Konzertbericht: Lorna Shore w/ Whitechapel, Shadow Of Intent, Humanity’s Last Breath

31.01.2026 München, Zenith

Eine neue Ära hat begonnen: Waren die Hallen mit über 5.000 Plätzen über Jahrzehnte den immer gleichen Bands vorbehalten, stürmt nun eine neue Generation an Bands und Fans heran – und das mit beeindruckend extremer Musik. Unlängst erst hatten TURNSTILE wie auch LANDMVRKS das Münchner Zenith gefüllt – mit LORNA SHORE steht nun eine weitere „Band der Stunde“ auf dem Programm, und abermals steht schon weit im Vorhinein „Sold Out“ auf allen Websites.

Und heute bedeutet „Sold Out“ auch wirklich „Sold Out“: Während bisweilen die abgehängte Halle mit merklich verkleinerter Kapazität „ausverkauft“ ist, ist die Halle heute bis zur maximalen Kapazität ausgereizt. Der Bereich vor dem Wellenbrecher wird darum – zur Enttäuschung so mancher Fans – schon früh geschlossen, dahinter drängen sich die Fans dicht an dicht.

Kein Wunder aber: Neben den Shooting-Stars des Deathcore steht mit WHITECHAPEL, SHADOW OF INTENT und HUMANITY’S LAST BREATH ein mehr als amtliches Billing auf dem Programm. Vier Bands, viermal Deathcore – immerhin hat München terminlich Glück gehabt und den Samstag abbekommen. Trotzdem geht die Sause bereits überraschend früh los: Einlass ist bereits um 16:30 Uhr, los geht es um 18:00 Uhr.

HUMANITY’S LAST BREATH eröffnen den Abend dann auch gleich mit einem fiesen Breakdown-Groover, der für eine erste Vorband überragend fett aus den Boxen kracht. Die ersten Worte von Fronter Filip Danielsson sind, passend dazu, dann auch gleich „Munich, Circlepit“. So früh am Abend ist das natürlich ein frommer Wunsch, der unerfüllt bleibt. Auch den Rest der 30-Minuten-Show bleibt das Publikum eher ruhig – allerdings bieten HUMANITY’S LAST BREATH musikalisch wie auch gesanglich nur Deathcore-Durchschnittskost. Zum Reinkommen ist das OK, angesichts des restlichen Abendprogramms aber auch irgendwie überflüssig.

  1. Väldet
  2. Abyssal Mouth
  3. Godhood
  4. Tide
  5. Labyrinthian
  6. Bellua Pt. 1
  7. Instill

Wie das besser geht, zeigen SHADOW OF INTENT: Zwar tackert hier die Bass-Drum unangenehm trocken über die restlichen Instrumente hinweg – doch stimmlich und in Sachen Songwriting geht das Quartett aus die Connecticut, USA, deutlich abwechslungsreicher zu Werke. Dass SHADOW OF INTENT bis auf das finale „The Heretic Prevails“ ausschließlich Songs ihres aktuellen Albums „Imperium Delirium“ (2025) spielen, ist zwar etwas schade, immerhin hat die Band seit 2014 bereits fünf Alben und eine EP veröffentlicht. Angesichts der knapp bemessen Spielzeit von abermals nur 30 Minuten ist die Entscheidung aber verständlich, schließlich gilt es, das Publikum für das neue Album zu begeistern. Den Reaktionen zufolge klappt das ganz gut: Erste Crowdsurfer:innen und Bewegung vor der Bühne nach nur wenigen Songs sind der verdiente Lohn für eine brachiale Performance.

  1. They Murdered Sleep
  2. Flying The Black Flag
  3. Mechanical Chaos
  4. Vehement Draconian Vengeance
  5. Infinity Of Horrors
  6. Feeding The Meatgrinder
  7. The Heretic Prevails

An die gute Stimmung können WHITECHAPEL um 19:40 Uhr direkt anknüpfen: Bereits beim Opener ergänzt das Publikum bereitwillig den Songtitel („Prisoner666“) – nur Bewegung kommt nicht wirklich in die Menge: Zwar moshen vereinzelte Fans dafür umso härter, und auch Crowdsurfer sind eifrig unterwegs. Der Großteil des Publikums scheint sich seine Kräfte jedoch für den Headliner aufzusparen. Während die Musik der Band dank ihrer drei Gitarristen ordentlich Schub hat, wird es optisch langsam langweilig: Wie schon beide Vorbands nutzen WHITECHAPEL eine Lichtanlage aus 15 senkrechten LED-Streifen, die in verschiedenen Farben leuchten können. Klingt unspektakulär, ist es auch – jedenfalls als einziges Show-Element, drei Auftritte in Folge. Songauswahl wie auch Spielzeit hingegen überraschen: Dass WHITECHAPEL trotz des tighten Zeitplans und der frühen Uhrzeit nur 40 Minuten Stagetime haben, dürfte Fans der Band enttäuschen. Und auch die Setlist ist nicht eben breit gefächert: Fünf der insgesamt neun Songs kommen vom aktuellen Album „Hymns Of Dissonance“ – für die restlichen vier greifen WHITECHAPEL auf Material ihrer ersten beiden Alben „The Somatic Defilement“ (2007) und „This Is Exile“ (2008) zurück. Dass die Band in knapp 20 Jahren insgesamt neun Alben veröffentlicht hat, geht dabei etwas unter. Andererseits, so ehrlich muss man sein: Einen allzu großen Unterschied macht es beim Stil der Band eh nicht, von welchem Album ein Song nun kommt. Und angesichts des Gesamtprogramms aus vier Deathcore-Bands sind 40 Minuten hier eigentlich auch genug.

  1. Prisoner 666
  2. Hymns In Dissonance
  3. A Visceral Retch
  4. Bedlam
  5. Ex Infernis
  6. Hate Cult Ritual
  7. The Somatic Defilement
  8. Devirgination Studies
  9. Prostatic Fluid Asphyxiation
  10. This Is Exile

Kaum ist das Sextett aus Knoxville, Tennessee von der Bühne, fällt auch schon ein Vorhang von der Decke, um die Bühne während des Umbaus zu verhüllen. Das klappt jedoch erst im zweiten Anlauf: Das gigantische Laken mit LORNA-SHORE-Logo wurde verdreht aufgehängt und ziert die Bühne zunächst wie eine Schleife, ehe der Fehler durch herunterlassen, neu hängen und erneutes Hochziehen behoben wird. Während auf der Bühne also irgendwer mächtig ins Schwitzen gekommen sein dürfte, wird die Stimmung im Publikum immer ausgelassener: Schon beim Pre-Intro-Song „Total Eclipse Of The Heart“ von Bonnie Tyler gehen die ersten Handylichter in die Höhe – wenn es später im Set bei „Pain Remains III: In A Sea Of Fire“ ernst wird, ist so ziemlich jedes Handy oben und das Zenith hell erleuchtet. Auch sonst sind LORNA SHORE und die Fans heute eine Einheit: Kaum fragt Will Ramos nach Crowdsurfern, ist das Publikum im vorderen Bereich auch schon zwei- oder gar dreilagig: Ein Pärchen versucht sich mehrfach erfolgreich im Standup-Paddle-Crowdsurfen.

All das überrascht aber auch nicht wirklich, spielen LORNA SHORE ihr Publikum doch im wahrsten Sinne des Wortes vom ersten Song an schwindelig – und das nicht nur, weil in der Visualisierung meterhohe Wellen über die Leinwand wogen: Technisch astrein und sichtlich mit Freude vorgetragen, lassen LORNA SHORE musikalisch nichts anbrennen. Alles andere hingegen brennt: Feuerfontänen vom Boden, von der Decke und zuletzt noch eine Flammenwand entlang der Bühne machen mehr als wett, dass der Abend bislang optisch eher unspektakulär war. Vor allem aber ist es (natürlich) Will Ramos, der begeistert – mit seinem unvergleichlichen Mix aus Screams, Growls und unmenschlichem Geröchel, aber auch seiner vereinnahmend sympathischen Art: Direkt in der ersten längeren Ansage bezieht er sich auf die letzte Show der Band im Zenith, der zum damaligen Zeitpunkt größten Headliner-Show in der Bandgeschichte, an Thanksgiving 2023: „You guys made us feel like home!“ Und selbst in die letzte verpackt Ramos geschickt in eine gute und eine schlechte Nachricht: „We only have one more song. It’s a trilogy!“

Schon hier feiert das Publikum frenetisch – als die „Pain Remains“-Songs dann durch das Zenith rasieren, gibt es im Pit kein Halten mehr. Vielleicht auch, weil das Material des neuen Albums „I Feel The Everblack Festering Within Me“ zwar durchweg sehr gut, aber am Ende eben doch nicht so spektakulär ist wie die Stücke des Vorgängers. Mit der dem Titel entsprechend feurig inszenierten Gurgel-Orgie „To The Hellfire“ krönen LORNA SHORE den rundum gelungenen Auftritt. Dass erst knapp 80 Minuten gespielt sind: geschenkt. Über zu wenig Geballer fürs Geld kann sich heute wahrlich niemand beschweren.

  1. Oblivion
  2. Unbreakable
  3. War Machine
  4. Sun//Eater
  5. Cursed To Die
  6. In Darkness
  7. Glenwood
  8. Prison Of Flesh
  9. Pain Remains I: Dancing Like Flames
  10. Pain Remains II: After All I’ve Done, I’ll Disappear
  11. Pain Remains III: In A Sea Of Fire
  12. To The Hellfire

Darüber, ob es wirklich viermal an einem Abend Deathcore sein muss, lässt sich sicherlich trefflich debattieren – zumal zumindest Fans von WHITECHAPEL wohl mehr von einem etwas längeren Auftritt ihrer Band gehabt hätten als von den doch sehr generischen HUMANITY’S LAST BREATH. Andererseits bekommen Genre-Fans von der ersten bis zur letzten Band absolut hörbare Darbietungen – auch das ist keine Selbstverständlichkeit. Wirklich zu beeindrucken wissen aber nur LORNA SHORE: Über den Sound lässt sich, je nach Standplatz in der Halle, debattieren – Performance und Show jedoch sind über jeden Zweifel erhaben. An dieser Band wird man in den nächsten Jahr(zehnt)en noch viel Freude haben!

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