Irdorath

  • München, Spectaculum Mundi
  • 22. März 2019

Noch sind die weißrussischen IRDORATH fernab ihrer Heimat ein unbeschriebenes Blatt. In Deutschland tauchte die Band um die beiden Eheleute Nadezhda und Vladimir vereinzelt im Dunstkreis von Corvus Corax oder im Mittagsprogramm des Festival-Mediaval auf. Mit ihrem ersten eigenen Clubkonzert im Rahmen des Musica Antiqua Viva 2019 könnte sich dies nun ändern.

(c) Florian Reim

In der dudelsack-, perkussion- und schalmeidominierten Marktmusik trennt sich schnell die Spreu vom Weizen: So benötigt das Sextett wenig mehr als die ersten drei Songs „Storm“, „Sleepy Maggie“ und „Cypridis In Voto“, um zu zeigen, dass das Konzept aufgeht. Zum marktüblichen Mix gesellen sich bei IRDORATH ein E-Kontrabass, eine Akustikgitarre und zwei Drum-Sets sowie viele Ideen. Nadezhda und Vladimir selbst rotieren fleißig ihre Instrumente und variieren sowohl im instrumentalen wie auch in den gesungenen Parts – Maultrommel, Didgeridoo und Drehleier erklingen ebenso regelmäßig wie Klar- und Obertongesang. Als Frontmann und -frau funktionieren die beiden hervorragend. Bei der Gestaltung ihres ersten Soloauftritts in Deutschland gehen die Musiker dazu intelligent vor: Sie unterteilen ihre Show in zwei rund 45-minütige Sets mit einer kurzen Pause, so dass sich zur Mitte keine Trägheit bei den Hörern einschleichen kann.

(c) Florian Reim

Mit rudimentär auf Deutsch, aber stets überaus sympathisch präsentierten Ansagen erzählen IRDORATH auch etwas über die Geschichten in ihren Liedern. Diese stammen beispielsweise aus Mazedonien, handeln von unerreichbaren Frauen oder auch furchteinflößenden Mädchen, die in einem Fluss wohnen und diesen wie in einem Horror-Film nur für eine Woche im Jahr verlassen dürfen. Dazu servieren die Weißrussen auch etwas aus den Carmina Burana und behandeln mit Geiz auch eine der sieben Todsünden. Soweit verständlich haben sich die Osteuropäer bei der thematischen Ausgestaltung ihrer Musik ähnlich viel Mühe gegeben wie bei der Vertonung, die von kraftvollen Melodien und viel Abwechslungsreichtum geprägt ist. Die Liebe zur Musik ist zum Glück sprachenunabhängig. IRDORATH gelingt es, aus dem eigenen Klangkosmos das Maximum herauszuholen und dabei viel variabler, dynamischer und mitreißender zu klingen als viele hierzulande bekanntere Kollegen.  Mit der „Skudrinka“ mischt sich nur ein typisches Marktstück in den gesamten Auftritt – und erfüllt als Rausschmeißer vor der Pause seinen Zweck.

(c) Florian Reim

Die Freude über ihr Solo-Debüt in Deutschland und gleichzeitig ihre erste Show außerhalb der Heimat in diesem Jahr ist den sechs Musikern deutlich anzumerken. Von der Spielfreude profitieren die hervorragend arrangierten Stücke live nochmals, sodass sich auch das Publikum immer mehr aktiv beteiligt – oder andächtig lauscht, wenn Nadezhda in den wenig ruhigen Momenten ihr Stimmvolumen präsentiert. Es sind lediglich einzelne Details, die noch Luft nach oben bieten: Die beiden Schlagzeuger dienen derzeit noch mehr der Show als der Musik, außer einer von beiden greift zu akustischen Alternativen, sodass sich die beiden Taktgeber ergänzen anstatt bloß zu doppeln.

Mit „Drachen“ endet der Abend und eine sichtlich glückliche Band verabschiedet sich auf die lange Heimreise nach Minsk. Ein Comeback im Spectaculum Mundi dürfte nach dieser Performance alles andere als ausgeschlossen sein. So sollte Folk klingen, der nicht auf Rock schielt und mehr bietet als den x-ten Aufguss von „Herr Mannelig“, „Ai Vis Lo Lop“ und Co.!

(c) Florian Reim

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