

In einem hart umkämpften Contest um den Goldenen Zwerg mit der Kategorie „Rock“ treten am frühen Samstag DTORN, LYKANA und BOSPARANS FALL gegeneinander an. Alle drei Bands profitieren auch dieses Jahr davon, dass der Contest nun später beginnt und sich dadurch mehr Besucher vor der Theaterbühne einfinden. DTORN ordnen ihre Musik selbst irgendwo zwischen Darkwave, Folk, Neoklassik und Chanson ein. Zum „Gothic“-Motto des Festivals passen sie musikalisch am besten. Getragen wird der Auftritt von Frontmann und Stimme Torsten, der sich früh von der Bühne in den Zuschauerraum verabschiedet und dort die meisten Stücke singt. Ein cleverer Schachzug und insgesamt ein gelungener Auftritt mit einigen nachdenklichen Momenten, der am Ende dennoch nicht zum Sieg reicht.
Die Werwölfe von LYKANA, zunächst fälschlicherweise als Vampire tituliert, spielen als Dreigespann im Anschluss straighten Folk-Metal, der textlich von Mythen, Sagen und Legenden inspiriert ist. Optisch wie musikalisch verfolgt die Band ein klares Konzept, welches für einen Newcomer-Contest ebenfalls überzeugt und noch genug Raum für kreative Weiterentwicklung bietet. Am Ende machen das Rennen BOSPARANS FALL als dritte Band, die ihren melodischen Death-Metal thematisch im Pen-&-Paper-Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ ansiedeln. Inszeniert wird dieser kreative Mix von talentierten Musikern, die in ihren 30 Minuten Spielzeit passend gekleidet und mit einigen Ansagen garniert eine kleine Geschichte im DSA-Universum erzählen.

Als erste Band auf der Hauptbühne beweisen TOTENKOPF STRUMPFSOCKIG nach dem Gewinn des letztjährigen Contests, dass ihre Musik auch auf der großen Bühne funktioniert. Optisch und mit ihrer „akustischen Nahrung für dunkle Seelen“ passen sie dieses Jahr noch besser zum Gothic-Rahmen des Festivals. Neben dem am selben Tag releasten „Dämonen“ präsentieren die strumpfsockigen Totentänzer zwei noch unveröffentlichte Stücke zusammen mit den am Goldberg bekannten „Wanderlust“, „Hexe“ oder „Fear“. Zum krönenden Abschluss holt sich die Band zwei zusätzliche Dudelsäcke als Verstärkung auf die Bühne, was von den Zuschauern wohlwollend aufgenommen wird. Die Zugabe gibt es dann passend zum Bandnamen strumpfsockig, und es bleibt zu hoffen, dass dieser eigenwillige wie sympathische Act weitere Auftritte auf Festivals wie dem MEDIAVAL spielen darf.

AN ERMINIG zählen mit ihrer bretonischen Musik zu den erfahrensten Acts des diesjährigen FESTIVAL-MEDIAVAL. Die 1975 in Bonn gegründete Gruppe, deren Name „Hermelin“ auf das heraldische Symbol der Flagge der Bretagne verweist, bringt mit ihren charakteristischen Melodien die Atmosphäre eines echten Fest-noz nach Selb, primär geprägt von Harfe, Flöte und Akkordeon. Mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung von Auftritten auf Folk-Festivals wie dem TFF in Rudolstadt verknüpfen sie traditionelle bretonische Tänze mit lebendigem Bühnengeist. Die Zuschauer erleben ein gelungenes Zusammenspiel aus energiegeladenen Instrumentalstücken und animierenden Rhythmen – ein Auftritt, der nicht nur Kenner der Großregion Saar-Lor-Lux begeistert, sondern auch jene, die die Vielfalt europäischer Folk-Traditionen neu entdecken und dazu das Tanzbein schwingen wollen.

Mit DEUS VULT kehrt der Mittelalter-Rock zurück an den Goldberg. Vor sechs Jahren trat die Band zum ersten Mal beim MEDIAVAL auf, inzwischen haben sie sich in der Szene festgespielt. Konzeptionell und musikalisch ist bei den sieben Mittelalter-Rockern aus Bayern immer noch alles beim Alten: Eigenkompositionen wie „Baba Jaga“ und „Tanz mein Kind“ werden angereichert durch Partyerprobtes wie „Seven Nation Army“ oder „Hypa Hypa“. Speziell dieser Wiedererkennungswert hilft, um etliche Besucher bei der Hauptbühne zu versammeln.

Auch SÖREN VOGELSANG ist mit seiner neu formierten Band in diesem Jahr auf der kleinen Theaterbühne vertreten – ein Ort, der wie gemacht ist für die Mischung aus augenzwinkernden Texten, eingängigen Melodien und lockerer Publikumsansprache. Das letzte Mal stand er 2010 als „Das (halbe) Niveau“ auf den Bühnenbrettern des FESTIVAL-MEDIAVAL, es wurde also längst Zeit für ein Comeback. Mit Songs wie „Yeti“, „Nerd“, dem Titeltrack seines letzten Albums „Optimismus Prime“ sowie dem traditionellen irischen „The Rattlin’ Bog“ deckt das Set sowohl eigene Stücke als auch klassische Folk-Elemente ab und bietet damit einen abwechslungsreichen Querschnitt seines Repertoires. Ein denkwürdiger Moment entsteht schließlich, als Tranca’s Trabanten für einen Gastauftritt auf die Bühne kommen. Die gut gelaunten LARPer, mit denen Sören im Vorjahr selbst übers Festival-Gelände zog, sorgen nicht nur für spürbar ausgelassene Stimmung, sondern auch für eine amüsant beengte Situation auf der kleinen Bühne. Sören und seine Mitmusiker überzeugen an diesem Spätsommernachmittag mit einem nahbaren, charmanten Auftritt, der ohne große Effekte auskommt und gerade dadurch bestens ins Gesamtbild des Festivals passt.

Mit HEITER BIS FOLKIG stehen beim FESTIVAL-MEDIAVAL XVI eingefleischte Wiederholungstäter*innen auf der Bühne. Zum 20-jährigen Bandjubiläum präsentiert die Formation mit zahlreichen Gastmusiker*innen ein liebevoll ausgewähltes Set, das gewohnt stimmungsvoll, aber ohne große Überraschungen auskommt. Der Name ist wie immer Programm: Ruhigere Folk-Songs wie „Over The Hills“ wechseln sich ab mit Kalauern wie „Sonnenseite des Lebens“, das augenzwinkernd um Macarena-Elemente ergänzt wird. Mit „Die Waffen einer Frau“ stellen HEITER BIS FOLKIG zudem einen neuen, eingängigen Titel vor – und kündigen damit auch ein neues Album an. Dass für die Band augenscheinlich noch lange nicht Schluss ist, rufen sie auf der Bühne selbst aus: „Soll nach 20 Jahren nochmals 20 Jahre so weitergehen!“ . Neben „Wenn ich du wär, wär ich lieber ich“ gehört schließlich auch ein Jubiläumsmedley zum Programm. Spätestens bei „Saufen für den Weltfrieden“ hat sich das Publikum dann auch fröhlich eingeschunkelt, eine Polonaise zieht durch die Reihen. Mit „Men Of Erin“ findet das Konzert allerdings einen ruhigen Abschluss. Insgesamt liefern HEITER BIS FOLKIG das ab, was man von ihnen erwartet: einen launigen Auftritt, der zuverlässig gute Stimmung beim entsprechenden Publikum, aber nicht darüber hinaus, garantiert.

Mit LETZTE INSTANZ feiert eine weitere Band ein Wiedersehen beim FESTIVAL-MEDIAVAL, im Fall der Ostdeutschen allerdings zum letzten Mal. Ende 2025 werden die Brachialromantiker aufhören, die Show am Goldberg ist ihr letztes Open-Air. Zu diesem Anlass bietet die INSTANZ nochmals einen bunten Querschnitt aus ihren 27 Jahren Bandgeschichte, unter anderem Klassiker wie „Geigenschüler“ und „Kalter Glanz“. Zunächst braucht es allerdings, bis die Band als folk-rock-poppiges Kollektiv ins Rollen kommt und eingegroovt ist. Durch technische Probleme oder andere Faktoren beeinflusst, wirkt das Zusammenspiel aus Hollys Gesang und dem instrumentalen Fundament in den ersten Songs unrund. Im Laufe der rund 75-minütigen Show bessert sich dies allerdings, und so kann die INSTANZ zusammen mit ihren Fans auch noch einmal die letzte EP „XVII“ live zelebrieren. „Wir stehen hier“ bringt es dabei stimmig auf den Punkt, sowohl lyrisch als auch kompositorisch, erreicht aber – wie vieles von den letzten Alben – weder die emotionale Tiefe der ersten Werke noch den Level eines „Flucht ins Glück“, „Mein Todestag“ oder dem ausgiebig zelebrierten „Egotrip“. Am Ende bleibt dennoch ein würdiger Abschied, der von Seiten der Band mit offenkundig viel Dankbarkeit und Liebe wertgeschätzt wird. Das zeigen unter anderem auch die Worte von Geiger Muttis Stolz, der als einziges Gründungsmitglied bis heute aktiv ist.

QNTAL zählen (mit und ohne besondere Shows) zu regelmäßigen Gästen in Selb. Für ihre Akustik-Show im Rahmen des Gothic-Special holen sich die Szeneveteranen mit Ex-FAUN-Sängerin Lisa Pawelke eine besondere zweite Stimme mit ins Boot, die auch an der Harfe zu hören ist. Dazu gesellen sich mongolische Einflüsse von Naranbaatar Purevdorj. Dieser steuert unter anderem das Intro zu „Winterly Waves“ bei, das er sowohl mit seiner mongolischen Pferdekopfgeige als auch mit Kehlkopfgesang veredelt. Als Samstags-Headliner hinterlässt die Band einen rundum gelungenen Eindruck und zieht besonders die Menge vor der Bühne in einen kollektiven Bann. Auch wenn es mitunter weniger akustisch zugeht wie beim elektronischen Bergwerk-Remix von „Frühlingslied“. Ganze vier Songs des neunten Studiowerks „Qntal IX – Time Stands Still“ lassen QNTAL in ihre Setlist einfließen, darunter das überaus gelungene „Qui Est Deus“ im ersten Drittel und die sehr eigenwillige Interpretation von Blue Öyster Cults „Don’t Fear The Reaper“ im Zugabenblock. Live entfaltet dieser, genau wie viele andere Stücke, einen besonderen Charme. Für ein optisches Highlight neben der Musik sorgt Beatrice Baumann mit ihrer Tanzeinlage, die wunderbar auf die Musik von QNTAL abgestimmt ist. Nach gut über einer Stunde Spielzeit gipfelt der Auftritt schließlich in „Ad Mortem Festinamus“ als finalem Rausschmeißer und letztem Song des Festival-Samstags an der Burgbühne.

Wer zur gleichen Zeit mehr Lust auf Feiern und Trinken hat, für den bieten DIE HABENICHTSE im Hafenviertel eine willkommene Alternative. Diese haben mit „Schmierentheater“ ihr aktuelles Album dabei und präsentieren dies sympathisch, feiertauglich und spielfreudig. Zu „Schorle“ wird die Menge standesgemäß in „Wasser“ und „Wein“ geteilt, die sich wenig später wieder vereinen. Immer wieder tauchen auch Gäste auf, wie z. B. der reiche Sack vor „Gierig und faul“, ehe am Ende bei „Den Humpen erhoben“ plötzlich fast so viele Musiker auf wie Fans vor der Bühne sind. Ihr „Schmierentheater“ nehmen die Nordlichter live überraschend wörtlich, und besonders das Partyvolk kommt voll auf seine Kosten. Dass sich DIE HABENICHTSE auch vor klaren politischen Botschaften nicht scheuen, beweisen sie mit „Lieber dreckig als braun“ und einer laut umjubelten Pride-Flagge.

Eigentlich waren DEINE LAKAIEN mit einer Akustik-Show analog zu QNTAL als Headliner für den Festival-Samstag geplant. Nach der Absage von Ernst Horn und Alexander Veljanov entschieden sich die Veranstalter für einen ziemlich radikalen Kurswechsel und vergaben den Platz an die italienischen Power-Metal-Zwerge WIND ROSE. Spätestens seit ihren letzten Alben und einer Tour im Vorprogramm von POWERWOLF haben die Italiener den Durchbruch geschafft, ursprünglich begünstigt durch ihr virales Cover des Minecraft-Songs „Diggy Diggy Hole“. Dieser darf natürlich auch beim MEDIAVAL nicht fehlen, und alle, die bei DIE HABENICHTSE bereits in Stimmung gekommen sind, können an der Hauptbühne nahtlos weiterfeiern – wenngleich mit deutlich mehr Metal als Folk. In den ersten Reihen werden bereits zu Beginn die Kreuzhacken aus Schaumstoff in die Luft gereckt, während die fünf Musiker mit „Of Ice And Blood“ sowie „Dances Of The Axes“ schnell die Marschrichtung für die nächsten rund 75 Minuten vorgeben. Wer gegenüber Power Metal aufgeschlossen ist und eine Affinität für Fantasy-Themen – speziell im Tolkien-Universum – hat, kommt hier zweifellos auf seine Kosten. Für alle anderen dürften sich die eingängigen Melodien und sehr ähnlichen Songstrukturen schneller abnutzen. Dazu kommt, dass einige Elemente vom Band eingespielt werden und WIND ROSE nicht den Eindruck vermitteln, als würden sie hier mehr als eine weitere Festival-Show nach Schema F spielen. Dazu passt auch die bereits angesprochene Spielzeit, die 15 Minuten kürzer als angekündigt ausfällt. Für einen Headliner keine gute Visitenkarte. Allerdings war nach gut über einer Stunde alles zu WIND ROSE und ihrer Musik erzählt.

Von der verkürzten Spielzeit des Headliners profitieren THE LONGEST JOHNS, die im Hafenviertel den Tag beschließen. Ganze 23 Songs haben die Briten im Gepäck – von folkigen Eigenkompositionen über Sea Shantys bis hin zu Klassikern wie „Leaving Of Liverpool“ oder „Drunken Sailor“. Ohne großen Bühnenaufbau und mit einer eher statischen Performance könnte ihre handwerklich wie stimmlich exzellente Darbietung kaum stärker im Kontrast zu WIND ROSE stehen. Auch THE LONGEST JOHNS verdanken einen Teil ihres Erfolgs einem Social-Media-Hit: Viele dürften sich noch an den „Wellerman“ erinnern, der einst TikTok und zahlreiche andere Plattformen eroberte. Etwa zur Hälfte ihres Mediaval-Sets integrieren sie den Song ebenfalls – ohne selbst großen Wirbel darum zu machen. Das übernehmen vielmehr die hartgesottenen Fans, die sich zu später Stunde noch vor der Bühne versammeln und begeistert mitsingen. Wer es nach dem langen Samstag etwas ruhiger angehen möchte, kann diesen Auftritt ideal nutzen, um bei einem letzten Getränk am Goldberg den Tag entspannt ausklingen zu lassen.
Auch wenn man den Gothic-Anteil am Samstag etwas gezielter suchen muss, überzeugt das FESTIVAL-MEDIAVAL mit einem farbenfrohen und äußerst abwechslungsreichen Programm zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die teils überschneidenden Bandauftritte erweisen sich dabei als gelungene Entscheidung: Statt sich gegenseitig das Publikum streitig zu machen, sind alle Bühnen durchweg gut besucht. Ob man den Partymarathon bevorzugt, sich lieber ruhigeren Klängen hingibt oder es folkiger mag – beim FESTIVAL-MEDIAVAL kommt jeder auf seine Kosten.



Danke für eure super Berichte – da kommt man nochmal super in den Erinnerungen schwelgen.