Festival-Mediaval VII – Tag 2

  • Goldberg, Selb
  • 12. September 2014 - 14. September 2014

Der zweite Tag beginnt in Selb für alle Hartgesottenen um 10.30 Uhr mit dem jährlichen Bandcontest in der Kategorie „Spielmann“. In den letzten Jahren wurde frühe Anwesenheit bei den beiden Wettbewerben am Samstag und Sonntag Vormittag immer mit mindestens einem Ausnahmekünstler belohnt. Das ist dieses Jahr nicht so. Zwar muss RICHARD VON MINNESANG als dritter Teilnehmer kurzfristig (und ersatzlos) gestrichen werden, doch dafür überzeugen sowohl THE CELTIC GOBSHITES als auch HILLARIOUS mit ihrem irischen Folkrock. Bei den GOBSHITES sticht besonders der Brite Dan E. Beagh am Mikro hervor, der durch sein Charisma nebst persönlicher Hymne an Irland namens „I Hate Farming“ punktet und so einen maßgeblichen Anteil dazu beiträgt, dass sich seine Band am Ende mit knappem Vorsprung durchsetzt. Die GOBSHITES als erster Teilnehmer lassen es sich auch nicht nehmen, bei ihren „Konkurrenten“ vor der Bühne mit Tanzeinlagen für ordentlich Stimmung zu sorgen. Ein schönes Bild trotz Konkurrenz und so gibt es am Ende zwar nur einen Gewinner des Contests, doch mit den Frühaufstehern am Festival-Mediaval ungezählte weitere Sieger. Der einzige Wermutstropfen gebürt an dieser Stelle IMPIUS MUNDI, die sich mit dem Contest das Publikum teilen (müssen) und als Vorjahressieger in der Kategorie Rock den Festivaltag auf der Hauptbühne eröffnen. Besonders mit „Fahr zur Hölle“ beweist die Combo jedoch erneut, warum sie letztes Jahr den Goldenen Zwerg gewinnen konnte.

SONY DSCWährend PURPUR gen Mittag den zweiten Festivaltag auf der Burgbühne eher ruhig eröffnen, steht anschließend mit FIRKIN ein weiteres Highlight auf dem Programm. Die Ungarn haben bereits letztes Jahr auf dem Shamrock Castle bewiesen, wie schnell sie ihr (mehrheitlich neues) Publikum begeistern können und das relativ simpel gestrikte Konzept mit Flöte, Geige und Gesang als Dreh- und Angelpunkt geht auch in Selb ein Jahr später auf. Stellvertretend für den originell-ansteckenden Stilmix sei an dieser Stelle „If I Could Be The Pope“ genannt. In Deutschland noch größtenteils unbekannt erinnert die Musik an eine Mischung aus Russkaja, den Dropkick Murphys und Fiddler’s Green. Mit Geigerin Lili verfügt die Kapelle über einen echten Hingucker, die darüber hinaus ihr Instrument beherrscht. Was sonst noch musikalisch im osteuropäischen Siebener steckt, wird auch beim allseits bekannten “Whiskey In The Jar” deutlich: FIRKIN sind auf Zack. Besonders Geigerin Lili und PJ an den Flöten sind das belebende Element auf der Bühne, vor allem im direkten Zusammenspiel. Als Kollektiv entstauben die Ungarn sogar den “Lord Of The Dance”, ehe mit dem “Drunken Sailor Song” ein weiteres Highlight folgt. FIRKIN bauen den bekannten Chorus um und erschaffen damit ein völlig neues Lied, welches sich live als bestes Feiermaterial erweist. Genau wie der Rest der Show.

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Danach geht es bei PAMPATUT und JONNY ROBELS deutlich gemächlicher zu, dafür nicht minder unterhaltsam. Während Holger Hoffmann und Max von Gluchowe alias PAMPATUT regelmäßige Gäste beim Festival Medival sind und dieses Mal unter anderem Wenke Myhres „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ zu „Ich hab einen Knall und ein Gummiboot“ ummodeln, erweist sich JONNY ROBELS mit seiner Harfe als ähnlich wortgewandt und witzig. So besingt er in bester Udo-Jürgens-Manier die Tatsache, dass er noch nie in Haitabau gewesen ist, wagt sich an seine eigene Interpretation von „Stairway To Heaven“ und schafft es im wahrsten Sinne des Wortes spielerrisch, das etwas dröge Thema „Bauschaum“ kurzweilig zu gestalten. Beide Acts leben allerdings ganz klar vom Live-Erlebnis, am besten auf kleineren Marktbühnen, und weniger von der geschriebenen Reportage über ihre Wortspiele und Artverwandtes. Dazu zählt Holger von PAMPATUT zu den besten Drehleierspielern seiner Zunft, was leider im auf Comedy ausgelegten Bühnenprogramm des Duos oftmals zu sehr in den Hintergrund rückt.

Verträumt und mystisch präsentieren sich die US-Amerikaner WOODLAND mit ihrer Weltmusik. Die Band aus dem Nordosten Amerikas verwebt eigene und traditionelle Melodien mit „bardischer Poesie“ und kann mit ruhigen Gitarren- und Harfenklängen punkten. So erinnern Lieder wie „Cupid’s Arrow“ stark an OMNIA, die aus dem Festival-Lineup noch der nächste Verwandte zu WOODLAND sein dürften. Mit viel Authentizität und feengleichen Stimmen erschaffen die Musiker eine spirituelle Atmosphäre, die bei entsprechender Empfänglichkeit für derlei ruhige Klänge in den Bann zieht. Wer allerdings, aufgeputscht von FIRKIN als direkten Vorgängern auf der Hauptbühne, auf härtere Musik gehofft hat, nutzt diesen Auftritt wohl eher für Kulinarisches und das vielfältige Marktprogramm an den drei Nebenbühnen. Spektakulär-Mitreißendes sucht man hier jedenfalls vergeblich.

SONY DSCNach mehrjähriger Abstinenz kehren SCHAGAI mit Allroundtalent Marcus van Langen als Sprachrohr zurück nach Selb. Hauptsächlich auf Instrumentales konzentriert zieht die fünfköpfige Multi-Kulti-Band mit ihrer Mischung aus mystisch-mongolischem Obertongesang und metallastigen Riffs all jene in ihren Bann, die auf Experimentelles auf Fernost stehen. Durch dieses Projekt ist es Spielmannsveteran Van Langen gelungen, den Obertongesang von Transmongolia mit modernen Elementen zu kombinieren, so dass das Ergebnis deutlich allgemeingängiger ist. Mittendrin kommt es erwartungsgemäß zu einem Gastspiel der übrigen Bandmitglieder von DES TEUFELS LOCKVÖGEL, was den positiven Gesamteindruck des Auftritts angenehm abrundet. Einzig die deutsche Sprache in den Songtexten wirkt ab und an etwas unpassend und insgesamt erreicht der Auftritt nicht ganz den Level des Debüts vor einigen Jahren.

SONY DSCLetztes Jahr verdiente die deutsche-britische Kooperation CARA noch das Prädikat „musikalisch wertvoll und niedlich“. Besonders durch die Unbekümmertheit und die dazu passenden Melodien von Frontdame Jeana Leslie avancierte die Combo letztes Jahr zu einem kleinen Geheimtipp, der im Laufe seines Auftritts stetig mehr Publikum vor der Bühne versammelte. Wenig überraschend also, dass CARA bereits ein Jahr später erneut den Goldberg bespielen, passend zum diesjährigen Fokus. Am Erfolgsrezept hat sich erwartungsgemäß wenig getan: So funktionieren die einfachen wie eingängigen Melodien, meistens von der Geige als zentralem Instrument geführt, immer noch herzerfrischend simpel. So ein bisschen wirken CARA wie die neue Gute-Laune-Bastion des Mediaval und im Zuschauerraum wird fröhlich gegrinst und getanzt, genau wie auf der Bühne, wo Jeana mehrfach wirklich überwältigt davon wirkt, wieviele Herzen ihr in Selb zufliegen. Zum Irland-Schottland-Special 2014 passt die Band wie das Guinness in den Pub.

SONY DSCGleiches gilt für THE RAPPAREES: Fünf Schulfreunden aus Belfast, die seit 2006 zusammen Musik machen. Und das tun sie sehr gefällig. Bei „The Outlaw Raparee“ und „Belfast Mountains“ ist die Geige erneut das prägende Instrument, doch der Fünfer versteht es gleichermaßen Bodhran und Gitarre ins Zentrum zu rücken. „Irische Banditen“ lautet die freie Übersetzung des Bandnamens und gleichzeitig fasst dies auch das Zusammenspiel der Jungs zusammen. Frei von der Leber weg spielen sie ansteckende Tanzmelodien, die zwar einem gewissen Schema folgen, aber dennoch durch überraschende Breaks und Übergänge für vereinzelte Überraschungen sorgen. Dazu versteht es Balladenexperte Joe McKeague sich selbst und seine Band entsprechend zu verkaufen, so dass der Auftritt nicht allein von der abwechslungsreichen Musik lebt. In den irischen Medien wird die Kapelle als Geheimtipp für die Zukunft gesehen. Nach dieser Show in Selb dürfte sich dieser Tipp auch auf das europäische Festland herumgesprochen haben.

SONY DSCAuf der Hauptbühne kommt mit OMNIA im siebten Jahr die bewährte Allerweltswaffe des Festival-Mediaval zum Einsatz. Begeisterten die Niederländer 2012 noch mit einer furiosen Headliner-Show, so sprangen Stenny und Co. im Vorjahr kurzfristig als Ersatz für Gjallarhorn ein. Bei der diesjährigen Ausgabe sind OMNIA mit ihrem neuen Album „Earth Warrior“ direkt als fester Bestandteil des Billings vorgesehen und stehen stellvertretend für die gesamte Veranstaltung. Qualitativ erreicht der Auftritt einen ähnlichen Level wie im Vorjahr, wobei die Setliste gegen Ende stark instrumental geprägt ist und ähnlich wie 2013 die Power und der Drive ein wenig fehlen. Mit Satrya stellen OMNIA ihren neuen Gitarristen vor, der die Combo auch auf ihrer Wintertour begleiten wird und sich musikalisch wie optisch nahtlos ins Konstrukt einfügt. Durch den zusätzlichen Musiker ist Steve häufiger an der Flöte und weniger an der Gitarre zu hören, während Jenny vergleichsweise sporadisch mit ihren Harfenklängen verzaubert. Das Klavier scheint bei ihr eher zur jetzigen musikalischen Ausrichtung der Band zu passen. Während der Show dürfen natürlich Kontaktjongleur Kalvin Kalvus sowie Feuerkünstlerin Ayuna nicht fehlen und insgesamt zeigen OMNIA erneut, wie und warum sie sozusagen mit dem Festival gewachsen sind. Kleinere Reibungsverluste sind bei so viel musikalischer Freiheit unvermeidlich.

SONY DSCEbenso gut, wenngleich auf ganz andere Art, passen auch IRISHSTEIRISCH zum Motto des Festivals. Die gut gelaunte Band aus der Steiermark verbindet typische Melodien, Instrumente und Gesänge aus ihrer österreichischen Heimat mit traditionellen irischen Klängen. Was sich zunächst befremdlich liest, klingt letztendlich doch wahnsinnig gut. Natürlich muss man bei Genre-Kombinationen wie diesen als Zuhörer immer ein Grundinteresse an beiden Genres mitbringen, doch wer sich an Ländlern und Mundart nicht stört, hat bei IRISHSTEIRISCH seinen Spaß. Wie auch schon bei den CUBABOIRISCHEN oder den GLOBAL KRYNER aus  ländlichen Gebieten Bayerns, die ähnliche Kombinationen wagen und damit sehr erfolgreich sind bzw. waren, geht das Konzept voll auf. Viele Festivalbesucher tanzen mit, und es wird fleißig mitgeklatscht. Bei Stücken wie dem „Arabischen Landler“ wird es auch musiktheoretisch höchst anspruchsvoll, wenn die irische Fidel den steirischen Landler um arabische Elemente erweitert. Auf derlei Experimente folgen einige weitere von ähnlicher Couleur. Wer bereits zu Beginn damit warm wird, dürfte im Laufe der Abendshow richtig Feuer fangen. Alle anderen haben die ersten fünf Minuten wahrscheinlich nicht vollständig erlebt und widmen sich entweder den Marktständen oder dem Headliner.

SONY DSCWährend der Umbaupause wird der Blick auf die eigens für die „Mitgift“-Tour entworfene Bühne sichtbar, und einmal mehr wird hierin die liebevolle Herangehensweise von SUBWAY TO SALLY an ihre Musik deutlich, welche eben auch in Kostümen und Designs ihren Ausdruck findet. Auf verschieden hohen Elementen, durch Maschendrahtgitter getrennte Abschnitte, Kachelaufdrucke, die den Eindruck einer verlassenen Metzgerei erwecken, und bedrohliche Backdrops mit Spritzen wird das Publikum schon vor Beginn des Konzerts in die richtige Stimmung für die folgenden „Mördergeschichten“ gebracht.
Schließlich ist es soweit, das Licht erlischt und zu kalten, elektronischen Tönen begeben sich die sieben Bandmitglieder auf die Bühne. Ohne weitere Sperenzchen steigt die Band mit „Warte, warte“, dem härtesten Song des neuen Albums, in das Set ein und lässt direkt danach die Single „Schwarze Seide“ folgen. Beide Nummern werden vom Publikum mitgesungen und gefeiert. Während Eric Fish sich etwas unglücklich beim „Medieval“ für die Rückkehr bedankt, spielen SUBWAY TO SALLY so locker und befreit wie bei ihrer letzten Tour auf, wenngleich die Publikumsinteraktion etwas kürzer kommt.
Die Setlist wühlt sich einmal quer durch die gesamte Diskographie, wobei besonders „Unter’m Galgen“ und „Traum vom Tod II“ die Fans der früheren Tage erfreuen. Nach „Tanz auf dem Vulkan“ verabschiedet sich die Band – und erst jetzt beginnen einzelne Stimmen im Publikum das unvermeidbare „Julia und die Räuber“ lautstark anzustimmen. Was dann folgt? Klar. „Julia und die Räuber“ wird nach einigen weiteren Zugaben gebührend gefeiert, und auch wenn es nicht wirklich zu den anderen Songs der Setlist passt, macht es ja doch immer noch Spaß, zumindest ein wenig. Danach ist dann allerdings wirklich Schluss. Wirken die einzelnen Bandmitglieder durch ihre Körpersprache zugegebenermaßen nicht immer grundsympathisch und zugänglich, so kann man SUBWAY TO SALLY für ihre Headliner-Show aus musikalischer Sicht kaum einen Vorwurf machen.

SONY DSCLast but not least endet der Festivalsamstag wie im letzten Jahr mit einem Schauspiel, dem Worte kaum gerecht werden können. Erneut versammelt Vorzeigespielmann Marcus Van Langen einige willige Marktmusiker um sich herum, um zur großen NACHT DER SPIELLEUTE einzuladen. Mit dabei im fröhlichen Chaos sind dieses Jahr unter anderem DES TEUFELS LOCKVÖGEL, MINNEPACK, JOHNNY ROBELS und Teile der CELTIC GOBSHITES. Das (nicht vorhandene) Konzept orientiert sich am Vorjahr, mit einigen Traditionals als lose Anker des fröhlichen Miteinandermusizierens. Allerdings zieht sich das Schauspiel nicht mehr ganz so lang und auch die Technik erweist sich bei der unübersichtlichen Menge an Musikern als relativ widerspenstig. Bühnenveterane Van Langenkaschiert dies spiellerisch mit einer Menge Charisma. Dadurch erreicht die Stimmung nachts durch viel Interaktion und noch mehr Improvisation selbst bei Regen, Matsch und Wind ein ansprechendes Niveau. Wehe, wenn sie losgelassen…

SONY DSCAm Ende steht erneut ein musikalisch überzeugender Samstag mit einem nennenswert starken Bandcontest und viel Kurzweil auf den kleinen Bühnen. Insgesamt lebt der Tag wieder von seiner Vielfalt und musikalischer Qualität unterschiedlicher Couleur. Als Geheimtipp können FIRKIN sich für weitere Auftritte empfehlen. Während OMNIA und SUBWAY TO SALLY für die meisten Besucher hinsichtlich persönlicher Präferenzen im Vorhinein wohl abschätzbar gewesen sind, erweisen sich IRISHSTEIRISCH und THE RAPPAREES im Nachmittags- bzw. Abendprogramm als große Wundertüten. Aber auch dafür ist das FESTIVAL-MEDIAVAL inzwischen bekannt – und populär.

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