Konzertbericht: Lifelover w/ Boötes Void

28.03.2026 Bochum, Christuskirche

Die Bochumer Christuskirche ist als einer der wenigen „heiligen“ Orte in Deutschland bekannt, in denen Metal stattfinden darf: DORNENREICH sind hier regelmäßig zu Gast, DER WEG EINER FREIHEIT hatten 2025 den Black Metal in die „Kirche der Kulturen“ gebracht – und mit LIFELOVER kommt nun die vielleicht extremste Band, die je in einer deutschen Kirche gespielt hat, nach Bochum.

Dass die vergleichsweise kurzfristig anberaumte Show im Vorhinein recht wenig Aufsehen erregt, überrascht gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen, weil die Schweden als „Depressive Suicidal Black Metal“ gelten, was selbst in einer aufgeschlossenen Kirchengemeinde für Unwohlsein sorgen könnte. Zum anderen, weil es sich um die erste offizielle LIFELOVER-Show seit 2015, als die verbliebenen Mitglieder nach dem Tod von Bandkopf Jonas Lars Bergqvist alias „B“ (in anderen Projekten auch Nattdal) noch einige Jubiläums-Shows gespielt hatten. Bei allen späteren Auftritten stand offiziell stets die Nachfolgeband KALL unter dem Motto „KALL plays LIFELOVER“ auf der Bühne – ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Entsprechend überraschend ist es, dass die Veranstaltung beim durchaus fairen Preis von rund 35 € nicht schon im Vorfeld ausverkauft ist. Viel kann dazu aber nicht mehr gefehlt haben, denn zum Einlass bildet sich eine lange Schlange entlang der Kirche, und drinnen reichen die Plätze in den Kirchenbänken längst nicht für alle Fans im Saal.

Als Opener fungieren BOÖTES VOID. Die 2019 gegründete Band weiß die Besonderheit der Location voll auszunutzen: Mit ihrem Outfit aus bemalten Strumpfmasken und Kapuzen und ihrem bedächtigen Stage-Acting, untermalt von einer stimmungsvollen Lightshow, setzen die Würzburger ihren melancholischen Black Metal gelungen in Szene. Das hat so lange einen wirklich speziellen Vibe, bis die ersten Fans auf die Etikette einer bestuhlten Show pfeifen und sich in den freien Bereich vor den Kirchenbänken stellen.

Die feierliche Atmosphäre der „Special Show“ in dieser besonderen Location ist damit nivelliert. Insbesondere unter den Die-Hard-Fans in den vorderen Reihen, die für diese Plätze Stunden vor Einlass angestanden hatten und nunmehr bloß noch auf Rücken und Hintern blicken, macht sich Unmut breit: Zur Musik mag Stehen und Headbangen besser passen als Sitzen und Mitnicken. Wer sich Tickets für ein bestuhltes Konzert kauft, sollte sich über die Bedeutung dessen jedoch vorab im Klaren sein. Und wer ein bestuhltes Konzert veranstaltet, ist in der Verantwortung, das dann auch so durchzusetzen.


Als sich der Raum vor der Bühne in der Umbaupause weiter füllt, ist die letzte Chance, die Situation in den Griff zu bekommen, vertan: Halbherzige Versuche des Veranstalters, die Fans „wegzuargumentieren“ werden vom Soundcheck und wenig später dem Showbeginn der Lächerlichkeit preisgegeben.

Und so starten LIFELOVER vor nunmehr mutwillig respektive notgedrungen stehenden Fans mit „Shallow“ ihren ersten offiziellen Auftritt seit über zehn Jahren. Von diesem Umstand ist allerdings – im Guten wie im Schlechten – nichts zu bemerken: Eine entsprechende Ansage machen LIFELOVER jedenfalls nicht, was insofern nicht überrascht, als Fronter Kim Carlsson schon mit dem regulären Ankündigen der Songs wie auch deren Darbietung leicht überfordert wirkt: Stimmlich wie auch textlich hat seine Performance nicht immer viel mit den Aufnahmen zu tun. Das ist, beziehungsweise war, aber schon seit jeher so.

Überraschend ist hingegen, dass der Rest der Band extrem souverän agiert: Waren LIFELOVER früher eher punkig-chaotisch unterwegs, ist die instrumentale Darbietung heute wirklich souverän. Zwar fällt Kim Carlsson dadurch noch mehr auf als er das durch seine Tanzeinlagen eh tut – zugleich rettet es die Show aber ins Professionelle. Dass der Sound nicht mehr so gut ist wie noch bei BOÖTES VOID erklärt sich von selbst – steht nun doch die Zuschauerschaft vor den vor der Bühne auf dem Boden stehenden zusätzlichen Speakern. Dennoch sind die Songs, mit denen der 2011 gestorbene Songwriter Bergqvist die Welt beschenkt hat, nicht totzukriegen: Wenn sich die herzerweichend melancholischen Keyboard-Melodien über die geschrammelten Gitarren legen, ist aller Groll und aller Weltschmerz vergessen. Und sind wir ehrlich: Zu Hits wie „Lethargy“ zu sitzen hätte sich irgendwie auch nicht richtig angefühlt.

Was sich aber auch nicht ganz richtig anfühlt, ist die Normalität, mit der KALL, aber eben als LIFELOVER, diese Show absolvieren: Das vorab groß als „extended“ angekündigte Set entspricht exakt dem, das KALL zuletzt in China dargeboten hatten – und ist mit 90 Minuten für eine Headliner-Show eher „normal“ als „erweitert“. Und als „Major Fuck Off“ gespielt und Kim Carlsson wie gewohnt lange vor Songende die Bühne verlassen hat, verabschieden sich LIFELOVER so „normal“ von ihren Fans, als wäre klar, dass man sich wieder sieht: Vermutlich ist die Versuchung, eben doch wieder uneingeschränkt auf den zugkräftigen Namen LIFELOVER zu setzen, einfach zu groß. Dass es funktioniert, sieht man an den Reaktionen des Publikums – insbesondere der Fans aus der nächsten Generation, die nie die Gelegenheit hatten, die „echten“ LIFELOVER zu erleben. Und auch musikalisch funktioniert es, solange es um die bloße Reproduktion von Bs Songs geht, und man bereit ist, hinzunehmen, dass Carlsson live und mutmaßlich randständig betrunken ein erbärmlicher Sänger und Frontmann ist.

  1. Shallow
  2. Stockholm
  3. Cancertid
  4. En Sång Om Dig
  5. Museum Of Past Affections
  6. Androider
  7. Brand
  8. Karma
  9. Välkommen Till Pulvercity
  10. Expandera
  11. Mitt Öppna Öga
  12. Nackskott
  13. Instrumental Asylum
  14. M/S Salmonella
  15. Spiken I Kistan
  16. I Love (To Hurt) You
  17. Lethargy
  18. Major Fuck Off

Den Erwartungen an ein Once-In-A-Lifetime-Event wird die Show bei aller musikalischen Qualität ob dieser „Normalität“ seitens der Band, aber auch seitens der Fans, die aus einem bestuhlten Kirchenkonzert eine normale Metal-Show machen, nicht gerecht: Vielleicht sind LIFELOVER auch einfach die falsche Band für das, was man sich unter einer Kirchenshow vorstellt. Mit der Location beziehungsweise der „Teilbestuhlung“ – wie auch der vollmundigen Ankündigung einer „Extended Show“ haben sich die Veranstalter jedenfalls keinen Gefallen getan.

KALL jedoch sollten sich gut überlegen, ob es die richtige Entscheidung ist, LIFELOVER entgegen aller früheren Aussagen vollumfänglich wiederzubeleben. Dass es musikalisch funktioniert, solange bloß reproduziert wird, steht nach der heutigen Show außer Frage. Moralisch wirft es angesichts der damaligen klaren Absage an einen Fortbestand der Band ohne Mastermind B Fragen auf.

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Moritz Grütz

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Moritz Grütz

Fotos von: Moritz Grütz

2 Kommentare zu “Lifelover w/ Boötes Void

  1. Interessant, wie unterschiedlich man ein Konzert wahrnehmen kann:

    „Wer sich Tickets für ein bestuhltes Konzert kauft, sollte sich über die Bedeutung dessen jedoch vorab im Klaren sein.“

    Mal abgesehen davon, dass es sich hier um ein ausgewiesen „teilbestuhltes“ Konzert handelte, also (auch) ein Stehplatzbereich (vor der Bühne) nur logisch ist: Ich war nahezu entsetzt, als ich während des Auftakts von Boötes Void (dem langsamen Abarbeiten der benannten Schlange sei Dank) endlich die Kirche betrat und nahezu alle brav auf den Kirchenbänken sitzend vorfand. Wenn das bei Lifelover so bleibt – so mein Gedanke – wird das hier eine riesige Enttäuschung. Einer derart nonkonformistische Band im Speziellen, aber auch einem Konzert dieses Genres im Allgemeinen mit der kirchenkonformen Geste „Wir sind hier in einem Gotteshaus, da sind Bänke, da setzen wir uns mal lieber hin“ zu begegnen wäre doch der absolute Mumpitz. Natürlich steht man, was sonst?

    1. Ob man Lifelover besser im Sitzen oder Stehen ansehen sollte, ist sicher Ansichtssache – da bin ich sogar bei Dir: Stehen ist passender. Aber dann ist eine bestuhlte Venue eben die falsche Wahl. Das eigentliche Ding ist aber doch: Wenn die ersten 300 (?) Leute im Saal sitzen – und mein erster Gedanke beim Reinkommen ist: „Dann stelle ich mich vor die“, dann habe ich offensichtlich keinen Anstand. Teilbestuhlt bedeutet ja nicht „Ich kann stehen wo ich will“, sondern: Man hat keinen Anspruch auf einen Sitzplatz und muss ggf schauen, wo man stehen kann (ohne jemandem im Weg zu stehen). In der Regel ist das hinter den Sitzplätzen. Im übrigen stand auf den Eventim-Tickets „bestuhlt“.

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