Festivalbericht: Roadburn Festival 2026

16.04.2026 - 19.04.2026 Tilburg

Was sich in den letzten Jahren bereits deutlich abgezeichnet hat, ist in der 2026er Edition des ROADBURN FESTIVALs noch deutlicher spürbar: Das legendäre Event im Herzen von Tilburg (NL) ist mehr denn je ein sicherer Hafen für absolut alle menschlichen Wesen, egal, welchem Geschlecht, welcher Szene oder welcher sexuellen Orientierung angehörig. Kaum ein anderes Festival kann ein so buntes und vielfältiges Publikum (Altersdurchschnitt um die 40, Menschen unter 30 sieht man kaum) sein Eigen nennen, vom langhaarigen Mittsechziger-Biker-Dude bis zu Transpersonen in schreienden Neonfarben ist alles dabei, was verschiedenste Subkulturen zu bieten haben – und das alles bei bester Stimmung, übrigens auch extrem barrierefrei und einer (ok, zugegeben, auch Cannabis-induzierten – der traditionellen Kooperation mit dem örtlichen Coffeeshop sei Dank) absolut friedlichen und offenen Atmosphäre, in der man immer wieder mit ganz verschiedenen Menschen von überall auf der Welt ins Gespräch kommt. Das verbindende Element: Niemand hier hat Bock auf Hektik, Stress oder sonstige unangenehme Vibes.

Genauso bunt wie das Publikum ist auch das musikalische Programm: Was 1999 als familiäres Kleinstfestival mit Stoner-Doom-Fokus begann, ist inzwischen ein offener Hafen für sämtliche Rock-Metal-Spielarten, aber auch (anspruchsvollere) elektronische Stile und sogar Hip Hop. Hier kann wirklich jede:r auf seine oder ihre Kosten kommen – ein offenes Ohr für möglicherweise Ungewohntes vorausgesetzt. Easy Listening ist vieles davon nicht, das ROADBURN FESTIVAL bleibt seinem Motto „Redefining Heaviness“ jederzeit treu.

Dass man im Vergleich zu den letzten Jahren infrastrukturell noch ein paar Brickets drauflegen konnte, ist mehr als erfreulich: Großzügige Sitz- und Aufenthaltsbereiche in- und outdoor sorgen für ein gemütliches Miteinander losgelöst von der oftmals April-typischen, wenig berechenbaren Wetterlage (wobei wir uns in diesem Jahr an zumindest an drei von vier Tagen über knapp 20 Grad und Sonnenschein freuen konnten – lediglich am Samstagnachmittag war es grau bei vereinzelten leichten Schauern). Saubere Sanitäranlagen sind in ausreichender Form vorhanden, das kulinarische Angebot auf dem Festivalgelände ist breit gefächert und umfasst von den üblichen Verdächtigen wie Burger, Pizza und Pommes auch asiatische, indische und sogar mexikanische Gerichte – wenn auch nicht supergünstig, für unter 15 Euro vollumfänglich satt zu werden gelingt höchstens mit den Curry-Gerichten vom Inder. Was aber kein Problem darstellen muss, denn man befindet sich ja mitten in einer Stadt mit einer großen Auswahl an Restaurants, Imbissen und Supermärkten – somit sollte für jeden Geldbeutel irgendetwas dabei sein.

Donnerstag, 16.04.26 – Tag 1

Nach einem kleinen Frühstück bei strahlendem Sonnenschein im Biergarten des RAW (toller und finanziell vertretbarer kulinarischer Tipp fürs Frühstück auf halber Strecke zwischen dem Bahnhof Tilburg und dem Festivalgelände – testet mal die kleine Portion der Aussie-Eggs, die Euch zumindest für fünf Stunden angenehm satt hält) starten wir unser musikalisches Programm mit der Psychedelic-Folk-Doom-Kombo ISKANDR aus Nijmegen (NL) in der Next Stage (die viertgrößte von insgesamt sechs Venues mit einem Fassungsvermögen von 700 Personen). Das Trio startet verhalten mit warmen Drones und Blechblasinstrumenten, was Erinnerungen an die Doom-Jazzer BOHREN UND DER CLUB OF GORE weckt. Obwohl die drei Musiker auf Schlagzeug, Gitarren und Bässe im klassischen Sinne verzichten, sind sie durchaus zu großen Post-Rock-artigen Crescendi in der Lage – geschmackvoll eingesetzte Synthesizer und Drum-Sampler sei Dank. Ein gelungener, atmosphärischer Einstieg, der der Zuhörerschaft nicht gleich am Anfang zu viel abverlangt.

Hier stehen wir vor der ersten großen Entscheidung des Festivals, den wir könnten hier auch die Hip-Hop-Abzweigung nehmen und uns Shows von ELUCID oder BILLY WOODS anschauen. Oder uns die volle Black-Metal-Dröhnung bei den DOODSWENS geben – und das auch noch im legendären Skatepark. Oder einem der sogenannten „Artist In Residence“ ACID MOTHERS TEMPLE, die jeden Tag ein anderes Set spielen, eine Chance geben. Aus dem Bauch heraus nehmen wir keine der genannten Optionen wahr und bleiben bei unserem im Vorfeld über mehrere Abende hinweg ausgeklügelten Ursprungsplan. Das Festivalgelände besteht aus zwei Arealen, die jeweils rund fünf Gehminuten voneinander entfernt sind. Während Hauptbühne mit einer Kapazität von 3.000 Personen und besagte Next Stage im 013-Kulturzentrum untergebracht sind beherbergt die deutlich weitläufigere Spoorzone neben den Venues Terminal, Engine Room, Hall Of Fame und (den für nicht im Vorfeld angekündigte Secret Gigs genutzte) Skate Park auch die Merch-Area, sowie den Großteil der Fressbuden und Aufenthaltsbereiche. 

Unser zweites Konzert für uns also in die Spoorzone. Im Terminal, der zweitgrößten Venue des ROADBURN FESTIVALs spielt die Industrial-Band PAIN MAGAZINE (bestehend aus Mitgliedern der Hardcore-Punks BIRDS IN ROW, dem legendären Avantgarde-Elektronik-Projekt MAELSTROM sowie der Sängerin LOUISAHHH) Songs von ihrem sehr großartigen Album „Violent God“ – und weiß dabei auf ganzer Linie zu überzeugen. Musik, Performance, Licht – alles erste Sahne, es gibt absolut nix zu meckern. Näher kommt man in Sachen Intensität nur noch selten an einen NINE-INCH-NAILS-Gig aus den Neunzigern heran und spätestens hier wird deutlich, auf was für einem (ton-)technischen Niveau wir uns hier befinden. Nach wie vor gilt: Es dürfte nur wenige Orte auf diesem Erdenrund geben, an denen man so unterschiedlich harte Musik in so einer kristallklaren Qualität (oftmals ist nicht einmal der sonst obligatorische Gehörschutz nötig – könnte aber auch eine Altersfrage sein, haha) auf die Ohren bekommt. Jedes Jahr aufs Neue beeindruckend, wieviel eine sorgfältig eingerichtete, aber auch extrem kostspielige Saalanlage in Verbindung mit einer perfekten Raumakustik ausmacht (Grüße gehen raus an das Zenith in München).

Die dritte Show des Tages führt uns erstmalig zur beeindruckenden Hauptbühne des ROADBURN FESTIVALs – und auch ein wenig zurück zu den musikalischen Wurzeln des Events. Die Stoner-Rock-Band PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS präsentiert ihr aktuelles Album „Death Hilarious“ in Gänze (mehr oder weniger, auf das coole Rap-Feature von RUN THE JEWELS Master Of Ceremony EL-P wird aus naheliegenden Gründen verzichtet – der Typ ist halt nicht vor Ort). Dass das Album Spuren von Hardcore, Noise-Rock und keine Ahnung was noch allem enthalten kann, macht den energiegeladenen Auftritt, nicht zuletzt durch die hyperaktive, aber durch und durch sympathische Performance von Sänger Matt Baty, zu einem frühen Highlight des Festivals. Ein wenig stellt die Show der Briten eine Art Kontrapunkt zu PAIN MAGAZINE dar: Manchmal braucht es kein aufwendiges Showkonzept, damit der Funke aufs Publikum überspringt – und das ist er ganz eindeutig, die Zuschauer:innen feiern die bodenständige Show frenetisch und es gibt sogar einen vorzeigbaren Moshpit vor der Bühne.

Dass alle weiteren Shows, die wir heute sehen wollen, auf der Main Stage des 013 stattfinden, macht den Donnerstag zu einer insgesamt sehr entspannten Angelegenheit. Denn das Ding ist einfach so unfassbar gut durchdacht: Neben einem ab der Hälfte des Saals stufenweise ansteigendem Parkett gibt es einen riesigen, ebenfalls mehrstufigen Balkon und strategisch günstig positionierten Bars und Toiletten. Ein Traum auch für Zuschauer:innen, die woanders eher wenig von den Bands zu sehen bekommen, weil die Sicht durch eine größere Person versperrt ist.

Nach einer kurzen Pause in der Sonne geht es also weiter mit den italienischen Psychedelic-Stonern UFOMAMMUT, die mit „Aion – The Eternal Coil“ eine neue Schaffensära präsentieren – und dabei gleichzeitig das 20jährige Jubiläum ihres ersten Roadburn-Auftritts 2006 feiern. Unterlegt mit psychedelischen Visuals, macht der kernig-roughe und dabei doch immer wieder melodisch-filigrane Sound des Trios richtig viel Spaß. Die drei sind halt auch 27 Jahre nach der Gründung 1999 immer noch wie eine überenthusiastische Teenagerband, die den Leuten unbedingt die ganzen tollen Riffs, die sie im Keller zusammengedrömmelt haben, präsentieren wollen – und diese Spielfreude sieht man den Musikern auch einfach in jeder Sekunde der 75 Minuten Spielzeit an.

UFOMAMMUT auf dem Roadburn 2026

Gleichzeitig ist das zuletzt Gehörte aber auch eine tolle Rampe für nun folgende, wirklich bemerkenswerte Highlight des ersten Tages: Die Post-Metaller CULT OF LUNA spielen heute ein „Early Era“-Set, welches Material der Alben bis einschließlich „Somewhere Along The Highway“ (2006) umfasst, welches am morgigen Freitag durch ein „Late Era“-Set vervollständigt werden soll. Man darf gespannt sein, immerhin muss der inzwischen alleinige Frontmann Johannes Persson heute auch die Vocalpassagen von Klas Rydberg, der die Band 2012 verlassen hat, übernehmen – viele der möglicherweise gleich zu hörenden Songs waren vermutlich auch deshalb kein Bestandteil der Konzerte der Band in den letzten Jahren. Der Bühnenaufbau macht allerdings schon mal gute Laune: Zwei Drumsets, ergänzt durch verschiedene Percussion-Instrumente, sind schon mal ein Indiz dafür, dass Tontechniker-Koryphäe und Teilzeit-Musiker Magnus Lindberg mit von der Partie ist. Was nun folgt und eine sehr gut gefüllte Main Stage für rund 80 Minuten in seinen Bann zieht, ist nicht weniger als eine Machtdemonstration und ein weiterer Beweis dafür, warum die sechs Schweden seit Jahren so etwas wie die Speerspitze des Genres darstellen. Musikalische, ton-, aber auch lichttechnische Perfektion sorgen dafür, dass der Auftritt wirklich allen im Gedächtnis bleiben dürfte, die das Glück hatten, dabei zu sein. Und wie großartig ist es, mit „Finland“ und „Dark City Dead Man“ zwei Lieblingssongs, die man zuletzt in einer kleinen 700-Personen-Venue vor rund15 Jahren gesehen hat, nun endlich auf dieser Bühne und in dieser Qualität zu erleben.

Leider scheitern wir an der unfassbar langen Schlange zur Hardcore-Legende UNSANE, die im Anschluss in der Next Stage ihr 1997er Album „Occupational Hazard“ spielen wird. Wir hatten es bereits im Vorfeld vermutet: Einerseits wäre die Band im Hinblick auf die möglichen Zuschauerzahlen in jeder anderen Venue besser aufgehoben gewesen. Andererseits sorgt die durchaus kuschelige Next Stage für eine vielleicht etwas … sagen wir mal: authentischere Konzert-Experience als die größeren Bühnen. Sicherlich ein Punkt, über den man diskutieren kann. Es bleibt aber festzuhalten: Im Schnitt einmal am Tag besteht die realistische Gefahr, eine Show aufgrund zu großen Andrangs zu verpassen – eine Statistik, mit der man in Anbetracht der ansonsten fast immer optimal geplanten Locationverteilung gut leben kann. Trotzdem schade, wir hatten uns auf den Auftritt der US-Amerikaner gefreut, hätten CULT OF LUNA aber vermutlich nach maximal 45 Minuten verlassen müssen, um eine realistische Chance auf Zugang zu UNSANE gehabt zu haben – es steht bestimmt gut ein Viertel der Festivalgäste vor der Tür.

Also lustwandeln wir, immer noch merklich von den letzten beiden Konzerten euphorisiert, über das Festivalgelände, schauen uns das umfangreiche Merch-Angebot an, gönnen uns ein spätes Abendesssen mit einer wirklich sehr leckeren Pizza von einem der Foodtrucks und hören nochmal in das Live-Elektronik-Set von BLAWAN im 013 rein, welches uns aber nicht überzeugt und, obwohl handwerklich nicht schlecht, ein wenig zu beliebig, wenn nicht sogar generisch wirkt. Mit der einen oder anderen Breakcore-Nacht im Tilburger Club Smederij in den vergangenen Roadburn-Jahren oder dem letztjährigen Auftritt des Dub-Techno-Producers THE BUG kann das hier so überhaupt nicht mithalten. Um ein Uhr nehmen wir ersten von zwei Shuttle-Bussen nach Eindhoven (das Vier-Tages-Ticket hierfür liegt bei ca. 70 Euro), wo wir in einem Hotel nächtigen. Leider ist es als durchschnittlich betuchter Normalsterblicher spätestens seit Wiederaufnahme des Festivalbetriebs nach der Pandemie nahezu unmöglich, eine finanziell vertretbare Unterkunft in Tilburg direkt zu finden. egal ob AirBnB oder Hotel – weshalb viele Festivalbesucher, die den zum ROADBURN gehörigen Tilburger Stadtcampingplatz nicht nutzen können oder wollen – im benachbarten Eindhoven unterkommen. Fahrzeit mit der Bahn ca. 20 Minuten, mit dem Bus etwas zehn Minuten länger. 

Freitag, 19.04.26 – Tag 2

Für den zweiten Festivaltag haben wir uns ein straffes Programm mit insgesamt sieben Konzerten vorgenommen, welches wir auf die Schnelle mit Thunfischsalat-Sandwiches für unter zehn Euro im örtlichen LOC-Brauerei-Biergarten, direkt neben dem bereits erwähnten RAW einleiten. An dieser Stelle erwähnenswert: Zum eigentlichen ROADBURN FESTIVAL gehört auch das begleitende OFFROAD-Programm, im Rahmen dessen verschiedene lokale Restaurants, Kneipen und andere Institutionen kulinarische Specials, weitere Konzerte oder auch Ausstellungen anbieten, falls man tatsächlich mal keine Lust auf Live-Musik hat oder einfach mal so eine Pause braucht. Die Brauerei gehört dazu und hat dieses Jahr diverse Konzerte in den Abendstunden im Angebot, die nicht zum offiziellen Festival-Lineup gehören, aber trotzdem sehenswert sein können – Recherche im Vorfeld vorausgesetzt. 

Unser erster Programmpunkt um 14 Uhr im Terminal verspricht schon mal schwere Kost zu werden: Die Post-Metal-Band TEARDRINKER präsentiert gemeinsam mit Kim Hoorweg (Frontfrau der feministischen Punkband VULVA aus Rotterdam) das sog. „commissioned project“ (d.h. ein eigens für das Festival vorbereitetes Programm) „I Hope This Hurts“. Die vor dem Konzert an die Bühnenleinwand projizierte Triggerwarnung erscheint angebracht, setzt sich das folgende musikalische Konzept auf drastische Weise mit Patriarchalismus, Femizid, jeglichen Formen von Missbrauch und Unterdrückung von Frauen und Mitgliedern der LGBTQ+-Community auseinander. Die folgenden fünfzig Minuten Post-Metal-Brett, zu denen Hoorweg im Magdkostüm ihre substantiellen Texte in die Menge spricht, singt und schreit (teilweise unterstützt von einem Frauenchor im Hintergrund), gehören auf jeden Fall zu den intensivsten und bewegendsten des gesamten Festivals – was das Publikum mit minutenlangen tosendem Applaus honoriert. Herausragend und ein absolut unerwartetes Highlight des noch jungen Freitags.

Wir schauen das erste Mal in den Engine Room, die direkt neben dem Terminal gelegene drittgrößte Konzertlocation des Festivals, wo das Ein-Mann-Post-Doom-Drone-Whatever-Projekt PLANNING FOR BURIAL spielen wird. Der Bühnenaufbau ist imposant, die Anzahl der Verstärker, Lautsprecher, Effektgeräte und sonstiger… Geräuschgeneratoren (?) würde auch für eine sechsköpfige Band reichen. Thom Wasluck malträtiert in erster Linie seine Gitarre und erschafft so mit Hilfe von Loopern und anderen abgefahrenen Effekten eine wirklich beeindruckend noisige Wall Of Sound, die immer wieder von wunderbar einlullenden Shoegaze-Passagen unterbrochen wird. Kann man sich schon mal geben, zumal sich der US-Amerikaner in unseren Breiten eher selten die Ehre gibt.

Für KOWLOON WALLED CITY geht es zurück ins Terminal und auf die Show der US-Amerikaner habe ich mich seit der Ankündigung vor über sechs Monaten extrem gefreut. Denn auch dieses Quartett bekommt man auf Europas Bühnen nicht allzu häufig zu sehen. Unsere meine durchaus nicht niedrige Erwartungshaltung wird nicht enttäuscht: Die Band hat Bock und spielt ihren angenehm bluesig-songorientierten und dabei ebenso angenehm sludigig-räudigen Post-Metal begeistert und souverän runter und zeigt ebenso eindrucksvoll wie PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS am vorherigen Tag, dass nicht viel Show nötig ist, um mitzureißen, wenn die Musik einfach nur gut genug ist. Ein richtig cooles und schnörkelloses Konzert einer sehr sympathischen Band, die sich spürbar freut, vor so großem internationalen Publikum spielen zu dürfen.

Die einzige Handy-App, die bei mir während des Festivals Laut geben darf, ist die Timessquare-App, die neben den Time Tables, Informationen zu den Künstlern und der Umgebungskarte auch die sogenannten „Secret Gigs“ im Skatepark ankündigt. Hierbei handelt es sich um Zusatz-Shows der Festivalbands, die eben nicht im Vorfeld bekannt gemacht werden und die auch mal eine spontane Alternative sein können. Das Konzept ist spannend, spielen die Bands diese Außer-der-Reihe-Shows im Skatepark der Hall Of Fame. Und der kann sich durchaus sehen lassen und steht einem recht umfangreichen Tony-Hawks-Level in nichts nach. Also durchaus ein besonderes Ambiente. Für heute sind bereits drei Shows angesagt, zweimal sowas wie Hardcore Punk mit BAD BREEDING und HABAK und einmal Psychedelic Rock mit THE MACHINE. Auch die beiden Artists In Residence, bereits zuvor erwähnte ACID MOTHERS TEMPLE sowie die US-Black-Metaller KRALLICE ignorieren wir ebenso wie die aktuell sehr gehypten Artverwandten AGRICULTURE auf der Hauptbühne – wenn auch schweren Herzens, aber es läuft gerade gut, wir haben einen guten Flow, bloß nix am Plan ändern.

Also wieder in den Engine Room für HEAVEN IN HER ARMS. Die Post-Hardcore-Band liefert gnadenlos – mal atmosphärisch post-rockig, dann wieder bretthart (und dabei deutlich härter als erwartet oder auch die Landsmänner ENVY, die sich zum Vergleich anbieten würden – das geht hier schon eher Richtung CONVERGE) bringen sie eine beinahe vollständig abgedunkelte und komplett volle Venue zum Erbeben. Da die Japaner zuletzt 2017 in Europa unterwegs waren, freut es umso mehr, dass sie nun endlich ihr Album „White Halo“ einem europäischen Publikum präsentieren können – zumal die ursprünglich für 2020 geplante Releasetour durch Europa pandemiebedingt nicht stattfinden konnte.

Heiter weiter gehts im Terminal, diesmal ein bisschen entspannter mit SLOW CRUSH, die ihre ganz großartiges Debüt „Aurora“ in voller Länge darbieten. Der latent punkige Shoegaze-Uptempo-Sound der Belgier:innen kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, die ersten vier gesehenen Bands heute waren ja doch eher so auf die Zwölf. Somit werden wir auch nicht enttäuscht: Zwar ist das Gehörte schon auch ein ziemliches Brett, trotzdem überwiegen die melodisch singenden Leadgitarren und der genre-typisch zurückgenommene und ätherisch-verhallte Gesang der charismatischen Frontfrau und Bassistin Isa Holliday. Wirklich die perfekte Atempause zur perfekten Zeit. Schön, dass wir die vier nochmal am Sonntag auf der Hauptbühne hören und sehen werden.

Nach einer kurzen Essenspause begeben wir uns erstmalig an diesem Tag zur Hauptbühne. Cool, dass uns auf den fünf Minuten Fußweg in der Unterführung der inzwischen allseits festivalbekannte Akkordeonspieler begegnet und seine beschwingten … nun ja: „Hits“ zum Besten gibt. Auf jeden Fall besser, als das Programm, was uns aller Wahrscheinlichkeit am morgigen Samstag erwarten wird. Doch dazu später mehr … jetzt erstmal Teil 02 von CULT OF LUNA: das bereits angeteaserte „Late Era“-Set ab dem „Vertikal“-Album von 2013. Und was soll man sagen: Die zweite Show der Post-Metal-Institution knüpft da an, wo das gestrige Konzert aufgehört hat. Der Bühnenaufbau und die aufwendige Lightshow entsprechen im Großen und Ganzen dem am Vortag gesehenen, neu dagegen sind die vier hochhausähnlichen Monolithe im Bühnenbild – einer Großstadtkulisse aus Fritz Langs „Metropolis“ nicht ganz unähnlich. Weitere 70 Minuten Post-Metal allererster Güte, fehlerlos dargeboten, herausragend gemischt und einfach nur perfekt. Gerade die Songs vom „Vertikal“-Album mit ihren mächtigen Moog-Synthesizern kommen in Verbindung mit der kalten und grellen Lichtshow und dem monolithischen Bühnenbild unfassbar gut rüber. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wenn er die mitlaufenden Aufnahmesysteme am FOH-Platz erspäht – auf jeden Fall sind beide Show heiße Kandidaten für eine „Live At Roadburn“-Veröffentlichung.

CULT OF LUNA auf dem Roadburn 2026

Retrospektiv wirkt der Rest des Abends ein bisschen unwirklich: Warum auch immer, wir sind geistesgegenwärtig genug, uns ohne Pinkel-, Getränke- oder sonstige Pause Richtung Paradox aufzumachen, dem rund 500 Meter entfernten, maximal 300 Seelen fassenden Jazzclub im Herzen Tilburgs. Dort spielen um halb 12 die italienischen Noise-Jazzer ZU einen 90-Minuten-Gig. Ehrlich gesagt machen wir uns keine richtig großen Hoffnungen, da noch reinzukommen, denn außer uns haben weitere Pi mal Daumen 2000 Menschen dieselbe Idee. Als wir uns vor dem Club einreihen, befinden sich vor uns rund … hmm, 300 Menschen? Hinter uns dafür ungefähr 1700. Skurilles Detail: Eine mobile, dreirädrige Cocktailbar mit bunter Neonbeleuchtung fährt vor und will die Schlange mit Drinks versorgen. Wir harren der Dinge die da kommen und es geht langsam, aber stetig vorwärts. Schließlich sind noch drei Personen vor uns … und der Türsteher verkündet, dass der Laden voll ist. Kurzer Lagecheck, mal den Türsteher direkt fragen, wie er die Chancen einschätzt, noch etwas von der Show zu sehen. Dieser kann uns nix versprechen, ist aber in Anbetracht des rhythmisch komplexen und latent disharmonischen Lärms sehr zuversichtlich, dass gleich wieder Leute einige rauskommen. Kurzer Blick zurück auf die endlose Schlange, die überhaupt keine Anstalten macht, sich aufzulösen. Dabei fällt eine kleine Gruppe auf, die sich neben der Menschenmenge auf uns zu bewegt: Es ist der REFUSED-Sänger Dennis Lyxzén, der sich zusammen mit seinen Bandkollegen, dem Schlagzeuger David Sandström, dem Bassisten Magnus Flagge und dem Saxophonisten und Flötisten Mats Gustafsson für ein neues Projekt namens BACKENGRILLEN zusammengetan und selbiges auf dem ROADBURN FESTIVAL am heutigen Tag in der Next Stage präsentiert hat. Meldung aus dem Club: Sechs Leute dürfen noch rein. Einer aus Lyxzéns Entourage diskutiert mit dem Türsteher, doch dieser lässt sich nicht beirren, verweist auf die Schlange … und lässt uns statt den Schweden rein. Wir können unser Glück kaum fassen und stellen zusätzlich fest, dass der Laden nicht völlig überfüllt ist und wir sogar noch einen absolut akzeptablen Platz bekommen – moderne Brandschutzvorschriften machen es möglich, yay. Und das ZU-Konzert: Puh, das ist schwer in Worte zu fassen. Ich sehe ja doch ziemlich viel unterschiedlichen abgefahrenen Kram auf allen möglichen Bühnen, aber das hier hat nochmal eine andere Qualität und ist unfassbar gut auf ganz vielen verschiedenen Ebenen. Da wäre einmal die technische Perfektion im hochenergetischen Spiel des Trios, bestehend aus Drums, Bass (der aber auch die Funktion der Gitarre übernimmt) und Saxophon/Synthesizern. Und bei aller rhythmischer und harmonischer Komplexität schaffen es die drei herausragenden Musiker, ganz tollen Melodien und Atmosphäre Platz einzuräumen – und dieses hohe Niveau anderthalb unglaublich kurzweilige Stunden durchzuhalten. Ohne Frage eines der am meisten besonderen Konzerte, die ich jemals besucht habe. Sorry, Dennis, Du hast echt was verpasst…

Und damit geht ein tatsächlich perfekter, wenn auch körperlich und musikalisch fordernder, zweiter Festivaltag zu Ende. All Killer, No Filler, wir haben wirklich nur tolle Shows gesehen, hatten immer gute Plätze… hach, das Leben ist schön, denken wir uns im Night-Shuttle-Bus, gespannt, was Tag 03 so bringen wird.

Samstag, 20.04.26 – Tag 3

Der anstrengende, aber musikalisch unfassbar befriedigende zweite Festivaltag steckt uns schon noch in den Knochen, als wir beim Frühstück (leider heute drinnen, weil es ein wenig grau und regnerisch ist) zusammensitzen und überlegen, womit wir den Tag beginnen. Die erste Hälfte des Samstags bietet für uns trotz ausgiebiger Vorrecherche keine außergewöhnlichen Highlights – was aber kein Drama ist, weil man sich so auch einfach mal von Konzert zu Konzert treiben und dabei überraschen lassen kann. Auch in den vergangenen Jahren haben wir auf diese Art noch ganz unerwartet den/die eine:n oder andere:n coole:n Künstler:in entdeckt – und so sind wir optimistisch, dass uns das auch in diesem Jahr glückt.

Leider will das diesmal aber nicht ganz so hinhauen. Vielleicht ist die Messlatte für den heutigen Tag durch das gestern Erlebte einfach ein bisschen zu hoch, vielleicht liegt es auch an der nicht ganz optimalen Tagesform: Weder AHO SSAN & ASIA (wenn ich den Begleittext im Booklet ganz gelesen hätte, wäre mir vielleicht aufgefallen, dass es sich trotz des irreführenden Fotos nicht um ein Hip-Hop-, sondern um ein recht sperriges Neo-Classic-Projekt handelt), noch OTAY:ONII (unter anderen Umständen hätten wir das vielleicht spannend gefunden, heute funktioniert die technisch zwar perfekte, aber doch extrem theatralische und irgendwie anstrengende Show der in Berlin lebenden Chinesin leider nicht für uns) können uns fesseln oder zumindest halbwegs überzeugen. Dasselbe gilt für für die aus dem Umfeld der auf dem ROADBURN Kultstatus genießenden Sludge-Institution stammende Noise-Sludge-Kombo SLOWHOLE, die uns zu laut und zu stumpf ist – was gar nicht abwertend gemeint ist. Wie gesagt, Tagesform… das sind schon alles hochkarätige Künstler und Shows und dass das für uns heute nicht funktioniert, ist ein ganz individuelles „Problem“ und hat nichts mit dem Festival zu tun.

Erst RÓIS, das Brainchild der irischen Multiinstrumentalistin und Sängerin Rose Connolly, kann uns in der Next Stage in seinen Bann ziehen: Die Mischung aus alten irischen Volksliedern und Eigenkompositionen, dargeboten mit Gesang, Synthesizern und Schlagzeug, ist spannend und atmosphärisch dicht. Durchaus vergleichbar mit ihren Landsleuten von LANKUM, auch wenn hier auf traditionelle, klassische Instrumente verzichtet wird. Kleines Highlight ist ohne Frage das NIRVANA-Cover von „Something In The Way“, welches sich bis auf weiteres erfolgreich in den Gehörgängen einnistet.

Dafür funktioniert PROSTITUTE im Engine Room wieder nicht so gut für uns. Irgendwo zischen Noise-Rock und Post-Punk, mit arabischen Einflüssen und Rhythmen sowie ein wenig Elektronik garniert, mag die auf dem Papier eigentlich spannende Mischung bei uns nicht so recht zünden. Es ist doch wie verhext.

Beim Wechsel von der Spoorzone zum 013-Areal werden wir heute leider nicht mit den bekannten Akkordeon-Klängen beschallt. Dafür schreien und fundamentale Christen mit Transparenten aggressiv an. Irgendwas von wegen dass wir in die Hölle kommen und uns Gott, dem einzigen Erlöser zuwenden sollen. Wir sparen uns tiefergehende Diskussionen mit den Bibelgürtelhollländern … nicht in dem Tonfall brauchen wir da gar nicht erst anfangen.

Die nächsten beiden anstehenden Konzerte sind ohne Frage Festival-Highlights – aber, irgendeinen Haken muss die Sache ja haben, finden mehr oder weniger gleichzeitig statt. Für uns der wirklich einzige (und wirklich schmerzhafte) Clash der diesjährigen ROADBURN-Edition – was eigentlich verwunderlich ist, denn dass ansonsten keine Entscheidungen von großer Tragweite 2026 nötig sind, ist ja erstmal durchaus positiv und keinesfalls selbstverständlich. Auf der Hauptbühne wird die musikalische Wundertüte BORIS das 20-jährige Jubiläum ihres vielleicht bekanntesten Albums „Pink“ zelebrieren. Das wird also ein Set irgendwo zwischen Stoner-Rock, Doom, Post-Irgendwas mit einer Prise Drone und ist für mich auch ein Pflichttermin. Im Terminal dagegen gibt sich das Avantgarde-Drone-Hip-Hop-Duo DÄLEK die Ehre – eine meiner Lieblingsband der letzten Jahrzehnte, wenn es um das gesprochene Wort geht. Die BORIS-Show beginnt 40 Minuten früher als DÄLEK – eine Option ist natürlich, das Konzert der Japaner frühzeitig zu verlassen und zu hoffen, dass man noch in den Terminal reinkommt.

Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass wir bei BORIS bleiben. Schlicht und ergreifend, weil das Konzert viel zu gut ist und die drei sympathischen Musiker:innen das Publikum gut gelaunt mitzureißen wissen, Gitarristin Wata den wahrscheinlich räudigsten, lautesten, fettesten und überhaupt geilsten Gitarrensound des Festivals hat und halt einfach auch jeder Song auf „Pink“ irgendwie cool ist – live noch mehr als auf Platte. Das möchte man sich dann doch nicht entgehen lassen, gerade in dieser außergewöhnlichen Venue und in dieser Qualität. Die 70 extrem unterhaltsamen Minuten vergehen auf jeden Fall wie im Fluge und sind eine willkommene Abwechslung zur ansonsten oftmals eher schweren musikalischen Kost des ROADBURN FESTIVALs. Tatsächlich schaffen wir es doch noch, die letzten fünf Minuten DÄLEK mitzunehmen. Und die sind herausragend gut und ungemein fett, was die Entscheidung für BORIS retrospektiv ein wenig in Frage stellt – was aber so oder so der Fall gewesen wäre, machen wir uns doch nichts vor.

BORIS auf dem Roadburn 2026

Auch die folgende Show scheint hoch im Kurs des ROADBURN-Publikums zu stehen, denn die Main Stage ist schon ein Weilchen vor Konzertbeginn zum Bersten gefüllt – und bleibt dies auch über die nächsten 70 Minuten, was dahingehend bemerkenswert ist, da ansonsten bei so ziemlich jedem Konzert Teile der Zuhörerschaft früher oder später verschwinden. Dies gilt jedoch nicht für die belgische Kultband OATHBREAKER, die heute ihr letztes Album „Rheia“ (2016) in Gänze spielen wird. Mit der Church Of Ra verbandelt, kam diese Band ähnlich wie AMENRA ursprünglich aus dem Hardcore-Punk-Untergrund, entwickelte sich aber konsequent in Richtung kompromisslos harter, wenn auch durchaus atmosphärischer Post-Metal weiter. 2018 kam es zu einer längeren Pause im Schaffen der Band, welche nun möglicherweise ein Ende findet – zumindest sind neben der heutigen noch weitere Shows für 2026 angekündigt. Und der Legendenstatus der Band scheint begründet: OATHBREAKER fahren die ultimative Wand auf: Von cleanen Akustik- über schwere Doompassagen bis hin zu extremer Blastbeat-Raserei bietet die „Rheia“-Performance alles, was das Extreme-Metal-liebende Herz begehrt – und das mit einer Energie und Spielfreude, als ob es die achtjährige Pause nie gegeben hätte.

Wir bekommen noch ein bisschen QUEST MASTER in der Next Stage mit, sind uns aber schnell einig, dass wir nichts Großartiges verpasst haben. Dungeon-Synth-Musik lebt prinzipbedingt nicht von unendlichem Facettenreichtum und auch die Performance an sich ist, trotz halbwegs unterhaltsamen Nintendo-Style-Visuals, doch eher statisch und wenig spektakulär.

Die Franzosen SLIFT hatten wir bei der Planung im Vorfeld durchaus auf dem Schirm, ich mag das 2024er Album „Ilion“ sehr. Somit war klar, dass wir den anfänglich enttäuschenden, sich dann erfolgreich zu einem musikalisch durchaus spannenden, wenn auch anstrengenden, steigernden Samstag sehr gerne mit den Psychedelic-Rockern auf der Hauptbühne ausklingen lassen wollen. Dass das Trio aber so etwas wie unser Highlight des Tages werden würde, hatten wir nicht auf dem Schirm: Mit Gitarre, Bass, Drums und clever eingesetzten Synthesizern baut die Band eine Soundwand auf, von der sich tatsächlich auch (so unfassbar gut und fett sie auch geklungen haben) CULT OF LUNA und BORIS ein Scheibchen abschneiden können. Das ist schon mehr als bemerkenswert, aufgrund der treibenden Uptemporhythmen oft tanzbar und bei aller Fatness trotzdem ziemlich catchy und melodisch. Dass sie ihre eigenen Licht-, Ton- und Visualtechniker am Start haben, ist die Kirsche auf der Sahnetorte und macht das Konzert eigentlich sogar zu einem Festivalhighlight – welches wir so nicht erwartet hatten.

SLIFT, BORIS und OATHBREAKER haben (in dieser Reihenfolge) für ein mehr als versöhnliches Ende des dritten Festivaltages gesorgt, auch wenn es immer noch weh tut, DÄLEK und auch ansonsten am Nachmittag nichts wirklich gesehen zu haben, was uneingeschränkt begeistert hätte. Vielleicht hätten wir es doch mit den Doom-Metallern von PRIMITIVE MAN, dem (mutmaßlichen) Art-Rock von THESE NEW PURITANS oder den shoegazigen Klängen von BLACKWATER HOLYLIGHT versuchen sollen – aber man muss ja auch irgendwann mal was essen, so ganz ohne Pause funktioniert die Nummer ja nicht. Mal schauen, was Tag Nummer 04 so bringen wird.

Sonntag, 19.04.25 – Tag 4

Auch dieses Jahr spüren wir, dass wir keine 20 mehr sind – die letzten drei Festivaltage stecken uns spürbar in den Knochen. Dafür hat sich die Anschaffung von Gelsohlen für unser Schuhwerk mehr als bezahlt gemacht: Dem Lendenwirbelbereich geht es erstaunlich gut. Das Wetter ist auch wieder deutlich besser als am Vortag, also genießen wir ein letztes Mal die Aussie-Eggs im RAW zum Frühstück Für diesen Tag haben wir wieder einen ausgeklügelten Fahrplan, quasi ein heiteres musikalisches Potpourri bestehend aus sieben Bands, vorbereitet – welcher spontan und gleich zu Beginn um einen achten Act ergänzt wird. Schon beim Betreten des Festivalgeländes fällt auf, dass es deutlich entspannter als an den vorherigen Tagen zugeht – anscheinend sind einige Leute schon abgereist oder hatten nur Tickets für die ersten drei Tage. Was aber nicht bedeutet, dass die restlichen Acts vor leeren Hallen spielen müssen.

Da wir dieses Jahr noch nicht in der Hall Of Fame (mit einem Fassungsvermögen von 250 Personen neben dem Paradox-Jazzclub die kleinste Venue des Festivals) waren, beschließen wir, dort den entspannten Akustikgitarrenklängen von SIR RICHARD BISHOP zu lauschen, bevor wir uns zur Hauptbühne aufmachen. Der ehemalige Saitenhexer der Experimental-Rockband SUN CITY GIRLS ist auch gerne mal auf Solopfaden unterwegs und sagen wir mal so: Akustikgitarre hat der Mann fraglos durchgespielt. Egal ob klassische Gitarre, Blues, Flamenco-artiges Spiel oder beinahe noisiges Geschrabbel – SIR RICHARD BISHOP (das Sir ist übrigens nur ein Künstlername, kein wirklicher Adelstitel) beherrscht das komplette Repertoire aus dem Effeff und in Perfektion.

Kein schlechter Start in den Tag, zumal es mit SLOW CRUSH auf der Hauptbühne vielversprechend weitergehen soll. Wir hatten das Quartett aus Belgien ja bereits am Freitag im Terminal gesehen, als sie ihr Debüt „Aurora“ gespielt haben. Heute soll ihr letztjähriges drittes Album „Thirst“ im Fokus stehen. Und abermals überzeugt die belgischen Shoegazer auf ganzer Linie, zumal wir diesmal von der ersten Reihe auf dem Balkon aus auch eine perfekte Sicht genießen. Dass die Band die zwei drei Hits vom Debüt noch einmal zum Besten gibt, stört dabei gar nicht. Im Gegenteil, die Musik von SLOW CRUSH ist insgesamt sehr homogen und so fügen sich die Songs unterschiedlicher Schaffensphasen zum einem wunderbar einlullendem Ganzen zusammen. Schönes Konzert mit stimmungsvollen Visuals einer durch und durch sympathisch auftretenden Band.

LILI REFRAIN hatten wir schon einige Jahre zuvor auf dem Roadburn gesehen und bereits damals für gut befunden. Die italienische Solokünstlerin und Multiinstrumentalistin kann beeindruckende Soundlandschaften aufbauen, indem sie Percussion, coole Gitarrenriffs mit psychedelischer oder sogar Stoner-Schlagseite und Jarboe-artigen Gesang mit Hilfe ihrer Loop- und Effektpedale zu kompletten, bisweilen erstaunlich dronigen Songs layert. Dass sie das Ganze mit einer gewissen rituell anmutenden, aber augenzwinkernden Theatralik macht, ist sympathisch und sorgt dafür, dass die Nummer nicht so bierernst rüberkommt, wie man vielleicht meinen möchte. Im Gegensatz zu SLOW CRUSH kein Easy Listening, aber durchaus stimmig und unterhaltsam.

Trotzdem verlassen wir die LILI-REFRAIN-Show ein bisschen früher, um rechtzeitig für gute Plätze im Engine Room zu sein, wo KISS THE ANUS OF A BLACK CAT spielen werden. Ganz ehrlich: Wir haben vorher reingehört, sind aber hauptsächlich wegen dem Bandnamen hier. Werden aber mehr als positiv überrascht: Der im Vorfeld zwar wohlwollend gehörte Folk(-Rock) der Belgier entpuppt sich live als extrem coole Mucke, die durch den Einsatz von Synthesizern und deutlich fetteren Drums, Gitarren und Bass spürbar mehr Biss als auf Platte hat. Ein wenig, als ob MUMFORD & SONS, PUSCIFER und die SWANS gemeinsam was ausgeheckt hätte. Die großartige Gesangsstimme von Bandleader Stef Heeren ist zusätzlich eine willkommene Abwechslung zu dem, was wir bisher so auf dem ROADBURN FESTIVAL gehört haben. Ein unerwartet tolles Konzert.

KISS THE ANUS OF A BLACK CAT auf dem Roadburn 2026

Weiter geht es mit der Noise-Rock-… ja, irgendwie ist es eine Supergroup … ORCUTT SHELLEY MILLER. Das US-amerikanische Trio hat mit Bill Orcutt (Gitarrist der Neunziger-Jahre-Noiserocker HARRY PUSSY), Steve Shelley (seines Zeichens SONIC-YOUTH-Drummer für rund drei Dekaden) und Ethan Miller, Bassist der kurzlebigen, aber einflussreichen COMETS ON FIRE, eine durchaus namhafte Besetzung vorzuweisen. Und dass man den drei alten Hasen nix mehr vormachen muss, zeigt sich deutlich nach wenigen Minuten sehr deutlich. Man kann gar nicht genau sagen, ob man es hier mit einem Set aus richtigen Songs oder einem genial improvisierten Jam zu tun hat. Das Zusammenspiel der drei Musiker aus Leidenschaft ist auf jeden Fall super und es macht einfach Spaß, dabei zuzusehen, wie sie miteinander interagieren und schräg-noisige, strophenähnliche Passagen zu einem fulminantem Pandemonium steigern. Wenn man die Augen zumacht, fühlt man sich beinahe wie ein Teenager im elterlichen Proberaumkeller. Und zumindest Orcutt scheint es ähnlich zu gehen, fragt er nach Konzertende doch nochmal vorsichtshalber nochmal bei Miller nach, ob es das jetzt wirklich schon war, bevor er sich freudestrahlend dem minutenlang klatschenden Publikum zuwendet. Sehr cool.

Die Hauptbühne besetzen BORIS ein weiteres Mal zur besten Sendezeit, diesmal spielen sie ihr leider nur schwer zugängliches (größtenteils) Drone-Album „Flood“ in voller Gänze. Nicht meine erste Wahl, wenn ich ehrlich bin, ich hätte mich über so ziemlich jedes andere Album mehr gefreut. Umso cooler, dass wir beim kurzen Intermezzo auf der Hauptbühne die Gitarristen Wata singen hören: BORIS spielen tatsächlich das sehr chillig-loungige „Rainbow“ vom gleichnamigen Kollabo-Album mit dem Ausnahmegitarristen Michio Kurihara. Das kreischend-fuzzige Gitarrensolo von Kurihara spielt Wata kurzerhand selbst, und das selbstverständlich perfekt. Dass das Set anschließend wieder in die prognostizierte „Flood“-Drone-Wand versinkt, stört uns nicht, denn wir müssen eh wieder zur Next Stage.

ECHT! auf dem Roadburn 2026

Denn hier erwartet uns ein weiteres mutmaßliches Festival-Highlight: Die Belgier ECHT! (nein, nicht zu verwechseln mit … na Ihr wisst schon wem). Und das Quartett macht etwas wirklich Besonderes: Und zwar Drum’n’Bass, Dubstep, Electro, ja mehr oder weniger jede Form von tanzbarer elektronischer Clubmusik – aber mit echten Instrumenten in voller Bandbesetzung und auch noch ohne Computer. Das Schlagzeug alleine ist eine Augenweide, so viele (für Metal-Drums-gewohnte Augen) ungewöhnliche trommel- und beckenähnliche …. hmm, Dinger. Dazu ein E-Bass mit einem sehr speziellen Pedalbord für alle möglichen genretypischen Sounds, ein paar analoge Synthesizer und ein Gitarrist, der allerdings auch nur wenig klassische Gitarrenarbeit zu bieten hat – man darf gespannt sein. Long story short: Die durch ein paar während dem Soundcheck angespielte Takte recht hohe Erwartungshaltung wird nicht enttäuscht, die Jungs bringen die angenehm volle Next Stage zum Überkochen und dürfen (was wie auf den meisten Festivals auch auf dem ROADBURN eher selten der Fall ist) sogar noch eine Zugabe spielen. Was für ein fantastisches Festivalfinale, just wow!

Da wir danach erstmal eine Pause brauchen (immerhin haben wir eine Stunde durchgetanzt, und das am letzten Festivaltag bei der fast letzten Band), bekommen wir den von den finnischen Krautrockern K-X-P auf der Hauptbühne nur noch die letzten paar, zugegebenermaßen durchaus coolen, Minuten mit. Damit können wir, immer noch geflasht vom ECHT!-Auftritt, allerdings gut leben. Und so geht es ein letztes Mal nach einem tollen vierten Festivaltag nahezu beseelt via Nightbus-Shuttle zurück ins Hotel nach Eindhoven.

Klein aber fein: Das gilt für das ROADBURN FESTIVAL im Jahr 2026 mehr denn je. Mit um die 5.000 Gästen ist das Event deutlich familiärer als so etwas wie WACKEN mit über 80.000 Teilnehmern. Aber gerade das – und natürlich die Annehmlichkeiten einer kompletten städtischen Infrastruktur – machen das beschauliche Festival in Tilburg so attraktiv. Das Vier-Tage-Ticket (welches ja eigentlich fünf Tage umfasst, wenn man THE SPARK mitzählt: Eine Art Pre-Party am Mittwoch vor Festivalbeginn im Foyer des 013 kombiniert mit mehreren Konzerten in der Next Stage) ist mit rund 290 Euro sicher kein No-Brainer, andererseits muss man für manches Zwei-Tage-Festival wie das DARK EASTER METAL MEETING auch schon fast 200 Euro abdrücken. Festivals (und Konzerte ganz allgemein) werden von Jahr zu Jahr teurer, daran ist wohl leider nichts zu rütteln. Wie hoch die Zusatzkosten ausfallen, hat man allerdings (zumindest teilweise) selbst in der Hand: Die Bahnfahrt ist bei frühzeitiger Buchung immer halbwegs erschwinglich, auf dem Campingplatz zu nächtigen ist billiger als ein Hotel, Essen aus dem Supermarkt in jedem Fall günstiger als die Foodstände oder Restaurants in der Innenstadt. Aber klar, ein Schnäppchen ist das alles trotzdem nicht, Aber, zumindest von unserer Warte, jeden Cent wert – und den meisten anderen Besuchern scheint es ähnlich zu gehen. Daher steht für uns auch dieses Jahr wieder außer Frage (zumal wir bereits auf der Rückfahrt Early Bird Tickets gekauft und das Hotel für nächstes Jahr gebucht haben): Wir sehen uns 2027! 

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Stephan Gossen

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Stephan Gossen

Fotos von: Stephan Gossen

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