Festivalbericht: Rocktower Festival

03.04.2010 Lübeck, Musik- und Kongresshalle & Treibsand

Normalerweise pilgert man als Hamburger nicht in die unweit im Norden liegende Kleinstadt, um Konzerte zu besuchen. An diesem Ostersamstag war es aber kein einfacher Tour-Stop, der uns nach Lübeck ziehen ließ, sondern ein kleines, aber ausgewachsenes Festival. Das Rocktower fand an zwei Orten, dem Foyer der noblen Musik- und Kongresshalle (MuK) sowie dem ranzigen Treibsand auf der anderen Straßenseite statt. Ein Festival der Gegensätze also, was sich in vielerlei Hinsicht noch bewahrheiten sollte.

Nach der kurzen Anreise kamen wir pünktlich zum Opener in der kleinen Hansestadt und am Spielort an. NASTRANDIR wurden auf die Bretter der MuK geschickt und hatten – vielleicht auch wegen der „Werbung“ durch die aus drei gleichen Mitgliedern bestehenden Woodland auf der Warm-Up-Party am Abend zuvor – schon eine ansehnliche Fanschar vor die Bühne gezogen. Die heidnischen Lokalmatadoren hatten zwar über weite Strecken unter einem unausgegorenen Sound zu leiden, der Songs wie „Rise Of Runes“ ein wenig beschädigte, ließen sich davon aber kaum beirren. Dass es dem Sechser anzumerken war, wie sehr man das aktuelle Album dem Erstling vorzieht, tat der Freude keinen Abbruch, da der Qualitätsunterschied zwischen den Songs von „Zwischen Horizonten“ und „Prayer To Earth“ dieser Vorliebe verständlich macht. Und so gab es nur ein Stück vom Debüt, was bei der kurzen Spielzeit auch niemanden verwundern sollte. Schade war, dass NASTRANDIR sich nicht mehr an das tolle Bathory-Cover trauten, egal ob nun aus Zeit- oder Gema-Gründen. Unterm Strich gelang es den Jungs jedoch, mindestens amtlich einzuheizen und das Rocktower Festival zu eröffnen.

Tracklist Nastrandir:
Prayer To Earth
When I Die
Bloodred Horizon
Der Wanderer
Rise Of Runes

Nach dem ersten Rübeschütteln war nun schon Zeit für ein zweites Frühstück, weswegen die nächsten Bands, die zu diesem Zeitpunkt vornehmlich dem altertümlichen Heavy Metal-Sektor entstammten, einer Döner- und Bierpause in der Lübecker Innenstadt zum Opfer fielen. Dem örtlichen Rewe-Markt war bereits zu früher Stunde die Bierregale fast leergeräubert, offensichtlich hatte der Filialleiter mit diesem Ansturm nicht gerechnet.

Nach Stärkung und manchem Plausch war es an der Zeit, zumindest einen Blick auf die ebenfalls aus der Gegend stammenden CURSED ANGUISHED im Treibsand zu werfen. Die düster angemalte Truppe spielte ihren melodischen Black Metal souverän auf der recht gut besuchten kleinen Bühne, konnte aber mit ihren rhythmisch ziemlich unspektakulären und wenig mitreißenden Songs weder vor noch nach dem Auftritt einen Blumentopf bei mir gewinnen. Bemerkenswert war aber der vergleichsweise ordentliche Klang in dem Schuppen, der einen unglaublichen Kontrast zur geschniegelten MuK darstellte.

Stattdessen zog es und nach einiger Zeit wieder in die große Halle, um trotz fehlender Ahnung zumindest eine der legendären Old School-Kapellen zu begutachten – die Wahl fiel auf BLITZKRIEG. Die Traditionalisten ließen natürlich mit ihren 30 Jahren Bühnenerfahrung (die sie auch gern betonten) nichts anbrennen und hatten den Auftritt fest in der Hand. Wenn auch von Ausrastern seitens des Publikums wenig zu spüren war, so schien sich dennoch die große Masse der Besucher prächtig zu amüsieren, während die Männer um Brian Ross ihren Heavy Metal von der Bühne warfen. Herrlich anzusehen war, wie fast jeder Rücken von Jeansstoff und Aufnähern bedeckt war und schon so manch graues Haar durch die Luft wehte. Welch Kontrast zu all den jugendlichen Pagan Metal-Fans!

Eine kurze Kaffeepause überbrückte die Zeit bis zu KALMAH, die ich mir allein aufgrund der Schwärmerei des Kollegen Heckmann mal zu Gemüte führen wollte. Dass die Finnen seit sieben Jahren an diesem Tag erstmals wieder eine deutsche Bühne bespielten, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, es machte den Auftritt jedoch nicht eindrucksvoller. Die Band, die ich immer als bessere Children Of Bodom in Erinnerung hatte, schwächelte zum einen an einer schlechten Soundabmischung, deren dünne Höhen jede Gitarren- und Keyboard-Leadmelodie untergehen ließ, zum anderen an einer etwas energiearmen und statischen Bühnenpräsenz. Es half auch nicht viel, dass sie sich nach rund der Hälfte der Spielzeit ihrer Oberteile entledigten. Zugegebenermaßen feierten nicht wenige Fans den Auftritt, offensichtlich macht es durchaus einen Unterschied, wie vertraut man mit dem Songmaterial ist. Einem Außenstehenden jedoch blieb KALMAH nicht in bleibender Erinnerung.

Ein kleines Bier wurde nun in der Alternativenkneipe (oder auch „Wohnzimmerkollektiv“) Café Brazil eingenommen, wo die Belegschaft sichtlich bemüht war, mit ein paar ungewohnt harten Klängen ein wenig stahlhungrige Kundschaft zu gewinnen. Einen schönen Gruß an dieser Stelle an Barmann Christian, der an diesem Tag mit Humppa Bekanntschaft machen durfte.

VAN CANTO stand als nächstes auf dem Programm, verwunderlicherweise im Winz-Treibsand, wo auch die technischen Möglichkeiten für die A Cappella-Metaller etwas schwierig erschienen. Dennoch verwandelten die vier Sänger und der Schlagzeuger die proppevolle kleine Halle schnell in einen angemessenen Konzertsaal. Mit viel Singfreuden, Interaktion, reichlich Teilnahme seitens der Besucher (darunter zwei Mädchen im Grundschulalter auf den elterlichen Schultern) und sogar relativ viel Bewegung auf der kleinen Bühne hinterließ der Auftritt der Ausnahmegruppe einen hervorragenden Eindruck. Die vier Herren und die Dame erwiesen sich als überaus sympathische Künstler, auch wenn eine gewisse Eitelkeit insbesondere den beiden Lead-Stimmen nicht abzusprechen ist. Ich bin mir sicher, dass sich ein Ventilator vorn auf der Bühne befand, damit Fräulein Scharf immer schön die Haare wehten. Abgesehen davon fand der Gig einen Höhepunkt, als der Song „The Mission“ nahtlos in „Master Of Puppets“ überging, auch wenn dieser nicht ganz vollständig erklang. Nach einer guten Stunde entließ man das Publikum und hatte gewiss den ein oder anderen Fan dazugewonnen.

Tracklist Van Canto:
Lost Forever
To Sing A Metalsong
Wishmaster
I Am Human
Rebellion
On To Ten
The Bard’s Song (In The Forest)
The Mission
Master Of Puppets
Fear Of The Dark

Es dauerte nicht lang, bis nach Van Cantos tollem Auftritt am gleichen Ort der Ton ungleich rauer wurde. ENDSTILLE aus Kiel waren an der Reihe, ihren Weltkriegsmetal als härteste Band des Festivals in die Menge zu blasen. Das erste Konzert des neuen Sängers Zingultus war zugleich für mich das erste Mal, dass ich die Schwarzwurzeln trotz ihrer nicht geringen Bühnenpräsenz zu Gesicht bekam. Die Vorstellung des Vierers war schon ziemlich sinnbildlich-flach: „Wir sind Endstille. Und das ist der Krieg.“, womit das ausgesprochen breiige Getöse anbrach. Über den gesamten Auftritt hinweg konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass ENDSTILLE nur einen einzigen Song spielen, denn Variation war völlig Fehlanzeige. Über zwei, drei Nummern mochte das noch halbwegs unterhaltsam sein, dann wurde es allmählich öde, bis es schließlich komplett ätzend war. Von einer Black Metal-Band erwartet keiner Herumgehopse auf der Bühne, Singalong-Spiele oder außergewöhnliche Ansagen, aber derart statisch, arm an Atmosphäre und halbgar präsentiert bleibt eben keinerlei Freude an einem solchen Gig. Weder Lichttechnik noch Outfit der Band ließ irgendeinen Bezug zum Songmaterial erkennen und Zingultus‘ Aufforderung, auch nach dem Konzert an Ort und Stelle zu bleiben (The Devil’s Blood) und nicht zu „den schwulen Schweden“ (Entombed) zu gehen, zeugte von schlechtem Stil. Ganz offensichtlich waren die Kieler nicht glücklich damit, auf die kleine Bühne geschickt worden zu sein. Doch nicht einmal dieser Raum war ernsthaft voll, so dass ENDSTILLE letzten Endes als ein großer Verlierer des Rocktower Festivals gelten müssen.

Nun war es an der Zeit, die letzten Auftritte in der MuK zu beschauen, wo erst einmal mit ENTOMBED eine weitere Rarität anstand. Wenngleich ich auch in diesem Fall alles andere als ein ausgewiesener Experte für die Gruppe bin, zogen wir auf den Oberrang um von dort aus – gemütlich in Stühlen – dem Konzert zu folgen. Es waren nicht wenig Menschen, die nach 20 Minuten Verzögerung sich des groovigen Schweden-Death Metals erfreuten, und über eine runde Stunde konnten die Mannen um LG Petrov die Lübecker verzücken. Über das Songmaterial weiß ich herzlich wenig zu berichten, einzig den Klassiker „Left Hand Path“ konnte ich zum Schluss des Sets sicher ausmachen. Von großer Show war trotz der großen Bühne nichts zu sehen, aber das dürfte auch kaum jemand bei einer Band dieses Kalibers erwartet haben. Negativ fiel allerdings (wie auch in manch anderen Fällen des gesamten Festivals) die ziemlich indifferente Lichttechnik auf. Zumindest will mir beim besten Willen keinen Zusammenhang zwischen der Musik von ENTOMBED und violettem Geblitze einfallen. Letzten Endes aber schien das Publikum mit den Schweden hochzufrieden.

Ebenfalls mit neuem Sänger (und neuem Schlagzeuger) im Gepäck waren nun EQUILIBRIUM an der Reihe. Die gespannte Erwartung auf die neue Besetzung war nicht gering, denn es handelte sich um einen der ersten Auftritte in dieser Form. Durch die Entombed’sche Verzögerung begannen auch diese ebenfalls etwa 20 Minuten später und hatten in der Anfangsphase auch noch mit massiven Tonproblemen zu kämpfen: Sänger Robse war zunächst, etwa die Hälfte des ersten Songs, gar nicht hörbar. So blieb genug Zeit, sich den Herren mal genauer anzusehen – doch die sympathischste Erscheinung bot der „hauptberufliche“ Vrankenvorde-Fronter auch keineswegs. Mit eitlem und niveaulosem Proll-Gehabe im Autotuner-Muskelshirt füllte er so ziemlich genau die Lücke aus, die der Weggang seines Vorgängers Helge gerissen hatte. Aber wie es bei EQUILIBRIUM mittlerweile nun mal so ist, so war ich einer der wenigen Zuschauer, der sich an Auftritten der Band ernstlich störte. Letzten Endes boten die Bajuwaren auch eine immerhin solide Vorstellung mit einem guten Querschnitt aus dem Schaffen der beiden Alben, und ab und an wurde man bei den Liedern des Erstlings zumindest etwas „nostalgisch“. Armselig bleibt aber weiterhin, dass grundsätzlich ohne Keyboarder gearbeitet wird und der sehr hohe Synthie-Anteil komplett vom Band abläuft. Dass keiner der allesfressenden Fans diesen Arschtritt in Richtung ernsthafter Musiker versteht, spricht Bände für die Nachwuchsgeneration im Pagan Metal.

Tracklist Equilibrium:
Prolog auf Erden
Snüffel
Blut im Auge
Sturm
Unter der Eiche
Wurzelbert
Wingthors Hammer
Met
Ruf in den Wind
Unbesiegt
Nordheim

Nach dem Abklatsch folgte nun schließlich das „Original“. Mit dem frischen Album „Nifelvind“ im Gepäck sollten FINNTROLL also den Abend beschließen, auch wenn die nach wie vor 20-minütige Verschiebung der Running Order nicht aufgeholt worden war. Wie zu erwarten ging es mit dem neuen Intro „Blutmarsch“ los, worauf allerdings zu einiger Überraschung die alte Nummer „Jaktens Tid“ folgte. Sofort verwandelte sich der Saal in ein kochendes Gemenge, ganz offensichtlich wollten die Lübecker zur späten Stunde – es war schon nach Mitternacht – noch einmal alles geben. Die Show, die die Finnen spielten, war knapp gesagt souverän. Ohne besondere Vorkommnise, mit Vreth’s üblichem Propellerbanging, gelegentlichen typischen Ansagen („We’ll take you to the black mountain – this is Svartberg!“) und einem kleinen Singalong-Spiel (bei Nedgång) wälzten sich die Trolle durch ein buntes Set mit nur leichtem Schwerpunkt auf der aktuellen Platte. Besondere Höhepunkte ließen sich allenfalls mit dem Mitgröhl-Klassiker „Trollhammaren“ und dem vom Publikum massiv geforderten „Solsagan“ ausmachen, aber auch die düsteren Lieder vom vorigen Album zogen gut. Hervorzuheben ist, dass FINNTROLL auf die verstärkten Bombast-Elemente der jüngeren Songs auf der Bühne verzichteten, was der „Authentizität“ des Materials sehr zu Gute kam. Im Großen und Ganzen fand der Festivaltag mit diesem letzten Auftritt einen sehr würdigen Ausklang, so dass gegen halb 2 ein jeder zufrieden nach Hause gehen konnte.

Tracklist Finntroll:
Blutmarsch
Jaktens Tid
Dråp
Skogens Hämnd
Slaget vid Blodsälv
Den Frusna Munnen
Ett Norskensdåd
Nedgång
Trollhammaren
Under Bergets Rot
Svartberg
Ur Djupet
Korpens Saga
Mot Skuggarnas Värld
Solsagan
Segersång

Das ROCKTOWER FESTIVAL 2010 war ein Ereignis der Gegensätze. Zuvor wuchsen in mir einige Zweifel, ob die eigenartige Mischung aus Old School-, Pagan- und etwas Extreme Metal bei einem Ticketpreis von rund 45 € an einem einzigen Tag so viele Besucher ziehen dürfte. Tatsächlich aber schien mir das Fest erstaunlich gut besucht, auch wenn ganz offensichtlich wenige Fans sich gleichermaßen allen Stilen verbunden fühlten. Als beispielsweise nach dem Opener Nastrandir die Klassik-Kapelle RAM anstand, wechselte das Publikum einmal nahezu komplett, ähnliches ließ sich zwischen Blitzkrieg und Kalmah beobachten. Die Gegensätze wurden auch ganz massiv an beiden Spielorten deutlich, Treibsand und MuK unterschieden sich – nicht zuletzt in der Toilettensituation – aufs Äußerste hinsichtlich Größe und stilistischer Ausrichtung.
Die Rahmenbedingungen des RTF dürften wenig Wünsche offengelassen haben. Selten habe ich so freundliches Sicherheitspersonal bei einem Metalfestival erlebt, die Getränkepreise waren im normalen Bereich, die Angebote an Platten und Merchandise überstiegen ebenfalls meine Erwartungen und die Gesamtorganisation lief abgesehen von der leichten Spielzeitverschiebung sehr reibungslos. Einzig die Lichteffekte wirkten oft deplaziert.
Fakt ist allerdings, dass ein derartig hoher Eintrittspreis, der uns glücklicherweise erspart blieb, einige meiner Bekannten abgeschreckt hatte. Gewiss zahlt man die Hallenmiete einer Musik- und Kongresshalle nicht eben aus der Portokasse, aber so manches mehrtätige Festival besucht man schon für zwei Drittel des Geldes.

Fotos: Laura-Ronja Stüben

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.