Bohren & Der Club Of Gore

  • München, Freiheizhalle
  • 27. März 2014

Bohren Header

Anfang des Jahres veröffentlichten die Doomjazzer BOHREN & DER CLUB OF GORE mit „Piano Nights“ ihr siebtes Album und kündigten über das Frühjahr verteilt Konzerttermine in ganz Europa an. Da die Auftritte der Herren aus Mühlheim an der Ruhr eher spärlich gesät, dabei jedoch stets ein alle Sinne beanspruchendes Ereignis darstellen, ist ein Besuch des Konzertes in der Münchner Freiheizhalle Pflicht Ende März Pflicht. Ursprünglich sollte die Band im wesentlich kleineren Milla auftreten, die große Nachfrage sorgte allerdings für die bereits deutlich vorher bekannt gegebene Verlegung.

Der Vorteil des größeren Veranstaltungsortes wird beim Betreten offensichtlich: So wartet die Freiheizhalle mit einer kompletten Bestuhlung auf, welche die langsame Musik wesentlich stimmiger zu unterstützen vermag und dem Abend somit einen zusätzlichen Hauch Kultur verleiht. Kurz vor Konzertbeginn sind schließlich nahezu alle Sitzplätze, inklusive der Barhocker am Rand der Halle, besetzt. Das Publikum ist so bunt gemischt, wie auf kaum einem anderen Konzert, sitzen hier doch bärtige Metaller mit düsteren Shirts neben älteren Herren im schicken Anzug, sitzt der Biertrinker neben dem Rotwein-Liebhaber. Dass sich niemand aneinander stört, ist dabei umso schöner.

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Nach einiger Wartezeit erlischt das Licht in der Halle, das rege Stimmengewirr verstummt – und einige Minuten lang passiert gar nichts. Auch wenn einige wenige Zuschauer dies zu spontanem Kichern oder irritiertem Flüstern animiert, steckt doch System hinter dieser kurzen Unterbrechung, da für den auf nahezu Stillstand reduzierten Stil von BOHREN & DER CLUB OF GORE eine gewisse innere Ruhe dringend nötig ist.
Schließlich betritt die Band in die Stille hinein mit knarzenden Schritten die dunkle Bühne, über den Musikern leuchten schwache Lampen auf und nach einigem Saitenknarzen steigt die Band mit „Im Rauch“, dem Opener des neuen Albums, in ihr düsteres Set ein. Der stets von Schlagzeuger Thorsten Benning eingesetzte Besen auf der Snare fügt dem Klang am heutigen Abend eine ganz eigene Note hinzu – mit gemischtem Erfolg: Während dieses Rauschen in manchen Stücken sehr gut passt, erweckt es über den gesamten Konzertverlauf häufig den Eindruck eines Störgeräusches. Dies liegt sicherlich auch daran, dass die Musik insgesamt relativ leise abgenommen ist, gerade die Snaredrum allerdings sehr deutlich hervorsticht.

Als nach dem zweiten Song eine Saite des Kontrabasses reißt, erleben BOHREN-Neulinge die andere Seite der Band: Mit Grabesstimme und ohne auch nur ansatzweise zu schmunzeln unterhält sich Christoph Clöser mit dem Publikum und reißt einen trockenen Witz nach dem anderen. Während dies normalerweise in kleinen Dosen geschieht und die Atmosphäre stets etwas auflockert, gerät die Zwangspause zu einem wahren Monolog, in welchem Clöser schließlich imaginäre Gedichte aus einem imaginären Gedichtband zitiert, was in einer Ansage mündet, die lautes Lachen und spontanen Zwischenapplaus hervorruft: „Aus unserem Gedichtband ‚Einfach und schlicht – warum nicht‘, ein Gedicht aus dem Zyklus ‚Beziehungen II‘: Gestatte, dass ich dir was koche, aber erst in einer Woche.“ Nachdem die technischen Schwierigkeiten beseitigt sind, fährt die Band fort, ihr neues Album zu präsentieren.

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Über den Verlauf des Sets treten immer wieder einzelne Instrumente in den Vordergrund, sei es der dröhnende Bass, das zart betupfte Xylophon, die sphärisch schwebenden Synthieklänge, das verschleppte Piano oder auch das mit letzter Lunge geblasene Saxophon. Ärgerlich ist, dass diese schöne Atmosphäre immer wieder vom Publikum selbst gestört wird, sei es durch das wiederholte Umwerfen von Flaschen, aufdringliches Flüstern oder dem stets ganze Reihen aufscheuchenden Toilettengangs während des Konzerts. BOHREN & DER CLUB OF GORE lassen sich davon allerdings nicht irritieren und fahren unbeirrt in ihrem Set fort.

Die Ansage, dass die Band eigentlich keine Zugaben spielt, aber heute eine Ausnahme macht, sorgt für Applaus – ist so aber Teil des Repertoires der Band. So verbeugen sich die vier Musiker schließlich nach dem mit einer verhallten Gitarre besonders herausstechenden „Komm zurück zu mir“, um daran anschließend für zwei ältere Stücke zurück an ihre Instrumente zu treten, welche den Sound des Abends noch etwas düsterer gestalten, als dies bisher der Fall war. Vor dem letzten Song schießt Christoph Clöser schließlich noch den Vogel ab, als er mit einem trockenen „Wir schreiben unsere Songs ja nach dem Motto: Keine Möbel, aber trotzdem ’ne Putzfrau“ für explosionsartiges Gelächter sorgt. Nach 90 Minuten ist es schließlich soweit, und BOHREN & DER CLUB OF GORE verabschieden sich final vom Münchner Publikum, welches aus der Trance erwacht und sich unvermittelt in einer vollständig vernebelten, hellen Halle wiederfindet.

Setlist BOHREN & DER CLUB OF GORE
01. Im Rauch
02. Bei rosarotem Licht
03. Fahrt zur Hölle
04. Irrwege
05. Ganz leise kommt die Nacht
06. Segeln ohne Wind
07. Unrasiert
08. Verloren (alles)
09. Komm zurück zu mir
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10. Karin
11. Destroying Angels

Bohren 03FAZIT: Jedem Musikfreund, der BOHREN & DER CLUB OF GORE noch nicht live gesehen hat und Gefallen an atmosphärischer Musik findet, sei ein Auftritt der derzeitigen Konzertreise ans Herz gelegt. Zwar störte sich so mancher am etwas zu laut abgenommenen Besen auf der Snare und das Münchner Publikum sorgte durch Flüstern, Aufstehen und durch das Umwerfen von Flaschen teilweise selbst dafür, die großartige Stimmung zu stören – dies ändert aber nichts daran, dass BOHREN selbst sowohl auf ihren Alben als auch im Livesetting nahezu alles richtig machen. Durch die humorvollen Ansagen, die im krassen Kontrast zur Musik des sympathischen Vierers stehen, wird jeder Liveauftritt der Band zu einem wahren Unikat, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Im Mai haben die deutschen Fans noch drei Mal die Gelegenheit BOHREN & DER CLUB OF GORE live zu erleben:

09.05.2014 Köln, Philharmonie
16.05.2014 Leipzig, Parkbühne Geyserhaus
17.05.2014 Berlin, HO

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