
Die Ukrainer von 1914 beschäftigen sich hauptberuflich mit Politik und Geschichte – da passt es auf tragische Weise ins Bild, dass auch ihre Tour mit KATLA politisch bedingt eine lange Historie hat: Eigentlich wollten die beiden Bands nämlich bereits im Februar 2025 gemeinsam durch Europa reisen. Die Tournee musste dann aber abgesagt werden, nachdem das ukrainische Kulturministerium kurzfristig die Ausreisegenehmigungen zu kulturellen Veranstaltungen eingeschränkt hat. Nun ist es endlich so weit – und zumindest eine Band hat von der Verzögerung profitiert: GRIMMING.
Die Newcomer aus der Steiermark haben ihre erste Single „Lindwurm“ nämlich erst im April 2025 veröffentlicht. Mit einem unerwartet „traditionellen“ Bühnenkonzept und kräftig Rückenwind des ebenfalls in der Steiermark ansässigen Labels Napalm Records hat es die junge Truppe seitdem weit gebracht: Obwohl grade einmal zwei Songs veröffentlicht sind, sieht man im ausverkauften Rockhouse Saal mehr GRIMMING-Shirts als 1914- und KATLA-Merch zusammen – zumindest, wenn man die Fans in Tracht mit einbezieht. Denn das Konzept von GRIMMING ist schnell erklärt: Absolut trittfest dargebotener Death Metal, aber in Steireranzügen – oder einfach: KANONENFIEBER, hätte es den 1. Weltkrieg nicht gegeben. Statt der Mähne wird also der Gamsbart geschüttelt, und die Ansagen sind natürlich in Dialekt gehalten. Dass sich das Heimat-Konzept in Musik und Instrumentierung nicht widerspiegelt (wo bleiben Alphorn, Tuba und Akkordeon?), stört im Publikum niemand: Trotz eines aufgrund technischer Probleme vor dem Showbeginn um einen Song gekürzten 25-Minuten-Sets werden GRIMMING gefeiert wie ein Headliner.
Das genaue Gegenteil zu den Österreichern stellen die KATLA dar – und das nicht nur, weil die Dänen als Bühnenoutfit kaum mehr als abgerissene Hosen und Tattoos tragen. Auch ihre Show gehen KATLA gänzlich anders an: Statt Inear gibt es Amps, das Tempo der Songs variiert nach Lust und Laune und alles in allem wirkt der Auftritt eher wie eine öffentliche Bandprobe denn wie eine durchgetaktete Show: Drummer und Sänger Rasmus Bang nutzt die Zeit, die er am ausgeleierten Mikroständer herumschraubt, für ausschweifende Ansagen, dazwischen spielt das Trio lässig seine Songs. Diese schwimmen irgendwo im Sumpf zwischen Death Metal, Sludge und Stoner Rock – MANTAR und BLACK TUSK lassen grüßen. Das hat durchaus Stil, passt aber wenig zur Erwartungshaltung der anwesenden Fans: Grade im Vergleich zu GRIMMING bekommen KATLA eher verhaltenes Feedback. Zumindest der Gastauftritt von 1914-Gitarrist Oleksa Fisyuk (hier stilecht nicht in Uniform, sondern nur mit Hose und Tattoos bedeckt) sorgt aber zwischenzeitig für Jubel und gesteigertes Interesse.
Deutlich voller wird es vor der Bühne dann zum Showbeginn von 1914: Die Hymne des Österreichisch-Ungarischen Reichs, die auch das aktuelle Album „Viribus Unitis“ eröffnet, wirkt auf österreichischem Boden natürlich nochmal besonders eindringlich – und ist doch erst der Auftakt für eine musikalische Geschichtsstunde: Wie kaum anders zu erwarten, packt Frontmann Ditmar Kumarberg die Gelegenheit beim Schopf und geht sehr ausführlich auf die österreichische Rolle im Ersten Weltkrieg ein – insbesondere in Bezug auf Italien, wo 1914 erst am Tag zuvor aufgetreten waren: Anschaulicher und eindringlicher kann man Historie kaum vermittelt bekommen. Dass damit nicht alle Zuschauer rechnen, dürfte für 1914 mittlerweile Routine sein: Den quengeligen Zwischenruf „Music!“ in einer längeren Ansage kontert Kumarberg darum routiniert – mit dem Tipp, einfach nach Hause zu fahren und eine CD zu hören, um dann wie ein guter Geschichtslehrer ansatzlos wieder zu seinem eigentlichen Thema zurückzukehren.
Wer ausgelassene Feierstimmung sucht, ist bei 1914 wenig überraschend ganz falsch – trotzdem funktioniert hier die Mixtur aus moshbarem Metal und bedrückenden Themen deutlich besser als bei den meisten anderen Metal-Bands mit Kriegsthematik. Dafür gilt es allerdings in Kauf zu nehmen, dass die oft sehr gleichbleibend düsteren Death-Doom-Nummern in Summe wenig Abwechslung bieten. Ungeschickt ist dann der Abgang: Mit der knappen Ansage „We are 1914 from Ukraine, Fuck War“ und einem weiteren Mikedrop verlassen die Ukrainer die Bühne – eine Zugabe wirkt nach dieser eindringlichen Show jedoch so unplausibel, dass der Jubel bald verebbt und erste Fans die Halle verlassen. Ein Fehler, denn mit „A7V Mephisto“ legen 1914 dann doch noch einen Song nach, bei dem Kumarberg zudem beherzt über die Absperrung springt und aus dem Publikum heraus performt, ehe er klammheimlich aus der Halle verschwindet.
Musikalisch ist die Bandzusammenstellung fragwürdig, jede Band für sich ist in diesem Package aber eine Erfahrung und darum sehenswert: GRIMMING, um dem aktuellen Hype um die Newcomer nachzufühlen, KATLA für eine ordentliche Portion punkig-rockige Metal-Attitüde und 1914 als einer der schon ob der Umstände düstersten Bands unserer Zeit.
Facebook Instagram Bandcamp


