Manowar w/ Metalforce, Holyhell

  • Hannover, AWD Hall
  • 13. Januar 2010

Wenn es um Trueness, Posing, Epik, Lächerlichkeit und Gigantismus gleichermaßen geht, dürfte es in keiner Diskussionsrunde lange dauern, bis der Name MANOWAR fällt; kaum eine andere Band polarisiert mit ihren Auftritten dermaßen wie die US-amerikanischen Begründer des True Metal. Die einen, meist begeisterte Anhänger der Gruppe, genießen jede Sekunde der meist mit reichlich mehr oder weniger sinnvollem Gerede angereicherten Konzerte; die anderen verachten MANOWAR für eben dieses oft als extrem überheblich und lächerlich empfundene Gebaren. Am 30. Januar, mitten im stärksten Winter seit einigen Jahren, war die Band nun in Hannover zu Gast und besetzte die AWD Hall, eine recht kleine Mehrzweckhalle.

„Klein“ ist hierbei relativ; ich bin, von Festivals mal abgesehen, nur die gemütlich-verranzte Markthalle in Hamburg gewohnt, dagegen wirkte die AWD Hall geradezu geschniegelt und fast peinlich sauber (was sich natürlich, wie das bei Metalkonzerten so ist, im Laufe des Abends änderte). Schon bei Einlass hatte sich eine lange Schlange in der Kälte gebildet, die sich jedoch mit annehmbarer Geschwindigkeit voranwälzte. Im Saal selbst fühlte man sich dann eher wie bei einer Hörsaalbesetzung, zumindest in den Rängen, die tatsächlich an ein Audimax gemahnten – von hier oben hatten meine Begleiter und ich dafür beste Sicht auf das Geschehen.
Den Anfang des Trueness-Overkills machten METALFORCE, ehemals als Majesty bekannt, mit etwas Verspätung um etwa zehn nach acht. Eine kurze Anmerkung: wäre es so schwer gewesen, einen zumindest etwas originelleren Bandnamen zu finden? Na gut, im Endeffekt passt es ja zu dieser Gruppe, die sich ebenso wie ihre großen Vorbilder von MANOWAR nur so in Klischees suhlen. Und so ging es dann auch gleich in die Vollen mit „Faster, Louder, Metalforce“, „Metal Crusaders“, dem Klassiker „into the Stadiums“ aus Majesty-Zeiten – neben „(We are the) Metal Law“ dem einzigen älteren Song, für mich als Majesty- und nicht METALFORCE-Fan etwas enttäuschend. Die Herren, allesamt in Lederkluft, lieferten einen recht feinen Auftritt, ließen sich sogar ein paar witzige Choreographie-Elemente einfallen und nutzten die zu diesem Zeitpunkt noch sehr zugebaute Bühne. Allerdings war nach fünf Liedern auch schon wieder Schluss – man ließ METALFORCE leider keine Zeit, um die Verspätung wiedergutzumachen.

Auf HOLY HELL, die aus meiner Gruppe keiner kannte, verzichteten wir dann einstimmig und sorgten stattdessen mit Lungenbrötchen und Getränken fürs leibliche Wohl, die mit 4€ für eine große Cola preislich recht hoch angesetzt waren; das war allerdings gar nichts gegen die höchst perversen Merchandise-Preise – 30, in Worten dreißig Euro wurden einem dort für das bereits seit Ewigkeiten im Handel befindliche „Battle Hymns“-Shirt aus der Tasche gezogen, eine absolute Frechheit. Aber gut, es besteht ja glücklicherweise kein Kaufzwang. Nach einem weiteren Sargnagel ging es dann zurück in den Saal, HOLY HELL hatten ihren Auftritt gerade beendet.

Nun stand also nur noch das große Finale an, dieses ließ jedoch erstmal gehörig auf sich warten… HOLY HELL waren etwa um 21.50 fertig gewesen, und nun dauerte es eine geschlagene halbe Stunde (gefühlt eine ganze), während der man mit belanglosen Orchestersamples, Werbung fürs nächste Magic Circle Festival und ein bisschen Soundcheck „verwöhnt“ wurde, bis MANOWAR sich endlich die Ehre gaben. Mit einem Knall fiel der große schwarze Vorhang vor der (nun wesentlich größeren) Bühne und enthüllte die vier Heroen. Was nun folgte, waren gut Zweistunden Trueness bis zum Erbrechen – und vielleicht auch darüber hinaus, je nach individueller Toleranzschwelle. Um das gleich abzuhaken – musikalisch ist die Band über jeden Zweifel erhaben; Karl Logan bot seine fulminanten Soli sehr überzeugend dar, Eric Adams setzte seine tolle Stimme solide ein (für eine bessere Note ließ er dann halt doch zu viele Töne aus), und auch Joey deMaios Bass klang sehr knackig und kraftvoll und ließ deutlich werden, warum MANOWAR keinen Rhythmusgitarristen brauchen. Etwas enttäuscht war ich hingegen von der Setlist, die zwar einige obligatorische Kracher bereithielt („Warriors of the World“, „Kings of Metal“, „Hand of Doom“, „House of Death“, „Black Wind, Fire and Steel“) – dementgegen standen jedoch einige langsamere Werke, darunter eine furchtbar langatmige Version von „Swords in the Wind“ und vor allem einige unverzeihliche Versäumnisse – wo war „Hail and Kill“? Wo war „Herz aus Stahl“? Wo war „King of Kings“ (TORN OF TANDER!)? Wo war „Battle Hymns“? Selbst „The Crown and the Ring“, auf das ich mich wirklich gefreut hatte, wurde als Rausschmeißer komplett vom Band abgenudelt – dünn, ziemlich dünn.

Doch um die Musik geht es ja bei MANOWAR-Konzerten eigentlich gar nicht, zumindest nicht hauptsächlich; nein, berüchtigt ist die Band für die Eskapaden, die einen nicht unerheblichen Teil der Konzerte ausmachen, und in dieser Hinsicht wurde wirklich niemand enttäuscht, der sich auf eben diese Dinge vorbereitet (oder auch gefreut) hatte. Als erstes sei hier das genannt, was der Kollege Popp so treffend als „MANOWAR auf der Suche nach dem braunen Ton“ bezeichnete – mehrmals wurden die letzten Töne eines Liedes endlos gehalten, Rückkopplung um Rückkopplung hervorgerufen und die Instrumente geschüttelt, bis auch die letzte Katze im Umkreis von einem Kilometer verjagt war; und während andere Bands meist ein Drumsolo bieten, so kam diese Aufgabe hier wiederum uns Joey zu, der diese Chose dann auch gleich auf fünf Minuten ausdehnte. Den zweiten Aspekt des MANOWAR-Show-Pakets stellten Joey deMaios ausschweifende Reden dar – der Mann hört sich ziemlich gern selbst reden, das ist hinlänglich bekannt und wurde hier wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Neben einigen ziemlich wüsten Geschlechtsverkehr-Kommentaren erklärte er in bestem Amerikano-Deutsch, warum Hannover eigentlich Manover heißen müsste (in Hannover wurde damals der Lautstärkerekord aufgestellt) und dass der „Deutsche Weg“ aus Trinken, Vögeln und Heavy Metal besteht. Schließlich holte er einen etwas abwesend wirkenden Fan (und danach noch vier Mädels als „Groupies“ für den Knaben) auf die Bühne, der ein MANOWAR-Shirt übergezogen bekam, eine Dose Bier exte und schließlich mit der Band „The Gods made Heavy Metal“ spielen durfte; ich gebe zu, ich bin angemessen neidisch, das ist sicher ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst – auch wenn der junge Mann aussah als wäre er nicht ganz bei sich.
Und man mag Joey deMaio für ein arroganten Penner halten, doch an diesem Abend leistete er etwas, das ich mir schon von vielen anderen Bands gewünscht hätte: Mitten in einem Lied ließ er sich von Eric Adams das Mikro reichen (das Lied wurde unterbrochen) und wies die Fans vorn im Pulk darauf hin, dass er ihnen gerne das Geld für die Eintrittskarten wiedergebe, wenn sie dafür vor die Tür gingen, um sich dort – und nicht vor der Bühne – gegenseitig zu prügeln; vorausgegangen waren dieser aus meiner Sicht respektablen und vor allem ad hoc gebrachten Aussage entweder Crowdsurfing oder ein Moshpit, ganz sicher bin ich da nicht mehr. Aber natürlich wäre Joey nicht Joey, wenn er nicht als Abschluss der Ansage erklärt hätte: „We can’t fuck the girls if they’re in hospital!“

Ich denke, es sollte deutlich geworden sein, was MANOWAR an diesem Abend boten, und man kann die Band dafür entweder lieben oder hassen – oder, wie ich, die musikalische Seite (exklusive der Suche nach dem braunen Ton) genießen und das ganze Drumherum als köstliche Selbstsatire sehen; nur leider wurden gerade in musikalischer Hinsicht meine Erwartungen doch etwas enttäuscht… tja, man kann nicht alles haben. Trotz allem war der Abend auf seine ganz eigene Art irgendwie denkwürdig und wird mir sicher noch länger im Gedächtnis bleiben (hauptsächlich wegen der verpassten Chance, mit MANOWAR auf der Bühne zu stehen) – fraglich ist jedoch, ob dieses Heavy-Metal-Kabarett einen Eintrittspreis von 70€ rechtfertigt.


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