Festivalbericht: Feuertanz Festival 2015 – Tag 2

20.06.2015 Burg Abenberg

Der zweite Tag auf dem FEUERTANZ FESTIVAL 2015 ist deutlich süddeutscher geprägt als der erste. Musikalische Offenbarungseide sind – im positiven wie negativen Sinne – allerdings weniger regional bedingt, so dass der Festivalsamstag ebenfalls die ein oder andere Überraschung bietet und mehrfach beweist, dass heutzutage Anspruch in der Musik meistens Auslegungssache von kleineren oder größeren Massen ist. Nur manchmal endet auch die subjektivste Geschmacksfrage.

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Die Band, die früher unter dem Namen IGNIS FATUU bekannt gewesen ist, eröffnet in unmittelbarer Nähe zu ihrer Heimat das Programm. Vor zwei Jahren sprangen die Süddeutschen als Last-Minute-Ersatz am frühen Freitag ein, 2015 sollen sie dem Festivalpublikum am Samstag einheizen. Mit Sackpfeifenspielerin Irene steht nur noch ein Gründungsmitglied im aktuellen Line-Up und auch Langzeitbasser Volker hat die Kapelle inzwischen verlassen. Insofern ist nicht mehr viel übrig vom einstigen Hoffnungsschimmer der Folkszene, sondern mehr oder weniger ein bunt gemischter Haufen Musiker, der IGNIS FATUU-Songs spielt. Anfangs grenzt die Performance an ein Totaldesaster, da auch die Technik den Sechser vor immer neue Herausforderungen stellt. Sänger P.G. bewegt sich stimmlich immer noch auf dem unteren Level der Erträglichkeitsstufe, doch die gesamte Band wird in ihrem Open-Air-Wohnzimmer von ihren treuen Fans bereitwillig nach vorne gepeitscht. Die Qualität einiger, vor allem älterer Songs wie „Wörterschmied“ oder „Nordwind“ ist ebenso unbestritten, so dass die Stimmung auf der Burg durchaus einen nennenswerten Level erreicht. Die Nagelprobe für die weitere Bandzukunft haben IGNIS FATUU allerdings nicht im Frankenland zu bestehen, wo selbst indiskutable Nummern neueren Datums wie „Blut geleckt“ noch dankbare Abnehmer finden.

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Musikalisch auf einem komplett anderen Dampfer sind FOLKNOIR unterwegs, inzwischen mit neuer Sängerin. Anstelle von Kaat Geevers (LEAF) ist nun Livy Pear für die weiblichen Vocals zuständig. Diese Veränderung geht ein wenig auf Kosten der Instrumentenvielfalt, doch das Quartett zeigt sich wie bereits vor einigen Wochen in München musikalisch von seiner besten Seite. Trotz Umbesetzung kommt die Combo nicht umhin, die Vorzeigesongs ihres Debüts “Songs From Home” mit auf die neue musikalische Reise zu nehmen. “You Should Have Seen Me There” und die Videoauskopplung “Dear Misery” als Opener zählen zu den Highlights des gesamten Abends, zusammen mit den neueren “Yesterday Was Hard On All Of Us” und “Crossroads”. Musikalisch bilden die neuen FOLKNOIR-Stücke eine angenehme Brücke aus früheren und aktuellen Faun-Werken, die dringend auf CD veröffentlicht werden sollten. Unverändert geblieben ist der willkommene Ansatz der Kapelle, die melancholisch-verträumte Grundstimmung live flotter zu vertonen. Die daraus resultierende Dynamik, besonders forciert durch Drehleier und Schlagzeug, gestaltet den Auftritt angenehm kurzweilig.

Am zweiten Tag sind PAMPATUT als alte Hasen für die Moderation zuständig und bekommen dafür als kleines Extra eine rund halbstündige Bühnenpräsenz vor der Show von THE DOLMEN. Diese füllen das Spielmannsduo Max von Gluchowe und Holger Hoffmann gewohnt pfiffig und kurzweilig, wenngleich deutlich weniger mutig als Knasterbart am Tag zuvor. Dafür gehört die Pampatut-Hymne „Feuerwasser“ beim Feuertanz inzwischen zum guten Ton.

the-dolmen-feuertanz-by-peter-seidel-metalspotter-24_2Diesen Status haben THE DOLMEN noch nicht, doch mit dem zweiten fulminanten Auftritt in zwei Jahren sind die Musiker auf dem besten Weg dazu, eine feste Institution auf Burg Abenberg zu werden. Am Tag zuvor noch als Special Guest im Burgsaal überzeugen die Briten am Samstag besonders dadurch, dass sie nicht einfach ihr Erfolgsrezept aus dem Vorjahr kopieren, sondern besonders gegen Ende mit der schier endlosen „Rocky Road to Dublin“ neue Akzente setzen. Der Jam-Session-Charakter des Auftritts besitzt einen musikalisch-hochwertigen, ganz eigenen Charme, der allerdings nur als Gesamtes und nicht individuell auf Songebene auf den Punkt kommt. Nach 20 Jahren auf verschiedenen europäischen Mittelaltermärkten präsentiert das Quintett nun auf den größeren Festivalbühnen seine ganz eigene energigeladene, tanzbare und feiertaugliche Musik. Diese mäandert grob irgendwo zwischen Omnia, Saor Patrol und Rapalje. Dazu strotzen die Musiker vor Intelligenz, indem sie beispielsweise ihren instrumentalen Opener zum (Ab-)Stimmen der Instrumente nutzen. Einmal eingegroovt rollt der Express von der Insel dann unaufhaltsam für die nächsten 75 Minuten.

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Ähnliches lässt sich auch den Folkcomedy-Barden FEUERSCHWANZ attestieren. Wie gut ihr neues Album „Auf’s Leben“ im Live-Kontext funktioniert, hat sich bereits auf zwei Tourblöcken in verschiedenen Konzerthallen Deutschlands gezeigt. Unter freiem Himmel entwickelt sich die Mischung aus Blödelnummern wie „Zuckerbrot & Peitsche“ sowie neuen Vorzeigesongs wie „Herz im Sturm“ (nebst zuckersüßer Bühnenshow) oder der Hymne an Gitarrist Hans schnell zu einem Selbstläufer auf Burg Abenberg. Gerade der kleine Burgaufbau und die Luftballons zu „Herz im Sturm“ am Anfang des Sets beweisen, dass es nicht immer Thors Partyhammer sein muss. Später mutiert das Mitsingduell „Blöde Frage, Saufgelage“ erwartungsgemäß zum Stimmungshöhepunkt, ehe wenig später zwei mutmaßliche Falschsinger zu „Seemannsliebe“ in zwei Schlauchbooten über die Menge getragen werden. Konzeptionell präsentieren sich FEUERSCHWANZ mit ihren neuen Elementen sowie u.a. „Met und Miezen“ aus dem Klassikerarchiv von ihrer bis dato stärksten Seite. Nur einmal brechen viele Dämme anders als gewohnt – als Prinz Hodenherz seine Abschiedshymne „Auf Wiederseh’n“ für seine verstorbene Mutter anstimmt und der Burghof ehrfürchtig schweigt, nur um wenig später das niemals endende Gelage fortzusetzen. In dieser Verfassung sind die Süddeutschen auf jedem Festival eine sichere Stimmungsbank, auch wenn dies manche Studentenvereinigung im Norden anders sehen mag.

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Die größten Exoten am zweiten Festivaltag dürften wohl die Hamburger MONO INC. sein. Ähnlich wie z.B. Eluveitie oder Die Apokalyptischen Reiter kehrt das Quartett in regelmäßigen Abständen nach Abenberg zurück. Dies bemerkt auch Sänger Martin Engler zu Beginn. Bei den Monos gehören die jährlichen Albenveröffentlichungen inzwischen fast zum guten Ton. Nach 2010 ging die Masse besonders in den letzten Jahren allerdings vermehrt auf Kosten des musikalischen Nährwerts. So haben die Nordlichter dieses Mal ihr neues Werk „Terlingua“ im Gepäck, das musikalisch den Kurs von „Nimmermehr“ konsequent fortsetzt. Im Vergleich zur neuen Schaffensphase überraschen „Arabia“, „Symphony of Pain“ und „Gothic Queen“ zu Beginn positiv durch ihre Eingängikeit, ehe „Heile heile Segen“ jede Form von kurzzeitigem Sonnenschein mit drei Tage Regen straft. Generell wirkt es nicht so, als ob die Musiker dem Festival wahnsinnig viel abgewinnen können. Routiniert zocken sie sich an Schlagzeug, Bass, Gitarre und Mikrofon durch ihr Set. Dankbare Abnehmer gibt es dafür zahlreiche. Dass das Artwork und die Promobilder von „Terlingua“ auf einen Western- bzw. Countryeinschlag hindeuten, der sich schnell als falsche Fährte entpuppt, scheint die Fans wenig zu stören. Vermutlich könnten sich MONO INC. auch im Darth-Vader-Kostüm in ihrem repitativen Klangkosmos bewegen, es würde durch die einfachen Harmonien und Melodien immer noch funktionieren. Musikalische Nulldimensionalität mit seichtem Gothic-Pop als Semi-Headliner auf einem Folkfestival mag gewagt klingen, die Praxis beweist aber den Erfolg für die Mehrheit.

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Der ohrenbetäubende Empfang für die Münchner Szenegrößen SCHANDMAUL beweist als vermeintlicher Höhepunkt des Samstags, das der Headliner vom Veranstalter erneut sehr gut gewählt wurde. Nach etlichen Schandmäulchen und daraus resultierenden Vertretungen sind die Gastspiele der Mäuler in ihrer eigentlichen Besetzung in den letzten Jahren seltener geworden. Umso erfreulicher ist es, dass sich alle ursprünglichen Bandmitglieder auf Burg Abenberg eingefunden haben, um vor allem den Release ihres Erfolgsalbums „Unendlich“ gebührend zu zelebrieren. Der Unterschied vom Original zu den Alternativlösungen wird bereits beim Festival-Opener “Vor der Schlacht” deutlich. Im Ursprungssechser groovt es sich doch immer noch am besten. Das beweist auch ihr erster Szenehit “Teufelsweib” und im weiteren Verlauf des Abends besonders der mehrstimmige Gesang von Thomas mit Diplomgeigerin Anna und Flötenmeisterin Birgit an seiner Seite. Zusammen mit etablierten Krachern wie “Traumtänzer” und “Vogelfrei” sowie balladesken Rausschmeißern und dem Festivalhit „Feuertanz“ gerät das Ergebnis rundum gelungen und unter freiem Himmel zu später Stunde vielleicht noch ein wenig stimmungsvoller als beim Funkenflug Festival 2015. Bei „Der Teufel …“ entern dieses Mal FEUERSCHWANZ für den englischen und russischen Teil die Bühne. Voller Euphorie bringen Prinz Hodi und der Hauptmann ihre Schlauchboote vom Nachmittag nochmals an den Start, die allerdings auf den Scheinwerfern einen qualvollen Hitzetod sterben und den Prinzen so zu einem spontanen Stagedive ohne Zubehör nötigen. Ein vertretbarer Kollateralschaden zum Ende des Festivals, im Rahmen dessen die Mäuler das Headlinerduell deutlich für sich entscheiden.

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Wer zu später Stunde vom Festivalprogramm nebst Markt und mittelalterlichen Musikintermezzi immer noch nicht genug bekommen hat, der findet sich zur Geisterstunde im Burgsaal ein, um dort DIE KAMMER zu lauschen. Musikalisch deutlich akustischer als THE DOLMEN am Vorabend präsentiert das Orchester rund um Marcus Testory und Matthias Ambré ein buntes Potpourri ihrer ersten beiden Alben sowie einen Ausblick auf die Zukunft. Besonders erfreulich ist dabei die Tatsache, dass sich DIE KAMMER musikalisch immer weiter von den ASP- und Chamber-Ursprüngen emanzipiert und nunmehr auf eigenen Füßen steht. Allerdings setzt das Instrumentarium ein offenes Ohr für die Kombination aus Blechbläsern und Streichern im primär langsamen Aufgalopp voraus.

So endet ein vielfältiges FEUERTANZ 2015, das sicherlich bei vielen Besuchern sehr mannigfaltige Eindrücke hinterlässt. Am Erfolgsrezept der erstmals wieder an beiden Tagen im Vorhinein ausverkauften Veranstaltung wird dies auch in den nächsten Jahren vermutlich nichts ändern. Dafür bleibt zu hoffen, dass sich in der hiesigen Mittelalter- und Folkszene manch hoffnungvolle Band im Laufe der Zeit zum nächsten Headliner entwickelt, ohne dabei ihre musikalische Identität der Anfangsjahre aufzugeben. Das Feuertanz hat in den letzten 15 Jahren vieles Kommen und Gehen, aber – abseits der Headliner – wenig Bleiben gesehen. Das Potential für einen diesbezüglichen Wandel ist nachweislich vorhanden, nur gilt es für alle Bands dies im Kompromiss aus eigenen Wünschen, realisierbaren Zielen und einer gewissen betriebswirtschaftlichen Gesamtrechnung nun umzusetzen. 

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von:
Peter Seidel / http://www.metalspotter.de – dort findet ihr unter anderem die vollständige Galerie zu diesem Festival!

 

 

 

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