat auch eure Tournee mit Evanescence verhindert, die in diesen Tagen hätte stattfinden sollen. Wie ist das Band-Paket zustandegekommen? War es ein Wunsch der Gruppen oder eine Idee des Labels/Managements?
Vor allem von beiden Bands.

Wie sehr schmerzt die Absage/Verschiebung der Tour emotional?
Wir hatten uns alle wirklich sehr darauf gefreut. Wir haben so gut wie noch nie eine Show abgesagt. Wir spielen eigentlich immer, auch wenn mal einer von uns krank ist. Die einzige Ausnahme ist, wenn ich meine Stimme verliere, weil man mich nicht durch eine andere Sängerin ersetzen kann.

Und wie ist das finanziell? In welcher Größenordnung verliert eine Band wie WITHIN TEMPTATION Einkünfte, wenn eine so große Produktion so kurz vor Tourbeginn abgesagt werden muss?
Die finanziellen Details sind für niemanden interessant. Aber was mich sehr traurig macht, ist die Situation der Leute, die als Selbstständige für uns arbeiten. Für die gesamte Branche ist es momentan schwierig, aber ich glaube, für Leute, die für mehrere Bands arbeiten und selbstständig sind, ist es eine Katastrophe. Das hätte ja niemand jemals erwartet, dass so etwas mal passieren könnte … 

Die Shows wurden auf September verschoben. Das ist ziemlich optimistisch, da beispielsweise in Deutschland mindestens bis Ende August keine Veranstaltungen erlaubt sind und niemand weiß, ob diese Frist verlängert wird. Habt ihr keine Angst, dass auch diese Shows nicht stattfinden können?
Natürlich besteht das Risiko, dass die Shows auch im September nicht stattfinden können. Es sind sehr merkwürdige Zeiten und niemand weiß, was passieren wird. Aber an einem bestimmten Punkt müssen wir ja weitermachen und alles für den Fall organisieren, dass es wie geplant weitergehen kann. Wenn es nicht klappt, müssen wir natürlich wieder alles verschieben.

Ihr habt die Fans jetzt erst einmal mit einem neuen Song vertröstet – „Entertain You“. Worum geht es in dem Track?
Das Lied handelt davon, wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die anders sind. Es gibt immer eine Gruppe von Menschen, die nicht hineinpassen. Und irgendwie haben wir Menschen immer das Bedürfnis, zu betonen, dass sie nicht hineinpassen – indem wir sie ausgrenzen, sie auf alle möglichen Arten drangsalieren … denk an all die Videos oder die Gewalt in der Öffentlichkeit. Diese Leute haben nicht darum gebeten, anders zu sein oder wollen bewusst anders sein: Menschen sind einfach unterschiedlich. Und das ist schön! Sie sind nicht zu unserer Unterhaltung hier, damit wir uns selbst toll finden können. Wenn wir etwas ändern wollen, ist es Zeit für etwas mehr Selbstreflexion.

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War diese Veröffentlichung eines einzelnen Liedes lange geplant oder eine spontane Reaktion auf die Situation?
Der Plan war ja eigentlich, im April mit Evanescence auf Tournee zu gehen. Im letzten Jahr und im Jahr davor haben wir lange Tourneen absolviert. Für die anstehenden Konzerte wollten wir deshalb ein paar neue Songs haben, um nicht immer wieder die gleichen Sachen spielen zu müssen. Und wir hatten Lust, neues Material zu schreiben – also haben wir das gemacht. Das Schöne daran ist, dass wir den Song wirklich erst im November geschrieben und im Februar aufgenommen haben, sodass er tatsächlich nur ein paar Monate alt ist. Normalerweise müssen die Fans ja zwei bis drei Jahre warten, bis ein neues Album veröffentlicht wird – hier bekommen sie etwas, das quasi in diesem Moment geschrieben wurde.

Aufnahmen, Mix und Mastering, die Werbekampagne und so weiter – ist das nicht extrem viel Arbeit für einen einzelnen Song, der nicht auf einem Album erscheint?
Nein, weil wie bei einer normalen Albumveröffentlichung weitere Singles folgen werden und schließlich auch eine Full-Length auf den Markt kommt. Der einzige große Unterschied ist, dass diesmal das Album noch nicht fertig ist. Wann das so weit ist, wissen wir ehrlich gesagt selbst noch nicht genau.

Was erhofft ihr euch davon? Funktioniert dieses Konzept, auch finanziell?
Das wird sich zeigen.

Wie „Resist“ geht auch „Entertain You“ stilistisch einen Schritt weiter in Richtung Alternative Metal. Habt ihr keine Angst, auf dem Weg dorthin eure Fans aus früheren Zeiten zu verlieren?
Nein, Angst haben wir keine … sonst hätten wir es nicht getan. Wir selbst begrüßen Veränderungen und wir hoffen einfach, dass die Leute unsere Musik mit uns genießen – und auch die Veränderungen, die wir durchmachen.

Auch „Resist“ war nicht jedermanns Sache. Wie schwer ist es, nach so vielen Jahren eine neue Fangemeinde zu erreichen?
In gewisser Weise ist es wohl ganz automatisch passiert, denn wir sind immer noch da. Und eigentlich läuft alles sehr gut. Offenbar gibt es immer noch eine große Gruppe aus unserer frühen Fangemeinde, der unsere Musik wirklich gefällt. Außerdem haben wir viele neue Fans dazugewonnen.

Wie viel Mut braucht man für eine solche Weiterentwicklung, wenn man als Berufsmusiker von der Musik lebt und auf den Erfolg angewiesen ist?
Man muss einfach darauf achten, nah an dem zu bleiben, was man selbst gerne tut. Das ist das Wichtigste – dass du die Musik, die du schreibst, selbst magst und dass du dir nicht von anderen vorschreiben lässt, was du zu tun hast. Denn zunächst einmal schreibt man die Musik für sich selbst und dann hofft man, dass andere einen auf dieser musikalischen Reise begleiten. Jede Veränderung, die wir vorgenommen haben, haben wir voll und ganz angenommen und geliebt.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Zum Abschluss des Interviews noch ein kurzes Brainstorming:
Keine Festivals in diesem Sommer: Scheiße!
Das erste Getränk, das du in einer Bar bestellst: Weißwein
Corona-Verschwörungstheorien: Schwachsinn
Dein aktuelles Lieblingsalbum: Ich habe kein Lieblingsalbum, nur Lieblingslieder.
WITHIN TEMPTATION in zehn Jahren: Ich weiß nicht. Ich hoffe, es gibt uns noch.

Ich wünsche dir viel Erfolg mit dem Stück und hoffe, euch so bald wie möglich auf Tournee zu sehen! Die letzten Worte gehören dir.
Vielen Dank für die Unterstützung! Hört euch unsere neueste Single „Entertain You“ an und lasst uns wissen, wie ihr sie findet!

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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